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Wie man nicht über Smartphones und Spanien schreiben sollte

"Comunicando" (Communicating). Madrid, Spain. Photo by Flickr user FXW. CC BY-SA 2.0

“Comunicando” (Kommunizierend). Madrid, Spanien. Foto des Flickrnutzers FXW. CC BY-SA 2.0

Dieser Beitrag erschien im englischsprachigen Original von Lauren Finch bereits am 8. April 2015.

Während ich eines Tages ein wenig inhaltliche Fakten für einen Bericht für Global Voices überprüfte, fand ich mich auf dem Profil der Medienkönigin Arianna Huffington wieder, meiner persönlichen Quelle ausdrücklichen Neids und ging ihre Seite durch. Ich überflog den News-Feed der Chefredakteurin der Huffington Post und dabei fiel mir ein Tweet zu Spanien ins Auge, wo ich in den letzten Jahren Fuß gefasst habe. “Warum niemand in Spanien über Smartphone-Sucht spricht – Sie sprechen stattdessen miteinander”, lautete es romantisch.

Ich äußere mich nicht oft im Internet, aber ein ungläubiges “Ach was, wirklich?” (im Original O RLY?) ging mir über die Lippen. Der Tweet verlinkte zu einer Kolumne im Magazin Pacific Standard, das über soziale, wirtschaftliche und politische Themen in den Vereinigten Staaten berichtet. Sie behauptete, der “größte Unterschied” zwischen Amerikanern und Spaniern bestehe beim Gebrauch von Technologie darin, dass in Spanien “niemand telefonieren” würde. “Die Einheimischen sprechen stattdessen miteinander, laut und hitzig und ohne Unterlass”, schreibt der Autor aus Brooklyn, dessen Beobachtungen auf einer Reise durch Spanien und Portugal beruhen. “Es fiel mir auf als die Art des sozialen Umgangs, den wir uns wünschen, wenn wir über über unsere Smartphone-Sucht jammern.”

Der Text liest sich wie die Satire eines Korrespondenten aus dem Westen, der direkt in einen “exotischen” Schauplatz katapultiert wird und der sich aus der Ferne mit ausholenden Generalisierungen über diesen Ort zurückmeldet. Er schildert die Bewohner Spaniens – für viele noch bekannt als das Land mit der mittäglichen Siesta, auch wenn nur noch 16 Prozent der Bevölkerung einen täglichen Mittagsschlaf halten – und die der Region Europa als eine Art Edler Wilden, im Einklang mit der natürlichen Kommunikationskunst und unbestechlich gegenüber derselben Technologie, die Amerikaner zu Zombies mit verschwommenen Augen macht.

Aber bezüglich Technologie und der Smartphone-Sucht ist das gar nicht der Fall. Du sagst, “niemand da drüben scheint über Technologiesucht zu sprechen”? Sicher, wenn man die spanischen Medien einmal außer Acht lässt und man nicht mehr als einen Urlaub lang Zeit für die Spanier investiert, dann kann man das bestimmt so sagen. Eine schnelle Suche über Google ergibt mehr als nur einige wenige Diskussionen in den Massenmedien zu genau diesem Thema (natürlich auf Spanisch).

Spanien soll in Europa das Land mit der höchsten Rate an Jugendlichen sein, die unter Smartphone-Sucht leiden. Es zeigt sich, dass mehr als die Hälfte aller Spanier eine irrationale Angst haben, ihr zuhause ohne ihr Mobiltelefon zu verlassen. Bei Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren sind es sogar 75 Prozent. Laut einer Umfrage sagen 40 Prozent der Menschen in Spanien im Alter zwischen 18 und 30 Jahren über sich, dass sie ohne ihr Smartphone nicht leben könnten.

Spanier stehen weltweit auf Platz vier beim Gebrauch der Nachrichtenplattform WhatsApp und stehen durchschnittlich über 2,9 Geräte miteinander in Kontakt, eine der höchsten Raten in der ganzen Welt. Im letzten Jahr schufen zwei spanische Entwickler die App FaceUp, um Smartphone-Sucht einzudämmen. Im letzten Monat hatte das Theaterstück “Smartphones” eines in den USA lebenden Spaniers Premiere in Madrid. Es handelt davon, wie die titelgebende Technologie die Beziehungen zwischen Menschen verändert hat.

Ganz zu schweigen von den zahllosen Momenten, in denen ich beiläufig beobachtet habe, wie Eltern ihr Kinder (und umgekehrt!) gerügt und gebeten haben, das Smartphone beim Essen wegzulegen oder Freunde, wenn sie in einer Bar Facebookfotos auf dem Smartphone durchsehen.

Soll das bedeuten, dass es sich bei Spanien um eine Art Technologie süchtigen Ödlands handelt? Keineswegs. Spanien sprudelt über von Wärme, Leidenschaft, Ausstrahlung und Kultur und ich liebe es über alles, hier zu leben. Wenn ich Spanien aber so sehr liebe, warum nehme ich mir die Zeit, diese unrichtige obgleich rosige Beschreibung auseinanderzunehmen?

Weil Artikel wie der oben erwähnte eine bestimmte journalistische Arroganz verraten und Demut vermissen lassen. Die Schlüsse dieser Artikel führen uns zu Tatsachen und nicht anders herum. Den Lesern wird diktiert, worum es sich bei einem ganzen Land oder sogar einem kompletten Kontinent handelt und das nicht auf der Grundlage von ausführlichen Erfahrungen oder gründlicher Recherche, sondern aufgrund von schwärmerischen Vorstellungen und einigen oberflächlichen Beobachtungen.

Ein guter Journalist oder Reisender schert nicht alles über einen Kamm. Sie sind offen und vorsichtig mit ihren Urteilen. Sie sind lernbegierig und beobachten das sogenannte Gute samt dem sogenannten Schlechten. Das ist der Unterschied zwischen der Jugendliebe, die man aus der Ferne idealisiert und dem Partner im Erwachsenenalter, den man von ganzem Herzen liebt, auch wenn seine Gewohnheit, Suppe zu schlürfen einen an den Rand des Wahnsinns treibt.

Wie der Rest der Welt ist auch Spanien nicht perfekt. Es mag genauso Schwierigkeiten damit haben, die Smartphones auszuschalten wie die USA und es mag hin und wieder seine Gazpacho schlürfen, aber das macht alles Spanien aus – das wahre Spanien und nicht die technikfreie Fantasie davon – eben ein liebenswerter, schrulliger und komplexer Ort.

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