Wenn ein Bild tausend unwahre Worte wert ist

Wie das Foto einer Tragödie immer wieder in sozialen Medien falsch zugeschrieben wurde.

„Sharing is Caring“ [Wer teilt, nimmt Anteil] vom Flickr-Nutzer Niklas Wikström (CC-BY-NC 2.0)

WARNUNG: Dieser Beitrag und die Seiten, zu denen er verlinkt, beinhalten Bilder, auf denen Gewalt dargestellt ist.

Der Faktencheck ist wichtig in einem Moment, in dem es darum geht, ein Gerücht aufzuheben oder eine Fälschung zu entlarven. Aber wie ist das Jahre nachdem etwas das erste Mal aufgetaucht ist? Content in sozialen Medien, egal ob wahr oder unwahr, neigt dazu, weiter zu bestehen.

Nehmen wir dieses Foto eines schrecklichen Unfalls vor sieben Jahren in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo). Seit seiner ersten Veröffentlichung wurde es irreführenderweise dazu genutzt, Tragödien zu bebildern, die eigentlich in Nigeria oder Myanmar stattgefunden haben.

Diese falsche Kopplung von Bild und Ereignis – „falsche Beschreibung” oder „falscher Kontext” in der Terminologie von Global Voices oder First Draft News – leugnet nicht die Tatsache, dass es reichlich sorgfältige Berichterstattung über Ereignisse in der DR Kongo, Myanmar und Nigeria gibt. Es wirft aber Fragen zu unserem Verlangen nach Bildern zu Nachrichten auf.

Was in der Demokratischen Republik Kongo geschah

2010 durchquerte ein Tankwagen den Ort Sange im Osten der DR Kongo, kippte um und explodierte. Dabei kamen 230 Menschen ums Leben. Nach dem Bürgerkrieg war Afrikas zweitgrößtes Land jahrelang vernachlässigt worden und dadurch verwüstet. Die Straßen in der Region wurden zu gefährlichen Pfaden voller Schlaglöcher geworden, die schwierig zu befahren waren. Tragischerweise fiel dem der Tankwagen zum Opfer.

Behördenvertreter beschrieben einen Feuerball, der dutzende Häuser einhüllte einschließlich eines Kinos in der Nähe, das voller Menschen war, die die Fußballweltmeisterschaft anschauten. Häuser verbrutzelten und verkohlte Leichen lagen in den Straßen verstreut. Viele Menschen waren zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Ein Bild mit dem Titel „Das ist Nigeria.“ [sic] vom Imgur-Nutzer Mystical Monkey, 12. January 2015.

Mehrere Fotos des Vorfalls bilden die grauenvollen Szenen dieses Tages ab. Oben ist ein Beispiel dafür. Es zeigt Reihen verkohlter Körper, die auf dem Boden aufgereiht sind während Personen sie anschauen.

Aber hier findet die Geschichte nicht ihr Ende. Über die Jahre wurde dasselbe Foto mehrere Male auf sozialen Medien, Blogs und anderen Plattformen aufgetischt und fälschlicherweise zwar realen aber nicht damit im Zusammenhang stehenden Tragödien zugeschrieben, insbesondere Ereignissen in Nigeria und Myanmar.

Was und was nicht in Nigeria und Myanmar geschah

Am 3. Januar 2015 griffen Kämpfer der Boko Haram die entlegenen nigerianischen Ortschaften Baga und Doro Gowon an. Augenzeugen berichteten drastisch von Gräueltaten, vor denen sie fliehen mussten. Häuser und Läden wurden niedergebrannt und Leichname lagen in Straßen und Gebüsch.

Es gab Berichte, laut denen 150 bis 2.000 Menschen massakriert wurden. Die Zahlen konnten aber nicht bestätigt werden. „Niemand blieb zurück, um Leichen zu zählen“, sagte ein Einwohner zu Human Rights Watch. Viele waren zerstückelt worden, erschossen oder verbrannt. Nur anhand von Satellitenbildern konnte die Folgezeit bildlich dargestellt werden. Der Anlass für den Angriff blieb ebenfalls ungeklärt, aber der Armeestützpunkt in Baga war ein permanenter Konfliktherd zwischen dem Militär Nigerias und dem Versuch der Boko Haram gewesen, Land zu gewinnen (Beispiele aus dem Jahr 2013 und 2015).

Und hier tauchte das Bild aus der DR Kongo wieder auf, als es fälschlicherweise als Beweis für die Tatsache und das mögliche Ausmaß des Angriffs präsentiert wurde:

Das ist Nigeria. Ein Massaker an 2.000 Menschen fand zwei Tage nach Paris statt. Sie sind nicht Charlie. Sie sind tot.

Tatsächlich ist diese missbräuchliche Verwendung des Bildes aus der DR Kongo nur eine in einer Reihe von Fehlzuschreibungen; Africa Check hat Zuordnungen zu Nigeria seit 2014 dokumentiert. In all diesen Fällen wurde das Bild als ein Beleg für Massentötungen vorgebracht. Noch ein Schritt weiter bringen persönliche Kommentare wie dieses Beispiel fälschlicherweise das Bild aus der DR Kongo mit Quellen der Massenmedien in Zusammenhang, um Argumente zu liefern.

Das Bild aus Sange trat auch in Verbindung mit der tödlichen Verfolgung der muslimischen Rohingya in Myanmar in Erscheinung. Laut einer Blitzmeldung, veröffentlicht durch die Vereinten Nationen beschrieben diejenigen, die fliehen konnten Schläge, Vergewaltigung und etliche Tote, einige durch Verbrennen. Während andere von der Gewalt gegen die Rohingya berichteten, tauchten Posts wie der folgende auf, die diese Beschreibungen mit Fotos aus der DR Kongo zusammenbrachten:

Dieses Bild stammt von einer saudi-arabischen Nachrichtenseite, die 2012 fälschlicherweise behauptete, der Präsident Myanmars Thein Sein habe gesagt, Mönche und Politiker hätten sich an der Ermordung der Rohingya Muslime beteiligt. Zusätzlich hatte sie das Bild aus der DR Kongo verwendet, um diese Information zu bebildern. Der Originalbeitrag, auf den zuletzt am 26. April 2017 zugegriffen wurde, kann hier aufgerufen werden. Andere Nachrichtenorganisationen, die AFP als ihre Quelle nannten, hatten ebenfalls fälschlicherweise Thein Sein diese Aussage zugeschrieben, hatten aber nicht damit das Bild aus der DR Kongo in Zusammenhang gebracht.

Die weltweite Reichweite falscher Angaben

Spuren dieser falschen Koppelungen reichen bis in die Jahre 2011 und 2012 zurück und kommen tatsächlich von überall auf der ganzen Welt. Mithilfe einer „umgekehrten Bildersuche“ kann man ersehen, wie weit Informationen Grenzen überschreiten können. Eine umgekehrte Bildersuche mit der Suchmaschine TinEye hat unter 18,8 Milliarden Bildern (Stand vom 3. Mai 2017) 344 Bilder gefunden, die dem besagten Bild aus der DR Kongo sehr ähnlich sind. Sie stammen aus einem Mischmasch privater Seiten, Plattformen sozialer Medien und gemeinschaftlichen sowie nationalen Publikationen und sind in vielen verschiedenen Sprachen wie Englisch, Russisch, Spanisch, Arabisch, Niederländisch, Deutsch, Griechisch und Portugiesisch. Manche haben falsche Berichte weitergeleitet, vereinzelt haben andere versucht, die Fälschungen zu entlarven.

Wir haben Beispiele für die missbräuchliche Nutzung eingegrenzt und sie mit den jeweiligen Ländern in Verbindung gebracht, auf Grundlage dessen, auf welcher Seite sie veröffentlicht worden waren. Dadurch wollen wir die Reichweite deutlicher darstellen als durch die Sprache allein.

Aus den unten aufgelisteten Ländern (die in manchen Fällen auch miteinander verbunden wurden) können mehrere Beispiele für missbräuchliche Verwendung stammen. Hier einige Fälle, die jetzt noch vollständig aufgespürt werden können (auf der Karte in Orange):

Karte: News Frames. Länderbeispiele von falschen Kopplungen des Bildes aus der DR Kongo mit Nigeria oder Myanmar. Die orangefarbenen Ländern weisen auf Seiten oder Server hin, über die Beispiele der Fälschungen oder Falschmeldungen immer noch verfügbar sind. Die Länder in Grau sind Beispiele, die laut der Metadaten und Informationen, die über TinEye verfügbar sind, wahrscheinlich auch Fälschungsbeispiele vorweisen. Als Erinnerung, die Quelle des Bildes ist die Demokratische Republik Kongo (in Blau).

Es gibt weitere bestätigte Beispiele einer fehlerhaften Verwendung des Bildes aus Schweden, Polen, Belgien, den Niederlanden und Argentinien.

Auf andere Accounts, Aggregatoren und Seiten in den folgenden Ländern (auf der Mappe in Grau) weist TinEye ebenfalls hin, sind aber nicht mehr vollständig rückverfolgbar: Tschechische Republik, Australien, Indien, Peru, Niederlande, Äthiopien, Sri Lanka, Aserbaidschan, Japan und möglicherweise China. (Dateneinträge mit URLs und Zeit-/Datumsstempel existieren auf dem Webcrawler und vereinzelt verfügen sie über Bilddateinamen in Zusammenhang mit Nigeria oder Rohingya Muslimen.) In all diesen Fällen, die erst deutlich nach dem Originalunglück von 2010 erschienen, trägt das Bild letztlich möglicherweise eine korrekte Beschreibung, aber der Originalbeitrag ist nicht verfügbar oder zugänglich.

Frames und Bilder

Es gibt hier zwei starke Themen oder Frames (Einrahmungen), die diese Posts durchziehen. Der erste Frame fokussiert auf Religion. Das Foto wurde verwendet in Bezug auf größere Diskussionen über das Schweigen im Zusammenhang mit den Ermordungen von Christen durch Muslime oder – zur Verteidigung der Muslime – die Ermordungen der Rohingyas durch Buddhisten. Ein zweites Framing verwendet das Bild um zu diskutieren, wie ein afrikanisches Leben im Vergleich zu einem europäischen oder französischen Leben unterbewertet wird.

Religion verstehen zu wollen und der Wert menschlichen Lebens ist beides wichtig. Daher lohnt es sich zu untersuchen, wie Bilder im Zusammenhang mit diesen Bemühungen verwendet werden. Eine tiefergehende Frage ist jedoch, was passiert, wenn Lesern diesen Bildern nicht länger Glauben schenken können. Mit sozialen Medien gibt es zig Menschen, die unbeabsichtigt daran Anteil haben, das Wasser rund um eine Tragödie zu trüben. Suggeriert diese Stimmung der Fehl- und Falschinformation, dass tatsächliche Gräueltaten unwahr sind und schmälert es das eigentliche Grauen von dem, was tatsächlich in der DR Kongo, in Nigeria und in Myanmar geschehen ist?

Die Verbreitung gewaltsamer Bilder wurde bereits ausführlich debattiert (hier beispielsweise). Ein Argument lautet, dass das Zurückhalten von Bildern einer Weigerung gleichkommt, die Tragödie anzuerkennen. Bisweilen werden diese Bilder sogar von den Opfern selbst verlangt. Zugleich besteht die Sorge, dass gewaltsame Bilder Leser und Zuschauer desensibilisieren und ihnen die Fähigkeit nehmen, Empathie zu empfinden (so beispielsweise diese Studie, die untersuchte, wie gewaltsame Medien darauf wirken, anderen zu helfen).

Während es einiges hinsichtlich gewaltsamer Darstellungen in den Nachrichtenmedien zu diskutieren gibt, ist Fakt, dass sie für die heutige Nachrichtenberichterstattung unverzichtbar sind. Technologen experimentieren derweil mit Algorithmen, um den Kampf gegen „Fake News” zu unterstützen. Sie werden gründlich über Situation nachdenken müssen, in denen ein Bild etwas suggeriert, was eigentlich aber auch abgelöst vom Kontext oder auf völlig missbräuchliche Art verwendet werden kann. Eine jede Untersuchung falscher Zuschreibungen sollte aber auch berücksichtigen wie international sie sein können.

Vielen Dank an Afef Abrougui, Anna Schetnikova, Belen Febres-Cordero, Esther Dodo, Gustavo Xavier, Iria Puyosa, L. Finch, Lena Nitsche, Marisa Petricca, Mohamed ElGohary, Mong Palatino, Oiwan Lam, Ortaç Oruç, Veroniki Krikoni, Rami AlHames, Suzanne Lehn, Thant Sin und Tori Egherman für ihre Unterstützung, Details und Kontext zu bestätigen.

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