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Gelingt Facebook die Vernetzung der nächsten Milliarde?

Printwerbung für Free Basics in Indien aus dem Jahr 2015. Die Bilder wurden über soziale Medien weit verbreitet.

2015 entwickelte Facebook ein Konzept, um mit Hilfe der mobilen App „Free Basics“ dazu beizutragen, die digitale Kluft in Entwicklungsländern zu überbrücken.

Das Free Basics-Programm hat es sich zum Ziel gemacht, diese digitale Kluft zu überwinden, indem es eine Art „Zufahrts-Rampe“ zum Internet schafft. Dies soll mittels einer geschlossenen, mobilen Plattform geschehen, die den Nutzerinnen und Nutzern freien Zugang zu einer Handvoll Onlinediensten bietet wie beispielsweise Accu Weather, BBC News und Wikipedia.

Die App ist jetzt in 63 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika aktiv. Dadurch trägt Free Basics zum Aufstieg von Facebook bei, die beliebteste und mächtigste soziale Plattform der Erde zu werden. Dreizehn Jahre nachdem Facebook online gegangen ist verfügt es nun über zwei Milliarden monatlich aktive Nutzerinnen und Nutzer – mehr Personen als die Gesamtbevölkerung von China. Das Unternehmen hat in den letzten zwei Jahren besonders hart daran gearbeitet, seine Produkte in Entwicklungsländern beliebt und leicht nutzbar zu machen. Free Basics ist ein wesentlicher Teil dieser Strategie.

Die folgende Karte zeigt, in welchen Ländern Free Basics genutzt werden kann.

Auf der Website mit der Facebook die App bewirbt, nennt das Unternehmen einen ihrer Beweggründe: „[Dadurch, dass wir] Personen mit den Vorteilen des Internets vertraut machen“ werden sie dabei helfen, die Kosten mobiler Daten zu rechtfertigen, dadurch „mehr Menschen online bringen und sie somit dabei unterstützen, ihre Leben zu verbessern“.

Doch wie gut dient diese App nun den Interessen und Bedürfnissen vor Ort?

Im Frühling 2017 machte sich eine Gruppe von Global Voices-Mitgliedern – allesamt Expertinnen und Experten für Technologie und digitale Rechte – in Kolumbien, Ghana, Kenia, Mexiko, Pakistan und den Philippinen auf den Weg, diese Frage zu beantworten. Wir führten eine Reihe von Fallstudien in diesen Ländern, in denen wir die App verwendet haben, durch und testeten sie in Bezug auf Usability (Benutzerfreundlichkeit) und Open Internet-Benchmarks (Maßstäbe für offenes Internet). Diese Maßstäbe haben wir in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten aus der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) und der Welt der Internetpolitik entwickelt. Lesen Sie den vollständigen Bericht hier (auf Englisch).

Mit dieser Studie möchten wir die öffentliche Wahrnehmung sowie das sektorspezifische Wissen im Bereich digitaler Rechte und IKT bezüglich des Nutzens von Free Basics in den Ländern, in denen die App eingesetzt wird, fördern.

Die folgende Grafik ist ein Beispiel dafür, wie Free Basics in Kenia aussieht.

Wie sieht Free Basics in Kenia aus?

1. Wenn man sich bei Airtel in Kenia registriert, kann man Free Basics nutzen. Hat man keine Internetverbindung, kann man eine SIM-Karte kaufen, die die Free Basics-App automatisch auf das Smartphone lädt. Wenn man über WLAN oder eine mobile Daten-Verbindung verfügt, kann man sie aus dem Google Play Store herunterladen.

2. Wenn man die App runterlädt wird einem gesagt, dass sie Zugriff auf verschiedene Arten von Informationen auf dem Smartphone benötigt. Um fortzufahren muss man diesen Bedingungen zustimmen. Ist die App bereits auf dem Smartphone vorinstalliert, erscheint dieser Bildschirm mit der Zustimmungsanfrage nicht.

3. Öffnet man die App das erste Mal, wird man dazu eingeladen, umsonst beliebte Webseiten zu besuchen. Es wird einem mitgeteilt, dass man durch die Nutzung der Free Basics-App den standardisierten Bedingungen von Facebook, seinen Richtlinien zu Daten und Cookies sowie dem Erhalt von SMS-Benachrichtigungen durch Facebook zustimmt.

4. Die Haupt-Navigationsoberfläche der App stellt eine Liste ausgewählter und kostenfreier Dienstleistungen dar, auf die Nutzerinnen und Nutzer zugreifen können. Sie beginnt mit Facebook. Die weiteren Optionen sind alphabetisch geordnet.

5. Möchte man die App auf Swahili nutzen, wird einem eine identische Oberfläche auf Swahili geboten.

6. Aber nur sehr wenige kostenlose Dienstleistungen sind auf Swahili verfügbar.

7. Free Basics priorisiert Dienstleistungen anhand von zwei Stufen. Um auf eine vollständige Liste zuzugreifen, muss man drei kleine Punkte oben rechts auf dem Bildschirm ausfindig machen und sich dazu entscheiden, sie anzuklicken. Die Kriterien, nach denen Dienstleistungen zur höheren Stufe gehören, werden nicht spezifiziert.

8. Dieser Bildschirm enthält eine längere Liste von circa 150 Apps, die ebenfalls alphabetisch geordnet sind. Es gibt keine Erklärung dazu, warum Dienstleistungen in zwei unterschiedliche Bereiche der App aufgeteilt werden.

9. Webseiten entfernen auf Free Basics multimediale Inhalte, einschließlich Videos und Werbung.

Unsere zentralen Erkenntnisse:

  • Free Basics spricht möglicherweise nicht deine Sprache: Free Basics deckt nicht die sprachlichen Bedürfnisse der Zielgruppe ab. Keine, der für unsere Studie getesteten Versionen des Programms bediente auf angemessene Weise die sprachlichen Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung. In Ländern, in denen äußerst viele Sprachen gesprochen werden, einschließlich Pakistan und den Philippinen, wird die App in nur einer lokalen Sprache angeboten.
  • Free Basics bietet nur wenig lokale Inhalte, dafür aber reichlich Unternehmensdienstleistungen aus den USA und dem Vereinigten Königreich. Free Basics beinhaltet eine relativ geringe Menge an Inhalten, die für örtliche Themen und Bedürfnisse relevant sind und es hapert an Seiten öffentlicher Dienstleistungen sowie unabhängiger Nachrichtenquellen. Außerdem beinhaltet es keine E-Mail-Plattform.
  • Free Basics verbindet dich nicht mit dem globalen Internet – aber es sammelt deine Daten: Facebook erfasst bestimmte Datenströme der Nutzungsmetadaten von allen Aktivitäten der Nutzerinnen und Nutzer bei Free Basics, und zwar nicht nur die Daten derjenigen, die mit Facebook eingeloggt sind. Das Unternehmen erfasst Informationen dazu, auf welche Drittseiten Free Basic-Nutzerinnen und -Nutzer zugreifen, wann und für wie lang.
  • Free Basics verletzt Prinzipien der Netzneutralität: Es erlaubt Nutzerinnen und Nutzern nicht, im offenen Internet zu surfen. Es bietet Zugang zu einer kleinen Menge von Dienstleistungen und priorisiert die Facebook-App, indem es Nutzerinnen und Nutzer aktiv dazu auffordert, sich für den Service anzumelden und einzuloggen. Free Basics unterteilt Drittanbieter zudem in zwei Gruppen und gibt bestimmten Informationen eine größere Sichtbarkeit (Visibility) als anderen.
  • Ein wenig Internet ist besser als gar keins – aber nicht zu den Bedingungen von Facebook: Die Ergebnisse dieser Studie von Global Voices deuten darauf hin, dass der Großteil der Inhalte, die über Free Basics angeboten werden, nicht die dringendsten Bedürfnisse derer decken werden, die nicht online sind. Und sie deuten darauf hin, dass die Einschränkungen hinsichtlich der Daten und Inhalte, die mit Free Basics einhergehen, größtenteils künstlicher Natur sind und vorwiegend zum Ziel haben, profitable Daten der Nutzerinnen und Nutzer zu erfassen.

 

Über die Studie

Wir haben Free Basics anhand von Maßstäben beurteilt, die wir kollektiv entwickelt haben. Sie beziehen sich auf die Usability (Benutzerfreundlichkeit), die Qualität der Verbindung, die Sprache und Barrierefreiheit, sowie die Inhalte und Datenschutz-/Datenbestimmungen. Alle Forscherinnen und Forscher nutzten und bewerteten die App in dem jeweiligen Heimatland und schrieben eine kurze Fallstudie, in der die Ergebnisse zusammengefasst wurden.

Der Gesamtforschungsbericht gibt unsere kollektiven Ergebnisse und Analysen wieder. Zu den Anhängen des Berichts gehören die Ausformulierung unserer Methode, einen Auszug aus Liste der Drittdienstleistungen, die über Free Basics angeboten werden und eine Sammlung von Screenshots jeder Version der App. Wir ermutigen neugierige Leserinnen und Leser sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, all diese Materialien zu untersuchen und sie für eigene Studien oder Analysen zu nutzen.

Gesamtbericht auf Englisch [PDF]

Fallstudie Kolumbien auf Englisch [PDF]

Fallstudie Ghana auf Englisch [PDF]

Fallstudie Kenia auf Englisch [PDF]

Fallstudie Mexiko auf Englisch [PDF]

Fallstudie Pakistan auf Englisch [PDF]

Fallstudie Philippinen auf Englisch [PDF]

Anhang 1: Beschreibung der Methoden auf Englisch [PDF]

Anhang 2: Liste der Free Basics Dienstleistungen auf Englisch [Google drive]

Anhang 3: Screenshots [Google drive]

 

Forschungsteam

  • Kofi Yeboah ist ein ghanaischer Blogger mit einem tiefgreifenden Interesse an Internetfreiheit. Kofi wirkt aktiv an Global Voices mit und koordinierte diese Studie zu Free Basics im Projekt Real Life. Er arbeitet zurzeit als Kommunikationsverantwortlicher bei Population Services International, Ghana.
  • Monica Paola Bonilla ist Sprachwissenschaftlerin und arbeitet seit 2015 mit Global Voices zusammen. Sie hat in Projekten gearbeitet, in denen einheimische Sprachen in Kolumbien, Mexiko, Ecuador und Peru dokumentiert und Software lokalisiert werden. Sie interessiert sich für angewandte Sprachwissenschaften, Vermittlung digitaler Kompetenzen, digitale Inklusion, freie Software, Informatik und einheimische Sprachen. Sie ist Mozilla-Vertreterin für Kolumbien, leitet einen Mozilla Native Club und engagiert sich für einen offenes und verfügbares Netz für alle.


  • Mahnoor Jalil ist Praktikantin bei Mindmap Communications. Sie arbeitet mit Karachi Youth Productions und hat an mehr als zwölf Model United Nations-Konferenzen teilgenommen. Sie freut sich darauf, in diesem Jahr ihren Bachelor in Medien anzufangen.

  • Faisal Kapadia ist Autor, Blogger und Mitgründer von Mindmap Communications, einer Agentur für digitale Medien in Pakisten und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er ist seit 2007 Autor bei Global Voices und hat einen Podcast mitproduziert, den Google Pakistan als besten in Pakistan 2010 bezeichnet hat. Er schreibt zurzeit eine wöchentliche Kolumne in der Daily Times. Faisal hat einen Bachelorabschluss in Management Information Systems und ist ein erfahrener Trainer für digitale Medien und Inhalte.

  • Mong Palatino ist Redakteur für Südostasien bei Global Voices. Er ist zudem Aktivist und lebt in Manila, den Philippinen.
  • Giovanna Salazar ist eine Internetwissenschaftlerin, die sich auf die Themen Kontrolle über Informationen und digitalen Aktivismus in Lateinamerika konzentriert. Sie hat einen Masterabschluss in Medienwissenschaften an der Universität Amsterdam und arbeitet als Verantwortliche für Advocacy und Kommunikation bei SonTusDatos.org, einer mexikanischen NGO, die sich auf Online-Datenschutz spezialisiert hat. Sie trägt zudem regelmäßig zu Global Voices Advox und den lateinamerikanischen Teams von Global Voices bei.

  • Njeri Wangari Wanjohis Tätigkeitsbereich liegt an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Medien. Als eine Vorreiterin unter den kenianischen Bloggerinnen und Bloggern betreibt sie seit mehr als zehn Jahren kenyanpoet.com und ist eine Gründungsdirektorin der Bloggers Association of Kenya (BAKE). Sie hat außerdem Gedichte veröffentlicht und ist Autorin von Mines & Mind Fields: My Spoken Words. Sie hat IKT-Hintergrund mit Spezialisierung in Systemunterstützung und hat 2014 AfroMum gegründet, eine führende Onlinepublikation für Frauen in Afrika mit einem Fokus auf Familie, Technologie und andere Themen, die Frauen betreffen. Sie schreibt für Global Voices, Mail & Guardian Africa, Kenya Monitor und The Nairobi Garage Newsletter. Njeri ist zurzeit Marketingmanagerin bei GeoPoll, einer mobilen Umfrageplattform.

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