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Das Projekt #heimkino begrüßt Flüchtlinge und vermittelt erste Deutschkenntnisse

screenshot #heimkino groß

Ausschnitt aus dem Video “German for Refugees”.

In Deutschland werden die Flüchtlinge zunächst in sogenannten Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht. In dieser Durchgangsstation verbringen sie nur eine kurze Zeit, bis entschieden wird, wo sie dauerhaft wohnen werden und wo dann auch über ihren Asylantrag entschieden wird. Deutschkurse sind in den Erstaufnahmeeinrichtungen nicht vorgesehen. Erst wenn den Geflüchteten von den deutschen Behörden ein Bleiberecht zugestanden wird, können sie einen Deutschkurs besuchen.

#heimkino ist eine Initiative von Julia Dombrowski und Markus Möller aus Siegen, für die ein Deutschkurs in diesem Heim vor allem eine Beschäftigung im sonst tristen Alltag und ein Willkommenssignal ist. Ihr Engagement wurde auch in dem neuen Blog “Wie kann ich helfen?” erwähnt, welches Projekte zur Untersützung von Geflüchteten vorstellt.

Julia, Texterin und Bloggerin, berichtet in ihrem Blog ausführlich über ihre Erlebnisse im Heim. Beim ersten Deutschkurs, den aufgrund geringer Bekanntheit des Angebots noch wenige Teilnehmer besuchten, wurde sie von ihren Gefühlen übermannt. Sie schreibt:

Ich brauche mehr Distanz. An diesem ersten Tag haben mich so viele Eindrücke bewegt, dass ich mich zeitweise geradezu gelähmt gefühlt habe. Das ist nicht produktiv und führt zu einer wehleidigen Abwärtsspirale. Da war zum Beispiel dieser Moment, in dem mir klar wurde: Wenn diese zauberhaften Kinder, die man so leicht ins Herz schließen kann, nicht hier wären – dann wären sie jetzt in Syrien. In Syrien, wo Bomben fallen und Fanatiker unbeteiligte Menschen abschlachten. Das war ein Augenblick, in dem ich fast aus der Rolle gefallen wäre. Und das hilft niemandem. Rührseligkeit hilft einfach nicht.

In der zweiten Woche war der kleine Raum mit über 100 Menschen gefüllt. Ein Sprachkurs war so nicht möglich. Julia Dombrowski und Markus Möller, der sie beim Kurs begleitete und sie danach weiterhin dabei unterstützte, mussten eine Lösung finden, bei der möglichst viele Menschen ein wenig Deutsch lernen können. Sie entschieden sich für “Edutainment”.

Hatten sich den August über nicht jede Menge Menschen für die gute Sache weltweit freiwillig Eiswasser über den Kopf geschüttet (#IceBucketChallenge) und sich dabei gefilmt, weil neben der Spendenaktion für ALS eine Videoaktion mit kleinen Mitteln auch einfach Spaß macht? Könnten wir das nicht irgendwie für uns nutzen? Nutzen, dass wir viele hilfsbereite Menschen kennen, die uns Videoschnipsel schicken könnten (ganz simpel gemacht, mit der Smartphone-Kamera oder der Webcam) und wesentliche Phrasen für uns einsprechen: “Guten Tag”, “Ich heiße …”, “Bitte”, “Danke” die Zahlen von 1 bis 10 und eine Verabschiedung?

Julia und Markus riefen über soziale Netzwerke zur Einsendung von kurzen Handyvideos auf. Viele Menschen wollten bei der Umsetzung dieser Idee helfen und so konnte mithilfe vieler Amateurfilme das erste #heimkino-Video entstehen:

Die Videos werden während des Deutschkurses gezeigt und die Deutschschüler sprechen die Worte und Wendungen im Chor nach. So können sie erste Lernerfolge erzielen. Aber nicht nur die Flüchtlinge lernen, auch die Lehrer machen völlig neue Erfahrungen. Markus lernte einen der Flüchtlinge, der ihm von seiner Flucht aus Syrien berichtet, näher kennen und schreibt seine Gedanken zu dieser Begegnung in Julias Blog nieder:

Ich verstehe, als ich Bilder von Panzern sehe, die durch die Straßen rollen, dass ich nicht verstehen kann.

Ich fange an zu überlegen, ob ich 9.000 Euro für eine Flucht zusammenbekommen könnte. Bekomme ich 36.000 Euro für die komplette Familie zusammen? Und sind 9.000 Euro für syrische Verhältnisse nicht viel mehr als für uns?

Wie viel Kohle könnte ich für mein Überleben zusammenkratzen. Zwanzigtausend? Fünfzigtausend? Hunderttausend? Und wie schaffe ich es, dies so geheim zu tun, damit niemand erfährt, dass ich desertieren möchte? Das Auto könnte ich verkaufen. Es würde aber nicht viel bringen. Das Haus vielleicht. Das bräuchte ich ja nicht mehr. Wie viel bekommt man wohl für ein Haus in einem Kriegsgebiet? Wie viel, wenn es zerbombt ist?

Ich merke, dass meine Vorstellungskraft für solche Überlegungen nicht ausreicht.

Julia und Markus haben die Videos auf Youtube hochgeladen, damit andere sie verwenden können. Sie möchten damit auch zeigen, dass man mit wenig Aufwand etwas tun kann, um die Flüchtlinge zu unterstützen und sie in Deutschland willkommen zu heißen.

Hier das zweite #heimkino Video:

Kaddour aus Syrien musste das Heim bald verlassen und bedankte sich. Auch ein kleiner Arabischkurs für die deutschen Lehrer durfte nicht fehlen:

Die Flüchtlinge fragen nach jedem Kurs nach Wörterbüchern, damit sie selbständig weiterlernen können. Deshalb ruft Julia in ihrem Blog und soziale Netzwerke zum Spenden von Wörterbüchern auf und bittet gleich um eine nette Willkommensgeste. Sie schlägt vor, den Flüchtlingen einen Gruß ins Buch zu legen.

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