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Leben nach Manus: Ein Gespräch mit dem iranischen Cartoonist Eaten Fish über das Leben innerhalb und ausserhalb Australiens Flüchtlingslager

Ein Cartoon von Eaten Fish, gezeichnet während er auf Manus interniert war. Quelle: Facebook. Wiedergabe mit Erlaubnis.

Ali Dorani war 21 Jahre alt, als er im Juli 2013 als Asylsuchender auf einem Boot die zu Australien gehörende Weihnachtsinsel erreichte. Nach 6 Monaten wurde er auf die Insel Manus überführt, in Australiens im Ausland gelegenes Flüchtlingslager in Papua-Neuguinea, wo er die nächsten vier Jahre seines Lebens verbringen sollte.

Auf Manus fing er an Cartoons zu zeichnen, um seine Zwangsstörung zu bewältigen, indem er die Situation von sich und anderen Asylsuchenden in dem Lager dokumentierte. Er nahm den Künstlernamen „Eaten Fish” (Gefressener Fisch) an, der auf seine Rettung auf hoher See im Jahr 2013 anspielt.

Nach fast drei Jahren Inhaftierung begannen Medien, seine Cartoons, die die Verfassung der Flüchtlinge auf Manus darstellen, zu veröffentlichen. Einige der Cartoons spiegeln seine sich verschlechternde Gesundheit und den sexuellen Missbrauch wider, den er in dem Lager erfahren hatte.

2016 wurde ihm für sein Werk von dem Cartoonists Rights Network International (Internationales Netzwerk für die Rechte der Cartoonisten) der “Courage in Editorial Cartooning Award” (Auszeichnung für Zivilcourage bei redaktionellen Cartoons) verliehen. Die Begründung für seine Auszeichnung lautet: „Seine Cartoons werden eines Tages als wichtige Chroniken von Weltrang des schlimmsten menschlichen Verhaltens seit den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkrieges anerkannt werden.”

Australien ist aus aller Welt wegen der Zustände in dem Flüchtlingslager auf Manus kritisiert worden. Die Vereinten Nationen haben die politische Linie der zeitlich unbegrenzten Inhaftierung in dem offshore Lager zu einer „grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Bestrafung” erklärt.

Ali wurde im Dezember 2017 nach einer weltweiten Kampagne für seine Freilassung aus der Inhaftierung entlassen. Am 17. Dezember erreichte er Stavanger in Norwegen durch die Unterstützung des International Cities of Refuge Network (Internationales Netzwerk Städte der Zuflucht).

Über E-Mail interviewten wir Ali fast ein Jahr, nachdem er Manus verlassen hat, was er als „Ausgang in die Freiheit” bezeichnet. Er sprach über sein Leben nach der Inhaftierung, seine Erfahrungen in dem Flüchtlingslager, und gab Ratschläge für andere Künstler, die verfolgt werden.

Ali verriet, dass, obwohl er mit seinem neuen Leben in Norwegen glücklich ist, es für ihn sehr schwierig war, sich anzupassen.

After two weeks I fell into a deep depression, and this kind of depression was even stronger than I had in Manus Island, and it took me around four or five months until, with a help from psychologist, and some friends, I got bit better and started communicating with a lot of people and making a new life happen.

Nach zwei Wochen fiel ich in eine tiefe Depression, die sogar noch stärker war als die Depression, unter der ich auf Manus litt. Es dauerte vier bis fünf Monate, bis es mir, mit der Hilfe eines Psychologen und einigen Freunden, etwas besser ging und ich anfing, mit vielen Menschen zu sprechen und mir ein neues Leben aufzubauen.

Er erinnerte sich an seine Entscheidung, Cartoons zu zeichnen, nachdem ihm ein medizinischer Mitarbeiter vorgeschlagen hatte, er solle eine Aktivität aufnehmen, um seine Zwangsstörung im Griff zu halten. Aber selbst das war nicht einfach – neben anderen Dingen, hatten die Häftlinge keinen Zugang zu Papier und Stiften.

I kept drawing until I was moved to Manus Island in 2014, and I didn't have enough paper, I didn't have enough pencils, and I had to steal papers from workers, I had to find a little paper to draw on, and it took me two years and a half to send my drawings out. And it was the only reason I think that I am still alive. Art didn't help my mental situation to be healthy, but it helped to send my voice out to the people in the outside world. It was art which saved me, it was art which saved my life.

Ich hatte gezeichnet, bis ich 2014 nach Manus gebracht wurde und ich hatte nicht genügend Papier, nicht genügend Stifte, und ich musste den Angestellten Papier stehlen. Ich musste ständig kleine Stücke Papier finden, auf denen ich zeichnen konnte, und es dauerte zweieinhalb Jahre, bis ich meine Zeichnung an jemanden schicken konnte. Und das war der einzige Grund, glaube ich, weshalb ich noch am Leben bin. Die Kunst hat mir nicht geholfen, mental gesund zu werden, aber es hat mir geholfen, dass ich meine Stimme an Leute in der Welt außerhalb des Lagers schicken konnte. Es war die Kunst, die mich gerettet hat, es war die Kunst, die mein Leben gerettet hat.

Seine Zeichnungen zogen die Aufmerksamkeit des medizinischen Personals und der Immigrationsbeamten auf sich, zuerst auf der Weihnachtsinsel, dann auf Manus. Anschließend wurden australische Medien auf seine Kunst aufmerksam, die seine Situation auf Manus in den Blickpunkt rückten:

I wasn't a political cartoonist at first, so I just started documenting my life and my own struggles, and I don't know what happened, one day when I opened my eyes and I have been published in different press companies and I was on the news, a lot of people knew me in Australia, and it gave me more hope to keep myself alive, and I didn't have any idea that drawings were going to give me freedom one day.

Ich war zuerst kein politischer Cartoonist, also habe ich einfach angefangen mein Leben und meine eigenen Kämpfe und Anstrengungen zu dokumentieren, und ich weiß nicht genau, was passiert ist, aber eines Tages öffnete ich meine Augen und meine Zeichnungen waren in mehreren Medien veröffentlicht worden. Ich war in den Nachrichten, eine Menge Leute in Australien kannten mich, und das gab mir mehr Hoffnung, die mich am Leben erhielt, und ich hatte keine Ahnung, dass Cartoons mir eines Tages die Freiheit geben würden.

Foto von Ali Dorani beim Unterrichten einer Zeichenklasse in Norwegen. Quelle: Facebook. Verwendung mit Erlaubnis

Dies ist Alis Ermahnung an sich abmühende Künstler, insbesondere an junge Künstler, die Verfolgung ausgesetzt sind:

Don't stop, don't stop what you're doing. Keep drawing, keep cartooning, keep sending your voice out. It takes time, it's difficult but it will work, it worked for me. Don't get tired.

I asked for help for five years and I got it. I got my freedom after five years asking from different people. Asking is not shameful. Asking for help is not shameful.

Hört nicht auf, hört nicht damit auf, was Ihr tut. Zeichnet weiter, macht weiter Cartoons, schickt Eure Stimme in die Welt. Es dauert seine Zeit, es ist schwierig, aber es wird funktionieren, es hat bei mir funktioniert. Werdet nicht müde.

Ich habe fünf Jahre lang um Hilfe gebeten und sie bekommen. Ich habe meine Freiheit bekommen, nachdem ich fünf Jahre lang verschiedene Leute um Hilfe gebeten hatte. Um Hilfe zu bitten, ist nicht beschämend.

Außerdem bittet er dringend, dass Gruppen, die den Flüchtlingen auf Manus Hilfe anbieten, es ablehnen, falsche Information über die Situation in dem Lager weiterzugeben.

Truth helped me. Truth helped me to get my freedom back. It took a lot of time but it worked.

Die Wahrheit hat mir geholfen. Die Wahrheit hat mir geholfen, meine Freiheit zurück zu bekommen. Es hat lange gedauert, aber es hat funktioniert

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