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FEMENs Oben-Ohne Proteste: Förderung oder Gefährdung von Frauenrechten?

Unabhängig davon ob europäische und französische Feminismus-Bewegungen der Protestgruppe FEMEN nun hinterherhinken oder nicht, für Kontroversen sorgt sie nach wie vor. In der Presse und auch in politischen Kreisen haben Mitglieder von FEMEN ein wahres Trommelfeuer an Kritik und Internetattacken entfacht; die Gruppe, die ihre entblößten Brüste als einfache doch wirkungsvolle Waffen einsetzt, scheint weltweit für Frauen in schwierigen Situationen als Protestsymbol zu dienen.

Wenn ein Mann sich als Geste des Protests selbst anzündet, würde ihn niemand beschuldigen, soziale Bewegungen zu sabotieren. Gefährden FEMEN also mit ihren radikalen Mitteln die Rechte der Frauen?

FEMEN unterstützte die tunesische Aktivistin Amina Tyler, [en] nachdem dortige Behörden [en] sie aufgrund von Bildern, die bei Facebook veröffentlicht wurden, bedrohten; außerdem wurde sie verhaftet als sie bei einem geplanten Treffen der radikalen Salafisten den Namen der Bewegung als Protestgeste [en] an eine Friedhofswand in Kairouan malte. Karima Brini [fr], Gründerin der tunesischen Vereinigung “Femme et citoyenneté” (“Frauen und Bürgertum), schrieb daraufhin, dass eine solche Radikalisierung schädlich sein kann [fr]:

Les raisons de leur combat contre l’exploitation des femmes sont respectables. Mais ce qu’elles ont fait ici en Tunisie va nous porter préjudice parce qu’on aura tendance à associer les organisations qui travaillent pour les droits des femmes à leur action.”

Die Gründe für ihren Kampf gegen die Ausbeutung von Frauen sind ehrenwert. Aber ihre Aktionen hier in Tunesien werden sich negativ auf uns auswirken, denn die Menschen werden sie nun mit anderen Frauenrechtsorganisationen in Verbindung bringen.

Später folgten Verhaftungen [en] von drei weiteren FEMEN Aktivistinnen, die zur Unterstützung Tylers barbusig vor dem Justizministerium in Tunis protestierten.

FEMENS Erfolgsgeheimnis

Es gibt wohl viele Gründe für FEMENs Medienerfolg. Die konstant überlaufenden Twitter-Konten [fr] (FEMEN Frankreich hat fast 7000 Follower), die leidenschaftlichen Facebook [fr] Profile in jedem Land (die französische Seite hat fast 40,000 „Likes“) sowie eine inhaltlich gut gefüllte Internetseite [en] zeigen deutlich, dass die Gruppe alle Mittel zu nutzen weiß, die ihr Gehör verschaffen.

Ihr scheinbarer Schlüssel zum Erfolg liegt in der radikal-innovativen Art ihres Protestes: eine uralte Geste so einfach, wirkungsvoll, effektiv, kultig, populär und universell, der wörtliche Stich ins Wespennest. Eine Geste, die Olivier Ciappa [fr] mit seinem Entwurf einer neuen französischen Briefmarke würdigen wollte. Es ist ein Bild der Nationalikone Marianne, inspiriert von der bekannten FEMEN Aktivistin Inna Schewtschenko:

Elle incarne le mieux les valeurs de la République, liberté, égalité, fraternité. Le féminisme fait partie intégrante de ces valeurs. Et la Marianne, au temps de la Révolution était seins nus, alors pourquoi ne pas rendre hommage à cette fabuleuse Femen ? “

Sie vertritt die Werte der französischen Republik am besten: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Feminismus ist ein fester Bestandteil dieser Werte. Und schließlich war Marianne auch oben ohne während der Revolution, es liegt also nahe, dieser tollen FEMENistin auf diese Art Tribut zu zollen.

Es ist auch eine Geste für welche die tunesische FEMEN Aktivistin Amina Tyler sowohl gefeiert als auch geächtet wurde. Das tunesische Justizministerium verklagte sie dafür wegen unsittlichen Benehmens (gestes immoraux [fr]) und Sami Adleeb verteidigte die Geste in seinem Blog [fr]:

En aucun cas son geste est impudique ni symptomatique d’un quelconque trouble psychologique. C’est un cri d’indignation et de colère contre la bondieuserie […]. Elle voulait attirer l’attention de l’opinion publique mondiale sur les atteintes au droit des femmes, sur la banalisation du viol et l’impunité dont bénéficient les violeurs en Tunisie post 14 janvier 2011. […] En recourant à ce mode d’expression politique inédit en Tunisie, Amina n’a pas enfreint les tabous ou un quelconque ordre moral […], elle n’a justement rien à dissimuler, c’est pourquoi elle revendique en toute dignité et liberté.”

In keinster Weise ist ihr Benehmen unanständig oder Zeichen für eine psychologische Störung. Es ist ein wütender und empörter Aufschrei gegen Scheinheiligkeit […]. Sie wollte das Augenmerk der Welt auf die Missachtung von Frauenrechten, die Trivialisierung von Vergewaltigungsverbrechen und die Straffreiheit, mit der die Täter im post-revolutionären Tunesien davonkommen, richten. […] Durch diese in Tunesien beispiellose Form politischer Äußerung hat Amina nicht die Sittenordnung verletzt […], sie hat nichts zu verbergen und stellt ihre Forderungen deshalb in Würde und Freiheit.

Soutien à Amina à Montréal posté sur la page facebook Femen France, reproduite avec autorisation de Femen France

“Freiheit für Amina” (Libérez Amina): Die Facebook Seite von FEMEN Frankreich zeigt zwei Unterstützer in Montreal, mit freundlicher Genehmigung von FEMEN Frankreich

Das französische Onlinemagazin Rue 89 [fr] hat schon 2011 im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Tibet und China von weiblicher Nacktheit als Protestmittel berichtet:

En septembre, à Shanghaï, une autre femme âgée de 77 ans, médecin, avait eu recours à un autre mode de protestation : elle avait manifesté, nue et à genoux devant le siège du tribunal local.”

Eine 77-jährige Ärztin demonstrierte in Shanghai im September nackt auf ihren Knien vor dem örtlichen Gerichtsgebäude – eine ungewöhnliche Form des Protestes nutzend.

Eine nicht ganz klare aber „sextreme“ Botschaft

Auch wenn FEMENs Aktionen deutlich sind, die Botschaft dahinter scheint es nicht immer zu sein. Inna Schewtschenko [fr] musste sich nach einem problematischen Tweet [en] über den Islam und Ramadan in der französischen Tageszeitung Libération [en] gegen Islamophobie-Vorwürfe verteidigen:

S’agissant des accusations d’islamophobie, Inna Shevchenko les balaie d’un revers de la main, préférant le terme « religiophobe » et insistant sur le fait que les Femen n’ont « pas peur de souligner les aspects liberticides de cette religion ou d’autres religions ».”

Inna Schewtschenko weist Islamophobie-Vorwürfe zurück und ersetzt das Wort durch “religiophob”, bekräftigt jedoch, dass FEMEN „sich nicht scheut, drakonische Aspekte dieser und anderer Religionen hervorzuheben.“

Unlängst scheint FEMENs Internetpräsenz [en] radikalere Formen anzunehmen; sie beinhaltet bezeichnende Symbole wie das Hakenkreuz kombiniert mit Kampfposen und einer „anti-Männer”-Stimmung:

FEMEN sind die neuen Amazonen, dazu berufen, die patriarchale Welt mit ihrem Intellekt, Sex und ihrer Agilität zu untergraben und bei Männern Chaos, Neurosen und Panik zu verbreiten.

Frauen in Indien machen mit der Pink Sari Gang [fr – siehe auch die englische Wikipediaseite] den Schritt vom eingebildeten zum echten Geschlechterkampf:

Elles ont choisi le rose comme emblème de leur combat et peuvent compter dans leurs rangs, plusieurs centaines de militantes et de militants. Elles sont armées de lathi – les bâtons traditionnels – qui servent à battre les hommes qui ont abusé de leurs épouses ou les ont abandonnées, et aussi à “tabasser” les policiers qui ont refusé d’enregistrer des plaintes pour viol.”

Sie wählen Pink als Symbol ihres Kampfes und zählen hunderte von Aktivistinnen. Bewaffnet mit traditionellen lathi-Stöcken schlagen sie auf Männer ein, die ihre Frauen misshandelt oder ausgesetzt haben und auf Polizisten die Anzeigen gegen Vergewaltigung ignoriert haben.

FEMEN erscheinen da gemäßigter auf ihrer Infoseite [en]:

  • Wir vereinen junge Frauen durch die Prinzipien sozialen Bewusstseins und Handelns und intellektueller und kultureller Entwicklung.
  • Wir anerkennen die Europäischen Werte der Freiheit, Gleichheit und umfassender persönlicher Entfaltung ungeachtet des Geschlechts.
  • Wir zeichnen ein nationales Bild von Weiblichkeit, Mutterschaft und Schönheit das auf der Euro-Atlantischen Frauenbewegung basiert.

Das Wort “national” im letzten Satz könnte allerdings für etwas Stirnrunzeln sorgen.

Weder für noch gegen

Die FEMEN-Bewegung befindet sich noch in der Anfangsphase und entwickelt sich gemeinsam mit den Nachrichten die sie selbst produziert. Sie erweckt Hass, der aus einer anderen Ära zu stammen scheint aber auch viele Missverständnisse, besonders bei Feministinnen. Die Seite Egalité et réconcilitation [fr], schreibt zum Beispiel:

« Ce n’est qu’une simulation de féminisme » […]. Femen « nuit à l’image de l’Ukraine autant qu’au vrai mouvement féministe », renchérit Marianna Evsioukova, une responsable à Kiev de l’ONG internationale La Strada, qui défend les droits des femmes. D’autres assimilent les Femen à un projet commercial […].”

“Es ist bloß eine Nachahmung des Feminismus.” […]. FEMEN „ist für das Image der Ukraine genauso zerstörerisch wie für die echte Feminismus-Bewegung“, ergänzt Marianna Evsioukova eine Funktionärin der Frauenrechtsorganisation La Strada in Kiev. Andere vergleichen FEMEN mit einem Geschäftsprojekt[…].

Dennoch hat die Gruppe ihre Geste, eine die sie mit der ganzen Welt verbindet, insbesondere mit Frauen. Einige Griechinnen stellten dieses Video auf Frankreichs FEMEN Seite als Zeichen der Unterstützung für Amina und anknüpfend an eine vorrübergehende Zensur ihrer Facebookseite.

http://www.youtube.com/watch?v=Ir2nqu9ufDo

Dass FEMEN zu so vielen Diskussionen führt zeigt nur, dass das Thema Frauenrechte noch lange nicht vom Tisch ist, weder in Frankreich noch anderswo. So scheint es nicht darum zu gehen, ob man für oder gegen FEMEN ist, sondern vielmehr darum, diese ans Tageslicht gekommene archaische Ungerechtigkeit als Möglichkeit für feministische Bewegungen wahrzunehmen, sich zu entwickeln und zu entfalten. Der Website Femmes pour la paix's [fr] zufolge

Tout militantisme demande du courage car d’une certaine manière nous nous mettons à nu devant une masse uniforme. Il est plus facile de rester chez soi à regarder le monde évoluer sans nous que d’y participer.”

…erfordert jede Art von Aktivismus Mut, denn man wird bloßgestellt vor einer undifferenzierten Masse. Es ist einfacher, zu Hause zu bleiben und der Welt teilnahmslos beim Vorbeiziehen zuzusehen.

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