Myanmars Anti-Coup-Demonstranten haben DIY-Schilde und Frauen-Sarongs in ihr Verteidigungsarsenal aufgenommen

Schilder, die von Anti-Putsch-Aktivist*innen angefertigt und an den fordersters Front der Proteste eingesetzt wurden. Sie zeigen das Bild von Senior General Min Aung Hlaing, um damit die Sicherheitskräfte davon abzuhalten, Demonstrantrierende anzugreifen. Foto vom Autor.

Dieser bearbeitete Artikel erschien ursprünglich auf dem Blog eines Global Voices-Mitarbeiters, der nicht identifiziert werden möchte.

Die Zahl der Todesopfer unter den Demonstrierenden in Myanmar hatte am Mittwoch, dem 17. März, bereits mehr als 217 Personen erreicht, während das Militär die gewaltsame Niederschlagung des Widerstandes gegen den Putsch verstärkte.

Das Militär Myanmars unter der Führung von Senior General Min Aung Hlaing inszenierte am 01. Februar einen Putsch und ersetzte die zivile Regierung durch einen „Militärrat“, nachdem es die gewählten Anführer der National League for Democracy (etwa: Nationale Demokratische Liga) beschuldigt hatte, massiven Betrug bei den Wahlen im November 2020 begangen zu haben.

Das Militär hat nächtliche Razzien und willkürliche Verhaftungen durchgeführt. Viele Menschen sind während dieser Verhaftungen durch Schläge und Folter gestorben – Terrorakte, die Angst einflößen sollen. Nach Angaben der Assistance Association for Political Prisoners (etwa: Vereinigung zur Unterstützung Politischer Gefangener) gab es am 14. März 1.873 bestätigte politische Gefangene.

Trotz der verstärkten Gewalt der Sicherheitskräfte in den letzten Wochen zeigten die jungen pro-demokratischen Demonstrierenden weiterhin keine Anzeichen von Angst oder einer Verlangsamung ihrer friedlichen Proteste im ganzen Land. Sie ließen sich sogar verschiedene physische und psychologische Verteidigungsstrategien einfallen, um die Bereitschaftspolizei abzuschrecken.

In Yangon errichteten die Menschen in ihren eigenen Vierteln mit behelfmäßigen Verteidigungsbarrieren Proteststationen, anstatt zu einem großen Versammlungspunkt zu gehen, wie es die Demonstrierenden im Februar getan hatten. Die Barrieren, die aus lokalen Ressourcen wie Sandsäcken, großen Mülltonnen, Betonblöcken, Ziegeln und sogar großen PVC-Rohren gebaut wurden, sollten die Soldat*innen aufhalten, während sich die Demonstrierenden in Sicherheit brachten.

Yangon – 40. Tag der Proteste am 13. März

Anhaltende Proteste in Hlaing und Kamayut Gemeinden am 13. März.#WhatsHappeningInMyanmar pic.twitter.com/y3y6rp0XyX

- ElevenMyanmar (@ElevenMyanmar) 13. März 2021

Frontbeschützer*innen, hauptsächlich einheimische Jugendliche, sind oft die erste Verteidigungslinie. Das ist sehr gefährlich, da ihre selbstgebauten Schilde, die aus Plastik, Holz oder Eisen aus recycelten Fässern bestehen, sie nicht vor scharfer Munition schützen. Sie tragen DIY-Westen und Schutzhelme und riskieren ihr Leben, um anderen Demonstrierende etwas Zeit zu verschaffen, damit sie vor dem Eintreffen von Polizei und Militär fliehen können. Die Bereitschaftspolizei besteht meist aus Soldat*innen in Polizeiuniformen. Viele Demonstrierende an forderster Front wurden während der Festnahme brutal geschlagen [Warnung: GEWALTSAMER FILM] oder gefoltert [GRAFISCHES BILD].

Tränengasbomben werden von den Demonstrierende an vorderster Front entschärft, indem sie nasse Decken und Wassersäcke verwenden, die von Anwohner*innen vorbereitet wurden. Darüber hinaus benutzen sie improvisierte Gasmasken, Schutzbrillen und andere Schutzausrüstungen.

Junge Demonstrierende zeigen überall in Yangon ihren Widerstand. Es ist klar, dass die Angst-Taktik der terroristischen Junta dabei versagt hat, die jungen Leute einzuschüchtern, die eine unerbittliche Entschlossenheit zeigen, der Militärherrschaft zu widerstehen.

Fotos: Kamayut Media pic.twitter.com/si7lGjVIJ4

- Bewegung für zivilen Ungehorsam (@cvdom2021) 4. März 2021

Demoralisierung des Putschistenführers

Die Demonstrierenden haben Bilder von Min Aung Hlaing auf die Straßen oder auf dem Boden vor den Verteidigungsbarrieren gelegt, mit der Absicht, dass Soldat*innen, die auf das Gesicht ihres Führers treten, als respektlos angesehen werden könnten. Diese Taktik zielt darauf ab, die Soldaten zu verlangsamen, da sie erst die Bilder entfernen müssen, bevor sie die Demonstrierenden angreifen können. Einige Demonstrierende legten Bilder des Generals auf ihre Schilde in der Hoffnung, dass die Soldat*innen nicht direkt in das Gesicht ihres Anführers schießen würden.

Die Taktik funktionierte für ein paar Tage als die Soldat*innen die Bilder des Generals mühsam entfernten bevor sie in Richtung der Demonstrierenden vorrückten. Als mehr Razzien erfolgten, wurde diese Taktik weniger wirksam, denn die Bereitschaftspolizei ignorierte die Bilder. Diese Aufnahme zeigt einen Soldaten, der im Gänseschritt absichtlich auf das Gesicht des Generals tritt, ein Film der rasend schnell bekannt wurde.

In Myaung Mya und anderen Städten brachten die Menschen Bilder des Generals auf  Gräbern an, um den Putschistenführer zu demoralisieren.

ထဘီ ခံတပ်: Verteidigungslinie mit Frauen-Sarongs

ထဘီခံတပ် („Hta-main-khan-tat”“), was „Frauen-Sarong-Verteidigungslinie“ bedeutet, leitet sich von dem Aberglauben ab, dass männliche Soldaten, die unter einer Wäscheleine hergehen, die für Frauenkleidung, insbesondere Frauen-Sarongs (ထဘီ/hta-main) und Unterwäsche, verwendet wird, im Kampf fallen würden.

Die Idee kommt von der tief verwurzelten Frauenfeindlichkeit innerhalb des Militärs in Myanmar, das Frauen oder Frauenkörper als minderwertig oder unrein betrachtet. Myanmars Militär unterliegt dem patriarchalischen Aberglauben, dass die Sarongs der Frauen die Tugendhaftigkeit der Männer (ဘုန်း oder “Hpone”) beeinträchtigen und die Soldaten dadurch im Kampf ihren Schutz verlieren.

Tatsächlich hielten die Soldaten an und versuchten, die Wäscheleinen mit den Sarongs der Frauen auf der Straße zu entfernen, bevor sie vorwärts gingen.

In einigen Städten gingen die Demonstrierenden so weit, dass sie Bilder von Min Aung Hlaing öffentlich auf die Unterwäsche von Frauen und auf Menstruationsbinden klebten.

Während diese Maßnahmen als effektive Möglichkeiten zur Verlangsamung begrüßt werden, wurden die Menschen auch aufgefordert, keine Frauenfeindlichkeit zu fördern. Ein Twitter-Nutzer wies darauf hin, dass die Demonstrierenden, während sie gegen das gewalttätige Militär kämpfen, auch gegen verinnerlichten Sexismus kämpfen müssen.

Es ist großartig, dass wir Sarong-Wäscheleinen benutzen, um das extreme Patriarchat der Terroristen [Militärrat] zurückzuschlagen. Aber wir müssen auch untereinander verstehen, dass Sarong-Wäscheleinen dazu da sind, Menschen zu schützen und nicht dazu, sie minderwertig zu machen.

Am 08. März, dem Internationalen Frauentag, demonstrierten Frauen in Myanmar mit hochgehaltenen Sarong-Fahnen gegen die Militärdiktatur und die Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft.

ငါတို့ ထဘီ၊ ငါတို့အလံ၊ ငါတို့ အောင်ပွဲ
Unser Sarong, unsere Flagge, unser Sieg

Frauen-SARONG-Revolution gegen die männliche Diktatur in Myanmar.

Bravo an unsere Schwestern von @womenofburma in Phekon, Kayah State. #WomensDay#WomensHistoryMonth#WhatsHappeninglnMyanmarpic.twitter.com/oI3nUGJgbe

- Thinzar Shunlei Yi #WhatshappeninginMyanmar (@thinzashunleiyi) 8. März 2021

In den sozialen Medien posteten junge Männer auch Bilder von sich, auf denen sie Frauen-Sarongs auf dem Kopf tragen und drei Finger hochhalten, um ihre Ablehnung der Idee über ဘုန်း (“Hpone”) oder männliche Tugend zu symbolisieren.

Ein Aktivist, Aung Myo Min, schrieb über die Möglichkeit, sowohl die Diktatur als auch die Frauenfeindlichkeit zu bekämpfen.

ငယ်ငယ်က အဖွားပြောပြောနေတဲ့ မိန်းမတွေကို အထင်မသေးနဲ့.. ထမီအလံထူပစ်မယ်ဆိုတဲ့ စကား လက်တွေ့ဖြစ်လာပြီ….
ထမိန်ဆိုတာ ယုတ်ညံ့တယ်…
အမျိုးသမီးဆိုတာ ပျော့ညံ့တယ်ဆိုတဲ့အတွေးအခေါ်ဟောင်းတွေကို စစ်အာဏာရှင်စနစ်နဲ့အတူ ရိုက်ချိုးပစ်တဲ့နေ့…
ဒီနေ့…
အပြည်ပြည်ဆိုင်ရာအမျိုးသမီးများနေ့
၈-၃-၂၀၂၁

Die Worte, die meine Oma immer sagte, als ich jung war, werden nun wahr. Sie sagte: „Mach die Frauen nicht schlecht. Wir werden unsere hta-main (Sarong) Flagge hissen.“

Heute ist der Tag, an dem wir sowohl die Militärdiktatur als auch die Überzeugung, dass Sarongs minderwertig und Frauen schwach sind, niederreißen.

Heute…

Internationaler Frauentag
08-03-2021

Vermeidung von Konfrontation mit der Macht des Militärs

In einigen Städten wie Myitkyina, Nyaung Oo und Dawei wählten die Demonstrierenden ungewöhnliche Zeiten wie fünf oder sechs Uhr morgens, um die Bereitschaftspolizei zu umgehen. Es wurden auch nächtliche Gebete und Proteste im ganzen Land organisiert. Einige Städte versuchten auch “Guerilla Proteste“, bei denen die Demonstrierenden den Razzien auswichen, indem sie in anderen Straßen als die Bereitschaftspolizei auftauchten.

Darüber hinaus hielten andere ihre Proteste in Flüssen ab, wo die Demonstrierenden auf Booten fuhren, oder auf Bauernhöfen demonstrierten, während andere auf Berge kletterten, um zu protestieren.

In einigen Städten wurde ein “volksloser Protest” durchgeführt, indem Plakate und anderes Protestmaterial auf den Straßen zurückgelassen wurden. In Mindat fand ein „völlig stiller Protest“ statt, bei dem niemand auf die Straße ging und die Märkte den ganzen Tag über geschlossen waren.

📍AyeYarWaddy Division, Myanmar
Karen-Jugendliche hielten in Ayeyarwaddy einen menschenlosen Streik ab. Protest Smart 🗣.
LOCOMOTIVE XYZ#WhatsHappeningInMyanmar #Mar14Coup pic.twitter.com/YNh4B1FxR3

- Milk Tea Alliance Burma 🇲🇲 (@ZtozM) 14. März 2021

Bewaffnete ethnische Gruppen auf der Seite der Zivilisten

In einigen Staaten sind bewaffnete ethnische Organisationen (EAOs) zum Schutz der Demonstrierenden eingeschritten. Eine der EAOs, die Karen National Union (KNU), hat angekündigt, dass sie Zivilisten vor dem Militär schützen wird.

Die Karenni Nationalities People's Liberation Front (KNPL) kam am 13. März und beschützte die Demonstrierende in Loikaw im Bundesstaat Kayah.

Zivilschutztruppe

Trotz der Gräueltaten des Militärs in Myanmar haben die Demonstrierenden nicht zu Vergeltungsmassnahmen gegriffen, da die Mehrheit weiterhin das gewaltlose Prinzip der Bewegung aufrechterhält.

Angesichts des alarmierenden Anstiegs der täglichen Zahl der Todesopfer unter den Demonstrierenden haben einige jedoch die Bildung einer präventiven Eingreiftruppe wie einer Zivilverteidigung gefordert, um gegen die gewaltsame Unterdrückung zurückzuschlagen. Seit dem 13. März haben Demonstrierende in Yangon und Taunggyi schwarze Flaggen gehisst als Zeichen, Vergeltung zu üben oder zurückzuschlagen, falls die gewaltsamen Niederschlagungen weitergehen.

Das Komitee, das Pyidaungsu Hluttaw vertritt und das von den abgesetzten Parlamentsmitgliedern gegründet wurde, gab am 14. März bekannt, dass Demonstranten und Zivilisten im Allgemeinen das Recht haben, gesetzmäßig andere Mittel zur Verteidigung gegen die bewaffneten Terroristen, d. h. das Militär, einzusetzen.

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