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Geschichten von Lehrern und ihrem Kampf gegen Gewalt im Norden Paraguays

"En medio del conflicto entre criminales, militares y narcos, hay maestros y maestras que intentan salvar a sus comunidades"

¨Im Konflikt zwischen Kriminellen, dem Militär und Drogenhändlern stehen Lehrer, die versuchen, ihre Gemeinden zu retten.¨ Foto veröffentlicht von Kurtural. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Der folgende Artikel ist die gekürzte Fassung eines Berichts von Kurtural, der von Global Voices mit freundlicher Genehmigung der Autoren veröffentlicht wird. Der Artikel ist Teil einer Serie mit dem Titel “Fliegenende Kühe, verfallende Schulen“, die ebenso von Global Voices Lateinamerika bearbeitet und wiederveröffentlicht wird. Um die Identität und Integrität der Interviewten zu schützen, wurden viele Namen geändert.

Einen Helm zu tragen gilt in einigen Gemeinden im Verwaltungsgebiet Concepción – einer der ärmsten Regionen in Paraguay – als verdächtig. Für viele Lehrer und Schüler vor allem in ländlichen Gebieten sind Motorräder, um zur Schule zu kommen, genau so wichtig für die Bildung wie Stifte und Papier. In Concepción können sie jedoch keinen Helm tragen. Die Menschen dort sagen, nur Auftragsmörder tragen Helme.

In Städten wie Yby Yaú oder Arroyito – etwa 350 Kilometer nördlich der Landeshauptstadt Asunción – ist es normal, Kinder und Jugendliche in Schuluniform, aber ohne Schutzhelm mit dem Motorrad zur Schule fahren zu sehen. Dies ist aber nur eins von vielen Risiken, die sie eingehen.

Im August diesen Jahres schlug ein paraguayischer Kongressabgeordneter einen Napalm-Angriff auf den Norden des Landes vor, um die Paraguayische Volksarmee (Ejército del Pueblo Paraguayo/EPP), eine bewaffnete kriminelle Gruppe, die für Entführungen, Angriffe und Todesfälle verantwortlich gemacht wird, auszulöschen. Zwei Monate zuvor hatte eine andere Kongressabgeordnete, Mitglied der Senatskommission für Menschenrechte, einen ähnlichen Vorschlag gemacht: das Gebiet zu bombardieren, selbst wenn dabei „Unschuldige sterben müssen“.

Was die Parlamentarier dabei aber nicht sagen, ist, dass die Gewalt im Norden in Verwaltungsgebieten wie Concepción eng mit einem anderen Phänomen verknüpft ist – der jahrzehntelangen, systematischen Abkehr des Staates von diesen Gebieten.

Eine Gruppe Lehrer trotzt jedoch den bewaffneten Gruppen, Auftragsmördern, dem Drogenhandel, der Armee, dem fehlenden Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und der Ausbreitung eines Wirtschaftsmodells, das die Menschen vom Fortschritt ausschließt. Sie sind einige der Unschuldigen, die nach dem Plan der Kongressabgeordneten „sterben könnten“. Zusammen arbeiten sie in ihren Gemeinden daran, den Kindern in der Region weiterhin die Chance auf Bildung zu geben.

Unterricht als Mittel zum Widerstand

Für ihre Ausbildung als Lehrerin musste Perla Rodríguez z.B. eine Strecke von 50 Kilometern zurücklegen – auf einem Motorrad ohne Helm, und dies fünf Jahre lang -, um in die Nachbarstadt Horqueta zu gelangen, weil es in ihrem Heimatdorf keine Möglichkeit zum Studieren gab.

Insgesamt viermal hat sie die Sekundarschule abgebrochen. Erst mit 35 Jahren beendete sie ihre Ausbildung. Später beschloss sie, sich an einer Privatuniversität einzuschreiben, um ihren Traum zu verwirklichen und Sozialwissenschaften zu studieren. Als ihr Freund Lorenzo Areco am 14. August 2013 auf offener Straße von Auftragsmördern getötet wurde, dachte sie daran, das Studium abzubrechen. Areco gehörte zur Organización Campesina Regional de Concepción (OCRC), einer Vereinigung von Bauern aus der Region Concepción. Laut eines Berichts des Koordinators für Menschenrechte in Paraguay (CODEHUPY) ist er eine von 115 namentlich bekannten Führungspersonen von landwirtschaftlichen Organisationen, die seit 1989 ermordet wurden oder verschwunden sind.

„Der Mord an Lorenzo machte mir wirklich Angst, weil ich immer erst spät nach Hause kam. Ich musste meinen gesamten Stundenplan ändern“, erzählt Rodríguez. Lehrer zu sein und sich für die Rechte der Einwohner im Norden Paraguays einzusetzen, kann tödlich sein. Genauso wie Motorrad fahren ohne Helm. Oder auch mit Helm.

Marciano Jara ist wie Perla Rodríguez Lehrer in seiner Gemeinde. Er wohnt in Arroyito, etwa 40 Kilometer von Yby Yaú entfernt. Um dort hinzukommen, muss man über eine 15 Kilometer lange rote Sandpiste fahren, die mit ihren Hügeln, Dünen und durch Erosion entstandenen Schlaglöchern auch Teil der Rallye Dakar sein könnte. Die Fahrt dauert 40 Minuten, während der Staub in den Augen brennt, das Atmen erschwert und seine Spuren auf den Schuhen, der Kleidung und der Haut hinterlässt.

Jara ist ein Mann, der seine Wort mit Bedacht wählt. Das ist nur zu verständlich. Sein Partner Benjamín Lezcano, ebenfalls führende Persönlichkeit einer Bauernorganisation, wurde 2013 in seinem eigenen Haus von Auftragsmördern getötet. Lezcano setzte sich gegen den zunehmenden Anbau von Soja in Concepción ein. Bis heute ist unklar, wer ihn getötet oder den Mord in Auftrag gegeben hat.

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Blick auf die Maricevich-Schule, wo Schüler lernen, wie man einen Gemeinschaftsgarten bewirtschaftet. Foto von Juan Carlos Meza. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Bildung im Kontext

„Bildung im Kontext“ ist ein Konzept, das in Unterhaltungen mit verschiedenen Lehrern in der Region häufig genannt wird. “Die Lehrmethoden, die das Bildungsministerium vorgibt, sind nur auf das Leben in der Stadt und nicht auf die ländlichen Gebiete ausgerichtet”, sagt der stellvertretende Direktor Neder Gómez.

Die Schulen in Arroyito befinden sich in einem abgelegenen Gebiet. Es gibt nur wenige Straßen und kaum öffentliche Verkehrsmittel. Das macht es noch schwieriger, zur Schule zu kommen – vor allem an regnerischen Tagen oder für Menschen mit Rücken- oder Prostatabeschwerden ist die tägliche Fahrt mit dem Motorrad ganz besonders beschwerlich. Außerdem klagen die Schulen darüber, dass Ihnen für ihre Arbeit nicht die mindeste Unterstützung im Bereich Bildung und Infrastruktur gewährt wird.

2012 schuf die paraguayische Regierung den Nationalen Fonds für öffentliche Investitionen und Entwicklung (FONACIDE). Damit sollten Schulen im ganzen Land, vor allem aber in „besonders gefährdeten Gebieten“, gebaut und instand gehalten werden. Probleme bei der Verwaltung der Mittel und Korruptionsskandale führten jedoch dazu, dass die erhofften Verbesserungen ausblieben. Die Schulen verfallen, während die Lehrer unterrichten.

La motocicleta es tan necesaria para la educación en el norte de Paraguay como los lápices. Aquí, el estacionamiento de la Escuela 12 de Abril de Arroyito. Fotografía de Juan Carlos Meza, usada con permiso.

Motorräder sind für Schulen im Norden Paraguays genauso wichtig wie Bleistifte. Dies zeigt auch die Aufnahme des Parkplatzes vor der Schule in Arroyito vom 12. April. Foto von Juan Carlos Meza. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Von der Paraguayischen Volksarmee bedrängt, von der Regierung beschuldigt

Arroyito steht auch im Kreuzfeuer zwischen der Paraguayischen Volksarmee (EPP) und der Fuerza de Tarea Conjunta (FTC), einer Einheit des paraguayischen Militärs. Letztere war die einzige Antwort der Regierung auf die bewaffnete kriminelle Gruppe. Die FTC wurde 2013 per Dekret von Präsident Horacio Cartes geschaffen und führte zu einer Militarisierung und zur Außerkraftsetzung individueller Freiheiten im Norden des Landes. Die Einheit besteht aus Kommandanten von Militär-, Polizei- und Anti-Drogen-Einheiten.

Für die Bevölkerung in der Stadt ist die EPP nur ein weit entferntes Schreckgespenst, das es nur ab und zu in die Schlagzeilen oder in politische Reden schafft. Auf dem Land ist sie jedoch eine viel realere Bedrohung. Mehr als 60 Todesfälle, darunter auch Zivilisten, werden der EPP zugeschrieben.

In den letzten drei Jahren häuften sich die Anzeigen wegen Menschenrechtsverletzungen durch die FTC. In vielen Fällen wurden sie jedoch durch die Staatsanwaltschaft vertuscht. Arroyito ist umgeben von Truppenteilen, die in der Nacht in der Region patrouillieren. Für die Menschen, die dort leben, ist es deshalb völlig normal geworden, abends und nachts zu Hause zu bleiben oder sich nach 18 Uhr nicht mehr miteinander zu treffen. Für sie besteht gewissermaßen eine dauerhafte Ausgangssperre.

Viele Lehrer erhielten Drohungen von der EPP oder der FTC, wenn sie Meinungen für oder gegen eine der beiden Gruppen geäußert haben.

Laura Martínez geriet in so eine Auseinandersetzung. Sie unterrichtet eine Theatergruppe und wurde sowohl von der EPP als auch vom Staat bedrängt – und alles nur wegen einer Schulaufführung. „Ich studierte mit den Kindern historische Stücke ein. Einmal wollte ich ein Stück über Arroyito und die Geschichte der Unterdrückung durch das Militär aufführen“, erzählt sie.

Die Tatsache, dass Kinder sich als Soldaten verkleideten, ließ die EPP vermuten, dass sie für den bewaffneten Konflikt sei. „Sie fingen an, mir Nachrichten auf mein Handy und an den Radiosender zu schicken, bei dem ich als Moderatorin arbeitete. Sie schrieben, dass sie nach mir suchen würden, dass sie wüssten, wo ich wohne. Sie wollten, dass ich mich ihnen anschloss“, erinnert sie sich.

In ihrer Verzweiflung erstattete Martínez Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Aber statt sie zu schützen, behandelte man sie dort wie eine Verdächtige. „Sie befragten mich und beschuldigten mich, eine von denen [der EPP] zu sein.“ Am seltsamsten fand sie jedoch, dass die Staatsanwaltschaft alles über sie wusste – angefangen bei ihren Arbeitszeiten bis hin zu ihren Freunden. „Es sah so aus, also ob sie mich beobachteten. Abends sah ich immer wieder Militärfahrzeuge an meinem Haus vorbeifahren“, erzählt sie.

Die Einschüchterung durch die EPP und die Beschuldigungen durch die Staatsanwaltschaft veranlassten Laura Martínez aus Angst um ihre drei Kinder, ihre Arbeit beim Radio aufzugeben und ihre Aktivitäten bei der Kirche einzustellen. Sie hörte auch auf, in der Schule historische Stücke aufzuführen und verbrannte sogar die Kostüme und alle Requisiten.

Una tanqueta con militares armados se encuentra apostada frente a la escuela Maricevich de Arroyito. Fotografía de Juan Carlos Meza. Publicada con permiso.

Ein Panzer mit bewaffneten Soldaten steht vor der Maricevich-Schule in Arroyito. Foto von Juan Carlos Meza. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.

Für Miguel Rolón, einen Kunstlehrer, ist das Militär keine Lösung. Yby Yaú ist für ihn das Herz des Nordens. „Wenn man die Kunst und das Wohlergehen der Menschen fördern würde, statt Geld für Waffen auszugeben, könnte dies ein Schutzwall gegen alle Probleme in diesem Teil des Landes sein. Das Problem hat einen kulturellen Ursprung, also muss die Lösung auch kultureller Art sein“, erklärt er.

Kinder, die in seinem Haus gemalt haben, kommen nach draußen, um sich zu verabschieden. Ein Mädchen fragt ihn, ob sie in der nächsten Woche wiederkommen und weitermalen kann. Rolón sagt ja. Bevor sie geht, zeigt sie schüchtern das Bild, das sie heute gemalt hat und dass sie in der rechten Hand hält. Es ist eine Blume in gelb und lila. Sie hat sie von einer echten Blume abgemalt, die sie in der anderen Hand hat.

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