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Aylan Kurdis Tod zwingt Kanada zum Umdenken in der Flüchtlingskrise

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Der kanadische Minister für Einwanderung Chris Alexander, der auch bei den Wahlen im Oktober für die Konservative Partei Kanadas kandidiert. Screenshot von einem offiziellen YouTube-Kanal der CBC News.

Die Nachricht vom Tod des Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi zwingt die kanadischen Politiker mitten im Wahlkampf, sich der Tatsache zu stellen, dass trotz Versprechungen, 10.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen bisher wenig getan wurde, um dies auch in die Tat umzusetzen.

Das Bild von Aylans (in englischsprachigen Medien Alan genannt) leblosem Körper an einem Strand in der Türkei ging am Mittwoch, dem 2. September in sozialen Medien und in den Schlagzeilen zahlreicher Nachrichtenagenturen um die Welt. Der dreijährige Junge, seine Mutter Rehana und sein fünfjähriger Bruder Galip waren bei der Überfahrt auf die griechische Insel Kos ertrunken.

Nur der Vater Abdullah Kurdi überlebte.

Ein Foto von Abdullah Kurdi mit seinen Söhnen Aylan und Galip das mir ein Freund geschickt hat. Herzzerreißend.

Am frühen Mittwochmorgen wurde die Nachricht vom Tod des Jungen zur Topstory in Kanada und es wurde berichtet, die Familie Kurdi habe versucht, nach British Columbia zu gelangen, wo Abdullah Kurdis Schwester Tima Kurdi lebt. Tima Kurdi erklärte, sie habe durch die Bilder in den sozialen Medien vom Tod der Familienmitglieder erfahren.

“Sie hätten nicht sterben müssen”, sagte sie den Journalisten.

Ein Abgeordneter hatte persönlich einen Brief überbracht, in dem die Familie um Hilfe bat

Tima Kurdi erklärte, sie habe einen Asylantrag für ihren anderen Bruder Mohammed gestellt, konnte aber immer nur finanzielle Bürgen für jeweils einen Bruder finden. Deshalb entschied sie sich, den Minister für Einwanderung Chris Alexander, in einem Brief um Hilfe zu bitten.

In einem Interview mit einem Radiosender aus Vancouver sagte Oppositionspolitiker und Mitglied des kanadischen Unterhauses Fin Donnelly, er habe Tima Kurdis Brief im März 2015 persönlich an Alexander übergeben, aber keine Antwort erhalten.

Das Interview von CBC Radio mit Fin Donnelly kann man hier nachhören: Alexander erklärte, als Kopf der Einwanderungsbehörde müsse er unparteiisch sein, weshalb er den Fall an die zuständigen Mitarbeiter seines Ministeriums weitergeleitet habe. Deshalb könne er der Familie Kurdi, die keinen Antrag auf Asyl gestellt habe, nicht helfen.

Kurz nach Donnellys Radiointerview kündigte Alexander an, seinen Wahlkampf für einen Tag zu unterbrechen, um in Ottawa mit Vertretern des Ministeriums über die Flüchtlingskrise zu sprechen.

Kanada bleibt hinter den selbstgesteckten Zielen zurück

Auf den großen politischen Druck hin versprach Premierminister Stephen Harper Anfang 2015, 13.000 syrische Flüchtlinge in Kanada aufzunehmen. Für die Verteilung der Flüchtlinge sollten Kirchengruppen und private Organisationen verantwortlich sein, nicht die Regierung.

Am 27. Juli 2015 gab das Ministerium für Staatsbürgerschaft und Einwanderung bekannt, dass Kanada bisher nur 2.302 syrische Flüchtlinge aufgenommen habe. Der Libanon mit seinen 4 Millionen Einwohnern hingegen hat mehr als 1 Million syrische Flüchtlinge aufgenommen.

Harpers Partei beteuerte zu Beginn des Wahlkampfs im August 2015 noch einmal die Bereitschaft, im Falle einer Wiederwahl bis 2017 weitere 10.000 Angehörige “religiöser Minderheiten” aus Syrien und dem Irak aufzunehmen, was die ursprünglich geplante Zahl auf insgesamt 23.000 erhöht.

Kanadische Medien oder die Kanadier selbst haben es schwer, wenn sie herausfinden wollen, ob ihr Land seine im Januar 2015 gemachten Versprechen, syrische Flüchtlinge aufzunehmen, einhält. Das kanadische Nachrichtenmagazin Maclean's berichtete im Juli 2015, dass man von der Regierung nur gegen Bezahlung Informationen zur Anzahl der aufgenommenen syrischen Flüchtlinge bekommen könne.

Die schockierenden Bilder von Aylan Kurdis Tod und die Tatsche, dass die Familie auf dem Weg nach Kanada gewesen war und sich mit einem Hilferuf direkt an die kanadische Regierung gewandt hatte, haben Kanadas magere Bilanz in puncto Unterstützung syrischer Flüchtlinge nun auch zu einem Wahlkampfthema gemacht.

Die Opposition fordert die konservative Regierung auf, zu handeln

Am 19. Oktober 2015 wählen die Kanadier eine neue Regierung. Bisher zeichnete sich ein enger Kampf zwischen der konservativen Regierungspartei von Premierminister Harper, der Neuen Demokratischen Partei (NDP) und der Liberalen Partei Kanadas ab.

Nach der Nachricht, dass die Familie Kurdi versucht habe, nach Kanada zu gelangen und ihre Hilferufe scheinbar von Einwanderungsminister Alexander und der konservativen Regierung ignoriert worden waren, rief Justin Trudeau, Führer der oppositionellen Liberalen Partei Kanadas, die konservative Regierungspartei am Mittwoch auf, mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

Diese Regierung stellt sich gegen unsere Werte. Wir müssen sofort 25.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen und unseren Beitrag zur Beendigung der Flüchtlingskrise leisten. #refugeecrisis.

Oppositionsführer und NDP-Abgeordneter Thomas Mulcair, der wie auch Trudeau bei den Wahlen am 19. Oktober gegen den amtierenden Premierminister Harper antritt, rief Kanada in einem emotionalen Appell auf, mehr zu tun:

Für mich als Großvater sind die Bilder des leblosen kleinen Körpers am Strand unerträglich. Kanada muss etwas unternehmen. Wir dürfen nicht mehr länger warten. #Syria

Einige Nutzer kritisierten auf Twitter, dass Mulcair scheinbar versuche, aus Aylan Kurdis Tod Kapital zu schlagen und im Wahlkampf zu punkten:

Es ist einfach widerlich, wie Sie versuchen, aus dem Tod eines Kindes Kapital zu schlagen. #cdnpoli

Premierminister Harper fordert ein militärisches Eingreifen in Syrien zur Lösung der Flüchtlingskrise

Auch der amtierende Premierminister Stephen Harper fand auf einer Wahlkampfveranstaltung der konservativen Partei in der Nähe von Vancouver am Mittwochnachmittag emotionale Worte für das Schicksal von Aylan Kurdi und seiner Familie.

Der Premierminister blieb jedoch seiner politischen Linie treu und lehnte es ab, weitere Flüchtlinge aufzunehmen und griff die NDP und die Liberalen an, die im Parlament gegen die Ausweitung von Kanadas Militäreinsatz gegen ISIS gestimmt hatten:

Auf den Tod einiger Mitglieder der Familie Kurdi auf dem Weg nach Kanada angesprochen, ließ Harper die Möglicheit, schneller weitere syrische Flüchtlinge aufzunehmen völlig außen vor und betonte stattdessen die Notwendigkeit eines Militäreinsatzes im Kampf gegen die eigentlichen Ursachen der Flüchtlingskrise.

Der Proteststurm gegen das Schicksal der Familie Kurdi ließ am 2. September einen Bericht des Pentagons, dass bis zu 27 Zivilisten im Irak bei einem Luftangriff der kanadischen Lutfwaffe ums Leben kamen – eine Nachricht die andernfalls wie eine Bombe eingeschlagen hätte – völlig in den Hintergrund treten.

Kanadische Medien nehmen endlich das Elend der syrischen Flüchtlinge wahr

Während sich die humanitäre Krise im Mittelmeer und Europa im Sommer immer weiter ausbreitete, fand dieses Thema in den kanadischen Medien kaum Beachtung. Dort standen zeitgleich eher der fallende Ölpreis, eine drohende Rezession und der im August beginnende Wahlkampf im Vordergrund.

Wenige Stunden bevor die Nachricht, dass die Familie Kurdi auf dem Weg nach Kanada gewesen und den Minister für Einwanderung direkt um Hilfe gebeten hatte, an die Öffentlichkeit gelangte, veröffentlichte die Globe and Mail, die wichtigste Tageszeitung Kanadas, noch einen Leitartikel mit dem Titel “Eine Flüchtlingskrise? Nein, Europa erlebt eine moralische Krise.”

Die geplante Aufnahmequote in Kanada wurde nur nebenbei erwähnt und im Gegensatz zu der als “unmoralisch” empfundenen Reaktion Europas auf die Krise als positiv dargestellt:

Yes, in the first half of 2015, more than 300,000 migrants arrived in Europe. But that’s only about 0.1 per cent of the EU’s population. Canada takes in close to 1 per cent of its population each and every year, in the form of immigrants and refugees. Canada is not in crisis as a result. Quite the opposite.

Ja, es stimmt, dass im ersten Halbjahr des Jahres 2015 mehr als 300.000 Flüchtlinge in Europa ankamen. Das entspricht aber nur einem Anteil von 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU. Kanada hingegen nimmt jedes Jahr einen Anteil von bis zu 1 Prozent seiner Gesamtbevölkerung als Einwanderer und Flüchtlinge auf. Angesichts dessen kann in Kanada wohl keine Rede von einer Krise sein. Ganz im Gegenteil.

Nach der Veröffentlichung der furchtbaren und herzzerreißenden Bilder von Aylan Kurdi schrieb ein Twitter-Nutzer, die kanadischen Politiker und Experten, die über die Flüchtlingskrise sprechen, wüssten überhaupt nicht, wovon sie redeten (Andrew Coyne, im Bild links, Kolumnist der kanadischen Tageszeitung National Post retweetete den Beitrag):

Das komplett weiße Moderatoren-Trio von #AtIssue diskutiert über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise.

Die Bürgermeister mehrerer Städte forderten ebenfalls, das ganze Land müsse sich in der Flüchtlingskrise großzügiger zeigen.

Gut 24 Stunden sind vergangen seit Aylan Kurdis Tod die Schlagzeilen auf der ganzen Welt bestimmte. Die Diskussion, wie das Land in dieser Situation helfen kann, hat in Kanada jedoch gerade erst begonnen.

Der Kolumnist Scott Gilmore, der häufig für das Maclean's Magazine über die humanitäre Krise in Syrien berichtet, befürwortet, dass die Kanadier weiterhin Druck auf die Regierung ausüben sollten, mehr zu tun und argumentiert, dass der aktuelle Wahlkampf die Möglichkeit bietet, wirklich etwas zu verändern:

Die kanadische Politik denkt oft in kleinen Maßstäben. In der Flüchtlingskrise müssen wir groß denken.

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