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Mazedonien hat seine eigene #MeToo-Bewegung – #ISpeakUpNow – und sie gewinnt an Fahrt

Screenshots von einigen Postings der mazedonischen Initiative gegen sexuelle Gewalt #ISpeakUpNow

Am 16. Januar begann eine Gruppe mazedonischer Frauen, ihre persönlichen Erfahrungen mit sexueller Belästigung durch Täter in Machtpositionen zu teilen. Auf Facebook und Twitter verwendeten die Frauen das Hashtag “#ISpeakUpNow” – #СегаКажувам auf Mazedonisch und #TaniTregoj auf Albanisch –, um die Postings zu vernetzen. Dies rief einen ‘Schneeballeffekt’ hervor und Hunderte Menschen schlossen sich der Bewegung an.

Wie das angesehene kroatische Portal Lupiga.com feststellte, handelt es sich um „die erste Version der #MeToo-Kampagne, die in den Balkan-Staaten so richtig ins Laufen kommt”. Mehr und mehr Frauen, und auch ein paar Männer, teilten ihre Geschichten. Manche teilten die Geschichten anderer, die sich ihnen anvertraut hatten, sich aber aus Angst vor Vergeltung oder sozialem Stigma noch nicht trauen, selbst an die Öffentlichkeit zu treten.

Eine der ersten, die der Initiative beitrat, war die Schriftstellerin Rumena Bužarovska. Sie schrieb Folgendes:

Имам 22 години и лежам пиштол гола на операциона маса во државна болница. Не знам зошто баш морам да сум гола. И ден денес не ми е тоа јасно. Доаѓа анестезиологот и застанува зад мене. „Охоoo, младо месо“, вика пред да ми шибне спинална анестезија. Од сите доктори и сестри во салата, никој ништо не кажува. #СегаКажувам #TaniTregoj

Ich bin 22 Jahre alt und liege splitternackt auf einem Operationstisch im größten staatlichen Klinikzentrum. Ich weiß nicht, wieso ich für die Operation komplett nackt sein musste. Bis heute verstehe ich nicht warum. Der Anästhesist kommt in den Raum und stellt sich hinter mich. „Wuhuu, Frischfleisch!”, ruft er, bevor er die Spinalanästhesie einleitet. Der Raum ist voller Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger, aber sie alle schweigen. #ISpeakUpNow

Aktivistin und Forscherin, Irena Cvetkovik, war ebenfalls Teil der ursprünglichen Gruppe, die den Mut hatte, das Schweigen zu brechen:

Додека студирав, еден професор, уште во прва година, ме канеше во својот кабинет, ми ветуваше дека ќе ме ангажира како демонстраторка, само доколку дојдам еден викенд надвор од Скопје со него. За мене испитот го закажа во недела, па од страв морав да одам со мајка ми. Утредента ми се јави на телефон и побара конече одговор за заедничкиот викенд. Собрав храброст, реков НЕ и тогаш тој ми рече: епа тогаш дај ми ја мајка ти на телефон можеби таа ќе сака. Се доверив на една професорка од истиот факултет, а таа ми рече- остај тоа, батали, на сите така прави, и онака сега ќе оди во пензија. #СегаКажувам

Zu Beginn meines ersten Studienjahres lud mich ein Professor ständig zu sich ins Büro ein und versprach mir, mich als Lehraushilfe einzustellen. Bedingung war, dass ich ein Wochenende am Land mit ihm verbringe. Er setzte meine Prüfung für einen Sonntag an und ich hatte solche Angst, dass ich meine Mutter mit zu der Prüfung nahm. Am nächsten Tag rief er mich an und forderte bezüglich des gemeinsamen Wochenendes eine endgültige Antwort von mir. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte „nein”. Danach meinte er: „Also dann, lass mich mit deiner Mutter sprechen, vielleicht möchte sie ja.”. Ich vertraute mich einer Professorin desselben Instituts an, aber sie riet mir bloß, es sein zu lassen. „Das führt zu nichts. Er macht das mit jeder. Er wird sowieso bald in Pension gehen”, sagte sie. #ISpeakUpNow

Übersetzerin und Feministin Ana Vasilevska erzählte von folgender Erfahrung:

Имам другарка која пред петанесетина години неколку пати мораше да биде хоспитализирана на психијатриски оддел. Кога ја посетував, настојувавме да зборуваме за нешта надвор од болницата и за тоа колку ќе биде подобро кога ќе заврши лекувањето.
При крајот на една средба, шепотејќи ми раскажа дека секогаш кога е на дежурство, еден член на персоналот и се потпикнува во болничкиот кревет среде ноќ. И „објаснувал“ дека е за да ја „освежи“ малку.
Јас #СегаКажувам дека се’ уште ме прогонува прашањето колку често се случува ваква грозна злоупотреба и како би завршило пријавувањето на надлежни институции и постапувањето на надлежните органи…
#СегаКажувам #TaniTregoj

Vor ungefähr 15 Jahren musste eine Freundin von mir in die Psychiatrie eines Krankenhauses eingewiesen werden. Immer, wenn ich sie besuchen ging, versuchten wir über Dinge außerhalb des Krankenhauses zu sprechen und darüber, wie nach ihrer Behandlung alles besser werden würde.
Am Ende eines solchen Besuchs erzählte sie mir im Flüsterton, dass sich ein Krankenhausangestellter jedes Mal, wenn er Nachdienst hatte, mitten in der Nacht zu ihr ins Bett schlich. Er „erklärte“ ihr, es sei zu ihrem eigenen Wohlergehen, um sie ein bisschen „frisch zu machen“.
#ISpeakUpNow, weil es mir immer noch davor graut, wie oft solch schrecklicher Missbrauch stattfindet und davor, was das Resultat wäre, wenn dieser den kompetenten Behörden gemeldet werden würde…
#СегаКажувам #TaniTregoj

Da Hunderte Menschen die Postings teilten und/oder über ihre eigenen Erlebnisse schrieben, wurden einige der Berichterstattungen in Hinblick auf die Details der traumatischen Erlebnisse immer mitteilsamer. Manche davon wurden unter Verwendung der Option „nur für Freunde“ geteilt, insbesondere jene, die Erinnerungen an Vergewaltigungen, die oftmals bis zu diesem Zeitpunkt ungemeldet waren, beinhalteten.

Eine Version der #MeToo-Kampagne hat in Mazedonien unter dem Hashtag #СегаКажувам begonnen. Die Geschichten, die ich lese, sind herzzerreißend und ehrfurchtgebietend. An all meine starken Frauen und an die Männer, die sie unterstützen und fragen „Wie kann ich helfen?”: Danke.

Nachdem das Hashtag #ISpeakUpNow das Internet im Sturm erobert hatte, äußerten viele Menschen ihre Meinung dazu. Neben Äußerungen bedingungsloser Unterstützung wurde von einigen scheinbaren Unterstützern die Beschwerde geäußert, dass die Postings keine Namen enthielten. Das Fehlen der Namen ist allerdings nachvollziehbar. Mit dem Finger auf Belästiger zu zeigen könnte, abgesehen von erneuter Gewalt, Verleumdungsklagen und Geldstrafen nach sich ziehen. Um eine Verleumdungsklage zu bestreiten, muss die tatsächliche Vergewaltigung bewiesen werden. Diese liegt womöglich schon 20 bis 30 Jahre zurück, ohne verbleibende physische Beweise.
Die zunehmende, öffentliche Diskussion hatte die Behandlung anderer Aspekte dieses Tabuthemas zur Folge. So veröffentlichte die Facebook-Seite „Gay Macedonia” beispielsweise folgenden Beitrag:

Инспирирaн oд #MeToo и #СегaКaжувaм / #TaniTregoj гo пoстaвувaм прaшaњетo, штo се случувa вo oпштествo кaкo Републикa Мaкедoнијa кoгa геј дечкo или мaж е сексуaлнo вoзнемирен oд друг геј дечкo или мaж? Дуплa стигмa, дупoл прoблем? Дaли вooпштo нaшетo oпштествo е свеснo декa и oвa е реaлнoст вo секoјдневиетo?

Inspiriert von #MeToo und #СегaКaжувaм / #TaniTregoj stelle ich nun die Frage, was passiert in einer Gesellschaft wie jener der Republik Mazedonien, wenn ein homosexueller Junge oder Mann von einem anderen homosexuellen Jungen oder Mann sexuell belästigt wird? Doppeltes Stigma, doppeltes Problem? Sind sich die Menschen bewusst, dass auch das Teil der alltäglichen Realität ist?

Unterstützungserklärungen

Innerhalb von einigen Tagen erlangte die neue Initiative „#I Speak Up Now“ so viel Einfluss, dass sie auch die Aufmerksamkeit von etablierten Organisationen der Zivilgesellschaft sowie von staatlichen Institutionen auf sich zog. Einige davon stellten offizielle Unterstützungserklärungen aus:

TAKT unterstützt die Initiative von #СегаКажувам #TaniTegoj, die sich gegen Missbrauch durch Menschen in Machtpositionen ausspricht. Sportlerinnen sind davon immens betroffen. Lasst uns dagegen ankämpfen! #metoo

Foundation Open Society – Macedonia (FOSM) unterstützt die Initiative #ISpeakUpNow und begrüßt die Idee, das Schweigen zu brechen und es abzulehnen, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt als normal anzusehen.

Einige Regierungsbehörden, einschließlich des Premierministers, des Ministeriums für Arbeits- und Sozialpolitik und des Innenministeriums, beteuerten ihre Unterstützung für die Initiative. So veröffentlichte das Innenministerium zum Beispiel Folgendes:

#СегаКажувам за повеќе храброст за пријавување на сексуално насилство и вознемирување, а повеќе пријави значат и повеќе можности за полицијата да го покрене системот за одговорност за насилниците.
Ги охрабруваме жртвите на сексуално мотивирани напади да не се повлекуваат пред стереотипите. Повлекувањето само ги потврдува.
#СегаКажувам за да бидат насилниците видливи и процесирани!

#ISpeakUpNow für mehr Mut, sexuelle Gewalt und Missbrauch zu melden. Denn mehr Strafanzeigen bedeuten mehr Möglichkeiten für die Polizei, ein System aufzubauen, das die Täter zur Verantwortung zieht.
Wir ermutigen die Opfer sexuell motivierter Angriffe, nicht den Stereotypen zu erliegen. Durch Nachgeben werden sie nur gestärkt.
#ISpeakUpNow, damit die Täter sichtbar gemacht werden können und gegen sie ermittelt werden kann!

Die Aktion wurde auch von Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft unterstützt.

Dringender Bedarf, überall das Schweigen über sexuelle und geschlechterbezogene Gewalt in all seinen Formen zu brechen. #СегаКажувам #TaniTregoj #EndViolence

Trollen und Verleugnungsversuche

Einige negative Reaktionen versuchten, die Initiative und die Berichterstattungen durch die Frage „Wieso jetzt und nicht damals?“ zu untergraben und implizierten damit, dass Frauen, die lange Zeit geschwiegen hatten, auch weiterhin ihren Mund halten sollten. Dennoch äußerten viele Männer aufrichtige Solidarität.

In letzter Zeit lese und diskutiere ich oft über #ISpeakUpNow. Das, was ich lese, überrascht mich überhaupt nicht. Denn ich weiß, in was für einem perversen, frauenfeindlichen, chauvinistischen, faschistischen Umfeld wir leben.

Nachdem das Hashtag noch beliebter geworden war, begann es in den sozialen Netzwerken die Aufmerksamkeit von Trollen auf sich zu ziehen – viele davon spielten der Propagandamaschinerie der ehemaligen rechtspopulistischen Regierungspartei VMRO-DPMNE in die Hände. Anonyme Profile spammten das Hashtag mit einer neuen Form manipulativer Taktiken, dem ‘Whataboutism‘ zu. Sie behaupteten, dass es das Ziel der Initiative sei, von der politischen ‘Vergewaltigung Mazedoniens’, wie es ein mazedonischer Twitter-Nutzer bezeichnete, abzulenken. Diese resultiere aus den verräterischen Bemühungen der Regierung, die Beziehungen mit der EU und der NATO zu verbessern. Tweets dieser Art wurden dann von ähnlichen anonymen Profilen auf scheinbar organisierte Art und Weise erneut geteilt.
Reguläre Twitter-Nutzer, die das soziale Netzwerk unter ihrem eigenen Namen nutzen, empörten sich über diese neue Form des Missbrauchs und die erneute Respektlosigkeit gegenüber den Opfern sexueller Gewalt.

An all jene, die die #ISpeakUpNow-Kampagne zur Parteipolitik und zum Aufzwingen politischer Standpunkte nutzen: Ihr seid lächerlich! Ihr seid nur ein weiterer Grund dafür, dass wir uns in dieser Situation befinden.

Die Malerin Jana Jakimovska kommentierte diese neue Welle des Trollens ebenfalls:

#СегаКажувам #TaniTregoj е за искуствата на сексуално вознемирување кои треба да се прочитаат. Киднаперите на хаштагот и спрдаторите не се вредни за внимание. Самите се брукаат доволно – не мора никој тоа да го прави за нив. Апелирам истите да не ве демотивираат. Исто така ги охрабрувам моите другарки да прочепкаат по непријатните сеќавања. Потребно е да се зборува за да може потоа и да се делува.

Bei #ISpeakUpNow geht es um Erfahrungen sexueller Gewalt, die gelesen werden müssen. Diejenigen, die das Hashtag kidnappen oder unreife Witze machen, verdienen unsere Aufmerksamkeit nicht. Sie bringen durch ihr Handeln selbst Schande über sich. Niemand sollte noch mehr Energie darauf verwenden, sie zu beschämen. Ich appelliere an euch alle: Lasst euch nicht von ihnen demotivieren. Ich ermutige auch meine Freundinnen dazu, ihre Erinnerungen nochmals zu prüfen. Zunächst müssen wir darüber sprechen, damit wir dann dementsprechend handeln können.

Trotz des Rückschlags aufgrund der Trolle wurde der #ISpeakUpNow-Bewegung hauptsächlich mit Unterstützung begegnet sowie mit Applaus für die Überlebenden sexuellen Missbrauchs, die nicht mehr länger schweigen wollen. Für viele ist die Übersetzung des Hashtags ins Mazedonische ein wirkungsvoller Weg, um den Schwung und die Wirkungskraft der #MeToo-Bewegung nach Mazedonien zu bringen:

Als #metoo mit #СегаКажувам übersetzt wurde, wurde es echter und mir wurde flauer im Magen. Ich dachte mir: „Ich will einfach nicht daran denken“… beeindruckend, wie unsere Muttersprache immer noch ein wenig kraftvoller einschlägt.

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