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Turkmenistan: Wer braucht schon Freunde, wenn er solche Feinde hat?

Es ist immer wieder interessant zu beobachten, welche Sichtweise die Menschen in Turkmenistan, einem der am wenigsten demokratischen Länder der Welt, auf die politische Opposition haben. In der Republik am Kaspischen Meer, wo die politische Landschaft von nur einem einzigen Mann bestimmt wird, gibt es praktisch gar keine Opposition [en], die man betrachten könnte – eine Situation, die nur dazu beiträgt, das politische Monopol von Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow zu stärken.

Die wenigen Mitglieder der turkmenischen Opposition sind nicht im Land selbst ansässig. Ihre Aktivitäten und Auftritte in den Medien sind im Inneren der Republik völlig unbekannt. Staatsbeamte stellen sicher, dass die Aktivisten der Opposition keinen Zugang zu internationalen Veranstaltungen erhalten. Einige Nationen, die mit der Regierung in Aschgabat gute Beziehungen unterhalten, verwehren der turkmenischen Opposition ebenfalls die Teilnahme an von ihnen ausgerichteten Events. Daher ist der einzige Kanal, über den die Opposition bisher andere Turkmenen erreichen konnte, eine Reihe von regimekritischen Webseiten und Blogs (einer davon war im letzten Jahr wiederholt das Ziel von Hackerangriffen [en]). Allerdings ist die Bedeutung dieses Kanals eher gering, da nicht einmal fünf Prozent der turkmenischen Bevölkerung (Daten von 2010) das Internet nutzen und die besagten Webseiten sowieso von den Behörden blockiert werden.

Innenpolitischer Widerstand

Mitte Februar wurden in Turkmenistan zwei Journalisten aus dem Gefängnis entlassen. Sapardurdy Khajiev und Annakurban Amanklychev wurden im Jahr 2006 kurz vor dem Tod von Saparmyrat Nyýazow inhaftiert. Vor ihrer Freilassung hatten die Dissidenten darüber spekuliert, ob sich die politische Situation im Land unter Berdimuhamedow verbessern würde. Aber alles ist noch genau wie vorher.

Ein 2008 von Deutsche Welle geführtes Interview [ru] mit dem turkmenischen Oppositionspolitiker Nurmuhammed Khanamov zeigt, dass die Regierungskritiker den westlichen Ländern vorwerfen, vergebliche Hoffnungen auf Veränderungen in Turkmenistan zu schüren. Neweurasia.net gibt einen Einblick [en] in das Interview:

Khanamov konzentriert sich auf die Politik des Westens gegenüber Turkmenistan und kritisiert die Europäische Union für ihre außerordentlich nachsichtige Haltung gegenüber Aschgabat in Bezug auf Menschenrechte.

Khanamov bringt das Thema Beziehungen zwischen der EU und Turkmenistan erneut zur Sprache: [en]

Wenn man während dieser Treffen fragt, warum diese Fragen nicht gestellt werden, obwohl bekannt ist, dass es ein diktatorisches Regime ist, antworten die Vertreter der westlichen Länder normalerweise: Wir sind froh, dass wir einen Dialog herstellen konnten. Wir befürchten, dass Berdimuhamedow die Abschottung des Landes wie unter der Regierung von Nyýazow wiederherstellen wird, wenn wir zu forsch vorgehen.

Ich erachte eine solche Haltung jedoch als nicht ganz richtig.

Marciula, der Autor des Blogposts auf neweurasia.net, rechtfertigt [en] die EU-Position zu den turkmenischen Problemen und stellt den Einfluss der Opposition im Lande infrage:

Erstens müssen die westlichen Länder sehr vorsichtig mit ihrer Kritik sein, denn wenn sie zu hartnäckig ist, wird die turkmenische Regierung sich einfach aus der Zusammenarbeit mit dem Westen zurückziehen und sich Russland oder China zuwenden … Zweitens müssen wir die Frage nach der turkmenischen Opposition aufwerfen. Die Passivität und fehlende Einigkeit ist nicht ihr einziges Problem, sondern auch die Tatsache, dass sie keinerlei Einfluss innerhalb Turkmenistans hat und dort völlig unbekannt ist.

“Experten”

Turkmenistan ist nicht nur der Opposition verschlossen, sondern auch internationalen Experten, denen es äußerst schwer fällt, das Land zu studieren.

Cover Page of Volkov's Novel “Turkmenka”

Die regimekritische Webseite Chrono-Tm hat kürzlich Vitaliy Volkov, einen russischen Romanautoren, interviewt [ru]. In seinem neuesten Roman “Turkmenka” (Turkmenische Frau), schreibt Volkov über die Nöte, die eine turkmenische Journalistin erleiden musste, die von Turkmenistan nach Deutschland kam. Der Autor erklärt, dass der Roman durch ein persönliches Treffen mit einer realen turkmenischen Journalistin inspiriert wurde, die die Auswirkungen eines Attentats auf Saparmyrat Nyýazow, den verstorbenen früheren Präsidenten Turkmenistans, zu spüren bekam. Laut Volkov ist es sehr schwer, in Turkmenistan Zeugen zu finden, sein Roman basiert daher auf seinen seltenen Treffen mit turkmenischen Journalisten und den spärlichen Nachrichten aus dem Landesinneren. Aus diesem Grund sollte der Roman auch nicht als ein geschichtliches Nachschlagewerk betrachtet werden, sondern als ein Bild des Regimes.

Personen, die das Interview gelesen haben, waren von den Ansichten des Autors wenig begeistert. Julia kommentierte [ru] zum Beispiel sarkastisch:

«Эксперт по Средней Азии» ни разу не посетивший Туркменистан… Потрясающе!

Ein “Zentralasien-Experte”, der noch nie in Turkmenistan war … Na großartig!

Ein anderer Leser, der lieber anonym bleiben möchte, antwortete darauf [ru] allerdings:

…То что в Туркмении до сих пор средневековое мракобесье: не въехать, ни выехать, то это не вина автора. И потом, если человек к примеру филолог-Шекспировед, десять лет занимающийся данной темой, вы же будете его обвинять в непрофессионализме только за то, что он лично с Шекспиром не был знаком!..

…Es ist nicht die Schuld des Autors, dass Turkmenistan noch immer in einem Zustand mittelalterlicher Rückständigkeit verharrt – man kann das Land nicht einfach so betreten oder verlassen. Man würde auch niemandem, der 10 Jahre lang Shakespeare studiert hat, Unprofessionalität vorwerfen, nur weil er Shakespeare nicht persönlich kennt!..

Diese Kommentare scheinen ein Hinweis darauf zu sein, dass selbst unter den im Exil Lebenden ein gewisser Unmut darüber herrscht, dass Kritik am turkmenischen Regime immer von verschiedenen ausländischen “Experten” kommt anstatt von Entscheidungsträgern der EU oder von Politikern innerhalb des Landes.

Übrigens: Im Nachgang [en] des Turkmenischen Tags der Melone hatten wir versprochen, die Global Voice-Leser über Neuigkeiten betreffs turkmenischer Feiertage auf dem Laufenden zu halten. Am 20. Februar feierte Turkmenistan den Tag der Staatsflagge. Laut Präsident Berdimuhamedow symbolisiert die turkmenische Flagge die “unerschütterliche Hingabe des Landes an die höchsten Ideale des Humanismus, Friedens und der Kreativität”.

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