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‘Graffitoures’ zeigen anderes Gesicht ausgegrenzter Kommunen und reflektieren über die Gewalt im “Wunderbaren Medellín”

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Blick auf Medellín von der Kommune 13 und ihren Wandbildern. Foto von Yoav Litvin, vorab veröffentlicht in Brooklin Street Art und mit Genehmigung verwendet.

Nach Jahrzehnten von Anregungen für Versöhnung und Transformation zeigt sich Medellín als ein Ort, der seine dunkle Geschichte zurückgelassen hat und sich auf dem Weg zum Aufbau einer Stadt der Inklusion und des Unternehmergeistes befindet. Große Projekte sozialer Inklusion wie die integrierten Verkehrssysteme und der Bibliothekenpark haben die Außensicht auf die Stadt verändert. Aber obwohl diese Innovationen innerhalb und außerhalb Kolumbiens ausgezeichnet und diskutiert wurden, weiten sich diese sozialen Modelle nicht auf zahlreiche Stadtteile aus, die sich jenseits von unsichtbaren Grenzen befinden, die von Angst, Unsicherheit und Gewalt gezeichnet sind.

Die Kommune 13 am Westrand der Stadt ist eine der am weitesten vom Zentrum entfernten, die Probleme durch Armut, Ausgrenzung, Diskriminierung und Unsicherheit sind offensichtlich und ebenso ist unsichtbare und sichtbare, direkte und indirekte Gewalt im Alltag der Bürger weiterhin präsent. Das “wunderbare Medellín” hat sie dem Vergessen überlassen, und das hat für Empörung gesorgt.

So berichtet es “Kábala”, ein Gemeindebeschäftigter aus der Kommune, Graffiti-Künstler, der bei Kunstaktionen mit Bürgerbeteiligung mitwirkt. Diese Äußerungen wurden um Dialog mit den Autoren des Blogs Bitácora, Urbanismo y Derecho [Logbuch, Stadtentwicklung und Recht] hinsichtlich des “Stadtrechts” ausgedrückt:

El derecho a la ciudad en la 13 no se da. No tener derecho de ciudad genera una sensación de abandono y condiciones propicias para la represión. Las consecuencias de esto, son miles de protestas, desorden público y social, muertes, atropellos y corrupción.

Die Kommune 13 erhält kein Stadtrecht. Ohne Stadtrecht entstehen ein Gefühl von Verwahrlosung und Bedingungen, die die Repression fördern. Die Folgen davon sind tausendfache Proteste, Störungen der öffentlichen und sozialen Ordnung, Tote, Gewalttätigkeiten und Korruption.

Genau die Kommune 13 war während des bewaffneten internen Konflikts eine der am meisten von Gewalt zwischen Guerrillaeinheiten, paramilitärischen Gruppen und der staatlichen Armee betroffenen, dieser Konflikt prägte die Geschichte Kolumbiens in den vergangenen 50 Jahren. Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen haben über Jahrzehnte hinweg linksextreme Guerrillaeinheiten und später rechtsextreme paramilitärische Gruppen, Drogenkartelle und kriminelle Banden gegen den Staat gekämpft. Dieser Konflikt ging durch verschiedene Phasen, in denen er immer intensiver wurde. Während einer dieser Phasen, in den 80er Jahren, wurde der Kampf in einigen Bereichen des Konflikts mit Mitteln aus dem Drogenhandel finanziert.

So wurde die Kommune 13 Zeuge verschiedener Militäroperationen, die die Kommune geprägt haben und die Teil dieses Konflikts waren. Dazu gehörte die Operation Orión, bei der die Armee und die Paramilitärs gemeinsam gegen Bereiche der Guerrilla in der Kommune 13 vorgingen. Das Portal Las 2 Orillas berichtet:

Al final de los registros, que se llevaron a cabo sin órdenes judiciales, se contaron 355 detenciones arbitrarias a las que se añadieron, según el balance oficial, 39 civiles heridos, siete desaparecidos y tres policías muertos.

Am Ende zählten die Register, die ohne gerichtliche Anordnungen geführt wurden, 355 willkürliche Festnahmen, zu diesen kamen nach offizieller Bilanz 39 verletzte Zivilpersonen, sieben Vermisste und drei getötete Polizisten.

Viele waren auch Opfer von gewaltsamem Verschwinden und von willkürlicher Gewalt. So hielten die Paramilitärs die Kommune 13 in den folgenden sechs Jahren, zwischen 1998 und 2004, unter Kontrolle. Anhand der gefundenen sterblichen Überreste wird davon ausgegangen, dass während dieser Zeit der paramilitärischen Besetzung bis zu 300 Jugendliche gewaltsam verschwunden sind. Zeugen berichteten, dass die Leichen der verschwundenen Jugendlichen auf den Schuttabladeplatz von Medellín geworfen wurden, ein Gelände mit Blick auf die Kommune 13. Es wurden jedoch keinerlei offizielle Ermittlungen eröffnet.

Graffitoures berichten von den Gewalttaten und streben danach, auf kollektiver Ebene zu heilen

Aufgrund dieser Vergangenheit und der Unsichtbarkeit und des Ausschlusses des Staates entwickeln Gemeindekollektive wie die Casa Kolacho ihre Arbeit unabhängig und von unten, sie nehmen die Netzwerke in Besitz, sie fordern, repräsentiert zu werden und nehmen ihre Entwicklung und Sichtbarmachung selbst in die Hand, die ihnen bisher verwehrt wurde. Durch die Partizipation von Jugendlichen und Frauen der eigenen Kommune ermöglichen diese Initiativen das gemeinschaftliche Zusammenleben, um eine freudvollere und sicherere Zukunft aufbauen zu können. Neben anderen gemeinschaftlichen Arbeiten wird versucht, Geschichten der Kommune durch Graffiti und Wandbilder darzustellen. Zu diesem Zweck werden den Bürgern von Medellín und Ausländern Graffitoures angeboten und Geschichten der Kommune 13 aus der Perspektive der künstlerischen Aneignung von Räumen erzählt, die heute historische und politische Symbole vergangener Gewalttaten sind. Einige Wandbilder, die Teil der Touren sind, finden sich in diesem Video:

Ebenso kann man über den Twitter-Account von Casa Kolacho den Erfahrungen der Teilnehmer folgen:

Aufbau der #CiudadaniaParaLaPaz [Bürgerschaft für den Frieden], ausgehend von der Erinnerung, der Kunst und dem Widerstand.
@CasaKolacho @comunacuerdo pic.twitter.com/Fho2nWyoOh

— CataCruzB (@catacruzb) April 15, 2016

Für Kábala ist das Grafitti eine Form, die Zeiten der Gewalt in der Vergangenheit zu betrachten und die Erinnerung zu bewahren. In diesem Video, das Catherine Vieira geteilt hat, sprechen Kábala und sein Freund El Perro über ihre Sicht auf die Operation Orión und die vergangenen und gegenwärtigen Gewalttaten. Sie heben die Rolle der Kunst bei der kollektiven Erinnerung hervor und die verschiedenen Arten, in denen die Erinnerung gemeinschaftlich wiederhergestellt werden kann:

El grafiti en la Comuna 13 está haciendo memoria, está contando una historia; y cuenta que no queremos que esos dirigentes que juegan a la guerra estén otra vez, que tienen la guerra como un negocio, que no podemos caer en esa misma historia. Este graffiti es para eso, para hacer memoria y reconocer lo que paso durante esa época entre el 98 y 2004.

Es [también] decirle a la gente que no somos ajenos a lo que pasa acá, y en nosotros está la tarea de decirles a los jóvenes, a los nuevos líderes, que nos tenemos que pensar esta comuna de otra forma.

Das Graffiti schafft in der Kommune 13 Erinnerung, es erzählt eine Geschichte; und es erzählt, dass wir nicht wollen, dass diese Machthaber, die Krieg spielen, erneut herrschen, für sie ist der Krieg ein Geschäft, wir können dasselbe nicht noch einmal durchleben. Dieses Graffiti ist dazu da, zu erinnern und anzuerkennen, was in dieser Zeit zwischen 1998 und 2004 geschehen ist.

Es bedeutet [auch], den Menschen zu sagen, dass uns das, was hier geschehen ist, nicht fremd ist, und dass uns die Aufgabe zukommt, den Jugendlichen zu sagen, den neuen Führungskräften, dass wir uns diese Kommune auf andere Weise vorstellen müssen.

Obwohl die Gewalttaten trotz allem weitergehen:

Hoy por hoy la comuna 13 es el lugar en Latinoamérica más militarizado. La violencia aquí sigue, solo se transformó el tipo de violencia. Ya no es una violencia de una guerrilla, de política. Es una violencia de [pandillas], de drogas, de plata, de peleas de territorio. La violencia continúa como continúa la violencia en El Poblado, en Castilla; contra mujeres, contra niños, donde no hay educación. Es una enfermedad social […] Contamos esta historia con mucha tristeza, pero hay que tenerla en la memoria. La memoria jamás se puede perder porque cuando voz perdés la memoria tendés a repetir lo que se hizo.

Heutzutage ist die Kommune 13 der am meisten militarisierte Ort Lateinamerikas. Die Gewalt geht hier weiter, es hat sich nur die Art von Gewalt geändert. Es ist keine Guerrilla-Gewalt mehr, keine Gewalt der Politik. Es ist eine Gewalt von [Banden], um Drogen, um Geld, um Territorien. Die Gewalt geht weiter, so wie die Gewalt in El Poblado, in Castilla weitergeht; gegen Frauen, gegen Kinder, wo es keine Bildung gibt. Es ist eine soziale Krankheit […] Wir erzählen diese Geschichte mit großer Traurigkeit, aber wir müssen sie in der Erinnerung behalten. Die Erinnerung darf nie verloren gehen, denn wenn du sie verlierst, ist es wahrscheinlich, dass du wiederholst, was geschehen ist.

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