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Worüber wird in den sozialen Medien Lateinamerikas gelacht?

Captura de pantalla de la entrevista hecha a Omar Rincón en el medio Nicaragüense Confidencial

Screenshot von Omar Rincón aus einem Interview für die nicaraguanische Zeitung Confidencial.

In einem Interview mit der nicaraguanischen Zeitung Confidencial erklärt der renommierte kolumbianische Medienforscher und -kritiker Omar Rincón, was einen großen Teil der lateinamerikanischen Bevölkerung im Netz zum Lachen bringt. Das Interview beleuchtet unter anderem, wie sich die generellen Inhalte, über die gelacht wird, mit der Zeit verändert haben. Außerdem wird betrachtet, wie es Memes gelang, diverse Lokalkolorite des Humors zu retten, die durch die im Netz gemachten Witze über die Grenzen einzelner Regionen hinausgetragen werden.

Rincón unterscheidet insbesondere zwischen der Art von Humor, die aus den Medien bekannt ist, und dem spontanen Humor, der in den Interaktionen der Menschen auf der Straße zur Geltung kommt. Gleichzeitig hebt er unter all diesen verschiedenen Arten den “guten Humor” hervor. Es ist die Fähigkeit, sich über sich selbst lustig zu machen. “Wer sich selbst auf den Arm nehmen kann, zeigt, dass er sich nicht allzu ernst nimmt,” so Rincón.

Rincóns Auffassung zufolge vertragen sich Humor und Macht nur schlecht miteinander, was ein Grund dafür ist, dass mehrere Staatsoberhäupter lateinamerikanischer Nationen, wie unter anderem der ehemalige Präsident Venezuelas Hugo Chávez oder der amtierende Präsident Ecuadors Rafael Correa, ihre Strategien für die Kommunikation mit der Bevölkerung auf eine Weise ausgelegt haben, die nicht auf öffentlichen Dialog ausgerichtet ist und aggressiv gegen Kritik an den politischen Führungsstilen vorgeht. Sowohl Chávez als auch Correa standen bereits im Mittelpunkt von Fernsehprogrammen, in denen sie scheinbar den Dialog mit den Menschen suchten. Letzten Endes jedoch waren es vielmehr Schauplätze von Auseinandersetzungen mit aus- sowie inländischen Regierungskritikern:

Ich glaube, das ist der Grund, warum sie die Bildschirme so sehr für sich einnehmen wollen. Zu einem guten Sinn für Humor zählt es, zur Selbstkritik fähig zu sein, und diese “Fernsehpräsidenten”, wie ich solche Politiker gerne nenne, die von Bildschirmen geradezu besessen sind, lassen überhaupt keine Form von Kritik zu […]. Humor ist die Waffe der Machtlosen, denn auf Humor finden sie keine Antwort. […] Niemand, der sich in einer Macht- oder Autoritätsposition befindet, akzeptiert Humor, im Gegenteil: er verfolgt die Urheber auf geradezu verzweifelte Art, vom Fall [der religiösen Fanatiker, die einen Anschlag auf die Satirezeitschrift] Charlie Hebdo [verübt haben,] bis hin zu Correa und [dem ehemaligen Präsidenten Kolumbiens Álvaro] Uribe, den man noch nie lächeln gesehen haben soll. […] Chávez galt allgemein als “Miesepeter”: er liebte es, sich lustig zu machen und Witze zu reißen, aber nicht über sich selbst. Dabei ist es die Grundlage des Humors, dass man auch mal über sich lachen kann. Obama kriegt das viel besser hin.

Nichtsdestotrotz gibt es, so Rincón, einige Ausnahmen unter den Politikern Lateinamerikas, die sich, obwohl sie keine Massenkommunikationsmittel für sich nutzen, in weltweit bekannte Persönlichkeiten verwandelt haben:

Ich mache einen Unterscheid zwischen den “örtlichen Königen”, die in ihren Bezirken regieren, auf globaler Ebene jedoch nichts zu sagen haben […], [und denjenigen, die sich auch international einen Namen gemacht haben…]. Der Meister des guten Humors ist [der ehemalige Präsident Uruguays José “Pepe”] Mujica. Das macht ihn zum Popstar. Mujica ist ein Kerl, der aus einem winzig kleinen Land stammt und zum globalen Popstar geworden ist; sowas kommt tatsächlich vor.

Cartoons: von den Menschen im Netz neu definiert

Die Brücken, die von den Netzwerken und ihren Nutzern geschlagen werden, reichen sogar bis hin zu traditionellen Genres wie dem Zeichentrickfilm. Dieser behandelt nicht nur aktuelle Geschehnisse in der Politik, sondern auch neue “ernst zu nehmende” Themen, zum Beispiel die Popkultur:

Die sozialen Netzwerke haben den Zeichentrick für sich entdeckt, setzen ihn jedoch sehr vielfältig ein […]. Auf Youtube werden nicht nur politische Cartoons veröffentlicht, sondern auch solche, die von der Popkultur handeln. Zu den Künstlern, die eine relativ hohe Anzahl an Abonnenten haben, zählen auch solche, die Pop-Reality-Zeichentrickfilme erstellen. Zeichentrickfilme bilden unsere Fähigkeit ab, Situationen aus dem echten Leben zu satirisieren, die wir sehr ernst nehmen. Und da wir heutzutage die Welt des Pop und des Showbiz sehr ernst nehmen, wird diese immer mehr zum Spektakel.

Memes: Eine lateinamerikanische Spezialität

Omar Rincón hält die Lateinamerikaner für sehr gut darin, Details zu erkennen: “Wir sind in der Lage, sehr schnell etwas ganz Spezifisches aus der Realität herauszugreifen. Und etwas humorvoll und ironisch Klingendes darüber zu sagen. Worin wir jedoch sehr schlecht sind, ist, dies dann argumentativ auszuführen… ein paar Absätze darüber zu schreiben.”

Zeichentrickfilme haben den Vorteil, dass sie etwas visuell darstellen können. Texte hingegen haben eine komplementäre Funktion. In Memes ist nicht das Bild das Ausschlaggebende [für den Humor], sondern der Text, die lateinamerikanische Spontaneität, die sich in diesen flotten Aussagen wiederfindet. Deshalb finden sie in Lateinamerika auch so viel Anklang.

Er setzt seine Beobachtungen mit einem Blick darauf fort, wie mündliche und schriftliche Sprache genutzt werden und wie die Menschen im Alltag Brücken bauen:

Was Memes zustande bringen, ist, die schnelle und mündliche Spontaneität der Lateinamerikaner wieder aufblühen zu lassen. Über das Foto wird irgendein Spruch gesetzt, und dieser Spruch kann funktionieren. […] Wenn zum Beispiel irgendein sportliches oder politisches Event stattfindet, ist es ganz einfach, irgendein Bild zu nehmen und einen [kurzen] Spruch darüberzusetzen, der die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den abgebildeten Gegenstand lenkt. Es ist fast schon eine Art “visuelle Mündlichkeit”: Man fängt mit dem Mündlichen an und hört mit dem Schriftlichen auf, aber letztendlich geht es darum, etwas Visuelles zu kreieren. Deshalb ist es auch so leicht, [Memes in dieser Region zu finden]: hinter den Aussagen der Menschen verbirgt sich ein unglaublicher Einfallsreichtum. Dazu gibt es eine sehr wichtige Theorie, nämlich dass Lateinamerika es sich angewöhnt hat, in seinen Texten zu sprechen. Wir drücken niemals unmittelbar das aus, was wir denken, wir benutzen dafür immer Subtexte. Dementsprechend machen Ausdrücke und Untertöne die Musik, und Memes greifen das wieder auf, weswegen es sehr einfach ist und Spaß macht, welche zu erfinden. Wann setzt sich ein Meme durch? Wenn es eine Verbindung zu den örtlichen Ironien einer jeden Region herstellen kann.

Nichtsdestotrotz gibt es auch Memes, die Stereotype thematisieren und Fragen des kulturellen Charakters nachgehen:

Die Memes, über die sich viele Menschen in Kolumbien ärgern, [hängen irgendwie] immer mit Drogen [zusammen]. Man stört sich sehr daran, aber dann kontern wir mit Memes über Pablo Escobar, unserem größten Drogenhändler […], das sagt sehr viel über die Identität Kolumbiens aus.

Den Zusammenhang zwischen dem Netz, mit seinen Memes und seinem Humor, und den traditionellen Medien charakterisiert Rincón folgendermaßen:

Memes werden berühmt, wenn sie von den Massenmedien aufgegriffen werden. Sie werden immer wichtiger, weil Printmedien und Fernsehen das sind, was dem Netz Gewicht verleiht […]. Darüber hinaus ist dies eine schnell abrufbare Informationsquelle in einer Welt, in der den Medien immer weniger Personalwesen zur Verfügung steht – was aber auch mit der Notwendigkeit des Produzierens zusammenhängt. Die Menschen wollen Informationen produzieren. Sie wollen Kommentare produzieren, eine öffentliche Meinung haben. Und die Menschen, vor allem die jungen, haben nicht die Fähigkeit, sich auf die Schnelle eine tiefgründige Meinung zu bilden. Was sie aber durchaus bilden können, ist ein Satz, der nett klingt.

Rincón geht in anderen Texten genauer auf seine Beobachtungen zum Humor und dessen Ausprägungen ein und geht mit den Kommunikationsmedien Lateinamerikas, insbesondere mit denen Kolumbiens, hart ins Gericht. Für ihn ist es der unausgeklügeltste Humor, “der die höchsten Ratings erzielt; dieser sexistische, homophobe Humor, der sich über die anderen lustig macht”:

Fest steht, dass bei dem Armutszeugnis, das unser Fernsehen abgibt, Programme mit solch einem Humor akzeptable Zuschauerzahlen vorweisen können. Wir Kolumbianer gestehen uns ein, dass wir nichts anderes können, als andere auszulachen, uns selbst zum Affen zu machen oder sexistische und rassistische Sprüche zu reißen. Wir lachen oft auf Kosten der anderen; schade, dass guter Humor solcher ist, bei dem man über sich selbst lacht.

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