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Wäre ich ein Diktator, dann würde ich dich als meinen Feind betrachten

Der folgende Artikel ist Teil einer außergewöhnlichen Artikelreihe der syrischen Bloggerin und Aktivistin Marcell Shehwaro, in der sie ihren Lebensalltag in Syrien inmitten des andauernden bewaffneten Konflikts zwischen Regierungsanhängern und Regierungsgegnern beschreibt.

Marcell Shehwaro adds her voice to Free #Douma4 - leading human rights activists and opposition figures kidnapped in Douma by Islamist militants

#Douma4 Poster anlässlich der Kampagne für die Befreiung führender Menschenrechtsaktivisten und Regimegegner, die von militanten Islamisten gekidnappt wurden. Auf dem Poster steht: “Wer einen Rebellen entführt, ist ein Verräter”.

Dieser Beitrag ist im Original auf Arabisch bereits am 8. Juli 2014 erschienen.

Damit ihr die ganze Situation besser versteht, werde ich euch zunächst mit ein paar wichtigen Details versorgen und euch mit in die Vergangenheit nehmen, und zwar an den Tag und den Ort, an dem die besagten Entführungen begannen.

Der entscheidende Tag:

7. Oktober 2013. In jener Nacht wurde mein Freund Abdulwahab Almulla, ein Rebell und Künstler, gekidnappt. Seine Entführung geschah zu jener Zeit, in der Entführungen alltäglich wurden und bevor wir Syrer überhaupt das erste Mal vom IS erfuhren. Dies war bereits die zehnte Entführung, von der wir gehört hatten. Mit dem Unterschied, dass wir es dieses Mal nicht mit unbekannten Kidnappern wie im Jahr davor zu tun hatten. Dieses Mal deuteten die Zeichen eindeutig auf den IS hin.

Innerhalb von drei Monaten hatte sich vieles verändert. Die Kameras der Medien verschwanden. Einige Männer ließen sich Bärte wachsen. Andere trugen plötzlich afghanische Gewänder. Die einen weigerten sich, über den IS zu diskutieren, während andere es mit ihrer Unterstützung für diese Gruppe übertrieben. Damit ihr euch besser in unsere Lage hineinversetzen könnt, müsst ihr euch vorstellen, alle Menschen um euch herum würden euch wie die Pest meiden, weil sie davon überzeugt sind, dass ihr als Rebell eher entführt werden könntet als andere und ihr deshalb immer auf der Flucht sein müsst; dass ihr von Haus zu Haus ziehen und schließlich bis in die Türkei auswandern müsst; dass ihr ständig überwacht werdet und sie sehr wahrscheinlich jeden einzelnen eurer Schritte ganz genau kennen.

Die Teilnehmer:

Eine Gruppe rebellischer Freunde, die die selben Erinnerungen vereint. Erinnerungen, die sie in traurigen Momenten vor dem Zusammenbruch bewahren. Freunde, die gelernt haben, ihrem Schmerz, den sie erlitten haben, mit Sarkasmus zu trotzen. Mit Sarkasmus gegenüber allem und jedem, auch gegenüber sich selbst.

Wir alle zerbrachen uns den Kopf darüber, wie wir uns selbst am besten schützen konnten. Wir alle hatten Angst und waren sehr bestürzt darüber, dass Abdulwahab Almulla entführt wurde. Wir verloren immer mehr die Hoffnung, ihn jemals wieder zu sehen: Seine Abwesenheit würde ihn genauso verschlingen wie auch Abu Maryam, Samar, Mohammed und andere verschluckt wurden.

Während dieser Zeit waren die Gefängnisse des IS genauso mysteriös wie das Bermuda Dreieck, umwoben von Spekulation, Ungewissheit und Verschwiegenheit.

Der Ort:

Ein Haus in der Nachbarschaft von Almashhad, in dem wir uns immer versammelten, wenn der Strom abgeschaltet wurde und uns die Zeit mit Unterhaltungen und Diskussionen vertrieben. Die Frage, die uns allen auf den Lippen lag: Wer ist der nächste nach Abdulwahab? Wer wird als nächstes entführt und verschwinden?

Diese spontane Frage wurde zu einem sehr schmerzlichen Spiel, das man in der Tat als krank bezeichnen kann. Wir erwarteten quasi regelrecht, dass die nächste entführte Person einer unserer rebellischen Freunde sein würde. Wir ermahnten uns, objektiv zu bleiben und stellten uns gegenseitig folgende Frage: Wenn du ein Diktator wärst oder vorhättest, einer zu werden, wen würdest du entführen?

Wir gingen alle in Frage kommenden Namen durch. Bei diesem Freund ist es wahrscheinlicher, dass er entführt wird, weil er Moral besitzt und im Falle von Ungerechtigkeit nicht schweigen würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Freund verschwinden wird, ist größer, weil er eine reine Weste hat und von anderen Rebellen unterstützt wird, die auf seine Worte bauen.  Außerdem ist er bewaffnet und stellt daher eine Bedrohung für den IS dar. Auch ich stand auf der Liste, da mir die Themen, über die ich als Bloggerin berichtete, enorme Schwierigkeiten bereiten konnten. Und so kam es, dass wir uns Listen erstellten, zumindest in unseren Köpfen, wer gekidnappt werden würde, wenn wir die Revolution in Aleppo beschlagnahmten.

Hätten wir dieses schmerzliche Spiel auf ganz Syrien ausgedehnt, hätte die syrische Menschenrechtsanwältin und Bürgerrechtsaktivistin Razan Zaitouneh ganz oben auf der Liste gestanden. Das syrische Regime hatte bereits 2002 ein Einreiseverbot für sie verhängt. Zaitouneh setzte sich unermüdlich für die Verteidigung der Menschenrechte ein und hatte die Rebellen wiederholte Male dazu aufgefordert, jede verübte Gewalttat, auch die durch oppositionelle bewaffnete Streitkräfte, anzuzeigen.

Was passiert war: Vor fünf Monaten wurden Razan Zaitouneh, Sameera Khalil, Wael Hammadi und Nadhem aus ihrem Büro im Violations Documentation Centre (dt.: Dokumentationszentrum für Gewaltverbrechen) in der Stadt Douma im östlichen Ghouta von einer unbekannten bewaffneten Faktion entführt.

Das öffentliche Statement der Aktivisten zur Entführung lautete: „Razan Zaitouneh ist eine Anwältin, Schriftstellerin und Aktivistin, die sich seit der Jahrhundertwende unnachgiebig für die Rechte, Freiheit und Würde unseres Volkes einsetzte, unabhängig von der politischen und ideologischen Neigung des Einzelnen. Was ihren Einsatz, ihre Menschlichkeit und ihre Courage betrifft, so ist sie ein außergewöhnliches Vorbild für alle Frauen, Menschenrechtsaktivisten und Gebildeten in Syrien und auf der ganzen Welt. Sie war voller Kreativität und Motivation, liebte das Leben und die Menschen. Razans Mutter, Vater und Schwestern haben seit ihrer Entführung nichts mehr von ihr gehört. Und keiner weiß, ob sie zu ihrem Ehemann Wael Hammadi Kontakt hat, der mit ihr zusammen entführt wurde.”

Für Sameera Al Khalil, die vor vier Jahren entführt wurde, weil sie sich gegen das Assad Regime erhob, lautete das Statement: „Sameera Al Khalil beteiligte sich seit Beginn des neuen Jahrhunderts an jeglichen demokratischen Aktivitäten in Syrien. Sie nahm aktiv an Ausschüssen zur Wiederbelebung der Zivilgesellschaft teil und wirkte an der Damaszener Erklärung für den demokratischen Wandel in Syrien mit. Ebenso gehörte sie zu den Teilnehmern der Vorbereitungstreffen, die zur Unterzeichnung der Damaskus-Beirut/Beirut-Damaskus Erklärung führten. Sie ist der Inbegriff für Bescheidenheit, widmet sich nationalen Anliegen, liebt die Menschen und möchte ihnen helfen, wo sie nur kann. Weder Sameeras Ehemann Yaseen Alhaj Saleh noch ihre Geschwister und Kinder haben seitdem ein Lebenszeichen von ihr erhalten. Sameeras Großeltern wissen nicht einmal, dass sie entführt wurde.”

„Mit der gleichen Leidenschaft widersetzte sich auch Wael Hammadi in den vergangenen zehn Jahren dem Assad Regime und beteiligte sich seit Beginn der Revolution aktiv an den lokalen Koordinationskommitees (Local Coordination Commitees, LCC), die die humanitäre Hilfe in Syrien steuern. Wael wurde zuvor bereits zweimal verhaftet und vom Regime gefoltert. Seine Mutter und Geschwister haben seit seiner Entführung nichts mehr von ihm gehört und er weiß noch nicht einmal, dass sein Vater vor wenigen Wochen starb.”

„Ohne Nadhems unermüdlichen Einsatz hätten viele Familien in Syrien keine humanitäre Hilfe erhalten. Zusammen mit Wael koordinierte er die Verteilung von Hilfsgütern, die erst durch das aktive Netzwerk der Koordinationskommitees möglich wurde, die fast im gesamten Land anzutreffen sind. Die Familie des verschwundenen Dichters und Rechtsanwalts hat seitdem ebenfalls kein Lebenszeichen mehr von ihm gehört.”

Es ist für jeden von uns alarmierend, dass eine Gruppe friedlicher Aktivisten und Gegner des Assad-Regimes in einer “befreiten” Zone entführt wird, ohne dass bewaffnete Faktionen auch nur den geringsten Versuch unternehmen, nach den Entführern zu suchen und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Der Weg in die Freiheit ist in Syrien noch lang und leider gibt es viele Menschen in unserem Land, die keinen Staat wollen, in dem Gleichheit und Gerechtigkeit regieren. Das Streben nach Freiheit — wofür viele bereit sind, zu töten — ist in Wirklichkeit ein Streben nach Macht und Autorität, wofür viele ebenfalls bereit sind, zu töten. Und was wir glaubten, befreit zu haben, ist in Wirklichkeit bloß der erste Schritt auf dem Weg zu einem neuen Gesellschaftsvertrag, in dem die Phase, in der die neu gewonnene Freiheit unterdrückt und Menschen aufgrund ihrer Meinung und politischen Handlungen ins Visier genommen werden, einfach ausgelöscht wird. Vielleicht haben wir den Fehler begangen, dass wir in puncto Sicherheitsmaßnahmen zu nachsichtig geworden sind. Denn ich erinnere mich daran, dass wir es mit dem Treffen von Sicherheitsvorkehrungen einst sehr ernst genommen haben, als wir noch in Gebieten lebten, die vom Regime kontrolliert wurden.

Ihr müsst verstehen, dass man sich im heutigen Syrien, einem Land, in dem Waffen frei erhältlich sind und von verrückten Menschen, Verbrechern und Extremisten geschwungen werden, ernsthaft in Gefahr bringt, wenn man voller Überzeugung an die syrische Revolution glaubt, weil man jederzeit im Visier des Regimes steht. Vielleicht sollte man seine Bereitschaft noch einmal überdenken, alles zu opfern, was einem lieb ist, sei es nun seine Freiheit oder sein Leben, um den Weg für ein Syrien zu ebnen, das frei von Verhaftungen, Entführungen und geheimen Gefängnissen ist.

Wenn du dich wie in meinem Fall im heutigen Syrien nicht bedroht fühlst, keine Angst um deine Sicherheit hast und deine Freunde dich nicht einmal zur Seite nehmen, um dir ihre Sorgen und Ängste bezüglich dessen, was du schreibst, zu zeigen, dann musst du dir die Frage stellen, welche Zugeständnisse du selbst aus Angst gemacht hast und bei viel Elend und vor allem Ungerechtigkeit du dich ebenfalls dazu entschlossen hast, dies alles zu ignorieren und wegzuschauen.

Mit diesem Artikel möchte ich an 46 internationale Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch und Amnesty International, appellieren, die IS und ihren Anführer Zahran Alloush zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie für das Verschwinden von Razan Zaitouneh, ihrem Ehemann Wael Hammada, Sameera Khalil und Nadhem Hammadi verantwortlich sind.

Ich wage es auch zu sagen, dass die Entführung jener Aktivisten aus der Perspektive des Regimes die Ambitionen eines Diktators widerspiegelt, eine ganze Nation entführen zu wollen, um die Revolution zu unterdrücken.

Ich rufe euch alle dazu auf, euch zusammen mit anderen syrischen Aktivisten an der Kampagne zur Befreiung der Aktvisiten unter dem Hashtag #Douma4 zu beteiligen. Und ich möchte vor vielen von euch salutieren, weil ihr euch freiwillig auf die Abschussliste gesetzt habt, die nun alle Diktatoren dieser Welt vor sich liegen haben.

Wenn ich ein Diktator wäre oder vorhätte, einer zu werden, dann würde ich euch alle als meine Feinde betrachten, einzig und allein aus dem Grund, weil ihr lesen und schreiben könnt, oder allein schon weil ihr denken könnt.

Marcell Shehwaro bloggt auf marcellita.com und twittert unter @Marcellita, beides hauptsächlich auf Arabisch.  Dieser Beitrag ist Teil der Serie “Briefe aus Syrien” (auf Deutsch), in der Marcell von ihrem Leben in Syrien und schließlich im Exil berichtet.

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