Wir übersetzen die Beiträge von Global Voices in viele Sprachen, damit die Bürgermedien aus aller Welt für alle zugänglich werden.

Erfahre mehr zu Lingua-Übersetzungen  »

Syrien: Rote Rosen zur Beerdigung meiner Mutter

539337_10151546475681719_1678361628_n

Zur Beerdigung von Marcell Shehwaros Mutter erschienen Freunde und Revolutionäre aus ganz Aleppo in weißer Kleidung und mit roten Rosen in den Händen.

Der folgende Artikel ist Teil einer außergewöhnlichen Artikelreihe der syrischen Bloggerin und Aktivistin Marcell Shehwaro, in der sie ihren Lebensalltag in Syrien inmitten des andauernden bewaffneten Konflikts zwischen Regierungsanhängern und Regierungsgegnern beschreibt.

Dieser Beitrag ist im Original auf Arabisch bereits am 11. Juli 2014 erschienen.

Vielleicht habe ich euch mit Einzelheiten zu meinen persönlichen Verlusten überhäuft, als ich euch in meinem letzten Artikel die Geschichte meiner Mutter erzählte und wie ich innerlich zur Mörderin wurde, als sie getötet wurde. Mittlerweile glaube ich aber, dass es einfach unangemessen wäre, über die Geschehnisse in Syrien zu berichten, ohne euch die Schreie und das Leid der Opfer näher zu bringen.

Heute muss ich euch einfach von der schrecklichen Nacht berichten, in der meine Mutter ermordet wurde.

Es war spät abends. Ich war bereits seit mehreren Stunden bei einer Freundin zuhause und diskutierte mit ihr über revolutionäre Ideen, als plötzlich mein Handy klingelte. Am anderen Ende der Leitung meldete sich die sehr verängstigt klingende Stimme meiner Schwester: „Mama ist im Krankenhaus. Sie wurde erschossen.”

In den wenigen Minuten bis ich bei ihr war, gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wird sie es schaffen? Bin ich an all ihrem Leid Schuld? Hat man sie ermordert, weil sie meine Mutter ist? Um mich vor den aufkommenden Schuldgefühlen zu schützen, wünschte ich mir, ich wäre an ihrer Stelle erschossen worden. Waren es unsere Kugeln? Oder waren es ihre Kugeln? Ich weiß es nicht. Zu diesem Zeitpunkt machte es für mich keinen Unterschied, welche Partei für den Tod meiner Mutter verantwortlich war. Als ich im Krankenhaus ankam, dachte ich, ich müsste die Entscheidung treffen, ob die Ärzte operieren sollten oder nicht. Doch bevor ich antworten konnte, sagten sie mir, sie sei tot. Meine Mutter starb an jenem Tag den Märtyrertod.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffte, meine Menschlichkeit so schnell abzulegen. Ich hob sie mir für später auf. Ich konnte gar nicht so viel weinen wie ich eigentlich wollte: Mein Gewissen war von der Revolution gesättigt. Die Revolution war mein Kreuz, dass ich wie viele andere tausend Syrer zu tragen hatte. Wieso also sollte gerade ich mich beschweren? In diesem Moment wurde mir bewusst, was für ein egoistischer Mensch ich doch war. Ich realisierte, dass es wirklich gemein von mir war, meine Mutter jedes Mal in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn ich zu einer Protestaktion ging – was sie sofort an meiner lässigen Kleidung erkannte, die ich dann trug oder an meiner guten Laune, wenn ich nach Hause kam oder an meiner Unfähigkeit und meinem Widerwillen, sie anzulügen – und mich im Grunde genommen dem Tod aussetzte. Ich weiß weder wo ich meine Gefühle begraben habe noch wo ich die Entschlossenheit her habe, nicht zu schweigen und selbst nach dem Tod meiner Mutter weiterhin die Tochter der Revolution sein werde. Immun gegen Tränen. Immun gegen Demütigung.

Früh am nächsten Morgen musste ich mich mit dem leitenden Grenzbeamten an der Sicherheitsschleuse treffen, dem Ort, an dem meine Mutter getötet wurde. Er war ein kaltblütiger Mörder, genauso wie das Regime, das ihn hervorbrachte. Er entschuldigte sich nicht einmal. Er bezeichnete den Mord an meiner Mutter unbekümmert als „einmaliges Versehen”, genauso wie die tausend anderen einmaligen Versehen, die im ganzen Land begangen wurden, und vergaß dabei oder tat so, als hätte er vergessen, dass es sich bei diesem „einmaligen Versehen” um eine Mutter handelte, eine liebevolle, fürsorgliche und mitfühlende Mutter, die für ihre Familie Heimat bedeutete. Doch solche Menschen sind es gewohnt, Heimaten zu ermorden, also war das nichts Neues für sie.

Danach meinte jeder um mich herum, mich warnen und mir ständig vorschreiben zu müssen, was ich zu tun hatte und was ich nicht sagen durfte, aufgrund der Angst, die durch meine Familie und die Gesellschaft ging. Trotz des gewaltigen Verlustes saß ich in der Ecke und bemitleidete meine Famlilie und meine ehemals engsten Freunde dafür, dass sie im Kreislauf der Angst gefangen waren. Ich bemitleidete ihre Unterjochung und liebte sie so sehr, dass ich ihnen ihre Freiheit zurückwünschte. Ich dagegen, die Tränen meiner Mutter fürchtend, wenn ich denn einst den Märtyrertod sterben sollte, war nun von dieser Angst befreit.

In meinem Kopf sang ich Revolutionslieder. Lieder, die ich mir noch heute in Gedanken vorsage, wenn das Leben schwieriger wird. Immer dann, wenn ich mich daran erinnern möchte, wer ich wirklich bin, baue ich eine Schutzblase um mich herum. Und so sang ich das Lied, das meine Mutter immer hasste: „Ich gehe raus und protestiere mit meiner Seele in der Hand / Und wenn ich als Märtyrerin zu dir zurückkehren werde, dann weine bitte nicht, Mutter.”

Wie ironisch das Leben doch ist. Fast täglich setzte ich mich dem Tod aus, indem ich an den gefährlichsten Orten protestierte. Sie hätten mich direkt erschießen können – und doch bin ich diejenige, die überlebt während sie stirbt?

Am Tag ihrer Beerdigung musste ich an so vieles denken. Wie konnte ich die Kirche zu einem Ort machen, an dem die Würde aller Revolutionäre trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeit bewahrt werden konnte? Und wie stellte ich es bloß an, die Revolution für all diejenigen zur schönsten Braut werden zu lassen, die sie als extremistische Angelegenheit vorverurteilt hatten und ihr aus Angst fernblieben?

So kam es, dass ich die Farben Weiß und Rot für die Beerdigung wählte. Ich bat die Revolutionäre im Vorfeld darum, Weiß zu tragen, die christlichen Freunde und Verwandten dagegen, in Schwarz zu kommen, wie es der christliche Brauch an Beerdigungen verlangt. Ich bat die Revolutionäre außerdem darum, mit einer roten Rose in der Hand zu erscheinem, als Zeichen des Mitgefühls, das jeder verstehen und wertschätzen würde.

Als ich das Kirchengelände betrat, brach ich beim Anblick der vielen Sicherheitskräfte fast zusammen. Ich verstehe nicht, wieso die Beerdigung meiner Mutter die Anwesenheit bewaffneter Sicherheitskräfte erforderte. All das hätte mich fast zu Fall gebracht, wäre ich nicht von der strahlendweißen Menge an Revolutionären empfangen worden. Ich habe keine Ahnung, wo all diese Menschen herkamen, aber all die Liebe und Akzeptanz, mit der sie mir begegneten, ließen mich ruhig werden. Mit ihrer weißen Kleidung beschlagnahmten sie die gesamte Kirchentreppe und hielten die roten Rosen nach oben, während sie im Innern voller Ehrfurcht nach Freiheit schrien. Hunderte von Augen schauten mich an und warteten auf mein Zeichen, die Beerdigung in eine Protestdemonstration zu verwandeln, doch sie akzeptierten meine Trauer und meine Entscheidung, dies nicht zu tun.

Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen bei der Beerdigung anwesend waren, doch an jenem Tag spürte ich, wie das rebellische Aleppo sich über mich beugte, mir die Stirn küsste und mir Träne für Träne wegwischte. An jenem Tag erfuhr ich, dass eine Gruppe von Revolutionären zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kirche betrat, nur um mir beizustehen und mir ihr Beileid zu bekunden. Ich lernte, was es bedeutet, wenn ein Mädchen mit einem Kopftuch auf einer Kirchenbank sitzt, ohne sich befremdlich oder seltsam zu fühlen, weil es dort nicht alleine war. Ich verstand nun, warum sie immer sagten, die Revolution „verbindet uns Syrer”.

Wenn das Regime meinte, mir auch noch meine restliche Familie stehlen zu müssen, so schenkte mir die Revolution eine neue Familie voller bedingungsloser Liebe. Wer will, kann das, was nun folgt, als fanatischen Jubel abstempeln und irgendwelche Behauptungen über die Natur des syrischen Konfliktes aufstellen, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es dieser Revolution zu verdanken ist, dass wir endlich aus unseren Schneckenhäusern herauskriechen, in denen wir uns lange genug versteckt haben.

Hunderte rote Rosen und ihre Träger kamen zur Beerdigung. Ich wünschte, ich könnte ihnen allen persönlich danken. Ich wünschte, ich könnte jedem Einzelnen von ihnen sagen, wie viel größer der Schmerz gewesen wäre, wären sie nicht da gewesen. Ich wünschte, ich hätte den Duft des majestätischen Aleppos in ihren Tränen einfangen und ihnen diesen Artikel widmen können, oder zumindest denjenigen unter ihnen, die noch unter uns sind, denn viele der Revolutionäre haben im Kampf um die Freiheit ihr Leben gelassen.

Ich lächelte sie an, voller Stolz auf eine Revolution, die solch großartige Helden hervorbrachte. Ich lächelte sie an und gab mir große Mühe, meine Tränen durch vorgetäuschte Stärke zu unterdrücken, denn wir alle sollten „fest auf die Wunde drücken und wieder aufstehen”, um das Blut der Märtyrer zu rächen, das Blut meiner Mutter und das von Mustafa und Mahmoud. Denn wir alle haben einen Schwur geleistet: „Wir werden nie das Blut eines Märtyrers vergessen.”

Sie traten vor den Sarg, jeder Einzelne von ihnen, und mit der gleichen friedlichen Ruhe legten sie auch ihre Rosen auf dem Grab meiner Mutter ab. In meinem Innern sagte ich zu ihr: „Mutter, sei mir nicht böse, aber Syrien ist jetzt meine Mutter.”

Wir machten uns auf den Weg zum Friedhof. Sie alle umringten mich und trugen mit mir zusammen meinen Schmerz, damit ich ihn besser ertragen konnte. Nach der Beerdigung blieben sie bei mir und nahmen anderthalb Stunden lang an Ritualen und Gebeten teil, die sie nicht einmal verstanden und zu denen sie keinen Bezug hatten. Ich hatte das Gefühl, dass auch sie das Bedürfnis hatten, zu beten, auf ihre Weise. Ich bat sie darum, meiner Mutter die Al-Fātiha vorzulesen, die erste Sure des Korans. Ich wusste, dass es in ihren Herzen genug Reinheit gab, um ihre Seele zur Ruhe zu bringen. Ich betete mit ihnen, in meinem Glauben und in ihrem.

Groß ist die Schuld, in der ich stehe, tief ist meine Dankbarkeit für ihr Mitgefühl und lieb ist mir jede Träne, die sie mit mir teilten, und lang – sehr, sehr lang – ist der Weg, den wir noch zusammen gehen müssen, mit all denen, die noch übrig sind.


Marcell Shehwaro bloggt auf marcellita.com und twittert unter @Marcellita, beides hauptsächlich auf Arabisch. Lese hier weitere Beiträge aus ihrer Artikelreihe.

Unterhaltung beginnen

Für Autoren: Anmelden »

Richtlinien

  • Alle Kommentare werden moderiert. Sende nicht mehrmals den gleichen Kommentar, damit er nicht als Spam gelöscht wird.
  • Bitte geh respektvoll mit anderen um. Hass-Kommentare, Obszönes und persönliche Beleidigungen werden nicht freigeschaltet..