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Briefe aus Syrien

Marcell Shehwaro, by Mohamed ElGohary

Marcell Shehwaro. Bild von Mohamed ElGohary via Flickr, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0.

In dieser berührenden und aufrüttelnden Serie aus Syrien schreibt die syrische Bloggerin und Aktivistin Marcell Shehwaro von ihrem Leben in Aleppo, im Herzen des bewaffneten Konflikts zwischen den Streitkräften der Regierung und der Kräfte, die versuchen, die Regierung zu stürzen. Als Marcell fliehen muss, schreibt sie auf der Flucht aus Syrien und schließlich aus dem Exil.

Diese Serie erscheint im Original auf Arabisch und ist von Amira Al Hussaini und Lara AlMalakeh aus dem Arabischen ins Englische und von Pia Staigmueller, Silke Felten und Anne Hemeda aus dem Englischen und Arabischen ins Deutsche übersetzt. Marcell Shehwaro bloggt unter marcellita.com und twittert unter @Marcellita, beides hauptsächlich auf Arabisch.

Marcell bei Global Voices

Wer bin ich? Besonders heute, nach drei Jahren Revolution, weiss ich nicht mehr genau, wie ähnlich ich eigentlich dem Mädchen noch bin, das ich vorher war. Euch zu schreiben ist für mich eine echte Chance, mich selbst wieder kennenzulernen oder zumindest mich daran zu erinnern, wie ich dieses Geschöpf sehe, mit dem ich lebe und das ich ist.

Ich stelle fest, dass wir dieses Jahr sehr spät dran ist, über den dritten Jahrestag der syrischen Revolution zu sprechen. So als könne das Verzögern des Sprechens über die depremierende Realität hinwegtäuschen.

Es ist anzunehmen, dass dieser Beitrag von dem Alltag und den Erinnerungen eines normalen Mädchens gehandelt hätte, das nur ein wenig anders ist. Nennen wir sie eine Aktivistin, denn einigen scheint diese Bezeichnung attraktiver zu sein.

Für jemanden, der seine Mutter durch ein tödliches Geschoss verloren hat, ist es nicht gänzlich therapeutisch, über Mütter und den Muttertag zu schreiben. Selbst wenn wir uns einig sind, dass im Schreiben magische Kräfte liegen, so gibt es doch Schmerzen, die chronisch sind.

Wenn das Recht auf Leben “zur Diskussion steht”, wie es in Syrien der Fall ist, klagt keiner mehr über das, was darüber hinausgeht. Und das betrifft auch alles im Leben, von dem man sich nicht vorstellen konnte, ohne es zu leben, einschließlich der Luxusgüter und Kleinigkeiten, auf die man verzichten kann.

Sie haben mir direkt vom ersten Tag an erzählt, dass ihr Mann im Gefängnis ist und dass die Lieder, die ich zu singen pflege, Traurigkeit bei ihr auslösen könnten. Es hat mich nicht sonderlich berührt. Wir haben uns daran gewöhnt, von den Familien der Gefangenen zu hören, als sei es normal, im Syrien Assads inhaftiert zu sein.

Ich schreibe diesen Beitrag und haue in regelmäßigen Abständen auf die F5-Taste meines Computers, um die Facebookseite mit aktuellen Nachrichten über Aleppo immer wieder neu zu laden, um zu erfahren, wie sich die Kämpfe an der Front entwickeln.

Unter der Last meines Glaubens, dass Vergebung Stärke ist und dass Christus, an den ich glaube, uns dazu aufruft, denen zu vergeben, die uns unrecht getan haben, wurde mein Glaube darin geprüft, den Menschen am Checkpoint zu vergeben, meinen Feinden, denen , die meine Mutter getötet hatten. Und ich bestand nicht. Ich durchlebte eine Zeit, in der ich besessen war von den Mördern meiner Mutter.

Wenn ich ein Diktator wäre oder vorhätte, einer zu werden, dann würde ich euch alle als meine Feinde betrachten, einzig und allein aus dem Grund, weil ihr Lesen und Schreiben könnt, oder allein schon weil ihr denken könnt.

Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen bei der Beerdigung anwesend waren, doch an jenem Tag spürte ich, wie das rebellische Aleppo sich über mich beugte, mir die Stirn küsste und mir Träne für Träne wegwischte. An jenem Tag erfuhr ich, dass eine Gruppe von Revolutionären zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kirche betrat, nur um mir beizustehen und mir ihr Beileid zu bekunden. […] Ich verstand nun, warum sie immer sagten, die Revolution „verbindet uns Syrer”.

Mein gesamtes vergangenes Leben ist in Kisten gestapelt, bescheidene Kisten, die ihre bedeutenden Inhalte nicht offenbaren. Und, genau wie wir, warten die Kisten auf die Chance auf Erlösung oder darauf, von einer feindlichen Rakete niedergebrannt zu werden oder durch den Beschuss aus den eigenen Reihen – eigentlich spielt es keine Rolle. Oder sie werden vielleicht vergewaltigt wie alles in diesem Land, gestohlen von einem Verrückten, der hinter seiner Waffe kauert.

Es ist ein ganz normaler Tag. Ich habe für mich entschieden, meinen Geburtstag ganz unspektakulär zu verbringen. Vielleicht habe ich mich schon an das Leben im Exil gewöhnt. Am Morgen muss ich zu einer Konferenz über die Rolle der Zivilgesellschaft. Am Nachmittag habe ich einen Termin bei meinem Therapeuten. Und am Abend treffe ich mich mit Freunden und wir führen politische Diskussionen über die türkische Währung, die neutrale Zone und die Proteste in den Küstenregionen.

Überhaupt nichts persönliches.
Keine Wünsche.
Keine Kerzen.

Stell dir vor, du glaubst an gar nichts mehr. Weder an das Gute noch an das Schlechte im Menschen. Weder an das Universum, noch an seine Gerechtigkeit. Freiheit ist ein Recht, über das du dich jeden Tag wunderst, ob es all das vergossene Blut wirklich wert ist. Ist die Welt wirklich zivil geworden? Können wir wirklich einen Wandel bewirken? Ist die Demokratie, von der wir träumen, vielleicht doch nicht so wichtig wie wir anfangs dachten?

Marcell Shehwaro at the funeral of her mother, who was killed at a Syrian regime forces' checkpoint in June 2012. Fellow activists paid tribute by carrying red roses.

Marcell Shehwaro bei der Beerdigung ihrer Mutter, die im Juni 2012 vom Militär der syrischen Regierung umgebracht wurde als sie einen Checkpoint passierte. Aktivisten trugen auf ihrer Beisetzung rote Rosen. Die Nutzung des Fotos ist durch Marcell freigegeben.