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Ehrenamtliche Initiativen übernehmen Flüchtlingshilfe in Deutschland

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Freiwillige verteilen Lebensmittel und Getränke an Flüchtlingen, die vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (#LaGeSo) warten. Foto von Tim Lüddemann am 13. August 2015 auf Flickr. Nicht-kommerzielle Nutzung mit Namensnennung frei gestattet.

Krieg, Krisen und Armut im Nahen und Mittleren Osten, Südosteuropa und Afrika haben die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigen lassen und viele Städte und Gemeinden erweisen sich als völlig unvorbereitet. Um den Menschen zu helfen, die vor allem aus Syrien, Albanien, Afghanistan und dem Irak kommen, entstehen über ganz Deutschland viele spontan gebildete und selbstorganisierte Initiativen engagierter Freiwilliger.

Der Großteil der Projekte versorgt Flüchtlinge mit Kleider- und Sachspenden, organisiert Dolmetscher und Begleitungen zu Behörden und Arztpraxen, richtet Sprachunterricht ein, kümmert sich um die Versorgung mit freiem WLAN, um Kinderbetreuung und um Freizeitangebote.

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Spieler beim Fußballtunier für Mannschaften mit und ohne Flüchtlinge des Brot und Spiele e.V. Foto von Andi Weiland am 25. Juli 2015 auf Flick. Veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-NC 2.0

Carla Scheytt engagiert sich für die Kinder der offenen Spielgruppe des Netzwerks Wohlfahrtstraße in Bochum und berichtet Global Voices, dass sich die Freiwilligen unkompliziert und direkt über eine geschlossene Facebookgruppe und Doodle-Abfragen verständigten. Über Facebook könnte gezielt zu Spenden aufgerufen werden.

Viele der Initiativen in diesem Bereich bevorzugen soziale Medien oder Emailverteiler, um ihre Arbeit zu koordinieren. Dabei bleiben sie dennoch für Außenstehende oft unsichtbar, denn für die eigene Selbstdarstellung und die Pflege einer Webseite fehle oft die Zeit und das Personal, erzählt die Journalistin Birte Vogel Global Voices in einem Gespräch:

Ziel dieser Initiativen ist es, loszugehen und zu helfen, Nägel mit Köpfen zu machen, nicht einfach rumzureden, sondern wirklich den Kontakt zu suchen und tätig zu werden. […] Die reden nicht so viel über das, was sie machen, sondern sie machen es einfach.

Um interessierten Freiwilligen einen Kontakt zu Organisationen zu ermöglichen und um Anregungen für weitere Initiativen zu schaffen, hat Birte Vogel mit ihrem Blog “Wie kann ich helfen?” ein Informationsportal eingerichtet, auf dem sie jedes der ihr vorgeschlagenen Projekte ausführlich recherchiert, dokumentiert und kategorisiert.

Denn an einem Ehrenamt interessierte Freiwillige stoßen oft auf Schwierigkeiten bei ihrer Recherche nach einer geeigneten Initiative im Bereich der Flüchtlingshilfe. Welche Initiativen es gibt, wer die Kontaktpersonen sind, wo man mit seinen Fähigkeiten gebraucht wird oder welche Projekte Sachspenden annehmen, können selbst nicht alle Koordinierungsstellen beantworten, wenn es überhaupt welche gibt.

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Ein Regal mit Babykleidung im Warenhaus der Initiative “Willkommen in Essen“. Foto von Anne Hemeda am 3. September 2015.

Die Hilfsprojekte bewegen sich oft auf einem schmalen Grad zwischen einer Graswurzelbewegung, an der sich relativ unverbindlich und spontan eine möglichst große Anzahl Freiwilliger beteiligen, um auf einen akuten Notstand zu reagieren und der Notwendigkeit, Strukturen zu schaffen, nicht zuletzt um den Schutz und die Partizipation der Flüchtlinge bei der Planung der Maßnahmen sicherzustellen. Eine Verstetigung der Hilfsprojekte muss aber nicht immer wünschenswert sein.

Eine Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) geht davon aus, dass 2014 knapp 40 Prozent der gesamten Flüchtlingsarbeit jenseits bestehender Strukturen für Flüchtlinge ehrenamtlich angeboten wurde. Dabei übernähmen die Ehrenamtlichen aber insbesondere Aufgaben, die häufig eine ganz fundamentale Bedeutung hätten, wie die Versorgung mit Unterkunft, Mobilität und Kleidung:

Vielmehr sind Ehrenamtliche aber durch Tätigkeiten eingebunden, die durch strukturelle Mängel entstehen. Der größte Anteil ehrenamtlicher Arbeit wird investiert, wo Behörden versagen, angemessene Kommunikation und Umgang mit Asylbewerbern und Flüchtlingen zu ermöglichen.

Wenn in Städten hektisch Zeltstätten errichtet und die Versorgung in den Notunterkünften organisiert werden, arbeiten Freiwillige oft im Team mit zuständigen Behörden und sozialen Dienstleistern. In einer Notunterkunft in Leipzig arbeiteten Anfang August die Mitarbeiter der Johanniter rund um die Uhr ehrenamtlich und warben für die medizinische Betreuung und Transportdienste um weitere Freiwillige aus der Bevölkerung. Zur gleichen Zeit konnte vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales ohne das Engagement von Ehrenamtlichen die Versorgung von Flüchtlingen nicht sichergestellt werden.

“Ehrenamtliches Engagement ist wichtig, darf aber nicht die professionelle Sozialarbeit ersetzen,” stellt die Amadeo Antonio Stiftung in ihren “10 Punkten für eine kommunale Willkommensoffensive” fest. Kommunen, Länder und Bund müssen Verantwortung übernehmen und personelle wie finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen, fordern daher Organisationen und ehrenamtlich Engagierte der Flüchtlingshilfe. Ohne eine entsprechende Politik, so die Menschenrechtsorganisation ProAsyl, fehle der Willkommenskultur in Deutschland der Rahmen.

Für die Ehrenamtlichen der Hilfsprojekte werden aber auch Ansprechpartner, eine professionelle Begleitung oder Supervision benötigt, da sie im Umgang mit Menschen, die bei ihrer Flucht oft traumatische Erfahrungen gemacht haben, emotional stark belastet sein können, so Birte Vogel. Dass die Betreuung traumatisierter Flüchtlinge widerum professionell erfolgen muss, versteht sich wohl von selbst.

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Bei der Vorbereitung einer Theateraufführung mit jungen Flüchtlingen in München. Bild von der Facebookseite des Projekts “Willkommen in München” vom Kreisjugendring München-Stadt, hochgeladen am 7. August 2015, Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Und den freiwillig Engagierten geht es über die Verbesserung der humanitären Situation der Flüchtlinge hinaus auch darum, die Gesellschaft zu gestalten und Vorurteile abzubauen, so die BIM-Studie. Damit treten die Ehrenamtlichen der zunehmenden rassistischen Hetze in Deutschland entgegen. Denn bereits im August 2015 hat sich die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte auf 335 Fälle gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Und in der Umfrage der Studie “Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014” für die Friedrich-Ebert-Stiftung stimmt fast die Hälfte aller befragten Deutschen (44 Prozent) vorurteilsgeleiteten Auffassungen gegenüber asylsuchenden Menschen zu.

Zugleich engagieren sich in den letzten Jahren aber durchschnittlich 70 Prozent mehr Ehrenamtliche im Bereich der Flüchtlingsarbeit, so die Studie des BIM. Im ARD-DeutschlandTrend von September 2015 sagen 88 Prozent der befragten Deutschen, sie würden für Flüchtlinge spenden und 68 Prozent würden sich für Flüchtlinge ehrenamtlich engagieren. Birte Vogel, die in den letzten Monaten geschätzt 400 Projekte nachrecherchiert und kennengelernt hat, sagt begeistert, sie erlebe, dass die Menschen in diesen Initiativen mit unwahrscheinlich viel Kreativität, mit vielen Gedanken, sehr viel Idealismus und sehr viel Menschenliebe vorgehen würden.

Damit leisten die Initiativen einen wichtigen Beitrag zu einer sozialen und friedlichen Gesellschaft. Aufgabe der deutschen Politik ist es, die Rahmenbedingungen für diese Willkommenskultur zu schaffen.

Hinweis: Die Autorin unterstützt aktiv die Arbeit von Willkommen in Essen.

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