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Von den USA bis Indien: Wie „Open Source“-Saatgutproduzenten die weltweite Nahrungsmittelproduktion verändern

A collection of colorful carrots in Adelaide, Australia. Photo by Helen K. CC 2.0.Dieser Beitrag von Rachel Cernansky erschien ursprünglich auf der Webseite Ensia.com, einem Magazin, das über Lösungsmöglichkeiten für Umweltprobleme weltweit berichtet. Auf Global Voices wurde er im Rahmen einer Content-Sharing-Vereinbarung erneut veröffentlicht.

Frank Morton züchtet bereits seit den 1980er Jahren in den USA Salat. Sein Unternehmen bietet 114 Sorten an, wie zum Beispiel Outredgeous, die erste Pflanze, die von NASA-Astronauten im Weltraum angebaut und verzehrt worden ist. Fast 20 Jahre lang wurde Mortons Arbeit nur durch seinen eigenen Einfallsreichtum und die Frage, wie viele Salatsorten er bekommen kann, Grenzen gesetzt.

Aber Anfang der 2000er bemerkte er, dass immer mehr Salate patentiert wurden und dass er sie deswegen nicht weiter zum Züchten verwenden konnte. Die Patente galten dabei nicht nur für einzelne Sorten, sondern auch für bestimmte Eigenschaften wie Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten, einen speziellen Rot- oder Grünton oder gekräuselte Blätter. In den letzten Jahren wurden immer mehr solcher Patente auf immer mehr Pflanzen wie Getreide- oder Kartottensorten angemeldet. Aufgrund dieses Trends sorgen sich Pflanzenzüchter, Umweltschützer und Sachverständige für Ernährungssicherheit um die Zukunft der Lebensmittelproduktion.

Als leidenschaftlicher Vertreter einer Jahrtausende alten Tradition züchtet Morton immer noch Salat, er braucht dafür allerdings mittlerweile länger, da seine Arbeit durch immer mehr Einschränkungen immer weiter erschwert wird.

„Es ist, als würde in einem Fluss ein Felsbrocken liegen, um den ich herumpaddeln muss. So müssen wir das jetzt eben machen, aber es ist ein Bruch mit der Zuchttradition“, sagt er. „Ich denke, dass diese Patente auf Salate zu weit gehen. Und wenn sie vor Gericht standhalten, dann kann niemand mehr eine neue Salatsorte züchten, weil alle Merkmale schon patentiert sind.“ Er macht also so gut wie möglich weiter und versucht, diejenigen Merkmale herauszuzüchten, die er möchte. Dabei ist er allerdings sehr vorsichtig und bemüht sich, kein Material zu verwenden, das als geistiges Eigentum geschützt ist. Er hat sich außerdem einer Bewegung angeschlossen, die in den USA und überall auf der Welt immer größer wird: Open Source Breeding („Open Source“-Züchten).

Astronauts on the International Space Station grew and ate Outredgeous red romaine lettuce in the station’s “Veggie” system, a test kitchen for growing plants in space. Photo by NASA

Astronauten der Internationalen Raumstation ISS haben roten Römersalat der Sorte Outredgeous im „Gewächshaus“ der Station gezüchtet und gegessen. Dort wird getestet, ob Pflanzen im Weltraum angebaut werden können. Foto: NASA

Es ist kein Zufall, dass dieser Name eher so klingt, als würde die Bewegung aus dem IT-Bereich stammen und nicht aus dem Bereich der Pflanzenzucht. Die Open Source Seed Initiative (Initiative für „Open-Source“-Saatgut) lässt sich von der Bewegung für kostenlose „Open Source“-Software inspirieren, die Alternativen zu urheberrechtlich geschützter Software zur Verfügung stellt. Sie wurde ins Leben gerufen, um dafür zu sorgen, dass einige Pflanzenarten und -gene nicht als geistiges Eigentum geschützt werden und so für Pflanzenzüchter dauerhaft nutzbar sind. Im Rahmen der Initiative, kurz OSSI genannt, können sich US-Züchter dazu verpflichten, dass andere das von ihnen gezüchtete Saatgut frei verwenden können.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie mit ihrem Saatgut nicht weiterhin Geschäfte machen und es verkaufen können. „Open Source”-Züchter erlauben lediglich anderen, die ihr Saatgut kaufen, es zu kreuzen, um so eigene Sorten zu züchten, und es nicht sofort auszusäen — zwei Aspekte, die durch viele Pflanzenpatente verboten bzw. vorgeschrieben werden. Dutzende Züchter und Saatgutunternehmen haben sich der Initiative seit ihrem Start im Jahr 2014 bereits angeschlossen.

Düstere Aussichten

Für den emeritierten Professor der University of Wisconsin–Madison und OSSI-Vorstandsmitglied Jack Kloppenburg sind Kontrolle über das Saatgut und die Möglichkeit, neue Pflanzen zu züchten, sowohl wichtig für die Ernährungssicherheit als auch für den Umweltschutz. Saatgut spielt ihm zufolge eine Rolle in größeren Zusammenhängen wie Biodiversität, Rechte der Bauern, Kontrolle über das Ernährungssystem und Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft. Unabhängige Züchter würden versuchen, letztere nicht oder nur wenig zu nutzen, indem sie Saatgut mit natürlicher Widerstandsfähigkeit züchteten.

Kloppenburg betont, dass sich die „Open-Source“-Bewegung nicht mit gentechnisch veränderten Pflanzen beschäftigt. Alle Arten von Pflanzen könnten patentiert werden, ob Gemüse, Korn, gentechnisch verändert oder nicht, aus ökologischer Landwirtschaft oder nicht. „Um unser Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit zu erreichen, brauchen wir Kontrolle über das Saatgut“, sagt er und nimmt dabei auf die immer häufiger werdenden Fusionen in der globalen Agrarindustrie Bezug, deren jüngste Beispiele die Zusammenlegungen von ChemChina und Syngenta und Monsanto und Bayer sind, die im August bzw. September 2016 angekündigt wurden. „Wer gutes, lokal und nachhaltig produziertes Gemüse kaufen möchte, wie es beispielsweise auf Bauernmärkten angeboten wird, sollte auch wissen, dass die Art und Weise an sich, wie dieses Gemüse gezüchtet wird, bedroht ist. Ernährungssouveränität ohne Saatgutsouveränität ist nicht möglich.“

The Open Source Seed Initiative, where U.S. breeders take a pledge committing their seeds to remain available for others to use for breeding in the future, is in contrast to the practice of patenting seeds and crop traits. Photo by Jack Kloppenburg

Die Mitglieder der Open Source Seed Initiative verpflichten sich dazu, anderen ihr Saatgut weiterhin frei zur Verfügung zu stellen. Damit steht ihr Vorgehen im Gegensatz dazu, Saatgut und Pflanzenmerkmale zu patentieren. Foto von Jack Kloppenburg.

OSSI-Unterstützer argumentieren, dass die Zukunft der Lebensmittelversorgung gefährdet sei, da der verfügbare Genpool aufgrund der immer zahlreicher werdenden geistigen Eigentumsrechte auf Pflanzmaterial, das somit immer eingeschränkter verfügbar sei, unablässig schrumpfe. Claire Luby, executive director der OSSI, hat sich in ihrer Doktorarbeit mit genetischer Variation bei Karotten und deren Verfügbarkeit beschäftigt. Sie fand heraus, dass etwa ein Drittel aller Kartottenmerkmale als geistiges Eigentum geschützt ist, wodurch es für Pflanzenzüchter entweder gar nicht oder nur erschwert nutzbar ist. Für andere Pflanzen gibt es solche Schätzungen noch nicht, aber Experten wie Luby vermuten, dass massenhaft angebaute Pflanzen wie Weizen in noch größerem Stil patentiert sind als Salat oder Karotten.

Eine Frage der Sichtweise

Pflanzen werden so gezüchtet, dass sie gezielt erwünschte Merkmale aufweisen — von solchen, durch die sich ihr Geschmack oder ihre Farbe verbessert bis hin zu solchen, aufgrund derer sie in bestimmten Umgebungen gedeihen und Bedrohungen wie Schädlingen oder Krankheiten standhalten. Gegner von Patenten auf Pflanzeneigenschaften weisen darauf hin, dass das verfügbare Pflanzenmaterial für Züchter  durch immer mehr Patente abnimmt. Genetische Vielfalt sei zurzeit aber nötiger als je zuvor, da die veränderten Bedingungen durch den Klimawandel viel schlechter vorhersehrbar sind.

In einer E-Mail erkennt Monsanto-Sprecherin Carly Scaduto an, dass genetische Vielfalt generell wichtig und auch entscheidend für Monsantos Aktivitäten sei. Mit insgesamt vier Genbanken und der Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten setze sich das Unternehmen für die Erhaltung der genetischen Vielfalt ein. Sie widerspricht allerdings der Ansicht, dass geistiges Eigentum andere Züchter einschränke, da „Patente und der Schutz von Pflanzenvarietäten Innovationen fördern“. „Ein Patent ist im Grunde genommen ein Plan, den jeder befolgen kann, sobald das Patent abgelaufen ist. Oft helfen diese Anweisungen anderen dabei, mit einer anderen Methode zum selben Ergebnis zu kommen. Ein solcher Schutz hemmt also Innovationen nicht, sondern fördert sie, indem der Öffentlichkeit mehr Material und Know-how zur Verfügung gestellt werden.“

Morton sieht das anders: 20 Jahre zu warten, bis ein Patent ablaufe, fördere sicherlich keine Innovationen. Und wenn man so lange darauf warten müsse, an Pflanzen züchten zu können, die an die geänderten Umweltbedingungen angepasst sind, hätte man den Kampf schon verloren. Das Hauptargument für Morton ist aber, dass genetische Ressourcen immer schon ein Allgemeingut gewesen seien und es auch weiterhin bleiben sollten: „Unabhängige Pflanzenzüchter haben weder die Zeit noch das Geld für solche Formalitäten, und monetäre Anreize sind für uns nicht attraktiv. Wir wollen Landwirten ihre Arbeit erleichtern. Das ist es, was uns antreibt, und es wird uns unmöglich gemacht, wenn wir nicht weiterhin die besten und neuesten genetischen Ressourcen nutzen können.“

Insgesamt stört sich Morton an dem Konzept an sich, Pflanzenmerkmale zu patentieren: „Wir erschaffen die Merkmale nicht wirklich selbst. Die Pflanzen bilden sie selbst aus und als Züchter haben wir letztendlich keine Ahnung, wie die Pflanzen das tun. Ein Geheimnis der Natur.“

Für Carol Deppe, Pflanzenzüchterin im US-Staat Oregon und OSSI-Vorstandsmitglied, gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt der Pflanzenzucht: „Wer eine Sorte züchtet, züchtet auch seine eigenen Werte in sie hinein. Wer an die industrielle Landwirtschaft mit großen Höfen und Monokulturen glaubt, für deren Anbau massenweise Herbizide benötigt werden, der züchtet in seine Sorten dieses Konzept von Landwirtschaft hinein. Mein Konzept ist genau gegenteilig.“

Während einige mittelgroße Unternehmen (solche, die sich auf internationalen Märkten bewegen, aber kleiner als z. B. Monsanto sind) Patente besitzen, schaffen es die meisten kleineren Saatgutunternehmen, auch ohne Patente zu überleben — entweder lehnen sie das Patentieren ab oder sie halten es für zu teuer und daher nicht lohnend oder beides ist der Fall.

Independent plant breeder Frank Morton selects lettuce seed in his breeding nursery. Photo by Karen Morton

Der unabhängige Pflanzenzüchter Frank Morton sucht in seinem Zuchtgarten Salate aus. Foto von Karen Morton.

Morton ist außerdem der Ansicht, dass Züchter durch das Vermeiden von Pflanzenpatenten innovativer würden: „Es sieht so aus, als sei ich mit meinen Bemühungen, Neues zu produzieren, stärker als Unternehmen, die patentieren. Ich benötige ständig neues Material für meinen Katalog, da ich weiß, dass meine Konkurrenten meine Sorten in ein paar Jahren selbst verkaufen werden”, sagt er. „Mit einem Patent ist man 20 Jahre lang vor Konkurrenz geschützt, womit man es sich meiner Meinung nach ganz schön einfach macht.“

Weltweite Resonanz

Zwar scheinen die USA in der „Open Source“-Zucht führend zu sein, das Konzept breitet sich inzwischen aber schnell auf der ganzen Welt aus.

In Indien führt das Zentrum für nachhaltige Landwirtschaft („Centre for Sustainable Agriculture“), das sich selbst als professionelle Organisation im Bereich Ressourcen beschreibt, ein „Open-Source“-Saatgutprogramm durch. Zum Erhalt des Saatguts traditioneller Nutzpflanzensorten arbeitet das Zentrum mit Landwirten zusammen und hilft ihnen dabei, neue Sorten zu züchten, die bestimmte Anforderungen erfüllen. Es unterstützt sie außerdem dabei, an „Open Source“-Saatgut zu kommen und ihr eigenes zu verkaufen.

Die deutsche Organisation Agrecol arbeitet an einer „Open-Source“-Lizenz, die letztendlich eine formellere und rechtlich bindende Form der OSSI-Verpflichtung für Züchter in der Europäischen Union ist. (Vorschriften für das Züchten unterscheiden sich von Land zu Land, weswegen die OSSI-Verpflichtung nicht einfach eins zu eins in Europa oder anderen Teilen der Welt übernommen werden kann.) Anfang November 2016 hat die Exekutive der Europäischen Union, die Europäische Kommission, erklärt, dass konventionell gezüchtete Pflanzen nicht patentierbar sein sollten. Damit spricht sie sich gegen die derzeitige Praxis des Europäischen Patentamts aus, das Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen erlaubt. Eine Erklärung ist allerdings noch kein Gesetz; jetzt ist es an den Regierungen der Mitgliedstaaten, das Patentamt dazu zu bringen, diese neue Linie umzusetzen.

Im Oktober 2016 veranstaltete die niederländische Organisation Hivos eine Konferenz zu „Open Source“-Saatgutsystemen in Äthiopien, auf der Landwirte, Betreiber von Saatgutbanken und Vertreter von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Saatgutunternehmen aus ganz Ostafrika zusammenkamen, um etwas über die „Open Source“-Saatgutbewegung und den weltweiten Trend zur Patentierung von Saatgut zu erfahren [Anmerkung der Redaktion: Hivos unterstützt Global Voices.].

Willy Douma, verantwortlich für Hivos’ Programm für „Open Source“-Saatgutsysteme erklärt, dass die Organisation zurzeit eine weltweite Allianz für „Open Source”-Saatgutsysteme aufbaue, für die planmäßig nächstes Jahr der offizielle Startschuss fallen solle. Ein Zusammenschluss aus Umweltschutz- und Entwicklungshilfegruppen (darunter Hivos, die internationale Nonprofit-Entwicklungshilfeorganisation USC Canada und die Aktionsgruppe zu Erosion, Technologie und Konzentration — Action Group on Erosion, Technology and Concentration) hat eine Datenbank zu Saatgut und Biodiversität weltweit zusammengestellt, um das Seed Map Project, eine Saatgut-Landkarte, zu veröffentlichen. Im September hat die Global Alliance for the Future of Food, die globale Allianz für die Zukunft des Essens — ein Verbund aus Hilfsorganisationen wie der WK Kellogg Foundation, der McKnight Foundation und anderen — einen Bericht veröffentlicht. Darin vertritt sie die Ansicht, dass Landwirte die Möglichkeit haben müssen, an Saatgut zu kommen, es auszutauschen und zu verbessern und die Saatgutpolitik mitzugestalten, damit eine stabile Versorgung mit Nahrungsmitteln sichergestellt werden kann. In dem Bericht wird auch die Wichtigkeit einer vielfältigen, lokalen Versorgung mit Saatgut für nachhaltige Nahrungsmittelsysteme betont — ein Zusammenhang, von dem Luby von OSSI hofft, dass ihn bald mehr Menschen erkennen werden.

„Die Bewegung für regionale und ökologische Lebensmittel hat vor allem darauf geachtet, wo und wie etwas angebaut wird, und Saatgutsysteme haben dabei kaum eine Rolle gespielt“, so Luby. „Wir versuchen jetzt, den Menschen klarzumachen, dass noch mehr hinter ihren Lebensmitteln steckt.“

Rachel Cernansky ist freie Journalistin. Sie schreibt über Umweltthemen, hauptsächlich über Wasser, Kohleasche und nachhaltige Landwirtschaft, sowie über Immigration und Menschenhandel für mehrere Publikationen, darunter The New York Times, National Geographic News, Grist und Smithsonian.com. Die gebürtige New Yorkerin lebt in Denver.

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