Trotz Verbot werden Menschen in Hongkong mit Mahnwache an scharfes Vorgehen auf dem Tian'anmen-Platz erinnern

Banner der Social-Media-Kampane der Hongkong-Allianz (Hong Kong Alliance) zur Unterstützung der patriotisch-demokratischen Bewegungen Chinas.

Hongkong hat seit über 30 Jahren Mahnwachen bei Kerzenlicht abgehalten, um an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989 zu erinnern. Diese Tradition ist jedoch – wie so viele, die von der Bevölkerung  Hongkongs geschätzt werden – vom Aussterben bedroht, da Peking jetzt die Schrauben anzieht.

Die Polizei Hongkongs sendete am 01. Juni  zum ersten Mal in der Geschichte ein Einspruchsschreiben bezüglich der jährlichen Mahnwache bei Kerzenlicht an den Organisator der Veranstaltung, die Hongkong Alliance (etwa: Hongkonger Allianz; kurz: HK Alliance) zur Unterstützung patriotisch-demokratischer Bewegungen Chinas.

In dem Schreiben bezeichnete die Polizei die Mahnwache als „ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Gesundheit“.

COVID-19 ist seit Wochen auf der Insel unter Kontrolle und eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Abstandseinhaltung wurden aufgehoben – Bars und Schönheitssalons wurden wiedereröffnet, während Grundschülerinnen und -schüler seit Mai wieder zur Schule gehen dürfen.

Das Verbot der Mahnwache in diesem Jahr ist vor dem Hintergrund der Entscheidung Chinas, ein maßgeschneidertes nationales Sicherheitsgesetz in Hongkong einzuführen, besonders beachtenswert.

Leung Chung-ying, Hongkongs ehemaliger Regierungschef, deutete im vergangenen Monat an, die Mahnwache bei Kerzenlicht im Victoria Park könnten nach den Bestimmungen des künftigen Gesetzes verboten werden.

Bei der von der HK Alliance organisierten Mahnwache haben Demonstrierende seit 1990 viele Parolen gesungen, darunter „Freilassung der Dissidenten“, „Rehabilitation der Demokratiebewegung von 1989“, „Forderung nach einer Rechenschaftspflicht für das Massaker vom 04. Juni“, „Einparteien-Diktatur beenden“ und „Baut ein demokratisches China auf.”

Diese Forderungen könnten nach den auf dem chinesischen Festland bereits geltenden nationalen Sicherheitsgesetzen als „Anstiftung zum Aufruhr“ angesehen werden.

Die HK Alliance sagte, ihre Mitglieder werden am 04. Juni im Victoria Park trotzdem Kerzen anzuzünden und forderte alle Bürgerinnen und Bürger Hongkongs auf, das Gleiche in der ganzen Stadt zu tun. Die Veranstaltung wird live übertragen.

Der Twitter-Nutzer Yuen Chan übersetzte die Erklärung der HK Alliance ins Englische:

Zur Erinnerung: Zum ersten Mal seit 1990 wird zum Gedenken an die Niederwerfung des Tiananmen-Aufstandes im Hongkong im Victoria-Park keine Massenmahnwache bei Kerzenlicht stattfinden. Die Organisatoren rufen die Menschen auf, am 04. Juni um 20.00 Uhr HKT Kerzen anzuzünden, wo auch immer sie sich befinden

Markierung des 35. Mai

Die Mahnwache ist nur eine von mehreren Initiativen zum Gedenken an den 04. Juni.

In diesem Jahr haben einige Distrikte mit pro-demokratischen Amtsinhaber*innen Anträge gestellt und die chinesische Regierung gedrängt, „ den 04. Juni als patriotische pro-demokratische Bewegung anzuerkennen“.

Eine Theatergruppe, das June 4 Theatre (etwa: Theater des 04. Juni), wird das Drama „Der 35. Mai“ am 04. Juni 24 Stunden lang an einem Stück ausstrahlen, um der Gewalt auf dem Tian'anmen-Platz zu gedenken.

Der Titel des Dramas ist ein Versuch, die allgegenwärtige Zensur Chinas zu umgehen, die „64“,„六四“ und „六月四日“ (04. Juni) in den Monaten Mai und Juni stark zensierte.

Die Theatergruppe betonte, dass die Erinnerung an den 04. Juni ein „Kampf gegen die Amnesie“ in Hongkong sei.

Yellow Avenger, eine Facebook-Seite, die lokale Unternehmen, die sich für die Demokratie einsetzen, unterstützt,  forderte die Hongkonger Bevölkerung auf, für das Theater am 04. Juni zu spenden:

“香港人講六四是「記憶與遺忘的戰爭」。”

其實呢一年來香港人又何嘗唔係,
教科書改寫歷史,
監警會調查報告話無警黑合作。

今日香港人如果唔將真正既香港歷史好好記錄低,他日下一代只會知道被篡改的所謂”歷史”。

香港人善忘, 但有些事情,
不想回憶, 未敢忘記。

你, 我, 他, 每一個人都有責任記錄低真正歷史,
請多支持各走在同一條抗爭路上的有心人🙏

„Das Erinnern an den 04. Juni ist ein Kampf gegen die Amnesie in Hongkong.“
Einen ähnlichen Kampf haben wir im vergangenen Jahr gesehen.
Lehrbücher wurden überarbeitet, um die Geschichte zu ändern.
Der vom Independent Police Complaints Council [Unabhängiger Ausschuss für Beschwerden gegen die Polizei] veröffentlichte Bericht bestritt die Zusammenarbeit zwischen der Polizei und der Triade [bewaffnete Banden, von denen einige Verbindungen zum Festland haben].
Wenn wir Hongkonger heute unsere Geschichte nicht aufzeichnen, lernt die nächste Generation nur die „überarbeitete“ Geschichte.
Normalerweise sind die Leute in Hongkong sehr vergesslich. An gewisse Themen wollen wir uns nicht erinnern, weigern uns aber, zu vergessen.
Jeder Einzelne hat die Verantwortung, in der Geschichte die Wahrheit festzuhalten.
Unterstütze bitte diejenigen, die auf demselben Weg gehen.

Der bildende Künstler Chan Ka Hing warb unterdessen auf Facebook für seine öffentliche Vorstellung „We all are Tank Man“ (etwa: Wir alle sind der Panzermann), die am 05. Juni stattfinden wird:

Chan Ka Hings bevorstehender öffentlicher Auftritt wie auf Facebook angekündigt.

一九八九年六月四日後,翌日(六月五日)於北京長安街上,發生了近代歷史上著名的「坦克人」事件。
今年六月五日,下午三時,我將身穿黑褲白恤衫,雙手持袋,默站於政總前,此為一個人之「藝術行為」,懇請大家切勿「模倣」。
此「藝術行為」會由政總開始,流動於港九各地,同樣會默站於某些「地點」,同樣,懇請大家切勿「模倣」。
「坦克人」場景三十一年不滅,他象徵不屈勇氣,一個震撼人心的場景,能牽動全世界相信普世價值的人,但願我能重現這一場景的意義.

Am 05. Juni, einen Tag nach dem 04. Juni 1989, erschien der „Tank Man“ [Panzermann] in der Changon Straße in Peking. Dieses Jahr, am 05. Juni um 15 Uhr, werde ich vor dem Regierungspräsidium stehen, ein weißes T-Shirt und eine schwarze Hose tragen und Plastiktüten in meinen Händen halten. Das ist eine individuelle Kunst-Vorstellung, bitte nicht „kopieren“. Die Vorstellung beginnt vor dem Regierungspräsidium und… Ich werde dann an anderen Stellen auf der gleichen Weise stillstehen. Nochmals, bitte nicht „kopieren“.

Das Bild des „Tank Man“ hat 31 Jahre überlebt. Ein Symbol für unnachgiebigen Mut. Es schockierte die Welt und verband Menschen, die an universelle Werte glauben. Ich hoffe, dass mein Auftritt die Menschen an diese Bedeutung erinnern wird.

Chans Bitte an alle, ihn nicht zu kopieren, ist am besten als Selbstschutzmaßnahme zu verstehen, da öffentliche Aufrufe zu kollektiven Online-Aktionen nach den örtlichen Gesetzen über die öffentliche Ordnung strafrechtlich verfolgt werden können.

Tian'anmen-Tabu

Mit Zehntausenden von Teilnehmenden pro Jahr ist die Kerzenmahnwache im Victoria Park die größte zivile Gedenkveranstaltung auf chinesischem Territorium.

Man erwartet, dass die diesjährige Mahnwache viel kleiner ausfallen wird, da die Polizei dank der Verordnung über die Vorbeugung und Bekämpfung von Krankheiten (Verbot der Versammlung von Gruppen, Prevention and Control of Disease (Prohibition on Group Gathering) Regulation), die als Reaktion auf COVID-19 eingeführt wurde, die Befugnis erhalten haben, Menschenansammlungen zu verhindern.

In der vergangenen Woche nahm die Bereitschaftspolizei mehr als 900 Personen fest, die gegen die Entscheidung Pekings protestierten, Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufzuerlegen.

Angesichts dieser sich abzeichnenden Gesetzgebung ist es wahrscheinlich, dass künftige Mahnwachen am 04. Juni dezentralisierter organisiert werden müssen, wobei die Hauptveranstaltung möglicherweise außerhalb Hongkongs stattfinden könnte.

Es ist möglich, dass dieses Jahr eine noch größere Mahnwache bei Kerzenlicht in Taiwan abgehalten wird.

In Anerkennung dieser Tatsache hat die HK Alliance einen Aufruf zur globalen Solidarität veröffentlicht und Gemeinschaften auf der ganzen Welt aufgefordert, sich dem „Gedächtniskampf“ anzuschließen, indem sie den Social-Media-Hashtag #6431truth verwenden.

Die Tian'anmen-Demokratiebewegung war eine Reihe von Studierendendemonstrationen, die 1989 auf dem Tian'anmen-Platz in Peking stattfanden. Die 50 Tage dauernden friedlichen Proteste begannen im April mit dem Tod des reformorientierten kommunistischen Generalsekretärs Hu Yaobang und endeten mit einer militärischen Niederwerfung am 04. Juni 1989.

Einer Schätzung des Chinesischen Roten Kreuzes zufolge wurden dabei 2.700 Zivilist*innen getötet, während ausländische, diplomatische Telegramme aus dieser Zeit eine bis zu viermal höhere Zahl vermuten ließen.

Diskussionen über das Tian'anmen-Massaker sind auf dem chinesischen Festland nach wie vor tabu, und ein Großteil der jüngeren Generation weiß wenig oder gar nichts über diese blutige Niederschlagung.

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