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Serbien: Zehntausende von der Außenwelt abgeschnitten, Bevölkerung nimmt Hilfe selbst in die Hand

The river rising in Sremska Mitrovica, Seria, May 17, 2014. Photo by Stanko Pužić, used with permission.

Der über die Ufer tretende Fluss in Sremska Mitrovica, in Serbien am 17. Mai 2014. Foto von Stanko Pužić.  Mit Nutzungserlaubnis.

Serbien und Bosnien wurden im Mai 2014 von einer Naturkatastrophe getroffen, deren Ausmaß, wie offizielle Stellen angeben, seit über 120 Jahren nicht beobachtet wurde. Es begann, als eine riesige Schlechtwetterfront über das Gebiet zog und Regenmengen, die sonst innerhalb von drei Monaten fallen, in nur drei Tagen abregneten.

Viele Städte in Serbien und Bosnien stehen mehrere Meter unter Wasser und wurden evakuiert. Dadurch kamen hunderte Menschen ums Leben, tausende Menschen wurden obdachlos und mussten aus ihrer Heimat fliehen. Noch während die serbische Regierung beschuldigt wurde, in der Organisation der Hilfsmaßnahmen geschlampt zu haben, haben Bürgerinitiativen in beeindruckender Weise die Sache selbst in die Hand genommen.

Erste Flutwarnungen gab es in Serbien und Bosnien-Herzegowina schon Mitte April 2014. Von einigen leichteren Überflutungen, die nicht unüblich sind für diese Jahreszeit, wurde im Laufe des Monats April berichtet.

In der Woche vom 12. Mai bedeckte eine dicke Wolkendecke das Gebiet und es regnete etliche Tage ohne Unterlass. Schon am 15. Mai wurde von ersten Toten berichtet und über 500 Betroffene wurden von ihren Häusern evakuiert. In den darauf folgenden Tagen regnete es in Strömen. Bei vielen Flüssen, die durch die beiden Länder fließen, stiegen dadurch die Pegel an. 

Fünf Städte, darunter auch Belgrad und 16 Gemeinden, haben am 15. Mai den Notstand ausgerufen, wobei die westlichen und zentral gelegenen Teile Serbiens am stärksten betroffen waren. Die Rettungsaktionen wurden beinahe augenblicklich von Militäreinheiten eingeleitet, wobei die Evakuationen mehrerer Städte schnell und größtenteils erfolgreich abgeschlossen wurden. In der Stadt Obrenovac, nicht weit entfernt von Belgrad und Sitz eines der größten staatlichen Kraftwerke, verloren dennoch mehrere hundert Menschen ihr Leben. 

Die von den Behörden durchgeführten Hilfsmaßnahmen und Unterbringung der Evakuierten waren jedoch nicht so gut koordiniert, wie die des Militärs und der Polizei.

In einer Stellungnahme vom 18. Mai mit der Überschrift “Staat, wir wollen dich nicht mehr”, kritisierte das Online-Portal Druga Strana [sr] [Die andere Seite] die schlechte Organisation und die mangelnden Informationen, die während der Katastrophe von der Regierung bereitgestellt wurden. Es verbreitete sich ziemlich schnell in den sozialen Netzwerken und wurde auch an vielen anderen Stellen wieder gepostet. Die Seite ist manchmal nicht verfügbar, angeblich weil die Besucherzahl für genau diesen Artikel zu hoch ist. 

Die Stellungnahme fasst zusammen, wie enttäuscht viele Serben bezüglich der fehlenden Organisation während der tragischen Flut unter den Spitzen der Regierung sind. Zu Beginn wurde die hocheffiziente Koordination unter Bürgern und verschiedener neuer Bürgerinitiativen während der Naturkatastrophe noch gelobt:

Odmah da razjasnimo sledeće: narodu ove zemlje svaka čast. Da nam nije nas, propali bismo odavno. Gledajući silu solidarnosti i samoorganizacije koja se podigla za vrlo kratko vreme, čovek ne može a da ne oseti ponos i da mu momentalno ne postane jasno zašto smo izdržavali sve i svašta kroz istoriju.

Zato što smo, na kraju dana, u najgorim situacijama tu jedni za druge. Možda u normalnim okolnostima to uzimamo previše zdravo za gotovo. Umislimo da smo sami, da se svako bori za sebe, ali to, vidimo ovih dana, i nije baš tako.

Sa druge strane, država je pokazala je neviđenu tromost, nespremnost i potpunu, ali potpunu dezorganizovanost. A kome takva država treba?

Eines sollte vorweg gesagt werden: Ein großes Lob an die Menschen unseres Landes. Wenn wir uns nicht gegenseitig hätten, wären wir schon vor Jahren gescheitert. Wenn man die Selbstorganisation und die Energie des Zusammenhalts, die in kürzester Zeit zu Stande kam, mitbekommen hat, kann man nur stolz sein und sofort verstehen, warum wir in der Geschichte unseres Landes so viele verschiedene Situationen überleben konnten.

Weil wir, wenn es darauf ankommt, in den schlimmsten Situationen für einander da sind. Vielleicht halten wir das, unter normalen Umständen viel zu oft für selbstverständlich. Wir bilden uns ein, dass wir auf uns allein gestellt sind, dass jeder immer nur für sich selbst sorgt, aber was wir diese Tage erlebt haben, belehrt uns eines Besseren. 

Andererseits hat der Staat eine unglaubliche Trägheit an den Tag gelegt, hat gezeigt, dass er nicht für den Notfall gerüstet ist und eine totale Unfähigkeit der Organisation bewiesen. Wer bitte braucht so einen Staat?

Der Beitrag listet weiterhin eine Anzahl der Fehler auf, die der Staat während der Flut gemacht habe. Davon wird immer wieder auf den Straßen Serbiens erzählt und auch die sozialen Netzwerke beschäftigen sich damit. Unter anderem wurde Präsident Tomislav Nikolić dafür kritisiert, dass er sich in der ganzen Zeit des Martyriums, nur ein einziges Mal durch die Medien ans Volk wendete. Zur gleichen Zeit wurde Ministerpräsident Aleksandar Vučić, der noch vor Kurzem beschuldigt wurde, die Pressefreiheit im Lande zu unterdrücken, kritisiert, zu viel Sendezeit zu verlangen. Zusammen mit anderen Ministern nutzte er die Notlage für seine Fototermine und um sein politisches Programm voranzubringen schamlos aus.

Inzwischen haben sich Leute zusammengetan, um verschiedene Bürgerinitiativen zu gründen. Sie unterstützen die Katastrophenhilfe, indem sie aufgeweichte Dämme verstärken, zum Beispiel in Städten wie Kostolac, die zuständig ist für 20 Prozent der serbischen Energieversorgung. Oder auch indem sie Methoden entwickelten, um den Wahrheitsgehalt der vielen Informationen überprüfen zu können, wie die Erstellung von Webseiten, wie Poplave.rs [sr] [Überflutungen] und Nestali.rs [sr] [vermisste Personen]. Bereits in den ersten 24 Stunden nachdem die Seite installiert wurde, trafen 240 Meldungen von vermissten Personen ein, von denen elf gefunden werden konnten.

Für diese zwei Seiten ist ein Team aus Journalisten, Bloggern, IT- und PR-Spezialisten und vielen anderen verantwortlich. Sie sorgen für einen exakt koordinierten Einsatz, um nur verifizierte und aktuelle Informationen an die Bevölkerung zu übermitteln und zu verbreiten und auch um die Zerstörung durch die Flut zu kartographieren.

Unter den vielen Twitternachrichten, die die Regierung kritisieren und den Einsatz der Zivilbevölkerung loben, gibt es eine [sr] des Bloggers Dušan Ninković [sr], der am besten zum Ausdruck bringt, was viele seit Tagen denken und fühlen:

Lasst uns freiwillig, nachdem wir die Leute gerettet haben, damit anfangen folgende Verkehrsprojekte in Angriff zu nehmen: Den Korridor 11 [eine sehr benötigte, bereits seit langem geplante Fernstraße die Bari, Bar, Belgrad und Bukarest miteinander verbinden würde], die Autobahn Horgoš-Požega [ein Abschnitt der Autobahn von Ungarn über Serbien, der früher mit Korruptionsanschuldigungen in Verbindung gebracht wurde], den Kanal von Thessaloniki [ein Kanal von Belgrad nach Nord-Griechenland, dessen Durchführbarkeit von einigen Experten in Frage gestellt wurde] und der Tunnel durch Fruška Gora [eines der wichtigsten Verkehrsprojekte Nord-Serbiens, das eigentlich 2015 starten soll]?

— Dusan Ninkovic (@DusanNinkovic) May 18, 2014

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