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Portugal: “Wir wollen unser Leben”

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

[Sofern nicht anders angegeben, führen alle Links zu portugiesischen Webseiten.]

In wenigen Stunden wird man wissen, ob es die Demonstration ‘Que se lixe a troika! Queremos as nossas vidas‘ [Pfeif auf die Troika! Wir wollen unser Leben] [de], geschafft hat, eine Menschenmenge auf die Hauptstraßen und -plätze von Portugal zu bewegen, die man lange nicht gesehen hat.

Der derzeitige Premierminister Pedro Passos Coelho gab am 7. September 2012 weitere Sparmaßnahmen [en] bekannt. Das war für eine steigende Zahl an Bürgern Grund genug, um auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Die Auswirkungen der Sparmaßnahmen sowohl auf die privaten als auch auf die öffentlichen Angestellten werden immer sichtbarer – in den Geldbörsen, auf den Bankkonten, im täglichen Leben und zum Monatsende.

Ein paar Stunden vor der Demonstration, zu der in 36 portugiesischen Städten aufgerufen wurde, überschritt die Zahl der Anhänger auf den Facebook-Event-Seiten die 100.000-Marke weit. “Eine viel höhere Zahl als die 69.000, die zur Demonstration am 12. März aufriefen, an der am Ende fast 300.000 Protestierende teilnahmen.“, wie gestern auf RTP berichtet wurde.

Zusätzlich zu den Veranstaltungen, die am portugiesischen Festland und den Inseln stattfinden werden (hier von David Ferreira auf Twitter in einer Landkarte markiert), sind auch in Barcelona, Berlin, Brüssel, London, Paris, den USA und Kanada und sogar in Fortaleza, in Brasilien Proteste geplant.

Screenshot of the countdown website O Governo Português Já Caiu? (Has Portuguese Government Fallen Already?).

Screenshot der Countdown Webseite O Governo Português Já Caiu? [Ist die portugiesische Regierung schon gestürzt?).

Soziale Medien

Auf Twitter werden schon Hashtags wie #QueSeLixeATroika und #15sPT verwendet, genau wie die üblichen #Passos, #troika und #crise. Der Hashtag #15s wird mit den Protesten der gesamten Iberischen Halbinsel geteilt, die in Spanien ebenfalls am 15. September stattfinden.

Bei den Vorbereitungen der Demonstration fehlt es in den sozialen Medien keineswegs an Kreativität, wie P3 in ihrer Gallerie der Poster zeigt oder in dem vorgeschlagenen Tumblr Trespassa o Passos zu sehen ist.

Alle Bürgerreporter können ihre Bilder in einem kürzlich eröffneten Blog teilen, dessen Ziel es ist zu zentralisieren und Fotos der Proteste zur Verfügung zu stellen. Auf O que diz a rua [Was die Straße erzählt] kann das Material entweder über Twitter (@fotosdamanif) oder per Mail (an die Adresse “fotosdamanif”@sapo.pt oder gmail.com) eingereicht werden.

Es gibt Videos, die auf dem Youtube-Kanal der Organisatoren der Demonstration (queselixeatroika) zu sehen sind, als auch ein Video des Flashmobs am Abend des 15. Septembers vor dem IWF-Gebäude.

Die Videos rufen zur Mobilisierung auf, zeigen die Sparmaßnahmen und die aktuelle Finanzsituation des Landes auf und versuchen einige „Mythen und Antimythen der Troika“ aufzuklären, wie das folgende Video Destroika:

“Zur Zeit verschlechtern alle von der Regierung auferlegten Sparmaßnahmen unser wirtschaftliche Situation“, glauben die Macher des Videos Basta Porra Basta [Genug, zur Hölle, genug]. Im Video wird der IWF als „normale Bank, [die] ihre Dividenden ohne Einspruch und Beschwerden verlangt“ beschrieben und als Bank, „der es egal ist, ob die Menschen hungrig sind oder nicht“, während „unsere Politiker, die an der Brust der Freimaurer und politischen Parteien herangezogen wurden, mit allem, was diese Geier verlangen, einverstanden sind und uns Sparmaßnahmen aufdrängen“.

Dieses Video präsentiert mit einer Spur Sarkasmus „zwei Wege, um die ‘Krise’ ein für alle Mal zu lösen”:

1ª Solução – Pressionar a Europa a criar urgentemente uma confederação de estados Europeus, com uma única legislação e mercado único apoiado directamente pelo BCE e governado a partir de Bruxelas. (…) E Portugal relega-se para uma posição de colônia balnear da Europa e prestador de serviços a nível Europeu, delegando o sector primário aos outros estados Europeus.

2ª Solução – Revolução e Independência da Nação Portuguesa! Todos os políticos e deputados actuais dos partidos do PS/PSD/CDS serão extraditados para um país da CPLP a ser designado. Entramos em incumprimento e saímos da União Europeia, ninguém paga mais um tostão da dívida. Voltamos ao Escudo e irá ser redigida uma nova constituição baseada no mérito e na igualdade de oportunidades entre cidadãos.

1. Lösung – Europa dazu drängen, schnell einen Bund aus europäischen Staaten zu bilden, der eine einzige Marktlegislation besitzt, direkt von der EZB unterstützt wird und von Brüssel aus regiert wird. (…) Und Portugal in eine Position als europäische Kolonie am Meer und Dienstleister auf europäischer Ebene verbannen, während der Primärsektor den anderen europäischen Staaten übertragen wird.

2. Lösung – Revolution und Unabhängigkeit der portugiesischen Nation! Alle politischen Parteien und Mitglieder der derzeitigen PS/PSD/CDS werden in einen noch zu ernennenden CPLP-Staat [Gemeinschaft der Staaten mit portugiesischer Sprache, eine subtile Kritik an der Empfehlung des Premierministers vom letzten Januar an die Jugend, auszuwandern] überstellt. Wir erklären uns für zahlungsunfähig und wir verlassen die EU, niemand wird mehr auch nur einen Cent für die Schulden bezahlen. Wir führen den Escudo wieder ein und eine neue Verfassung wird entworfen, basierend auf Verdienst und Chancengleichheit für alle.

Gehst du auf die Straße?

Die Gesamtzahl” der öffentlichen Konten (zusammengefasst in einer Tabelle und im Blog Blasfémias veröffentlicht) und die Maßnahmen, um sie zu decken, verärgern einen immer größeren Teil der Bevölkerung. Ein Brief des 80-jährigen Schriftstellers und Essayisten Eugenio Lisboa, gerichtet an den Premierminister und wiedergegeben in dem Blog von Eduardo Pitta, besagt:

Falei da velhice porque é o pelouro que, de momento, tenho mais à mão. Mas o sofrimento devastador, que o fundamentalismo ideológico de V. Exa. está desencadear pelo país fora, afecta muito mais do que a fatia dos velhos e reformados. Jovens sem emprego e sem futuro à vista, homens e mulheres de todas as idades e de todos os caminhos da vida — tudo é queimado no altar ideológico onde arde a chama de um dogma cego à fria realidade dos factos e dos resultados.

Ich habe vom Alter gesprochen, denn es ist der Bereich, den ich zur Zeit am schnellsten bei der Hand habe. Aber das zerstörerische Leiden, das der ideologischer Fundamentalismus Eurer Exzellenz im gesamten Land auslöst, betrifft viel mehr als den alten und pensionierten Anteil der Bevölkerung. Junge Menschen ohne Jobs und ohne Zukunft in Sicht, Männer und Frauen jeden Alters und mit allen möglichen Lebensgeschichten – alles wird auf einem ideologischen Altar verbrannt, auf dem die Flammen eines blinden Dogmas angesichts der kalten Realität aus Fakten und Ergebnissen lodern.

Die Frage ist, wie viele wirklich auf die Straßen gehen werden, an einem Sommernachmittag, an dem der Thermometer 30 ° C anzeigt.

Einige werden sich wahrscheinlich von der typischen Untätigkeit treiben lassen, über die sich João Moreira de Sá (@arcebispo) auf Twitter lustig macht (er erwähnt den Korruptionsfall, der den Kauf von Unterseebooten in einer Höhe von 880 Millionen Euro betrifft):

se eu for para a praia com um cartaz “Abaixo os Submarinos” (que até contém ironia), conta? #15SPT

Zählt es, wenn ich auf den Strand gehe und ein Transparent mit der Aufschrift “Nieder mit den Unterseebooten” (was an sich schon ironisch ist) zeige? #15SPT

Andere geben das Manifest ‘Pfeif auf die Troika’ wieder und sagen, sie würden „etwas Außergewöhnliches“ suchen:

Se nos querem vergar e forçar a aceitar o desemprego, a precariedade e a desigualdade como modo de vida, responderemos com a força da democracia, da liberdade, da mobilização e da luta. Queremos tomar nas nossas mãos as decisões do presente para construir um futuro.

Wenn sie uns verbiegen und uns dazu zwingen wollen, Arbeitslosigkeit, Prekarität und Ungleichheit als Lebensinhalt zu akzeptieren, antworten wir mit der Kraft der Demokratie, Freiheit, Mobilisierung und Kampf. Wir wollen die Entscheidungen der Gegenwart selbst in die Hand nehmen, um eine Zukunft aufzubauen.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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