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Ein ehemaliger Flüchtling und ein ganz besonderer Buchladen in Liberia

Girls like Miatta (left) come to storytime at One Moore Bookstore in Monrovia. Owner Wayétu Moore (right) also publishes books like the one they're reading, "Gbagba," a Liberian word that means "corruption." Credit: Prue Clarke. Used with PRI's permission

Mädchen wie Miatta (links) kommen zur Lesestunde in den Buchladen One Moore Bookstore in Monrovia. Besitzerin Wayétu Moore (rechts) veröffentlicht auch Bücher wie das, was die beiden hier gerade lesen „Gbagba,” ein liberianisches Wort, das „Korruption” bedeutet. Credit: Prue Clarke. Verwendung mit freundlicher Genehmigung von PRI

Dieser Artikel von Prue Clarke für The World erschien ursprünglich am 30. Januar 2015 auf PRI.org und wird im Rahmen eines Content Sharing-Abkommens hier wiederveröffentlicht.

One Moore Bookstore, ein kleiner Laden in einer belebten Straße im Zentrum der liberianischen Hauptstadt Monrovia, ist in vielerlei Hinsicht einmalig. Es gibt zwar Läden, die Lehrbücher verkaufen, dieser Laden ist jedoch der erste, der Bücher verkauft, die man einfach aus Spaß liest. Die Ladenbesitzer veröffentlichen auch einige der wenigen Bücher, die extra für liberianische Kinder geschrieben wurden. Der Buchladen ist einer der seltenen Orte, wo Kindern einfach zum Vergnügen vorgelesen wird.

In diesem armen westafrikanischen Land, das von Kriegen, Armut und vor Kurzem auch noch von Ebola erschüttert wurde, lesen Menschen in der Regel nicht einfach zum Spaß. Kinder lesen, weil es in der Schule verlangt wird, aber Liberia ist noch immer eins der Länder mit der höchsten Analphabetenrate der Welt.

Wenn es nach der Besitzerin des Buchladens One Moore Bookstore geht, wird sich das aber ändern. Wayétu Moore (30) eine Schriftstellerin aus Brooklyn, floh im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie aus Liberia. Im letzten Jahr eröffnete sie ihren Buchladen. Seit 2011 veröffentlicht sie schon Bücher für liberianische Kinder.

Wie viele Kinder in anderen armen Ländern konnten die Kinder hier auch nur die von westlichen Ländern gespendeten Bücher lesen.

„In diesen Büchern geht es um Bobby, der Baseball spielt, oder um Cindy, die in einer Sackgasse wohnt”, sagt Moore. „Es geht um Pizza und andere Dinge, die normalerweise in Liberia nicht zum Alltag eines Kindes gehören.”

Die gespendeten Bücher tragen auch dazu bei, die fremden Kulturen zu idealisieren und sie in den Augen der Kinder als der eigenen Kultur überlegen darzustellen, sagt Moore. Diese Bücher erschweren außerdem auch das Leseverständnis.

„Wenn das Kind die Ideen hinter den Wörtern versteht, dann muss es nur noch das eigentliche Lesen erlernen”, erklärt Moore. „Wenn es aber die Ideen hinter den Wörtern gar nicht versteht, dann muss es Lesen lernen und außerdem noch die Bedeutung der Wörter erlernen.”

Some of the titles in One Moore Book's series for Liberian children. Credit: Prue Clarke. Used with PRI's permission

Einige der von One Moore Book veröffentlichten Bücher für Kinder in Liberia. Credit: Prue Clarke. Verwendung mit freundlicher Genehmigung von PRI

Deshalb beschloss Moore zusammen mit ihrer Schwester Wiande, die ebenfalls Autorin ist, und ihrer Schwester Kula, einer Künstlerin, dies zu ändern. Zusammen schrieben sie “J is For Jollof Rice”, das allererste Buch, das extra für liberianische Kinder geschrieben wurde. Danach entstanden weitere Bücher mit anderen liberianischen Autoren und mit ihrem Bruder Augustus, der ebenfalls Künstler ist. Ihr Verlag One Moore Book brachte danach auch eine Buchreihe mit der amerikanisch-haitianischen Autorin Edwidge Danticat heraus. In diesem Jahr wird eine Buchreihe in Ghana veröffentlicht. Außerdem sind aktuell Bücher für Brasilien und Guinea in Arbeit.

Die Bücher erfüllen eine wichtige Rolle, erklärt die liberianische Expertin für Bildungsfragen Mamawa Freeman Moore. „Man muss sich nur anschauen, wie die Kinder auf die Bücher reagieren. Diese Bücher wecken ihr Interesse und das motiviert sie zum Lesen.”

Als Professorin an der Universität von Liberia kann Mamawa Freeman Moore genau einschätzen, welche Bedeutung diesen Büchern zukommt. Aber sie spielt in dieser Geschichte auch noch eine andere – viel größere – Rolle: Sie ist Wayétu Moores Mutter.

Eine Rettungsaktion

1989 war Mamawa Moore Mutter dreier kleiner Töchter und arbeitete als Lehrerin in Liberia. Dann erhielt sie das prestigeträchtige Fulbright Stipendium, das es ihr ermöglichte Pädogogik an der Columbia Universität in den USA zu studieren. Ihre Familie entschied, dass das eine einmalige Chance war, die sie sich nicht entgehen lassen durfte. So kam es, dass Mamawa nach New York ging und ihr Mann mit den Kindern in Liberia zurückblieb. Zu diesem Zeitpunk konnte sie noch nicht ahnen, welches Unheil ihr Land bald erreichen sollte.

Innerhalb einiger Monate hatte Charles Taylor, der als erstes ehemaliges Staatsoberhaupt wegen Kriegsverbrechen vom Internationalen Strafgerichtshof verurteilt wurde, das Land in ein Terrorregime verwandelt, das den Tod von 250.000 Menschen zur Folge hatte. Wayétus Vater floh zusammen mit seinen Töchtern aus der Hauptstadt. Wochenlang waren sie zu Fuß unterwegs, versteckten sich in Wäldern und aßen alles, was sie finden konnten. Dann fanden sie in einem Dorf auf dem Land Zuflucht.

In New York hörte Mamawa jedoch nichts davon. Es gab keine Telefonverbindung, keine Handys, kein Internet. „Die einzigen Nachrichten, die ich von der Familie bekam, waren die Bilder, die CNN zeigte”, erzählt sie.

Diese Berichte waren voller Geschichten über Brutalität und Kindersoldaten. Zu allem Überfluss war Mamawa auch noch schwanger. Sie brachte in New York einen kleinen Jungen zur Welt und wusste gleichzeitig nicht, ob der Rest ihrer Familie noch am Leben war.

Children read "Gbagba," a book by Liberian author Robtel Neajai Pailey about corruption. Credit: Prue Clarke. Used with PRI's permission

Kinder lesen „Gbagba”, ein Buch der liberianischen Schriftstellerin Robtel Neajai Pailey über Korruption. Credit: Prue Clarke. Verwendung mit freundlicher Genehmigung von PRI

Nach der Geburt ihres Sohnes wusste sie, dass sie nun ihre Familie finden musste. Mamawa flog ins benachbarte Sierra Leone und traf an der Grenze eine Kämpferin, die ihre Familie kannte und bereit war, sie aus dem Land zu bringen.

Wenn sie vom Wiedersehen mit ihrer Familie erzählt, kommen ihr auch heute noch die Tränen. „Nach fast einer Woche kam sie mit meiner Familie wieder”, erzählt sie. „Das war ein Tag der Freude. Ein sehr, sehr glücklicher Tag. Ich werde diesen Tag nie vergessen.”

Wayétu war fünf als die Familie floh. Schließlich ließ sich die Familie in Houston nieder. Das Trauma des Erlebten hatte Wayétu aber zu einem schüchternen, von Alpträumen geplagten kleinen Mädchen gemacht. Mamawa ermutigte ihre Kinder, sich künstlerisch zu betätigen in der Hoffnung, dass es ihnen helfen würde.

Worte als Zufluchtsort

„Ich las und schrieb und las und schrieb”, erinnert sich Wayétu. „Das half mir, meine Wunden heilen zu lassen. Es half mir, meine Stimme zu finden.”

Wayétu möchte, dass Kinder in Liberia genau wie sie einen Zufluchtsort finden können. Während sie die Kinder in ihrem Buchladen beim Lesen beobachtet, sagt sie, dass sie es als ihre Pflicht empfindet, weiterzumachen. Sie kennt Mädchen, die jeden Tag nach der Schule Tüten mit Wasser verkaufen müsssen und erst nach Hause kommen dürfen, wenn sie alle verkauft haben. Diese Mädchen haben keine Zeit für Hausaufgaben, aber Wayétu hat Verständnis dafür.

„Ich könnte auch eine der Frauen sein, die ihre Tochter nach der Schule zum Verkaufen nach draußen schickt damit wir über die Runden kommen”, sagt sie und man kann hören, wie sehr sie das bewegt. „Ich würde hoffen, dass es jemanden gibt, der ihr hilft.”

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