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Haiti: Eine Woche nach dem Beben

Im Süden Haitis dauern die Hilfsaktionen, genau eine Woche nachdem das Land durch ein Erbeben der Stärke 7,0 erschüttert wurde, an. Während viele verzweifelte Haitianer aus der Hauptstadt Port-au-Prince flüchten und hoffen, so relative Sicherheit in anderen Städten und ländlichen Gebieten zu finden, und eine wachsende Zahl von Rettungshelfern und ausländischen Truppen ankommt, berichten Blogger und Twitter-User weiterhin über die Entwicklungen vor Ort, starten Appelle für Katastrophenhilfe und kommentieren die Reaktionen der Regierung sowie die internationalen Reaktionen auf die Krise.

Eine Handvoll häufiger Twitter-User waren in den vergangenen Wochen eine unvergleichlich wertvolle Informationsquelle. Musiker und Hotelier Richard Morse, der als @RAMhaiti tweetet, hatte heute einiges zur Geschwindigkeit und Effektivität der Hilfsaktionen zu sagen:

Kommt die Hilfe wirklich bei den Menschen an? Wir suchen nach Überlebenden.. „Hab ihr Nahrungsmittel mitgebracht?“ Kann man jemandem, der Hunger hat, vorwerfen, dass er plündert?

Ich habe nicht das Gefühl, dass es einen Plan gibt… Ich hoffe, „das Planungskomitee“ besteht nicht aus den „gleichen alten Leuten“.. mal dies, mal das gemacht.

Keine Ahnung, wer diese nächste Phase leiten soll. Es sollte sich besser etwas ändern. Findet besser heraus, wie Nahrungsmittel und Wasser schnell herangeschafft werden können

Er warnte:

Ein hungriger Mann ist ein wütender Mann, ein hungriger Mob ist ein wütender Mob.

Einer meiner Mitarbeiter ist seit Dienstag hier und arbeitet Tag und Nacht..ist vor 10 Minuten gegangen..ist gerade zurückgekommen. „Die Straßen sind nicht sicher… Diebe“

Aber er hat es doch geschafft, einen Witz zu machen:

Trotz dieses Erdbebentraumas bekomme ich immer noch Spam-Mails von nigerianischen Bankern.

Der Journalist Carel Pedre (@carelpedre) ist ein weiterer fleißiger Twitterer. Am Morgen des 19. Januars überbrachte er die guten Nachrichten, dass einige Supermärkte in Petionville wieder aufgemacht hatten und schrieb eine optimistische Nachricht:

Ich liebe Haiti! Ich sehe heute Hoffnung und ein Lachen auf so vielen Gesichtern!

Der Fotograf Frederic Dupoux (@fredodupoux) rief andererseits dringend zur Hilfe in dem Gebiet Fontamara westlich des Stadtzentrums von Port-au-Prince auf:

In Fontamara 27 gibt es keine Hilfe , keine Ärzteteams und es ist auch kein Wasser in Sicht. #haiti #help #SOS

Ich habe gerade mit einem 5-jährigen Mädchen gesprochen. Ein Klotz ist ihr auf den Kopf gefallen. Es ist eine offene Wunde und es ist keine Hilfe greifbar. Die Leute hier haben ihr einfach Amoxillin gegeben.

Bitte schickt Hilfe hierher.

Religiöse Helfer sind unter den Bloggern vor Ort, die am regelmäßigsten bloggen. Troy Livesay gab am 19. Januar nachmittags einen Statusbericht aus Port-au-Prince über die Ad-hoc-Klinik, die seine Organisation Heartline Ministries aufgebaut hat, ab:

Wir sind zu einem Krankenhaus geworden, in dem viele Patienten nicht behandelt und dann entlassen werden können. Ich habe vielleicht nicht die genau Zahl, aber ich glaube, wir haben im Moment 14 [Patienten]. Wir nehmen es hin….

Über Twitter (@troylivesay) gibt er Nachrichten aus der Stadt Leogane weiter, die sich nahe des Epizentrums des Bebens befindet:

Augenzeuge Pastor Henri: „Im Vergleich zu Leogane ist Port-au-Prince wunderschön.“ Es muss dort wirklich sehr, sehr schlimm sein.

In Jacmel würdigt Gwen Mangine ihre Kollegen, die bei der Organisation der Verteilung von eingeflogenem Nachschub auf dem kleinen Flughafen der Stadt helfen, sie erzählt jedoch auch über eine Geschichte unerwarteter Selbstsucht in Zeiten der Krise:

Wir haben versucht, Sauerstoff für ein eingeflogenes Ärzteteam zu finden. Sie brauchen ihn, bevor sie ihre Tätigkeit aufnehmen können. Wir fanden einen Lieferanten in Jacmel…. Er hatte Sauerstoff. Er hatte Tanks. Er gab uns die Tanks nicht. Er sagte, wenn wir im Gegentausch keine Tanks hätte, könnten wir keinen Sauerstoff bekommen. Ich sagte ihm, dass wir ihn für Operationen bräuchten. Er meinte, wir sollten uns besser ein paar Tanks besorgen. Ich sagte, ich würde ihm zahlen, was immer er verlangte. Alles. Frag einfach und ich werde zahlen. Er weigerte sich. Ich sagte ihm, dass Menschen STERBEN, weil sie operiert werden müssen und wir die Operationen nicht ohne Sauerstoff durchführen können. Er sagte, das sei ihm egal. Ich fragte ihn noch einmal: „Sie wollen also wirklich, dass die Menschen sterben, anstatt mir die Tanks zu geben?“ Er sagte: „Ja.“

In der Zwischenzeit war die kanadische Helferin Ellen in Haiti im ländlichen Dorf Fond des Blancs weit vom schlimmsten Krisengebiet entfernt, äußerte sich jedoch betroffen und besorgt darüber, wie viele Haitianer den Welleneffekt der Katastrophe zu spüren bekamen:

…wir sehen nicht viel des körperlichen Leidens, es ist aber trotzdem schwierig.  Die Geschichten sind hart.  Jeder, den ich kenne, hat enge Verwandte verloren. Fred, ein Uniabsolvent, der vor Kurzem in St. Boniface ein Praktikum gemacht hatte, tauchte gestern auf.  Er hat zwei Brüder verloren sowie alles, was er besaß.  Er konnte nirgends anders hingehen….

Mit der Zeit realisiert man, wie stark sich die Dinge verändert haben. Die ganze Welt ist anders.  Alle Pläne, die man hier für die Zukunft hatte, haben sich geändert.  Die Menschen haben Hoffnung, aber sie merken, dass selbst die kleinsten Dinge vielleicht nie eintreten werden oder für immer auf Eis gelegt werden müssen.

In Les Cayes veröffentlichte Pwoje Espwa Fotos von verstopften Straßen, verursacht durch Menschen, die aus der Hauptstadt fliehen:

Menschen aus Port-au-Prince kommen an und viele versuchen, hinaus in die Provinzen zu gelangen, wo sie Familie haben…. Etwas Gas und Arzneimittel sind in die Stadt gelangt, was die Krise etwas entschärft hat. Es wird noch viel mehr gebraucht, weshalb wir hoffen, dass was wir im Internet über die Versorgung der ländlichen Regionen lesen, eintreten wird.

Auf dem Blog der Organisation Konbit Pou Ayiti wurden heute Berichte über mehrere Gebiete des Landes veröffentlicht. Die zivile Gesellschaftsgruppe KOFAVIV, eine Kommission von weiblichen Opfern für Opfer, gab einen Bericht über die Bedingungen in Chanmas, einem Stadtteil von Port-au-Prince, ab:

…viele Frauen schlafen in Chanmas unter schlechten Bedingungen, in der feuchten Nachtluft, wo die Sonne auf sie herunterbrennt, sie vom Regen nass werden, wo feuchte Luft sie trifft. Wir können sagen, dass viele von ihnen einen Großteil ihrer Familie verloren haben. Viele von ihnen haben auch vorher nichts besessen, jetzt bringt sie der Hunger fast um.

Konbit Pou Ayiti veröffentlichte außerdem den Bericht eines Mitarbeiters von SOIL (Sustainable Organic Integrated Livelihoods), der einen Einblick in die Situation in Champs de Mars gab, einem Stadtpark, in dem viele Obdachlose Schutz suchen:

…unter den Schwärmen Heimatloser herrscht Ruhe und Solidarität. Wir haben uns einen Weg durch das Camp gebahnt und nach Verletzten gefragt, die ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Obwohl uns alle erzählten, dass wir dabei von den Menschen angepöbelt werden würden, war ich überrascht darüber, wie die Menschen uns an ihre Nachbarn verwiesen, wenn wir ans Zelt kamen, und uns zu denen führten, die am meisten litten. Wir haben fünf schwer verletzte Personen mitgenommen….

In Jacmel veröffentlichen Studenten des Ciné Institute weiterhin Videos aus ihrer Stadt auf dem Blog des Instituts. Heute war es ein Bericht (von Lesly Decembre) aus einem provisorischen Flüchtlingslager und Bildmaterial des Erste-Hilfe-Schiffs, das im Hafen von Jacmel angekommen ist.

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