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Vorsicht, Baby an Bord! Ein Interview mit einer Blogger-Familie auf der Reise

Alle Links in diesem Artikel führen, soweit nicht anders gekennzeichnet, zu englischsprachigen Webseiten.

Ein Interview mit der Familie ohne Grenzen (The Family Without Borders), Anna und Thomas Alboth, Eltern, Reisenden und Bloggern, die rund um Schwarzes Meer und durch Zentralamerika mit ihren zwei kleinen Töchtern gereist sind.

2010 hat ein junges Paar aus Berlin (Anna, eine polnische Journalistin, und Thomas, ein deutscher Fotograf) beschlossen, seinen Traum, die Welt zu bereisen, zu verwirklichen – mit ihrer Tochter Hanna an Bord, die damals sechs Monate alt war. Mit einem brechend vollen Renault Espace reisten sie ein halbes Jahr um das Schwarze Meer und durch den Kaukasus zum Kaspischen Meer. Die Idee war ein solcher Erfolg, dass sie 2012, schon mit ihrer zweiten Tochter Mila, Zentralamerika bereisten – von Mexiko aus nach Guatemala, Belize und Honduras.

Von ihrer ersten Reise an beschlossen sie, ihre außergewöhnlichen Erlebnisse in ihrem Blog The Family Without Borders zu erzählen. Ihre Aufzeichnungen erfreuten sich eines dermaßen großen Leserinteresses, dass National Geographic Polen das Blog 2011 zum besten Reiseblog des Jahres (Best Travel Blog) kürte.

Global Voices (GV): Schauen wir 25 Jahre nach vorne. Ihre Töchter haben ihre eigenen Kinder und wollen mit ihren Babys eine Reise unternehmen. Was halten Sie davon?

Mexiko (Yucatan), Insel Holbox. Foto von © Thomas Alboth. Verwendung mit Genehmigung.

Mexiko (Yucatan), Insel Holbox. Foto von © Thomas Alboth. Verwendung mit Genehmigung.

Anna (A): Ich hoffe es wird so sein. Vor Kurzem hatten wir über Eltern, Kinder und Enkelkinder diskutiert, und darüber, wie es sich alles verändern kann. Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, dass sie sich vielleicht für einen anderen Lebensstil entscheiden würden, als wir es getan haben, und dass es für uns schwierig zu akzeptieren wäre, wenn sie auf einmal Dinge sagen würden wie, „Ich will in einem Hotel übernachten“. Andererseits, je größer sie werden, desto mehr bekomme ich das Gefühl, ihnen könnte etwas passieren, all dieser „mütterlicher Kummer“.

Thomas (T): Ich hätte es mir gewünscht, bin mir aber nicht so sicher, ob sie diesen Lebensstil mögen werden. Ich habe Freunde, die in einer Wohngemeinschaft aufgewachsen und später das Gegenteil davon geworden sind. Ich bin auch ziemlich froh, dass ich mich von meinen Eltern in Allem unterscheide. Sie dürften eines Tages in einem Hotel absteigen und schicke Koffer auf Rollen haben, und das ist in Ordnung für mich.

GV: Sie wurden vom National Geographic zum Besten Reiseblog 2011 gekürt. Warum hatte Ihr Blog einen solchen Erfolg, was meinen Sie?

A: Ich denke, es gab dafür zwei Gründe. Erstens hatten wir keine großen Pläne – wir taten einfach das, was uns gefiel, und ich denke, solche Projekte gehen immer weiter, wenn man das tut, was man liebt. Wir kannten alle diese Reiseblogger, die geschäftliche Pläne hatten; für uns bedeutete es aber vor allem für die Großeltern schreiben, so dass sie sehen konnten, dass Hanna in Sicherheit ist und lächelt. Das war der Anfang. Nach einiger Zeit sahen wir uns die Statistik an und stellten fest, dass unser Blog Besucher aus 20, 40, 50 Ländern hatte, und wir dachten uns, „Wahnsinn!“ Es gibt diese Generation junger Europäerinnen und Europäer, die im Ausland studieren, reisen, Lebenspartner aus anderen Ländern haben und sich dabei denken, wenn sie Kinder haben, wird es alles zu Ende sein. Ich denke, wenn sie sehen, was wir gemacht haben, werden sie einsehen, dass es nicht alles zu Ende sein muss.

Die Familie in ihrer Berliner Wohnung. Foto von Kasia Odrozek

Die Familie in ihrer Berliner Wohnung. Foto von Kasia Odrozek.

GV: Hatten Sie eine genaue Arbeitsteilung: wer im Blog schreibt, wer Fotos macht und so weiter?

A: Ja, wir hatten eine genaue Aufgabenteilung. Manchmal würde ich einige Fotos machen, aber nicht oft, normalerweise hatte er die ganze Zeit die Kamera in den Händen. Ich schrieb die Beiträge, Thomas hat vielleicht zwei Beiträge in diesen drei Jahren geschrieben. Er macht die ganze technische Arbeit für das Blog und meine Aufgabe ist die Kommunikation mit den Besuchern. Wenn wir unterwegs sind, ist er in der Regel am Steuer und ich sage ihm wo wir hin müssen [lacht]. Die ganze Sache funktioniert wenn wir es zusammen machen. Vor zwei Wochen war er in Birma und ich in Palästina und wir veröffentlichten keine Blogbeiträge. Das fühlte sich seltsam an.

GV: Hätten Sie unterschiedliche Erfahrungen ohne das Blog?

A: Für mich war das Blog ein bedeutender Motivationsfaktor, mehr über alles zu erfahren. Während der zweiten Reise schrieb ich in einer viel „journalistischeren“ Art, deswegen notierte ich mir viel mehr und fragte nach mehr Kontext, als ich mit Einheimischen redete, nahm Broschüren mit und so weiter. Ich weiß nicht, ob ich es getan hätte, hätte ich gewusst, dass ich es nicht veröffentlichen würde.

T: Ich war ein bisschen neidisch, weil das Schreiben ein Überdenken bedeutet. Die Bearbeitung von Fotos ist hingegen eine etwas andere Erfahrung: man braucht nicht mehr zu wissen, man braucht nicht die Situation zu verstehen, um ein Foto zu machen.

Am Sewansee in Armenien. Foto von © Thomas Alboth. Verwendung mit Genehmigung.

Am Sewansee in Armenien. Foto von © Thomas Alboth. Verwendung mit Genehmigung.

GV: Was ist Ihre beste Erinnerung an Ihre Reisen?

T: Noch wichtiger als eine Erinnerung ist das Gefühl, dass man im eigenen Tempo lebt und über sein eigenes Leben entscheidet. Wenn man sich an einem Ort aufhält, gerät man in diese Tagesroutine, man steht auf, trinkt auf die Schnelle einen Kaffee, fährt mit der Straßenbahn oder der U-Bahn ins Büro, und dann sind 80 % des Tages festgelegt. Das ist was mir an der Reise gefiel, ein halbes Jahr lang entscheidet man selbst, was man tun will.

GV: Hatten Sie jemals gedacht, das sei alles ein Fehler?

A: Es gab diesen einen Vorfall, als ich Angst hatte und mir dachte, dass all diese Leute, die uns unverantwortliche Eltern nannten, Recht hatten. Es war die Nacht in einem Hotel in Guatemala. Wir sahen drei große bewaffnete Männer, die an unserem Zimmer vorbeigingen und sich verärgert am Handy unterhielten. Wir mussten etwas tun, um uns besser zu fühlen, und wir fragten sie, ob sie gefährlich wären. Wir konnten nicht viel Spanisch, dafür aber kannten wir zum Glück das Wort peligroso, gefährlich. Sie antworteten, „ja, aber nicht für Sie und nicht hier“. Später erfuhren wir, dass jeder in Guatemala eine Waffe besitzt, weil die Bevölkerung nach dem Bürgerkrieg nicht entwaffnet wurde.

GV: Sie sagen, dass im Mittelpunkt Ihrer Reisen die Menschen und ihre Geschichten stehen. Was war das Merkwürdigste, das Sie gehört oder erlebt haben?

T: Wenn Sie aus einer anderen Welt kommen, kommt Ihnen sogar das Alltagsleben der Einheimischen als interessant und manchmal seltsam vor.

Die Familie verabschiedet sich von ihren Gastgebern in Guatemala, Chilasco Wasserfall. Foto von © Anna Alboth. Verwendung mit Genehmigung.

Die Familie verabschiedet sich von ihren Gastgebern in Guatemala, Chilasco Wasserfall. Foto von © Anna Alboth. Verwendung mit Genehmigung.

A: Während der zweiten Reise, in Guatemala, waren unsere Gastgeber eine mayanische Familie, die uns in ihrem kleinen Haus mit Plastikstühlen und einem Fernseher beherbergte. Nachdem wir uns unterhalten haben, waren sie überrascht, jedoch nicht davon, dass wir so lange unterwegs waren – sondern davon, dass wir so lange ohne einen Fernseher leben konnten. Als ich mich dann am Abend daranmachte, die Kartoffeln für die Suppe zu schälen, halfen alle diese kleinen Mädchen sofort mit – bei ihnen ist es so, sie tun alles zusammen. Als wir abreisten, fragten sie uns wann wir zurückkommen würden und es war herzzerreißend: wir wollten ihnen sagen, wir würden sie anrufen, aber sie hatten kein Telefon, sie wollten uns einen Brief schicken, konnten aber nicht schreiben.

GV: Haben Sie Pläne für die Zukunft?

A: Natürlich gehen wir wieder auf Reisen, aber erst wenn ich mein Buch über Zentralamerika fertiggeschrieben habe. Dann machen wir uns wieder auf den Weg.

Am 26. März 2013 präsentierte die Familie ohne Grenzen ihre Fotos und Erzählungen im Rahmen einer Diavorführung im “Globetrotter” Geschäft in Berlin. Nähere Informationen entnehmen Sie dem Blog der Familie oder ihrer Seite auf Facebook.

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