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Die harten Lebensbedingungen des Warao-Volks in Venezuela zeigen: Die Rechte der Eingeborenen existieren nur in der Verfassung

Warao

Obwohl die indigenen Gemeinschaften, zu denen auch die Warao gehören, als ständiges Thema in der venezolanischen Regierungspolitik präsent sind, erleben sie Situationen äußerster Armut und haben noch längst keinen Zugang zu grundlegenden Rechten wie etwa der Gesundheitsfürsorge.
Fotos wurden von der Autorin des Textes aufgenommen.

“Die indigenen Völker haben ein Recht auf eine ganzheitliche Gesundheitsfürsorge, bei der ihre Bräuche und ihre Kultur berücksichtigt werden”, sagt Kapitel 8 der Verfassung der Bolivarischen Republik Venezuela. “Der Staat erkennt ihre traditionelle Medizin sowie ergänzende Therapien an, unter Vorbehalt bioethischer Prinzipien.”

Daraus geht hervor, dass die Gesundheitsversorgung an die kulturellen Besonderheiten und die Bedürfnisse des jeweiligen indigenen Volkes angepasst werden müssen. Diese Verpflichtung erscheint nicht nur in der Verfassung. Sie erscheint auch in unbestimmter Form in der Begründung dieser Verfassung, im Grundgesetz der Völker und indigenen Gemeinschaften (“Ley Orgánica de Pueblos y Comunidades Indígenas”) sowie im “Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern”, das von Venezuela 2002 ratifiziert wurde.

Beachtet man die vielfältigen Mängel in den Ambulanzen der 345 Gemeinden, die sich rund um die Flussarme des Orinoco-Deltas im Osten Venezuelas befinden, verletzen die Behörden jedoch das Recht der indigenen Völker auf Gesundheitsfürsorge.

In diesem Gebiet liegt San Francisco de Guayo, Teil des Bezirks Antonio Díaz im Bundesstaat Delta Amacuro. Dort ist die zweitgrößte indigene Bevölkerungsgruppe des Landes ansässig, das indigene Volk der Warao, die 7 % der venezolanischen Bevölkerung ausmachen. Damit ist ihnen nur das Volk der Wayúu mit 58 % zahlenmäßig überlegen, das im Bundesstaat Zulia, im Osten des Landes lebt.

Missstände in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen

Dieses Volk mit seinen etwa 3.000 Menschen verfügt über ein ländliches Krankenhaus namens “Hermana Isabel López”, in dem die Missstände in der Gesundheitsversorgung der indigenen Gemeinden offensichtlich sind. Die elektrischen Generatoren des Krankenhauses sind seit Monaten beschädigt und die für die Reparatur erforderlichen Ersatzteile wegen der Importkrise, die verschiedene Elektrogeräte betrifft, nicht erhältlich. Das bedeutet, dass das Krankenhaus sich auf die ortseigene Anlage verlassen muss, die nur unregelmäßig in Betrieb ist.

Vor einigen Tagen hat einer der dortigen Einwohner öffentlich kundgetan, dass man 20 Tage lang kein Licht gehabt habe. Die Ärzte müssen viele Notfälle bei Kerzenlicht behandeln und mindestens ein Kind ist gestorben, vor allem aufgrund von Mekoniumaspiration. Dabei stirbt das Neugeborene durch das Einatmen seiner ersten Ausscheidungen während der Geburt. In dem Krankenhaus ist mehrfach während einer Geburt der Strom ausgefallen.

Ambulancia Hospital Isabel López_Minerva Vitti

Die Mittel für den Transport zu den Krankenhäusern sind begrenzt, was für viele Mitglieder der Warao-Gemeinschaft zum Tod geführt hat. Eines dieses Transportmittel ist das Ambulanz-Boot von Guayo, die einzige Möglichkeit, Notfall-Patienten zur Behandlung in die Hauptstadt zu bringen. Foto von der Autorin aufgenommen und mit deren Genehmigung veröffentlicht.

Auch das Ambulanz-Boot des Krankenhauses ist nicht intakt. Einmal musste ein sechs Monate altes Baby wegen starkem Durchfall ins Krankenhaus nach Tucupita gebracht werden – die Fahrt mit dem Boot dauert fünf Stunden, abhängig von der Stärke des Motors und den Gezeiten. Der Transport war unmöglich. Arzt und Familie konnten nichts tun. Ein anderes Mal starb ein Warao-Kind mit Anzeichen von Tuberkulose, weil es nicht rechtzeitig in die Bundeshauptstadt Tucupita gebracht wurde.

Auch im Krankenhaus Hermana Isabel López machen sich die mangelnden medizinischen Investitionen bemerkbar. Zu den zahlreichen fehlenden medizinischen Anschaffungen gehören Jelco-Katheter für Kinder. Sie werden in das Gewebe oder die Adern eingeführt, um Blut zu entnehmen, Medikamente zu verabreichen oder eine Drainage zur Abfuhr von Körperflüssigkeiten zu legen. Stattdessen müssen die Ärzte Jelco-Katheter für Erwachsene verwenden, die für Kinder sehr schmerzhaft sind und sogar durch einen Teil des Knochens geführt werden. Im Falle einer Dehydratation gibt es allerdings keine andere Wahl, alles andere wäre tödlich. Schwefelhaltige Creme ist ein weiteres medizinisches Mittel, das nicht ausreichend vorhanden ist und für die Behandlung der hier häufig vorkommenden Borkenkrätze benötigt wird.

Hinzu kommt, dass seit Oktober 2014 der Kühlschrank nicht mehr funktioniert. Impfstoffe können daher nicht mehr gekühlt und die Kinder nicht mehr immunisiert werden. Das bestätigt ein Einwohner von San Francisco de Guayo:

Aquí ni siquiera donan medicinas, pero sí vienen a buscar su voto […]. Ni siquiera tenemos luz para conservar nuestra comida, pero estoy segura que habrá luz [durante] las elecciones y [no] después. La gobernadora prometió dar una ambulancia fluvial y un transporte para la comunidad y aún no ha llegado nada […] Si a nuestros mismos líderes indígenas no les duelen nuestros hermanos, qué van a sentir los demás hacia nosotros,

Nicht einmal Medikamente haben wir, aber um sich unsere Stimme bei der Wahl zu sichern, da kommen sie zu uns. […] Wir haben noch nicht mal Strom, um unsere Lebensmittel zu konservieren, aber ich bin sicher, dass wir während der Wahlen Strom haben und danach nicht mehr. Die Gouverneurin hat uns ein Ambulanz-Boot und einen Transport für unsere Gemeinschaft versprochen. Bis jetzt ist nichts davon geschehen. […] Wenn sich selbst die Vorsteher unserer indigenen Gemeinschaft nicht für ihre Brüder einsetzen, wie wenig kümmert es dann die Anderen, wie es uns geht.

Ähnlich ist die Situation in der Gesundheitseinrichtung Dr. Luis Gómez in der Gemeinde Nabasanuka (auch in Delta Amacuro): Weil keine medizinischen Anschaffungen gemacht werden und kein Ambulanz-Boot vorhanden ist, müssen immer mehr Warao sterben. Die zur Verfügung stehenden Medikamente werden von Landärzten oder medizinischen Helfern mitgebracht, die die Medikamente als Spende bekommen: “Würden sie nicht kommen, hätten wir hier nichts”, sagt einer der Krankenpfleger.  

Nach Aussage des Vorstehenden und Vertreters der Gemeinschaft, Herrn Conrado Moraleda, betrifft der aktuellste Vorfall eine Warao-Mutter kurz vor der Entbindung. Es war nicht möglich, sie sofort ins Krankenhaus zu bringen, es gab keine Ambulanz. Letztendlich sind dabei sowohl die Mutter als auch das Baby ums Leben gekommen.

Eine Bedrohung für ein ganzes Volk

Die Mängel in diesen Gemeinden kann man im Großen und Ganzen als schwerwiegende und stille Bedrohung bezeichnen. Das Fehlen effektiver öffentlicher Politik zur Förderung der Gesundheitsfürsorge führen dazu, dass die Existenz dieser Menschen ständig gefährdet ist und das Wissen ihrer Vorfahren in Vergessenheit zu geraten droht. Die Einschränkungen, unter denen diese Gemeinschaft leidet, ergeben zusammen mit weiteren Problemen ein beklagenswertes Gesamtbild, das auch auf andere indigenen Gemeinschaften in Lateinamerika zutrifft.

Die Originalversion dieses Artikels basiert auf einer Untersuchung, die von Minerva Vitti durchgeführt und in der venezolanischen Zeitschrift SIC veröffentlicht wurde.

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