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Argentinische Organisation findet das 129. Kind, welches während der Militärdiktatur verschwand

Eine Demonstration der Abuelas auf der Plaza de Mayo. Foto von Emergentes. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Die argentinische Nichtregierungsorganisation Abuelas de la Plaza de Mayo (deutsch: Großmütter der Plaza de Mayo) hat ein weiteres Kind gefunden, das während der Militärdiktatur von seinen Eltern getrennt worden war. Die 42-jährige Frau, die in Spanien lebt, ist damit das 129. Kind, das die Gruppe identifizieren konnte, die schon seit den 1980er Jahren nach vermissten Kindern sucht und diese wieder mit ihren biologischen Familien zusammenführt.

Während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 wurden etwa 30.000 Menschen Opfer des „Verschwindenlassens“. Viele entführte Frauen brachten in der Gefangenschaft Kinder zur Welt, die ihnen vom Staat weggenommen und illegal von Familien adoptiert wurden, die das Regime unterstützten.

1987 baute die damalige argentinische Regierung eine nationale DNA-Datenbank mit Blutproben von Familienmitgliedern der vermissten Kinder auf – ein wichtiges Hilfsmittel für die Abuelas de la Plaza de Mayo, um die Herkunft der gefundenen Kinder zu bestätigen. Laut Schätzungen der Organisation wurden während der Diktatur 500 Babys gestohlen, die heute alle Erwachsene mittleren Alters sind.

Das 129. Kind, dessen Identität noch nicht öffentlich gemacht wurde, ist die biologische Tochter von Carlos Alberto Solsona und Norma Síntora, zwei Maschinenbaustudenten, die sich nach dem Sturz der gewählten Regierung von Isabel Perón 1976 der militanten Linken anschlossen. Als sie im März 1977 vom Staat entführt wurde und verschwand, war Norma Síntora im achten Monat schwanger mit ihrem zweiten Kind.

Die neuentdeckte Tochter steht schon seit 2013 mit den Abuelas in Kontakt, stimmte aber erst 2019 einem DNA-Test zu. Ihren leiblichen Vater und ihren älteren Bruder hat sie noch nicht kennengelernt.

Auf einer von den Abuelas organisierten Pressekonferenz sagte Solsona: „Ich habe eine Art Schutzmechanismus aufgebaut, ein Schutzschild damit mich das hier nicht zerstören würde. Ich bin jetzt über 70 und ich habe angefangen, nach meiner Tochter zu suchen, als ich um die 30 war. (…) Niemand kann sich vorstellen, wie viele tausend schlaflose Nächte ich damit verbracht habe, auf diesen Moment zu warten.“

Er räumte ein, dass die Aussicht, seine Tochter zu sehen, für ihn zwar ergreifend sei, für seine Tochter wie für viele der Kinder, die durch die Abuelas von ihrer wahren Herkunft erfahren haben, sei die Situation jedoch schwierig.

Ein unscharfes Bild

Die Mission der Abuelas de la Plaza de Mayo war schon immer schwierig und heikel. Seit die vermissten Kinder in den 1990er Jahren jedoch das Erwachsenenalter erreichten und ihr eigenes Leben begannen, wurde sie noch schwieriger. Zur Arbeit der Organisation gehört somit nicht nur die Recherche in den Tiefen von Archiven und die DNA-Analyse, sondern auch die psychologische Unterstützung aller Beteiligten.

Bei diesen Zusammenführungen bedroht der Wunsch des einen Menschen nach einem Abschluss nämlich die eigene Wahrnehmung eines anderen. So ist dieser Prozess auch nicht für alle Familien ein Prozess der Heilung und gleichermaßen wollen nicht alle Nietos [dt.: Enkelkinder] ihre verlorene Geschichte annehmen.

In einer Reihe von Dokumentationen, die die Abuelas zusammen mit dem argentinischen Fernsehsender Canal Encuentro produziert haben, werden die Geschichten hinter einigen dieser Zusammenführungen erzählt. Wie die Beschreibung erklärt, geben sie „Geschichten eine Stimme und ein Gesicht, in denen persönliches und intimes mit sozialen und politischen Fragen kombiniert wird.“ Die Videos sind in einer Playlist auf dem YouTube-Kanal der Abuelas verfügbar.

In einem dieser Videos wird die Geschichte von Catalina de Sanctis erzählt. Nachdem sie in den 1990er Jahren im Fernsehen einen Werbespot der Abuelas gesehen hatte, stellte sie ihre Adoptivfamilie zur Rede. Daraufhin gab diese zu, sie ihren Eltern weggenommen zu haben. Nach einem Leben voller Skepsis über ihre biologische Herkunft wurde durch den Werbespot plötzlich „alles klar“, erzählt sie. Sie erklärt:

Es como si [la vida] fuera una foto fuera de foco, que se ve borrosa y ahora se ve nítidamente la imagen. Toda mi vida fue un esfuerzo. Un esfuerzo por adaptarme, por que me quieran, por todo […] tener miedo de lo no conoce, me sentí tironeada, manipulada […] En un punto es sentir que traiciona al otro.

Es ist, als wäre [mein Leben] ein unscharfes Bild gewesen, ein verschwommenes Bild, aber nun ist das Bild plötzlich ganz klar. Mein ganzes Leben war ein einziger Kampf. Ein Kampf darum, sich anzupassen, geliebt zu werden, ein Kampf um alles […] Angst vor dem Unbekannten. Ich fühlte mich zerrissen, manipuliert […] Es fühlte sich an, als hätte ich jemand anderen verraten.

In einem anderen Video beschreibt Mariana Zaffaroni, wie es war, als sie die Wahrheit herausfand:

…cuando a vos te vienen a decir que toda tu vida pasa a ser completamente diferente porque ni siquiera te llamas como te llaman y cumples años cuando festejas el cumpleaños, ni tus padres son tus padres y vos sos quien sos [Uno le echa la culpa] al que viene a decírtelo [Después, cuando] lo puede racionalizar se da cuenta de que es una estupidez […] Si ellos no hubiesen buscado yo no hubiese enterado y yo seguiría con mi vida normal como la tenía esta recién entonces

Wenn sie zu dir kommen und es dir sagen, wird dein ganzes Leben zu etwas anderem. Dein Name ist nicht mehr dein Name, dein Geburtstag ist nicht mehr der Tag, an dem du ihn bis jetzt immer gefeiert hattest, deine Eltern sind nicht mehr deine Eltern und du bist nicht der Mensch, für den du dich gehalten hast. [Man gibt] dem Menschen, der es dir gesagt hat [die Schuld]. [Später, wenn man noch einmal darüber nachdenkt] wird einem klar, dass das dumm ist. […] Wenn sie nicht nach mir gesucht hätten, hätte ich nie etwas darüber erfahren und mein Leben wäre einfach weitergegangen wie bisher.

Sie sagt weiter:

[…Después] los fui conociendo [a la familia verdadera] y ellos me empezaron a contar cómo eran [mis padres] lo poco que me contaban de mis padres porque yo no quería escuchar [Después pude hablar más con ellos] [Tiempo después, durante un viaje en el verano] que estaban todos mis primos […] estábamos todos sentados en sandalias y [nos] miramos así… Todos teníamos los mismos pies, ¡o sea era una cosa recontra loca! [todos teníamos ] las mismas orejas…  [Fue] como el patito feo, cuando encuentra a los cisnes.

Ich lernte nach und nach [meine echte Familie] kennen und sie erzählten mir, wie meine Eltern waren. Nur ganz wenig, weil ich [am Anfang] nicht zuhören wollte. [Einige Zeit später, auf einer Reise im Sommer] mit allen meinen Cousins und Cousinen […] saßen wir mit unseren Flip-Flops da und sahen uns an … Wir hatten alle die gleichen Füße, es war verrückt! Wir hatten alle die gleichen Ohren. Es war wie bei dem hässlichen, kleinen Entlein, das die Schwäne getroffen hatte.

#Nieta129

Wie bei jeder Person, die die Abuelas de la Plaza de Mayo gefunden haben, wurde auch die Nachricht von der Entdeckung des 129. Kindes in Argentinien gefeiert. In den sozialen Medien wurde der Hashtag #Nieta129 genutzt. In dem folgenden Beitrag auf Twitter schreibt Claudia Acuña, die auch für die argentinische Online-Nachrichtenseite La Vaca schreibt:

Du warst 24, als du entführt wurdest und du warst im 8. Monat schwanger. Heute haben wir etwas wiedergefunden. Deine Tochter. Und damit verbunden ein kleines Stückchen soziale Würde. Wir werden immer besser, Stück für Stück. Es fehlen noch 300.

Der Nutzer „Pato“ zitiert den uruguayischen Schriftsteller Eduardo Galeano, um das Durchhaltevermögen der Abuelas hervorzuheben, die die Regierung einst als „diese verrückten Frauen“ abgetan hatte.

„… In Argentinien werden diese verrückten Frauen der Plaza de Mayo einmal ein Beispiel für geistige Gesundheit sein, denn sie haben sich in Zeiten der erzwungenen Amnesie geweigert, zu vergessen …“ (Eduardo Galeano) 

129 Treffer gegen das Vergessen und wir zählen immer weiter. Lang leben die verrückten Frauen der Plaza de Mayo. Lang leben sie. #Nieta129

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