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Trinidad & Tobagos digitale Spaltung erforscht (Teil 1)

Alle Links in diesem Artikel führen zu englischsprachigen Webseiten.

In der Karibik ist das Erheben von Daten schon immer ziemlich schwerfällig gewesen und ist stark von Telefonaten und Fokusgruppen abhängig. Aber seitdem mSurvey (ein aus Kenia stammendes Unternehmen für Befragungen per Mobiltelefon) in Trinidad und Tobago vertreten ist, sieht man dort das Datensammeln mit völlig anderen Augen.

Kürzlich hat das Unternehmen sein bis jetzt größtes Projekt durchgeführt. Mehr als 11.000 Menschen aus ganz Trinidad und Tobago wurden “interviewt”. Ausschließlich per Mobiltelefon und SMS, in weniger als drei Wochen. Die Umfrage erfolgte im Auftrag des Amtes für Telekommunikation von Trinidad und Tobago (TATT). Das TATT ist Trinidad und Tobagos Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Rundfunk. Es wurde versucht, die Kluft zu erklären, die sich in der Zwei-Insel-Republik auftut: Auf der einen Seite Menschen mit Zugang zu Basisdiensten der Telekommunikation und des Rundfunks und auf der anderen diejenigen ohne Grundversorgung. Um es in den Worten des Berichts zu sagen: 

Die Umfrage zur digitalen Spaltung bezieht sich im Allgemeinen auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes durch technologischen Fortschritt. Betrachtet wird die Verfügbarkeit digitaler Infrastrukturen, die Nutzung digitaler Kommunikation und wie leicht der Zugang zu den Basisdiensten der Telekommunikation ist.

Nachdem das Ausmaß der digitalen Spaltung klar wurde, wollte TATT konkrete Informationen darüber haben, welche Bevölkerungsgruppen unterversorgt sind. Um die Behörde in die Lage zu versetzen, Reichweite und Qualität der Onlinedienste zu verbessern, sollte in diese Untersuchung auch die Gruppe der Menschen mit Handicap einbezogen werden (Berichten zufolge plant TATT Infrastrukturvorhaben im Wert von 20 Millionen US-Dollar).

Eine Zusammenfassung der Umfrageergebnisse gibt es hier. Der vollständige Bericht kann hier heruntergeladen werden. 

Kristal Peters, Director of Business Development and Strategy for mSurvey's Trinidad and Tobago office.

Kristal Peters, Direktorin für Unternehmensentwicklung und Strategie bei mSurvey in Trinidad und Tobago

Global Voices interviewte Kristal Peters, Direktorin für Unternehmensentwicklung und Strategie bei mSurvey in Trinidad und Tobago. Es ging darum, mehr über die Umfrage herauszufinden und wie es zu bewerkstelligen ist, möglichst vielen Menschen im Land den Weg in die virtuelle Welt zu ebnen. Dies ist der erste Teil des Interviews, ein zweiter Beitrag folgt.

Global Voices (GV): Warum ist diese Umfrage so wichtig für TATT?

Kristal Peters (KP): Wir haben es in zweifacher Hinsicht mit einer digitalen Spaltung zu tun: 
1. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) definiert digitale Spaltung als Ungleichheit bei den Möglichkeiten des Zugangs zu Informations- und Kommunikationstechnologien sowie bei der Internetnutzung für ein breites Spektrum sozialer Aktivitäten. Diese Kluft verläuft zwischen Einzelpersonen, Haushalten, Unternehmen und geographischen Regionen. 
2. Die wissenschaftliche Definition des Begriffs der digitalen Spaltung bezieht sich auf die sozialen Ungleichheiten beim Zugang zu den Technologien sowie bei der Nutzung von Information und Kommunikation. 

Ein Teil der Lösung zur Überbrückung der digitalen Kluft besteht darin, der Allgemeinheit einen technologischen Einstieg mit den dazu gehörenden Dienstleistungen zu verschaffen – alle Bevölkerungsgruppen sollen zu einem erschwinglichen Preis Basisdienste angeboten bekommen.   

Die Regulierungsbehörde hat eine wichtige Anforderung formuliert, nämlich “allen Menschen in Trinidad und Tobago generell Zugang zur Telekommunikation zu geben und zwar in dem Maße, wie es praktikabel und vernünftig ist, um diesen Anspruch erfüllen zu können”. Damit im Einklang, hat die Behörde einen allgemeinen Leistungs- und Regulierungskatalog entworfen. Dieser Entwurf umreißt Ziele und verwaltungstechnische Strukturen, damit konkrete Maßnahmen definierbar sind, die einen möglichst großen Teil der Bevölkerung an der Telekommunikation teilhaben lassen. Die Ergebnisse der Umfrage haben Einfluss auf die Ausgestaltung dieser sich im Laufe der Zeit verändernden Ziele und Initiativen.

Der allgemeine Leistungs-und Regulierungskatalog enthält auch generelle Dienstleistungsverpflichtungen. Serviceanbieter sind aufgefordert, in Regionen, die von der Regulierungsbehörde benannt werden, Basisdienste bereitzustellen. [Diese Umfrage war auch] ein Instrument zur Lokalisierung [und zum besseren Verständnis] “unterversorgter” Bevölkerungsgruppen.

GV: Wie lassen sich die Ergebnisse dieser Umfrage zusammenfassen? Wie sieht die digitale Spaltung in der Realität von Trinidad und Tobago aus?

KP: Trinidad hat mit 140 Prozent eine hohe Durchdringung der Bevölkerung mit Mobiltelefonen, ein guter Hebel für Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien. Das Internet hat jedoch erst 45 Prozent aller Haushalte erreicht, es gibt also durchaus noch Barrieren. Zwar haben über 70 Prozent der Menschen Zugang zur Internetnutzung, aber das geschieht in einem hybriden Ecosystem aus Cafes, Mobiltelefonen, Schulen, Bibliotheken oder durch [Mehrfachnutzung] privater Anschlüsse. 

GV: Ist der Zugang zum Internet als Recht oder als Privileg zu betrachten? Und warum?

KP: Informationen bewirken Kreativität sowie Innovation und entwickeln ein besseres Verständnis. Das Internet kann praktisch als Tor zu dieser Welt verstanden werden. Anfangs war die Internetnutzung ein Privileg, jetzt entwickelt es sich jedoch zu einem Recht. Genauso, wie aus dem Privileg auf Bildung ein Recht geworden ist. Mit der Zeit hat sich das Internet untrennbar mit der Verfügbarkeit von Wissen verbunden, das in vielen Bereichen unseres Lebens wichtig ist – Bildung, Gesundheitswesen, staatliche Leistungen und einiges mehr. Ein fehlender Zugang zum Internet kann die Möglichkeiten eines Menschen – sogar die seiner Familie – durchkreuzen, private und berufliche Beziehungen aufzubauen, seine Fähigkeiten zu verbessern und sich über Beschäftigungsmöglichkeiten oder andere Marktchancen zu informieren. Kurz gesagt: Ohne das Internet als Quelle wichtiger Informationen ist man vieler Chancen beraubt, etwas aus seinem Leben zu machen.

GV: Wenn wir richtig informiert sind, hat mSurvey die TATT im Echtzeitmodus mit mehr als 720.000 Datensätzen versorgt. In Bezug auf den schieren Umfang erscheint das sehr eindrucksvoll. Kann man diesen Wust irgendwie aufgliedern?

KP: Von den im Rahmen einer Umfrage gesammelten Informationen spiegeln die Datensätze das Antwortverhalten wider. Das bedeutet: Jede Antwort auf eine bestimmte Frage ist ein Datensatz. Eine Umfrage umfasst zwischen 17 und 34 Fragen und liefert dementsprechend viele Datensätze. 24.000 Leute haben an der Umfrage zur digitalen Spaltung teilgenommen.

GV: Vor einiger Zeit hatte mSurvey die allererste Umfrage der TATT zur digitalen Spaltung abgeschlossen. Musste mSurvey für dieses neue Projekt an einer öffentlichen Ausschreibung teilnehmen? Falls dem so ist, welchen Vorteil hat mSurvey gegenüber anderen Wettbewerbern? Und wie hat sich die Lage verändert, seitdem die erste Befragung durchgeführt worden ist?

KP: Die Umfrage zur digitalen Spaltung 2013 war die erste, die von mSurvey in Trinidad und Tobago durchgeführt worden ist. mSurvey wurde dazu eingeladen, ein Angebot einzureichen und hat dann den Zuschlag für dieses Projekt erhalten. mSurvey hat ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen: Unsere Mobiltechnologie erlaubt das Datensammeln in Echtzeit. In einem kürzeren Zeitraum (unter Umständen können tausende von Personen simultan befragt werden) ist [es] weniger arbeitsintensiv (die Verteilung der Umfrage und die Auflistung der Daten sind automatisiert), einfach ökonomischer. Unsere Technologie integriert die Mobilfunk-Netzbetreiber, verbessert die Datensicherheit und erleichtert den aus mehreren Quellen stammenden Datenfluss.

Aus Sicht der Umfrageteilnehmer: Die Ergebnisse der Erhebung bleiben völlig anonym (zwischen einzelnen Personen gibt es keine Wechselbeziehungen und mSurvey wendet patentierte Algorithmen an, um Daten-Sicherheitslücken zu schließen). Erhebungen per Mobiltelefon sind flexibel (die Teilnahme kann zu jeder beliebigen Zeit und an jedem Ort erfolgen). Die Mobilfunkverbindungen sind kostenfrei (Teilnehmer bezahlen für die von ihnen gesendeten oder während der Dauer der Erhebung erhaltenen SMS keine Gebühren). Bei der Umfrage zur digitalen Spaltung erhalten die Befragten automatisch eine Gutschrift in Höhe von 10 Dollar, sobald alle Fragen vollständig beantwortet worden sind. Dies ist unabhängig davon, ob die Teilnehmer [bei ihren Mobilfunkanbietern] Prepaid-Verträge haben oder nachträgliche Abrechnungen erhalten.  

Bei mehr als 100 Prozent Durchdringung mit Mobiltelefonen hat praktisch jeder in TT ein Handy. Angesichts eines so hohen Wertes war unseres Erachtens die Zeit für eine landesweite Datenerhebung reif – die erste landesweite Umfrage per Mobiltelefon in Trinidad und Tobago und für mSurvey das erste landesweite Projekt. Im Zeitraum von 2007 (als die vorangegangene Umfrage organisiert wurde) bis 2012 (als wir den Zuschlag für das aktuelle Projekt erhielten) stieg die Anzahl der hier [im Lande] registrierten Mobiltelefone spürbar an. Zudem ist die von mSurvey bereitgestellte Plattform SMS-basiert, sodass jede Art von Mobiltelefon (sei es ein Smartphone oder ein baugleiches Telefon) als Zugang zur Umfrage benutzt werden konnte.

GV: Wie sah die aktuelle Umfrage aus? Welche Fragen wurden gestellt? Wie wurden die Informationen gesammelt und bewertet? Warum hat man sich bei mSurvey für eine mobile Datenerhebung entschieden? 

KP: [Erstens:] Bei der Festlegung der Fragen hat mSurvey mit TATT kooperiert. Für jeden Index haben wir die Indikatoren bestimmt und dann Fragen zusammengestellt, die den Index am besten abbilden. Es gab Multiple-Choice-Fragen, offene Fragen und die Möglichkeit, alle zutreffenden Antworten anzukreuzen. 

[Weiterhin] wurde eine landesweite Marketingkampagne gestartet, um die Öffentlichkeit über die Umfrage zu informieren und Hinweise zur Teilnahme zu geben. Diese Mitteilungen sind nötig, weil sich alle Teilnehmer selber anmelden müssen, indem sie das Wort “digital” per SMS an die Kurzwahl 8288 senden. Es gehört zu unserer Geschäftspolitik, nicht massenhaft Nachrichten zu versenden. Das hat seine Gründe: Wir sind nicht im Besitz von Stammdatenlisten der Mobilfunkbetreiber. Dadurch, dass wir es den interessierten Teilnehmern ermöglichen, sich verbindlich für die Umfrage zu registrieren, vermeiden wir es, sie mit zusätzlichen Textnachrichten zu belästigen. Forschungen haben ergeben, dass die Antwortrate bei spammigen Textnachrichten ziemlich niedrig ist – ungefähr zwei Prozent. Wie gerne antwortet man auf unpersönliche SMS seines Dienstanbieters? 

Sobald der Teilnehmer den Registrierungscode (digital) an die Kurzwahl (8288/TATT) gesendet hat, erhält er Zugang zur Datenerhebung, eine Willkommensnachricht und die erste Frage. Jedes Mal, wenn ein Teilnehmer seine Antwort übermittelt hat, wird automatisch analysiert, ob die Antwort valide war. Falls [nicht], würde dieselbe Frage erneut an den Teilnehmer gesendet werden, verbunden mit einem Hinweis, wie er eine gültige Antwort eingeben kann. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Anwortversuchen. Beim Überschreiten dieses Limits würde der Teilnehmer von der Erhebung ausgeschlossen werden. 

Bei den ersten fünf Fragen geht es um demografische Angaben. Dadurch wird gewährleistet, dass die Stichprobe der Befragten repräsentativ ist und der durch den letzten Zensus ermittelten Bevölkerungsverteilung entspricht. Bevor die Befragung gestartet wird, legt mSurvey regionale Kontingente für die Anzahl der nach Alter und Geschlecht aufgeteilten Befragten fest. Falls sich gleich zu Anfang der Erhebung herausstellt, dass er/sie zu einer bestimmten demografischen Gruppe in einer Region gehört, für die das Kontingent bereits erschöpft ist, kann die Befragung nicht fortgesetzt werden. [Niemand hat] die Möglichkeit, mehr als einmal an der Umfrage teilzunehmen. 

Von den 24.000 angemeldeten Menschen haben mehr als 11.000 die Umfrage abgeschlossen. [Die anderen] haben die Fragen nicht vollständig beantwortet, haben aufgehört zu antworten, sind von der Befragung ausgeschlossen worden, weil ihr demografisches Kontingent erfüllt war, oder haben die Anzahl der pro Frage erlaubten Antwortversuche überschritten.

Die anderen Fragen umfassen verschiedene Themenbereiche, wie die monatlichen Kosten des Mobilfunkvertrags, [die Qualität des] Internetzugangs (beispielsweise zu Hause, am Arbeitsplatz, bei WiFi Hotspots etc.), den Bildungsgrad und das monatliche Haushaltseinkommen. Es gab auch eine ergänzende Teilumfrage, in deren Rahmen Informationen über Menschen mit Handicap gesammelt worden sind. 

Bei schätzungsweise 140 Prozent Durchdringung mit Mobiltelefonen in Trinidad und Tobago ist das Handy allgegenwärtig und ein ideales Werkzeug zum Datensammeln. Im Vergleich zu anderen Methoden der Datenerhebung, wie stichprobenartige Fragebögen oder sogar Online-Befragungen, haben mobile Umfragen das Potenzial, wesentlich mehr Teilnehmer zu erreichen. Außerdem wird dadurch die Dauer der Befragung abgekürzt (viele Teilnehmer können zeitgleich antworten, kürzere Übertragung vom Teilnehmer zum endgültigen Empfänger der Daten), wodurch sie ökonomischer sein kann.

GV: Welche Auswirkungen hätte es, nicht über diese Informationen verfügen zu können? Wir denken an Produktivitätsfortschritte, wirtschaftliche Entwicklung und Nachhaltigkeit. 

KP: Entscheidungen mit Einfluss auf die Produktivität, die wirtschaftliche Entwicklung und die Nachhaltigkeit eines Landes werden maßgeblich von Daten bestimmt. Ohne diese Fakten, beziehungsweise ohne zuverlässige und valide Daten, können Entscheidungsprozesse zu einer großen Herausforderung werden oder sogar in die Irre führen.

 

 

Man darf sich auf Teil 2 dieses Interviews freuen. Es geht um die vier wichtigsten Ziele unserer Umfrage zur digitalen Spaltung, sowie um die Herausforderungen, die mSurvey zu Beginn des Projektes meistern musste. Und selbstverständlich reden wir über die Ergebnisse.

Im Teil 2 spricht Global Voices mit Kenfield Griffith, dem Geschäftsführer von mSurvey, der Gesellschaft, die die Befragung durchgeführt hat.

Die Veröffentlichung des in diesem Beitrag verwendeten Fotos erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Kristal Peters.

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