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In Paraguay werden viele Mädchen zu Sklavinnen, um eine Ausbildung zu erhalten

Tina Alvarenga war als Kind eine Criadita. Jetzt besucht sie das Haus, in dem sie jahrelang arbeitete. Heute kämpft Tina für die Rechte von Kindern und sammelt Zeugenaussagen anderer Criaditas, die genau wie sie Opfer von Missbrauch und Diskriminierung wurden. Foto von Cecilia Rojas. Verwendung mit freundlicher Genehmigung von Kurtural.

Der folgende Artikel ist die gekürzte Fassung eines Berichts von Kurtural, der von Global Voices mit freundlicher Genehmigung der Autoren veröffentlicht wird. Der Artikel ist Teil einer Serie mit dem Titel „Vacas que vuelan, escuelas que caen“ („Fliegende Kühe, verfallende Schulen“), die von Global Voices Lateinamerika bearbeitet und wiederveröffentlicht wird. 

Tina Alvarenga lebte acht Jahre in einem Haushalt, in dem sie nicht gemeinsam mit der Familie, die dort lebte, essen durfte. Kurz vor ihrem Studienabschluss an der Universität kehrte sie noch einmal in das Haus zurück und hörte, wie die Besitzerin des Hauses voller Stolz über sie sprach. „Sie ist wie eine Tochter für uns. Die, aus der etwas geworden ist“, sagte sie. Aber Tina Alvarenga wurde in diesem Haus nie wie eine Tochter behandelt. Als sie zehn Jahre alt wurde, fing sie an, als Criadita für die Familie zu arbeiten. Als Criaditas bezeichnet man in Paraguay die mehr als 46.000 Jungen und Mädchen, die gezwungen sind, zu arbeiten, um zur Schule gehen zu können. 

Das Geschäft ist ganz einfach: eine große Familie mit wenig Geld übergibt ihren minderjährigen Sohn oder ihre minderjährige Tochter an eine andere, reichere Familie. Im Tausch erhält das Kind Essen, eine Ausbildung und ein Dach über dem Kopf. Was dabei jedoch nicht erwähnt wird, ist, dass die Kinder dafür unzählige Tage Hausarbeit leisten müssen, die niemals bezahlt wird und Opfer von Missbrauch und Misshandlungen werden können – und all das im Rahmen eines Vertrags, den man nicht aufheben kann. Diese als Criadazgo bezeichnete Praxis ist in Paraguay aufgrund der Beteiligung und Akzeptanz durch große Teile der Gesellschaft und trotz zahlreicher Beschwerden von Menschenrechtsorganisationen weit verbreitet. 

Nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitete Alvarenga einige Jahre für eine Organisation, die für die Rechte der Jungen und Mädchen kämpft. Dabei sprach sie mit Criaditas – vor allem junge Mädchen sind von der Praxis des Criadazgo betroffen – sammelte Zeugenaussagen, recherchierte und prangerte an. Sie versuchte, die Dinge beim Namen zu nennen, denn das Gefühl der Dankbarkeit, das den Criaditas eingeimpft wird, garantiert im Allgemeinen Stillschweigen. 

„Das Criadazgo basiert auf einer doppelten Täuschung“, erklärt Alvarenga. Da ist einerseits die Familie, die ihre Tochter in dem Glauben, dass sie so ihre Ausbildung abschließen, ihre Stellung in der Gesellschaft verbessern und „etwas aus sich machen“ kann, an eine andere Familie übergibt. Auf der anderen Seite steht die Familie, die das Mädchen bei sich aufnimmt und dessen Ausbeutung mit dem Glauben rechtfertigt, dass sie jemandem eine Chance geben, der sonst keine Ausbildung bekommen würde und vielleicht sogar verhungert wäre.

Die Opfer des Criadazgo

Wenn das Mädchen misshandelt wird, wird seine Familie erst viele Jahre später davon erfahren. Manchmal erfahren sie sogar nie davon. Im Januar 2016 bekam das bisher relativ unbekannte Phänomen, das im Verborgenen in paraguayischen Haushalten stattfindet, aber ein Gesicht.

Als Carolina Marín in Caaguazú ins Krankenhaus kam, zeigte ihr Körper Spuren heftiger Schläge. Kurz darauf starb sie. Sie war 14 Jahre alt. Sie war Criadita im Haushalt des ehemaligen Militärangehörigen Tomás Ferreira und seiner Frau Ramona Melgarejo, die als Beamtin beim Einwohnermeldeamt arbeitet. Marín lebte bei ihnen in ihrem Haus in Vaquería, einem kleinen Ort mit nur 3.000 Einwohnern 250 Kilometer östlich der Hauptstadt Asunción gelegen. Ende Januar 2016 schlug Ferreira solange mit einem Stock auf Marín ein, bis sie tödliche Verletzungen erlitt. Dies sollte die letzte Bestrafung im Leben des jungen Mädchens sein. 

Einige Tage später berichteten die Medien über den Vorfall. Sie betonten dabei, dass das ermordete Kind eine Criadita war. Organisationen wie UNICEF oder Callescuela machten die tief in der paraguayischen Gesellschaft verwurzelte Praxis des Criadazgo für den Tod des Mädchens verantwortlich. Sie bezeichneten das Criadazgo als „eine moderne Form der Sklaverei“. Mehrere Dutzend Menschen kamen zu Protestkundgebungen zusammen und forderten, dass es „keine weitere Carolina“ in Paraguay geben dürfe. Der Name des Mädchens und Fotos wurden in den sozialen Medien weit verbreitet.

„In Paraguay sind mehr Kühe als Kinder registriert“, beklagte Tina Alvarenga. Ohne Papiere ist es viel einfacher, ungestraft die Rechte von Kindern zu verletzen. Ohne offizielle Dokumente ist es sehr schwierig, zu kontrollieren, unter welchen Bedingungen Jungen und Mädchen leben.

Die Nachbarn des Ehepaars und fast 60 zivilgesellschaftliche Organisationen forderten eine zügige Untersuchung des Falls. Sie wollen, dass Tomás Ferreira und Ramona Melgarejo für den Mord an dem Mädchen, das ihre Criadita war, zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt werden. Wenn der Fall vor Gericht kommt, könnte der Fall von Carolina Marín richtungsweisend sein – wenn zum ersten Mal in der Geschichte Paraguays ein Fall von Criadazgo vor Gericht kommt.

Der Alltag einer Criadita

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Die Criaditas werden nicht nur als Arbeitskräfte ausgebeutet, sie leben auch isoliert von anderen Mädchen in ihrem Alter.

Tina Alvarenga war zehn Jahre alt, als die Farbik, in der ihr Vater arbeitete, Konkurs anmelden musste und ihr Vater seine Arbeit verlor. Ihre Brüder mussten nun alle arbeiten gehen und begannen, auf der Straße oder auf dem Markt Süßigkeiten zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Sie gingen aber alle weiter zur Schule. Nur Tina wurde als Criadita in die Hauptstadt Asunción geschickt.

Im Haus ihrer Arbeitgeber arbeitete Alvarenga zwischen vier und sechs Stunden jeden Tag. Dabei musste sie sich die Zeit so einteilen, dass ihr auch noch Zeit zum Lernen blieb. Sie stand jeden Morgen gegen fünf Uhr auf und bereitete das Frühstück für ihre Arbeitgeber vor. Dann putzte sie. Jeder Wochentag war für die Reinigung und Organisation eines anderen Teils des Hauses bestimmt. Freitags zum Beispiel reinigte sie den Kühlschrank, putzte das Wohnzimmer, polierte die Möbel und desinfizierte den Boden.

Wenn die Schule zu Ende war, ging sie wieder nach Hause und hatte Zeit zum Lernen. Je eher sie mit dem Lernen fertig war, desto mehr Freizeit hatte sie. Doch auch diese Zeit war begrenzt, weil sie noch Abendessen für ihre Arbeitgeber machen musste. Alvarenga sagt, sie musste zwar nie hungern, bekam aber auch nicht unbegrenzt Essen. „Ich durfte mir mehr Bücher aus der Bibliothek des Hausherrn holen als Essen aus dem Kühlschrank“, erinnert sie sich.

Die Bibliothek war gut ausgestattet und gehörte dem Hausherrn, einem ehemaligem Militär und Sympathisanten der Partido Liberal, einer liberalen Partei, die während der Diktatur von Alfredo Stroessner, der von 1954 bis 1989 an der Macht war, zur Opposition gehörte. An einigen Abenden zwang der Hausherr Alvarenga, neben ihm zu stehen und Leitartikel aus Oppositionszeitungen wie „Sendero“ oder „El Pueblo“ zu lesen. Dabei versuchte er, sie zu überzeugen, den Berichten der offiziellen Medien über das Regime des Diktators keinen Glauben zu schenken. Er hielt sie zwar für intelligent, unterhielt sich aber nicht mit ihr. „Der Hausherr hatte jemanden gefunden, der zuhörte, während er über Politik redete“, sagt sie. 

„Sie erlaubten mir nicht oft, meine Familie zu besuchen, weil sie der Meinung waren, dass ich dort wieder ‚schlechte Angewohnheiten‘ lernen würde.“ Damit meinten sie, dass Alvarenga, die zur indigenen Gruppe der Guaraní gehört, zu Hause wieder ihre Muttersprache Guaraní sprechen würde. Ihre Herrn befürchteten, dass sie die Bildung, die sie ihr ermöglicht hatten, wieder verlieren würde, erklärt sie. Ihr war jedoch völlig klar, dass sie für alles, was sie von ihnen bekam, mit ihrer harten Arbeit bezahlt hatte. 

Auch in der Schule wurde Alvarenga diskriminiert. „Eine Sache, über die fast nie gesprochen wird, sind Mobbing und die Schikanen, denen Criaditas ausgesetzt sind, wenn sie zur Schule gehen. Weil die anderen Kinder Eltern haben, erkennen sie sofort, dass jemand, der keine Eltern hat, eine Criadita ist. Ich konnte niemanden zu mir nach Hause einladen. Ich hatte keinen Freundeskreis in der Schule oder in der Nachbarschaft. In meiner Jugend, in der Zeit, wo Freundschaften entstehen, spürte ich besonders deutlich, dass ich zu keiner Gruppe gehörte. Die Isolation war das Schlimmste von allem“, erklärt Alvarenga.

Die Gesellschaft billigt das Criadazgo

Im Januar 2015 veröffentlichte eine Frau den folgenden Text in einer Facebook-Gruppe, in der man Stellenanzeigen für Reinigungspersonal und Kindermädchen in Paraguay teilen kann. Die Administratorin der Gruppe ist Pepa Kostianovsky, eine Stadträtin im Bezirk Asunción.

Hola, necesito una compañerita para mi nena, para jugar con ella a la mañana y a la tarde. Para estudiar. Avisen por favor. Para el lunes si es posible.

Hallo! Ich suche eine kleine Gefährtin für meine kleine Tochter, die am Morgen und am Nachmittag mit ihr spielt. Zum Lernen. Bitte meldet euch. Beginn ab Montag, wenn möglich.

Die Anzeige bekam fünf „Likes“ und viele Kommentare. Eine Frau aus dem Ort Ñemby schrieb, dass sie ein elfjähriges Mädchen hätte und gab ihre Telefonnummer an. Eine andere Frau, die ebenfalls aus Ñemby kam, bot ihre 15-jährige Nichte an. „Sie mag kleine Kinder und ist sehr hübsch“, schrieb sie. Im dritten Kommentar wurde von „einem Mädchen aus dem Landesinneren, das arbeiten möchte“ geschrieben. Dann schaltete sich die Verfasserin der Anzeige noch einmal ein: 

Amigas, conseguí una, voy a ver si me funciona. Muchas gracias, aviso otra vez cualquier cosa.

Liebe Freundinnen, ich habe eine gefunden. Ich schaue mal, ob es mit ihr funktioniert. Vielen Dank, ich schreibe wieder, wenn etwas ist.

Das Geschäft war abgeschlossen. 

Im Prolog zum Bericht Criaditas, ¿hasta cuándo? (Criaditas, wie lange noch?), einer Sammlung von Zeugenaussagen ehemaliger Criaditas, schreibt Ortiz:

Im Verlauf unserer Geschichte haben wir es geschafft, Systeme wie Sklaverei, Cuñadazgo (eine Praxis aus der Frühgeschichte Paraguays, bei der die spanischen Eroberer, die Conquistadores, die Frauen der Guaraní versklavten und zu ihren “Ehefrauen” machten), las encomiendas (ein Wirtschaftssystem während der spanischen Eroberung, bei dem die spanischen Eroberer Land in Paraguay erhielten und die eingeborene Bevölkerung ihnen Tribut entrichten musste und spanischer Indoktrination unterzogen wurde) und das System des Mensú (bei dem die Arbeiter als Halb-Sklaven betrachtet werden) abzuschaffen. Deshalb ist es nicht zu rechtfertigen, dass wir immer noch bereitwillig unterstützen, dass viele Mädchen und Jungen sich in ein System der Sklaverei begeben, bei dem sie leichte Opfer für Missbrauch und Ausbeutung werden.

Die soziale Ungleichheit in Paraguay und das zur Schau stellen von Macht sind der Schlüssel zum Verständnis des Phänomens bekannt als Criadazgo.

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