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Im Interview mit der iranischen Feministin und Autorin Nina Ansary am Vorabend wichtiger Veränderungen im Iran

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Dies ist der dritte Teil einer Interviewreihe mit iranischen Journalisten und Schriftstellern, die sich dazu verschrieben haben, Außenstehenden die Widersprüche und komplexen politischen Gegebenheiten im Iran verständlich zu machen. Lese hier das erste Interview mit Golnaz Esfandiari und hier das zweite mit Kelly Golnoush Niknejad

Es war Sonntag, der 12. Juli 2015, am Abend vor der endgültigen Deadline für die Verhandlungen in Wien. Nina Ansary und ich hatten einen Monat lang aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen vergeblich versucht, einen Termin für ein Telefoninterview zu finden. Am Abend vor dem Tag, an dem eine Gruppe von Diplomaten in Wien über Irans Zukunft verhandeln sollte, schafften wir es endlich, uns telefonisch zu erreichen.

Werke und Studien, die einen wertvollen Beitrag zum Thema Geschlechterrollen in der iranischen Gesellschaft leisten, sind rar – nennenswerte Ausnahmen sind Janet Afarys Sexual Politics in Modern Iran (dt.: Geschlechterpolitik im heutigen Iran) und die vielen Artikel und Bücher von Haideh Moghissi, die sich mit der Rolle des Feminismus im revolutionären Iran beschäftigen. Auch wenn Ansarys Bemühungen nicht die ersten sind, so ist ihr Werk Jewels of Allah: The Untold Story of Women in Iran (dt.: Allahs Juwelen: Die unerzählte Geschichte der Frauen im Iran) dennoch das erste Buch, das alle wichtigen Frauenbewegungen im Iran ab Ende des 19. Jahrhunderts bis heute thematisiert. Das Buch enthält eine Vielzahl von Fallstudien sowie Beschreibungen zu Frauenbewegungen, wie z.B. zur Entwicklung des Bildungsrechts von Frauen während der Pahlavi Monarchie und der Islamischen Republik oder zum feministischen Reform-Journalismus der späten neunziger Jahre. Janet Afarys soziologische Lektüre und Moghissis populistische und revolutionäre Studien tragen die Geschichte der Frauen im Iran zusammen, wenngleich sich ihre methodischen Ansätze unterscheiden. Ansarys Werk ist eine solide Einführung für jeden Laien, der sich einen Überblick über den Feminismus im heutigen Iran verschaffen möchte.

Innovativ an Ansarys Buch ist, dass die Schriftstellerin bestimmte historische Momente sehr umfangreich behandelt. So widmet sie ein ganzes Kapitel der Frauenaktivistin und Redakteurin Shala Sherkat, die hart dafür gekämpft hat, die einzige iranische Frauenzeitschrift Zanan trotz Zwangsschließungen und heimlichen politischen Vereinnahmungsversuchen von der Reformära bis hin zur gegenwärtigen gemäßigten Regierung aufrechtzuerhalten. Indem Ansary einen Einblick in die Arbeit gegenwärtiger iranischer Frauen gewährt, macht sie deutlich, dass der Feminismus in den unterschiedlichsten Ausprägungen vorkommt, so zum Beipiel in Form der einzigen iranischen Feuerwehrfrau in einer weit entfernten iranischen Stadt oder wie im Fall von Sherkat in Form einer Journalistin, die sich über soziale Tabus hinwegsetzt, um über die Arbeit der globalen Frauenrechtsbewegung zu berichten.

„Jede Frau hat das Recht, ihr ganz eigenes feministisches Mantra zu definieren,” sagte mir Ansary während unserers Gesprächs. „Sie muss Feminismus entsprechend ihres eigenen kulturellen Kontextes definieren.”

Ansarys Werk möchte dem Leser zu verstehen geben, wie entscheidend Frauen die jüngste Geschichte des Irans geprägt haben und dies weiter tun werden, indem sie dafür kämpfen, ihre Rechte und Gleichstellung in einer Gesellschaft einzufordern, die sie jahrtausendelang unterdrückt hat.

Ansary selbst wuchs in einem politisch aktiven Umfeld auf. Sie verließ den Iran zusammen mit ihrer Familie während der Islamischen Revolution, als sie gerade einmal 12 Jahre alt war. Ihr Vater war Mitglied der abgesetzten Regierung des iranischen Schahs Reza Pahlevi. Dieser Umstand überraschte mich, da Jewels of Allah frei von jeglichen ideologischen Schlingen ist, mit denen üblicherweise gerne versucht wird, Studierende des Irans zu umgarnen. Ansary unterstützt weder das Regime, das seit der Islamischen Revolution an der Macht ist, noch identifiziert sie sich mit diesem. „Auf rein emotionaler Ebene fühle ich eine tiefe Verbundenheit gegenüber meinem Heimatland”, erzählte sie mir, „doch seit der letzten vier Jahrzehnte…hängt mit diesem Regime eine dunkle und finstere Wolke über dem echten Iran.” Doch auch die Zugeständnisse der Pahlavi Era gegenüber dem Feminismus werden an keiner Stelle im Buch aufgewertet. Ansarys Buch umfasst und behandelt ausschließlich den vom Islam inspirierten Feminismus, der nach 1979 entstand.

„Was heute an Rechten für Frauen im Iran durchgesickert ist, ist vielen klitzekleinen Momenten in der Geschichte zu verdanken. Dies waren kleine, chancenreiche Momente, in denen Frauen Gehör geschenkt wurde”, erklärte Ansary.

Warum ich Ansarys Buch mit den jüngsten Atomverhandlungen in Verbindung bringe? Weil das Thema ganz selbstverständlich angeschnitten wurde, da wir schließlich am Abend vor der Deadline für die Verhandlungen in Wien miteinander sprachen.

„Ich betrachte die Angelegenheit aus rein humanitärer Sicht,” sagt Ansary. „Diese Verhandlungen verletzen weder die Rechte der Frauen noch irgendwelche Menschenrechte. Trotzdem haben die erteilten Sanktionen die Bevölkerung im Allgemeinen doch sehr stark geschwächt und wenn sich eine Tür öffnet, so hoffe ich, dass sich auch weitere Türen öffnen werden…. damit das Regime merkt, dass es der Welt gegenüber auch über atomare Belange hinaus Rechenschaft ablegen muss. Wenn wir einmal das aktuelle Regime außen vor lassen, so begrüße ich auf jeden Fall die atomaren Veränderungen für das iranische Volk.”

Und wie denkt sie über die Zukunft des Irans und die Rolle der Frauen bei dem Ganzen?

“Vorsichtig optimistisch. . . weil ich ihr starkes Durchhaltevermögen sehe, obwohl ihr Aktivismus bis jetzt nur Teilerfolge erzielt hat: So wurde iranischen Frauen bis jetzt noch nicht erlaubt, das Richteramt bei Gericht auszuüben, wohl aber die Arbeit als Untersuchungsrichter. Es wurde iranischen Frauen auch bis heute noch nicht gestattet, bestimmte Studienfächer zu studieren, wenngleich sie es aber im Laufe der Jahre geschafft haben, in männerdominierten Berufsfeldern wie Medizin und Ingenieurwesen Fuß zu fassen. Ich bin vorsichtig optimistisch, aber ich glaube, dass Frauen an vorderster Stelle stehen werden, wenn es um Veränderungen im Iran geht.”

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