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Griechenland: Öffentlicher Selbstmord eines 77-Jährigen in Athen

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

Ganz Griechenland wurde am Morgen des 4. April 2012 von der Nachricht geschockt, dass Dimitris Christoulas, 77, sich gegen 9 Uhr vor den Augen aller Passanten auf dem Syntagma-Platz in Athen gegenüber des Parlamentsgebäudes selbst in den Kopf geschossen hat [el].

Der Mann soll Berichten zufolge ein pensionierter Apotheker sein, der sein Geschäft 1994 verkaufte. Vor dem Schuss soll er gerufen haben, dass er “seinen Kindern keine Schulden hinterlassen wollte”.

Eine Facebook-Veranstaltung rief zu einer Versammlung auf dem Syntagma-Platz am Abend des gleichen Tages auf: “Alle auf dem Syntagma. Lasst nicht zu, dass wir uns an den Tod gewöhnen.”

Global-Voices-Autor Asteris Masouras sammelte [en, el] Beiträge und andere Medien auf Storify.

Poster der Facebook-Veranstaltung für den Abend des 4. April auf dem Syntagma-Platz.

Poster der Facebook-Veranstaltung für den Abend des 4. April auf dem Syntagma-Platz. Es sagt: Es war kein Selbstmord. Es war Mord. WIR WOLLEN UNS NICHT AN DEN TOD GEWÖHNEN

Im griechischen Twitter liefen den ganzen Tag verschiedene Meldungen und Reaktionen zu diesem tragischen Vorfall in der Timeline:

@YanniKouts: Selbstmord eines 77-Jährigen heute Morgen auf dem Syntagma-Platz schockt #Greece.
“Es ist der einzige Weg zu einem würdevollen Ende. Ich kann nicht aus dem Müll essen.”

Der Nutzer Arkoudos spricht einen Wunsch für alle Hinterbliebenen aus [el]:

@arkoudos: Μακάρι να μη φύγεις. Μακάρι να μείνεις, να παλέψεις. Κι άλλο. Μακάρι.Μακάρι να μη ντρέπεσαι. Μακάρι να ντραπούμε, πρώτα, εμείς.

@arkoudos:  Ich wünschte, du wärst nicht gegangen. Ich wünschte du wärst geblieben, um zu kämpfen. Mehr. Ich wünschte. Ich wünschte, du würdest dich nicht schämen. Ich wünschte wir wären diejenigen, die zuerst beschämt gewesen wären.

Nutzer Magica betont die Schande, die beide Seiten bei diesem kontroversen Thema teilen [el]:

@magicasland: ειναι ντροπή αυτο που κανει το κράτος στο λαό του. αλλά ειναι και ντροπή να αυτοκτονείς ενω επιβίωσε με πεισμα τόσος κοσμος επι κατοχής

@magicasland: Es ist eine Schande, was das Land seinen Leuten antut, aber es ist auch eine Schande Selbstmord zu begehen, während all diese Leute die Nazibesatzung [während des Zweiten Weltkrieges] stur überlebten.
Syntagma-Platz, Athen, Griechenland. Foto von Flickr-Nutzer YanniKouts (CC BY-NC-SA 2.0).

Syntagma-Platz, Athen, Griechenland. Foto von Flickr-Nutzer YanniKouts (CC BY-NC-SA 2.0).

Die Onlinedebatte wurde politisch, neben dem unbestreitbaren menschlichen Aspekt, den sie hatte. Der Journalist Aris Chatzistefanou zog eine Parallele zu dem Selbstmord von Bouazizi in Tunesien [el]:

@xstefanou: Η Ελλάδα έχει το δικό της Μπουαζίζι. Πρέπει να δείξει αν έχει και λαό ισάξιο της Τυνησίας και της Αιγύπτου η μόνο ψηφοφόρους ΠΑΣΟΚ -ΝΔ-ΛΑΟΣ.

@xstefanou: Griechenland hat seinen eigenen Bouazizi. Es muss beweisen, ob seine Menschen den Tunesiern oder Ägyptern würdig sind, anstatt nur Wähler von PASOK-ND-LAOS zu sein. [PASOK und ND waren die größten politischen Parteien in Griechenland während der letzten zwei Dekaden, LAOS ist die beliebte rechte Partei].

Der Nutzer Elikas verlangt Gerechtigkeit [el]:

@Elikas: Κάποια στιγμή πρέπει να δικαστούν και οι ηθικοί αυτουργοί για όλες αυτές τις αυτοκτονίες. Που στην πραγματικότητα είναι δολοφονίες.

@Elikas: Irgendwann müssen die Komplizen vor Gericht für all diese Selbstmorde. [Diese Selbstmorde] sind in Wahrheit Morde.

Nutzerin Sara Firth kritisiert die europäischen Methoden für die Rettung Griechenlands:

@SaraFirth_RT: Europas Methoden, “Griechenland zu retten”, töten jetzt tatsächlich Griechen. Der Syntagma-Selbstmord hätte nie passieren dürfen #greece

Athens News berichtet [en] über eine Selbstmordnachricht, die bei dem Opfer gefunden wurde, in der er angeblich die gegenwärtige griechische Regierung mit Kriegskollaborateuren vergleicht:

Die Tsolakoglou-Regierung hatte alle Möglichkeiten für mein Überleben vernichtet. Und da ich keine Gerechtigkeit finden kann, finde ich keinen anderen Weg, darauf zu reagieren, als [meinem Leben] ein würdiges Ende zusetzen, bevor ich damit beginne, den Müll nach Essen zu durchsuchen.

Georgios Tsolakoglou war ein griechischer Militäroffizier, der der erste Premierminister der griechischen Kollaborationsregierung während der Besatzung durch die Achsenmächte 1941-1942 war. Der Bezug wird als Vergleich zwischen der Kriegsregierung und der gegenwärtigen Regierung von Lucas Papademos verstanden.

Nutzerin PenelopeD10, macht sich lustig über den Athener Bürgermeister Giorgos Kaminis wegen seiner Entscheidung im letzten Sommer, zeltende Demonstranten vom Syntagma-Platz entfernen zu lassen, weil es kein schöner Anblick für Athens Touristen sei, und sagt ironisch:

@PenelopeD10: Μη βγάλει κι άλλο φιρμάνι ο Καμίνης “απαγορεύονται οι αυτοκτονίες στο κέντρο γιατί βλάπτουν τον τουρισμό”…

@PenelopeD10: Ich wünschter, Kaminis würde keinen weiteren Erlass herausgeben “Selbstmord verboten im Zentrum [Athens] weil sie Touristen schaden”…

Viele beschuldigten Leute, die versuchten, den Tod eines einfachen Mannes für Politik und ihre eigenen Interessen auszunutzen:

@dianalizia: Schamlos! Karatzaferis nutzt den Selbstmord des Mannes heute morgen opportunistisch, um die korrupte Politik und das System (zu dem er auch gehört) zu kritisieren

@mindstripper: Οι δημοσιογράφοι πανηγυρίζουν, οι πολιτικοί παπαγαλίζουν κι εμείς στις εκλογές θα κάψουμε γι άλλη μία φορά τη χώρα. Καλό ταξίδι στον άνθρωπο

@mindstripper: Journalisten triumphieren, Politiker plappern nach und wir werden dieses Land nach den Wahlen noch einmal verbrennen. Abschied für diesen Mann.

Abgesehen von der politischen Interpretation oder Ausnutzung dieses tragischen Ereignisses, weist der Nutzer Serk01 auf die einfache Wahrheit der menschlichen Existenz hin:

@serk01: κανε ενα βήμα ‘πισω’ και σκέψου τι σημαίνει να αυτοκτονεί ενας ανθρωπος.

@serk01: Tretet einen Schritt zurück und denkt darüber nach, was es für einen Menschen bedeutet, Selbstmord zu begehen.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers Europe in Crisis [en].

Der häufigste Grund für Selbstmord ist unbehandelte Depression. Depression ist behandelbar und Selbstmord vermeidbar. Du kannst Hilfe bekommen von vertraulichen Notrufnummern für Selbstmordgefährdete oder für Menschen in emotionalen Krisen. Rufe die Telefonseelsorge an oder besuche Befrienders.org, um eine Notrufnummer in einem anderen Land zu finden.

Dieser Bericht ist Teil unseres Dossiers über Europa in der Krise.

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