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Russlands undenkbare Hacker-Gruppe

Who is backing Russia's newest "hacker" group? Who's the intended audience for their activity? Images mixed by author.

Wer steht hinter Russlands neuester “Hacker”-Gruppe, die sich “Humpty Dumpty” nennnt? Welches Publikum wollen sie mit ihren Aktivitäten erreichen? Fotomontage des Autors.

Alle Links in diesem Artikel führen, soweit nicht anders gekennzeichnet, zu russischsprachigen Webseiten.

In Russland gibt es Internetaktivisten, die kompromittierende Informationen aus der Politik verbreiten, die eigentlich niemand zu Gesicht bekommen sollte. In den vergangenen sechs Monaten hat diese Gruppe, die sich selbst “Anonymous International” nennt und auch als “Shaltay-Boltay” (Übersetzung: Humpty-Dumpty) bekannt ist, interne Memoranden der Regierung veröffentlicht, Email-Archive gehackt und der Öffentlichkeit nur für den “internen Dienstgebrauch” bestimmte Analysen über Rivalitäten innerhalb des Kremls zugänglich gemacht. Seit dem 4. Dezember 2013 hat Shaltay-Boltay auch ein Twitter-Profil. Acht Tage später ist ein Blog gestartet worden, am 20. Jahrestag der russischen Verfassung. Am 31. Dezember gab es die erste Publikation der Gruppe. Anonymous International brachte eine wörtliche Abschrift von Wladimir Putins Neujahrsansprache. Stunden, bevor er sie tatsächlich hielt. 

Shaltays Arbeit, die in Russland zwar eine kleine, aber wachsende Leserschaft hat, fand sich Anfang des Monats sogar in den westlichen Medien wieder, als die Gruppe Emails publik machte, die eine im September 2013 bei Nowaja Gaseta erschienene Enthüllungsgeschichte bestätigen, in der behauptet wird, dass ein regierungstreuer Geschäftsmann eine “Troll-Armee” [en] zusammenstellt, um die Kommentarbereiche englischsprachiger Nachrichtenportale zuzumüllen. 

In Shaltays Blog gibt es eine Menge interessanter Sachen. Man liest die Anweisungen [Global Voices Bericht auf Englisch] des Kremls an russische Fernsehstationen, die vorschreiben, wie über die Annektion der Krim zu berichten ist. Außerdem geht man die privaten Emails des Separatistenführers in der Ostukraine durch und liest eine 180 Seiten umfassende kremlologische Analyse der Machtkämpfe zwischen den einflussreichen “Wehrtürmen” der russischen Regierung. Alles das und noch viel mehr ist auf ihrer Webseite zu finden. [Als Kremlologie sind in der Sowjetunion die Interpretationen der meist undurchsichtigen Vorgänge und Machtkämpfe innerhalb der kommunistischen Führungsspitze bezeichnet worden].

Aber wer sind die Leute hinter Anonymous International? Die Verwirrung über die Identität dieser Leute ist so elementar, dass sich die Journalisten nicht einmal darüber einigen können, wie man diese Aktivisten charakterisieren sollte. Die Gruppe verbreitet als geheim eingestufte Dokumente, einschließlich gestohlener Email-Archive. Die Journalisten wetteifern darin, Shaltay als “Hacker”-Kollektiv abzustempeln. Zweifellos hat irgendjemand diese Emailkonten gehackt. Daraus wird geschlossen, dass diejenigen, die diese Daten veröffentlichen, auch für den Diebstahl verantwortlich sein müssen. 

Dagegen erzählen die Repräsentanten von Shaltay in ihren Interviews mit Medienvertretern, dass sie gar keine richtigen Hacker seien. “Wir sind keine Hacker” bestätigte am 9. Juni ein Mitglied dieser Gruppe gegenüber Wladimir Dergaschew. “Die meisten unserer Aktivitäten haben keinen technischen Charakter”, verdeutlichte der Interviewpartner. Einige Tage zuvor erklärte ein anderer Sprecher von Shaltay im Gespräch mit Max Seddon von BuzzFeed, dass die Gruppe sich keineswegs aus Leuten zusammensetze, die man “im klassischen Sinne als Hacker” bezeichnen würde.

Wenn Shaltay dieses Material nicht durch Einbrüche in die digitalen Schatzkammern des Kremls erhält, gibt es nur eine Alternative: Jemand händigt ihnen die Unterlagen aus. Mit anderen Worten: Anonymous International kanalisiert undichte Stellen bei Leuten, die mit diesen Themen zu tun haben. In der Tat gehen die Vertreter von Shaltay recht offen damit um, wenn sie andeuten, dass die Informanten der Gruppe auf den mittleren Ebenen angesiedelte Hinweisgeber sind, die über den Politikwechsel in Putins dritter Amtszeit verärgert seien. “Beim größten Teil unserer Dokumente sind es ‘die Guten’, die uns informieren”, meinte ein Mitglied von Shaltay gegenüber Ilja Schepelin von Slon.ru und fügte an, dass es dort in der Regierung alle Arten von “Saboteuren” gäbe.

Solange das Shaltay-Kollektiv unerkannt bleibt, werden die Russen sich weiterhin “den Kopf zerbrechen und Vermutungen austauschen”, sagt der Journalist Alexander Morosow. Einige haben durch die Feststellung, welches Regierungsmitglied zum Zeitpunkt der Veröffentlichung geheimer Informationen abwesend war, herauszufinden versucht, wer die Gruppe unterstützt. Ilja Schepelin von Slon.ru beschuldigt Shaltay beispielsweise, Putins stellvertretenden Stabschef, Alexej Gromow, zu ignorieren. Andere haben Email-Lecks des Jahres 2012 in Erinnerung gerufen, als anonyme Hacker kompromittierende Korrespondenzen von Funktionären der Jugendorganisation des Kremls offenlegten. Diese undichte Stelle wird jetzt als Teil einer koordinierten Kampagne von Wiascheslaw Woloding gegen Wladislaw Surkow betrachtet, als um den Posten des stellvertretenden Stabschefs im Kreml gekämpft worden ist. 

Oleg Kaschin, 15. Mai 2014, Facebook.

Der Journalist Oleg Kaschin empfiehlt, in allernächster Zukunft ganz genau zu beobachten, welche Veränderungen es im Regierungsapparat gibt. Es gelte herauszufinden, wer von den durch Shaltay genutzten undichten Stellen profitiert und wem sie schaden würden. “Ich denke, der ganze Markt für die technische Ausrüstung von Hackern ist entweder mit den Geheimdiensten oder der Präsidialadministration eng verbunden”, sagte Kaschin gegenüber Wladimir Dergaschew.  “Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es dort einen Haufen Robin Hoods gibt, die aus Spaß oder im Namen Gottes anderer Leute Emails ausschlachten”. 

Nach den fünf Dokumenten zu urteilen, die Shaltay Anfang dieser Woche zugänglich gemacht hat, nehmen die internen Grabenkämpfe in Russlands Regierung tatsächlich byzantinische Ausmaße an. Der russischen Webseite The Insider zufolge sind die im Blog von Shaltay publizierten “Informations-Analyse-Reportagen” vertrauliche Unterlagen, die im Auftrag von Sergej Iwanow erstellt worden sind, Putins Stabschef. Diese Reportagen sind eine wöchentliche Aktualisierung politischer Ereignisse, die für Russland einen gewissen Stellenwert haben. Sie enthalten eine wahre Fülle von Kommentaren und Vermutungen darüber, welche Interessengruppen oder “Wehrtürme” bei bestimmten Themen politischen Einfluss gewinnen und verlieren. Falls diese Analysen auch nur eine Spur von Wahrheit enthalten, kann man unschwer erkennen, warum es eine ziemlich heikle Angelegenheit ist, den Klüngel, der das “Hacker-Kokllektiv” unterstützt, zu identifizieren.

Anstatt sein Gehirn mit der Frage zu malträtieren, ob die Leute von Shaltay-Boltay “Robin Hoods” oder bezahlte Söldner sind, sollte man einen Moment innehalten und versuchen zu verstehen, dass diese Gruppierung etwas völlig unstrittiges erreicht hat: Sie trägt einen Namen, der in der nichts-sagenden globalisierten Umgangssprache der internationalen Hackergemeinschaft zu einer Marke geworden ist: “Anonymous International” ist einzigartig, unberechenbar und deshalb ausgesprochen russisch! 

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