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Private Initiativen übernehmen Ruder bei der Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen

Die italienische Küstenwache rettet zwei der 156 Überlebenden der Tragödie vom 3.Oktober vor der Insel Lampedusa.

Die italienische Küstenwache rettet zwei der 156 Überlebenden der Tragödie vom 3.Oktober vor der Insel Lampedusa. Quelle: UNHCR unter CC BY-NC 2.0

Mehr als 800 Flüchtlinge starben bei der Katastrophe am 18. April vor der Küste Libyens. Laut einem Bericht der Organisation Amnesty International kenterte ihr Boot nachdem viele Menschen zu einer Seite drängten um zu einen Frachtschiff zu gelangen, welches den Flüchtlingen helfen wollte. Die Katastrophe ist leider nicht die einzige in den letzten Monaten. Die Europäische Grenzorganisation Frontex, die mit einem Mandat der Operation “Triton” die Küsten der EU-Außengrenzen überwacht, kann keine ausgedehnte Rettungsarbeit mehr leisten. Rettungen und Suchaktionen werden von den jeweiligen Küstenwachen oder von Frachtschiffen durchgeführt.

Die Abschottungspolitik der EU gerät immer mehr in die Kritik. Die Operation “Mare Nostrum”, die mehr als 130.000 Leben rettete, wurde Ende Oktober 2014 von der EU gestoppt; man hatte befürchtet, eine organisierte Seenotrettung würde den Flüchtlingsstrom ansteigen lassen. Zudem wurden die Kosten für die Operation zu hoch. Die Ziele der nachfolgenden Operation “Triton” sind  nunmehr nicht die Seenotrettung, sondern stattdessen die Sicherung der EU-Außengrenzen vor illegaler Einwanderung.

Gegen die Erwartungen konnte die Aufgabe von ‘Mare Nostrum’ den Drang nach Europa nicht stoppen. Leider starben im Jahr 2015 mehr als 1700 Flüchtlinge, 100 mal mehr als in der gleichen Periode in 2014. Viele Organisationen und die Zivilbevölkerung drängen nach einer Reaktion der EU-Institutionen und nach einem großangelegten und koordinierten Rettungsprogramm.

Liste der 17.306 #Migranten, die auf ihrem Weg nach #Europa im #Mittelmeer ertrunken sind. Im EU-Parlament müssen die Abgeordneten darauf laufen.

Um die Lücken der Politik zu füllen, sind in den vergangenen Jahren einige private Initiativen und Organisationen entstanden, die versuchen auf eigenen Wegen, die Situation im Mittelmeer zu entschärfen.

Politik untätig, Bürger handeln in Eigeninitiative

Harald Höppner gründete gemeinsam mit anderen Freiwilligen unter den Eindrücken der Katastrophe vor Lampedusa und der sich verschlechternden Situation im Mittelmeer die Initiative Sea Watch. Sea Watch wurde ursprünglich von mehrern Familien aus Brandenburg ins Leben gerufen und besteht zur Zeit aus einem Dutzend Freiwilliger aus dem gesamten Bundesgebiet. Das aus privaten Spenden finanzierte Projekt möchte mit einem eigenen Boot das Seegebiet zwichen Malta und der libyschen Küste überwachen, in Not geratenen Booten Ersthilfe leisten sowie der Öffentlichkeit von ihren Erfahrungen auf See berichten. Das Projekt ist zunächst auf drei Monate angesetzt.

Sie schreiben auf ihrer Website:

Wir fühlen uns verantwortlich und wollen dem Leiden und Sterben nicht weiter tatenlos zusehen.

Sie sprechen von einer “Willkommenskultur”, welche von Politikern gepredigt, aber nicht in Taten umgesetzt wird und von Politikern, die von “Kälte in den Herzen der Menschen” sprechen, aber gleichzeitig in Europa eine Politik der Abschottung durchsetzen. Ganz im Gegensatz zu der Motivation hinter Sea-watch:

Wir haben beschlossen, für die Humanisierung der Politik zu kämpfen. Gastfreundschaft soll wieder zu unserem Alltag gehören. Es muss dringend eine zivile Seenotrettung aufgebaut werden. Die EU ist nicht willens dazu. Deshalb ergreifen wir die Initiative.”

Die konkrete Umsetzung des Projektes soll Mitte Mai beginnen. Eine Crew mit 4-8 Personen soll für je 12 Tage das Seegebiet an der Küste nordwestlich von Libyen abfahren und beobachten. Bei der Sicht eines in Seenot geratenen Flüchtlingsbootes möchte die Organisation eine Erstversorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln anbieten, bei Bedarf medizinische Hilfe leisten sowie Rettungsinseln und Schwimmwesten bereitstellen und auch die jeweiligen Behörden informieren. Selber Flüchtlinge aufnehmen werden sie nicht. Damit halten sie sich an die Hinweise der Organisation ProAsyl.

Watch The Med – Mapping-Technologien für die Dokumentation von Vorfällen im Mittelmeer

Sea Watch arbeitet mit Watch The Med, einer anderen privaten Iniative, welche bereits im Jahr 2012 gegrüdet wurde, zusammen. Mittlerweile umfasst die Initiative ein großes Netzwerk aus Aktivisten, Forschern, Flüchtlingsorganisationen und Seefahrern, die mit Hilfe von Mapping-Technologien, die Unfälle mit Toten und Verletzten Flüchtlingen im Mittelmeerraum dokumentiert. Durch Daten von Mobiltelefonen, durch die Analyse von Wind und Strömungen und durch Augenzeugenberichte kann so die genaue Position der Boote und Unfälle dokumentiert werden, um zu einem späteren Zeitpunkt auch Verwantwortliche für Verletzung der Rechte auf See zu bestimmen.

Ziel der Organisation ist es, Verbrechen gegen Flüchtlinge auf See zu dokumentieren. Das Herzstück des Projekts ist die Mapping-Technologie, auf der übersichtlich zu sehen ist wann und wo ein Vorfall war und wie viele Flüchtlinge beroffen waren. Die Karte bildet aber auch ab, wie viele Flüchtlinge gerettet werden konnten. So kann ein Nutzer zum Beispiel genau nachvollzehen, dass Watch the Med am 11. April einen Anruf per Satellitentelefon von einem Flüchtlingsboot mit fast 1000 Passagieren Nahe der libyschen Küste bekam und diese Flüchtlinge durch die Weitergabe des Hilfegesuches an die zuständigen Behörden gerettet werden konnten. Sea-Watch unterhält ebenfalls ein Notfall-Telefon, welches dazu genutzt wird, um Notfälle an die zuständige Küstenwache weiterzuleiten.

In einem Interview mit dem schweizer Onlineportal 20Minuten berichtet Simon Sontowski, der für das Notfalltelefon von Watch the Med in Zürich ausgebildet wird, über seine Motivation sich an der Initiative zu beteiligen:

Weil ich etwas Konkretes tun kann. Watch the Med ist eine echte Hilfestellung für eine politische und menschliche Tragödie. Dass es schrecklich ist, dass so viele Menschen jedes Jahr sterben, darin ist man sich einig, aber die Worte «uns sind die Hände gebunden» oder «was will man da tun?» fallen zu oft in diesem Zusammenhang. Und das stimmt einfach nicht. Natürlich können wir nicht alle retten, das ist auch nicht unsere Aufgabe. Aber wir können helfen, dieses Drama etwas zu mindern, und wir wollen mit diesem Projekt auch darauf aufmerksam machen, dass dies eigentlich nicht unsere Aufgabe wäre – sondern die der EU.

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