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Auf der Flucht – Willkommen in Europa!

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Wien, Österreich am 1. September 2015 – Ein Transparent wird von einer Gruppe gehalten, die Flüchtlinge willkommen heißt, die aus Syrien und Afghanistan am Bahnhof von Wien eintreffen. Foto von Martin Juen. Copyright Demotix

Anfang September machen die Deutschen und Österreicherinnen und Österreicher Schlagzeilen, als sie die Flüchtlinge empfangen, die auf ihrer Reise durch Ungarn in Wien und München eintreffen. Die Welle der Unterstützung durch Wasser, Lebensmittel und Hygieneartikel war überwältigend und einige Gleise mussten gesperrt werden. Schließlich baten die Behörden sogar darum, weitere Spenden zu unterlassen. Lena Nitsche berichtet über die spontane und überwältigende Aktion #trainofhope.

Initiativen zur Hilfe von Flüchtlingen gibt es in Deutschland zahlreich. Oft wissen Bürgerinnen und Bürger aber gar nicht, wo sie welche Sachspenden hinbringen können oder wie sie sich als Lehrerinnen und Lehrer, als Anbieter und Anbieterinnen von Handarbeitskursen, in der Kinderbetreuung und bei der Freizeitgestaltung einbringen können und welche Bedingungen dann gelten und an wen sie sich wenden müssen.

Aus genau diesem Grund hat die Journalistin Birte Vogel das Informationsportal “Wie kann ich helfen” ins Leben gerufen. Seit Oktober hat sie circa 400 Projekte nachrecherchiert, vorgestellt und kategorisiert. An der Flüchtlingsarbeit interessierte Menschen können auf ihrer Seite Projekte kennenlernen und dank der detaillierten Beschreibung der Initiativen und ihrer Rahmenbedingungen auch ihre Ideen für eigene Initiativen konkretisieren. Projekte, die hier bislang nicht erfasst wurden, können Birte Vogel durch eine Email mit einer Kurzbeschreibung und Links zur eigenen Seite und möglicherweise bereits erfolgte Berichterstattung auf sich aufmerksam machen, um ebenfalls auf dem Informationsportal aufgeführt zu werden.

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Bei der Vorbereitung einer Theateraufführung mit jungen Flüchtlingen in München. Bild von der Facebookseite des Projekts “Willkommen in München” vom Kreisjugendring München-Stadt, hochgeladen am 7. August 2015, Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Global Voices auf Deutsch hat exemplarisch ebenfalls von einigen Initiativen berichtet. Katrin Zinoun beschreibt das Projekt Heimkino, das Flüchtlingen dabei hilft, Deutsch zu lernen. Denn Deutschkurse sind in den Erstaufnahmeeinrichtungen nicht vorgesehen. Anne Hemeda stellt die Initiative Wings University vor, die keinen geringeren Plan hat, als eine Hochschule zu gründen, die es Flüchtlingen ermöglicht, ihr Studium über Fernlernkurse auf Englisch fortzusetzen oder ein Studium aufzunehmen. Und Lena Nitsche berichtet von Workeer, der ersten Arbeitsplatzbörse Deutschlands, die sich speziell an Geflüchtete richtet. Sie soll für Flüchtlinge und Arbeitnehmer den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt und zu geeigneten Arbeitskräften zu erleichtern und zu einem verbesserten Gesellschaftsklima in Deutschland beitragen.

Während es eine große Freude ist zu sehen, wie Bürgerinnen und Bürger Hilfe schnell, zuverlässig und gezielt organisieren, kritisieren langfristig engagierte und schon seit einiger Zeit im Bereich der Flüchtlingshilfe aktive Menschen und Organisationen, dass der gelebten Willkommenskultur ein Rahmen fehlt, der durch die Politik vorgegeben werden muss. Spontan sich selbst koordinierende Initiativen für Flüchtlinge erfüllen oft Dienstleistungen, bei denen Städte, Länder und Bund versagen und werden von der Politik alleingelassen, berichtet Anne Hemeda.

Die Fluchtschiffe auf dem Rhein-Herne-Kanal in Essen. Foto von Anne Hemeda am 13. August 2014. Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Die Aktion “Fluchtschiffe” macht im Sommer 2014 auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam. Hier legen die Flöße am 13. August auf dem Rhein-Herne-Kanal in Essen an. Foto von Anne Hemeda. Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Flucht über das Mittelmeer

Auch im Hinblick auf die Bedingungen, unter denen die Flucht der ankommenden Flüchtlinge stattgefunden hat, geschieht von Seiten der Politik zu wenig. Am 18. April 2015 sterben mehr als 800 Flüchtlinge vor der Küste Libyens, als ihr Boot kentert. Sie hatten versucht, zu einem Frachtschiff zu gelangen, das den Flüchtlingen helfen wollte. Immer wieder verunglücken Menschen auf der Flucht nach Europa.

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Die italienische Küstenwache rettet zwei der 156 Überlebenden der Tragödie vom 3. Oktober 2014 vor der Insel Lampedusa. Quelle: UNHCR unter CC BY-NC 2.0

Lena Nitsche berichtet in ihrem Artikel “Private Initiativen übernehmen Ruder bei der Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen” von der Aktion Sea Watch. Mit privaten Spenden stechen Freiwillige in See, um mit ihrem eigenen Schiff das Seegebiet zwischen Malta und der libyschen Küste zu überwachen und in Not geratenen Booten Ersthilfe leisten.

Der Eritreer Habtey erzählt uns von seiner Flucht über das Mittelmeer. Er verließ sein Heimatland, um dem Zwangsmilitärdienst zu entgehen. Nach wochenlanger Reise über Land steigt er in Libyen auf ein Boot, das ihn nach Lampedusa bringt.

Auf die Frage, ob er diese Reise wieder machen würde, antwortet er mit einer langen Pause: “Wenn ich jetzt auf meine Erlebnisse zurückblicke: Nein, ich würde es nicht noch einmal machen.”

Der Syrer Thair Orfahli berichtet von seiner Flucht durch mehrere Länder und erzählt, warum er auch im Libanon nicht bleiben konnte.

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Kos, Griechenland. 15. August 2015 – Syrische Flüchtlinge erreichen in einem überfüllten Schlauchboot die Küste der griechischen Insel Kos. Foto von Wassilis Aswestopoulos. Copyright Demotix

Mit weißen Bändern, die in der Würzburger Innenstadt an Brücken, Ampeln und Laternen befestigt sind, macht die asylpolitische Gruppe “Mehr als 16a” auf die Menschen aufmerksam, die auf der Flucht im Mittelmeer und an der EU-Außengrenze ums Leben kommen.

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Liste von über 17.000 Menschen, die bei dem Versuch ertranken, das Mittelmeer zu überqueren. Foto Suzanne Lehn

Suzanne Lehn, Redakteurin bei Global Voices auf Französisch, berichtet im April 2015 von einer Aktion in der Innenstadt von Straßburg, mit der eine neue Migrationspolitik der EU gefordert wurde.

Initiativen an den Fluchtorten

Flüchtlinge, die es nach Europa geschafft haben, stehen oft bald vor weiteren Problemen. Aufgrund der Verordnung Dublin III können Menschen, die es auf ihrer Flucht bis nach Deutschland geschafft haben, wieder abgeschoben werden in das europäische Land, in dem sie das erste Mal registriert wurden. Für syrische Flüchtlinge in Deutschland gilt das zurzeit allerdings nicht mehr. Auf ihrem Blog “Wir treten ein!” dokumentiert die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl Aktionen, die diese Abschiebungen verhindern wollen.

Einsatz digitaler Technologien und des Internets

Das Projekt Heimkino arbeitet mit Videos. Auch andere Initiativen und Organisationen greifen auf Online- und soziale Medien zurück, um Arbeit mit und für Flüchtlinge zu gestalten. Wir berichteten zum Beispiel über das Projekt Surprising Europe, in dem Immigranten selbst ihre Geschichten über eine Webseite erzählen.

Flüchtlinge in Uganda nutzen Handys mitsamt ihrer SMS-Funktion, um mit Familienangehörigen und Freunden zu kommunizieren. Foto von MobileActive.

Flüchtlinge in Uganda nutzen Handys mitsamt ihrer SMS-Funktion, um mit Familienangehörigen und Freunden zu kommunizieren. Foto von MobileActive.

Übersetzerinnen und Übersetzer von Global Voices arbeiten außerdem seit 2013 mit der Organisation Refugees United zusammen. Diese Organisation versucht mithilfe von Internet und Mobiltelefonen, Familien, die auf der Flucht getrennt wurden, wieder zusammenzuführen. In diesem System können die Nutzerinnen und Nutzer selber entscheiden, welche Informationen sie hochladen, und somit ihre Anonymität wahren. Über Refugees United haben sich schon viele Familien und Freundinnen und Freunde wiedergefunden.

Über das Potential von Mobiltelefone, Flüchtlingen nicht nur den Kontakt zu ihren Angehörigen zu ermöglichen sondern diese auch zu finden, hatten wir zuvor bereits am Beispiel der Initiative MobileActive berichtet.

Von Initiativen aus aller Welt lernen

Es würde uns freuen, wenn wir von Initiativen auf der ganzen Welt lernen. Wir können in Europa beispielsweise lernen von der Frauengruppe Las Patronas aus Mexiko, die Proviantpakete an Migranten verteilen, die mit dem Frachtzug auf dem Weg in die USA sind.