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Charlie Hebdos Karikaturen von Aylan Kurdi entfachen erneut Debatten über Meinungsfreiheit

Charlie Hebdo's latest cartoons of Syrian toddler Aylan Kurdi, widely circulated on social media

Charlie Hebdos neuste Karikaturen des syrischen Jungen Aylan Kurdi zirkulieren weithin in den Sozialen Medien.

Wieder einmal hat das französische Satiremagazin Charlie Hebdo international eine Kontroverse ausgelöst. Nach Veröffentlichung der Karikaturen von Aylan Kurdi in der Ausgabe vom zweiten September fragt sich so mancher Leser, ob sich die Zeitschrift etwa über den Tod des Kindes lustig macht oder aber über die Reaktion Europas auf die Flüchtlingskrise – oder weder noch. Dem Magazin ist es gelungen, eine neue Debatte über Meinungsfreiheit zu entfachen.

Aylan Kurdi, der dreijährige syrische Junge, dessen Leiche vor kurzem an einem türkischen Strand angeschwemmt wurde, ist zu einem Symbol der Krise am Mittelmeer geworden. Er hatte gemeinsam mit seinem Bruder, seiner Mutter und zwanzig weiteren Flüchtlingen ein Flüchtlingsboot bestiegen, das zu der griechischen Insel Kos unterwegs war. Aber das Boot sank, Aylan und elf weitere Menschen kamen ums Leben, einschlieβlich seiner Mutter und seines Bruders.

Von den schätzungsweise zehn Karikaturen von Aylan Kurdi, die Charlie Hebdo veröffentlichte, wurden einige in den Sozialen Medien besonders heftig diskutiert. Die kolumbianische Schauspielerin Marianna Cordoba twitterte zwei von Hebdos Karikaturen und kritisierte die Vorgehensweise des Magazins:

#CharlieHebdo, ihr seid zu weit gegangen, ich bin enttäuscht. Verwechselt Meinungsfreiheit nicht mit Hassparolen. #Aylan

Das linke Bild zeigt ein kleines Kind, das genau dieselben Kleider trägt wie Aylan, als man seine Leiche fand, sowie ein Werbeplakat für McDonald's, welches zwei Kindermenüs zum Preis von einem anbietet. Dies lässt die Interpretation zu, dass hiermit Aylan und sein Bruder gemeint sein könnten.

Die Überschrift lautet: „Beinahe am Ziel…”

Auf der rechten Seite ist eine Karikatur von einem Zeichner, der den Angriff bewaffneter Täter auf Charlie Hebdo im Januar 2015 überlebt hat. Er zeichnete eine jesusartige Gestalt, die neben dem Jungen steht, welcher mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegt. Die Überschrift lautet: „Der Beweis, dass Europa christlich ist.”

Weitere Überschriften verkündeten, dass „Christen übers Wasser laufen” und „Muslimische Kinder sinken”.

„A Common Lawyer” twitterte eine weitere Karikatur, in der ein kleines Kind, das Aylan darstellt, zusammen mit zwei Schwimm-Champions abgebildet ist. Der Kommentar ist: „Ratet mal wer hier nicht der Schwimm-Champion ist?”

Hier ist noch eine Karikatur von #CharlieHebdo #aylan. „Welcher dieser drei Schwimmer ist kein Schwimm-Champion?”

Anfang Januar 2015 wurde ein Attentat auf Charlie Hebdo verübt, in dem 12 Menschen, einschlieβlich eines leitenden Redakteurs, ihr Leben lieβen. Im Jahre 2006 hatte das Magazin die von einem dänischen Künstler gezeichneten Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht. Diese wurden von vielen Muslimen als eine Beleidigung des Islam betrachtet, von vielen Menschen im Westen hingegen als ein Geltendmachen des Rechts auf Meinungsfreiheit.

Die Aylan-Kurdi-Karikaturen stoβen in der Öffentlichkeit erneut auf geteilte Meinungen. Einige kritisieren den scheinbar geschmacklosen Humor des Magazins, andere honorieren dessen Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit.

Widerlich…Ist das deren Auffassung von Redefreiheit? Sich über das tote Kind lustig zu machen? Die wollen die Gefühle der Menschen verletzen…Einfach nur dumm. #charliehebdo#aylan

Charlie Hebdo ist es gelungen, sich im Namen der Satire über #Aylan Kurdi, den ertrunkenen Jungen, lustig zu machen. Ihr solttet euch schämen! #CharlieHebdo

Mancheiner betrachtet Charlie Hebdos satirische Aufarbeitung eines globalen Problems wie der Flüchtlingskrise als verantwortungslosen Journalismus:

#CharlieHebdo hat nun also die westliche Medienwelt mit seinen Karikaturen von #Aylan gegen sich aufgebracht. Es ist an der Zeit, dass wir uns klar machen, dass dieses Magazin ausnahmslos einen unverantwortlichen Journalismus repräsentiert.

Die Karikaturen erwiesen sich als ein zweischneidiges Schwert. Manche empfanden es als beleidigend, dass die Zeichnungen ein totes Kleinkind zum Inhalt haben, andere hingegen vetraten die Meinung, dass der Sinn dieser Karikaturen darin besteht, sich über die Reaktionen des Westens auf die Krise lustig zu machen und nicht über Aylan.

#CharlieHebdo macht sich nicht über #Aylan lustig, sondern über die kapitalistischen Länder, die sich leider nicht für den Schmerz der Flüchtlinge interessieren. So sehe ich das.

Verspottet #CharlieHebdos Karikatur von #Aylan nicht eher die Europäer…?

Etliche Zeitungen, einschlieβlich der New York Times, des  New Yorker und der Bloomberg View, veröffentlichten Artikel, die sich der Kehrseite der Medaille widmen. Die New York Times zum Beispiel argumentiert, dass die Karikaturen in erster Linie Europas „heuchlerische Reaktion auf die [Flüchtlings-] Krise” bloβstellen.

Eine Webseite, die sich Understanding Charlie Hebdo nennt, analysiert anhand diverser Beispiele die Bedeutungen der in der Zeitschrift erschienenen Karikaturen im Allgemeinen. Die Verantwortlichen sagen:

Charlie Hebdo employs its rather brutal satire against dogma, hypocrisy, and hysteria, regardless of its source. Satire works by toying with different levels of interpretation (irony)—a fundamentally subjective endeavor, which in the hands of Charlie Hebdo is sure to leave bitter aftertastes. Humor is not a requirement.

Charlie Hebdo nutzt das Mittel der brutalen Satire im Kampf gegen Dogmen, Heuchlerei und Hysterie, unabhängig von deren Quelle. Das Wesen der Satire liegt im Spiel mit verschiedenen Interpretationsebenen (Ironie) – ein grundsätzlich subjektives Unterfangen, das in den Händen von Charlie Hebdo garantiert einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Humor ist hier keine Voraussetzung.

Trotz der Versuche der Mainstream-Medien, Charlie Hebdos Anliegen und versteckte Botschaft zu verdeutlichen und die Debatte herunterzuspielen, sind einige, wie die französisch-algerische Journalistin Nabila Ramdani, immer noch nicht überzeugt:

Mein Artikel über die neusten Karikaturen des Magazins: Ja, ich verstehe #CharlieHebdos “Witz” über #Aylan. Und er ist widerlich.

Ramdani war Autorin einer Kolumne für Al Arabiya, in der sie sagte:

What is certain is that there is nothing humorous about dead children, least of all ones caught up in a global refugee crisis. This view is not a minority one, not a radical one, and not an ignorant one offered by censorious killjoys. Like Mr Herbert, a highly educated barrister, I “get” exactly what Charlie Hebdo is trying to do, and what the magazine represents. And like millions around the world I find it all utterly repulsive.

Eins steht fest: Über den Tod von Kindern macht man keine Witze, vor allem nicht, wenn sie Opfer einer weltweiten Flüchtlingskrise sind. Diese Meinung wird nicht nur von einer Minderheit vertreten. Sie ist weder radikal noch ignorant, von tadelsüchtigen Spielverderbern geäuβert. Genau wie Mr Herbert, ein hochgebildeter Rechtsanwalt, verstehe ich genau, was Charlie Hebdo zu erreichen versucht und wofür das Magazin steht. Und genau wie Millionen andere Menschen weltweit finde ich das Ganze absolut widerwärtig.

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