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Frauen in Brasilien protestieren gegen führenden Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro

Von Frauen angeführte Demonstration gegen den Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro in São Paulo (Brasilien) | Foto: Rovena Rosa/Agência Brasil. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

Im Vorfeld der allgemeinen Wahlen am 7. Oktober 2018 nehmen die Spannungen in Brasilien zu. Dann wählen die Brasilianer den Präsidenten, Vizepräsidenten und den neuen Kongress.

Dabei lehnen die Bürger vor allem den Präsidentschaftskandidaten und Kongressabgeordneten Jair Bolsonaro, einen ehemaligen Militäroffizier und den aktuell in den Umfragen Führenden, entschieden ab. Am 29. September 2018 gingen hunderttausende Menschen in mehreren brasilianischen Städten auf die Straße, um #EleNão [#ErNicht], #EleNunca [#ErNiemals] oder #EleJamais [#ErNie] zu sagen.

Nach Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Datafolha führt Bolsonaro mit 28% vor Fernando Haddad, dem Kandidaten der Arbeiterpartei, für den sich 22% der Befragten aussprachen. Bolsonaro wird aber auch von einem großen Teil der Bevölkerung abgelehnt. So sagen etwa 46% der Brasilianer, dass sie niemals für ihn stimmen würden. Unter den Frauen, die immerhin mehr als die Hälfte der 147 Millionen Wahlberechtigten ausmachen, liegt dieser Anteil sogar bei 52%.

Frauen sind auch die lautesten Stimmen in der #NotHim genannten Bewegung gegen Bolsonaro. Bolsonaro fiel öffentlich durch frauenfeindliche und homophobe Äußerungen auf. Das folgende Video zeigt Tausende Menschen bei Demonstrationen in ganz Brasilien:

Frauen gegen Bolsonaro

Mitte September wurde zu Protesten gegen Bolsonaro aufgerufen, als die Facebookseite der Frauengruppe ‚Frauen gegen Bolsonaro‘, die eine Million Mitglieder hat, angegriffen und gehackt wurde. Bei dem Hackerangriff wurden alle Administratoren blockiert und der Name der Gruppe wurde als Zeichen der Unterstützung für Bolsonaro geändert.

Nur wenige Tage zuvor hatten Bolsonaros Vizepräsidentschaftskandidat, der ehemalige Armeegeneral Hamilton Mourão, und Bolsonaros Sohn Eduardo, der genau wie sein Vater Kongressabgeordneter ist, das Gerücht gestreut, die Facebook-Gruppe sei ein „Fake“ mit gekauften Followern.

Nach Angaben des Online-Dienstleisters und Internetanbieters UOL gewann ‚Frauen gegen Bolsonaro‘ pro Minute mindestens 10.000 neue Mitglieder.

Fabio Malini, Datenspezialist und Professor an der staatlichen Universität Universidade Federal do Espírito Santo, beobachtete die Aktivität in den sozialen Medien rund um den Hashtag #NotHim am Tag der Demonstrationen. Malini gibt an, dass alle 40 Sekunden 1000 Twitter-Nachrichten mit den Hashtags #elenão, #epelavidadasmulheres, #mulherescontrabolsonaro oder #elenunca (#ernicht, #esistfürdaslebenderfrauen, #frauengegenbolsonaro, #niemalser) gepostet wurden.

Die „Explosion“ der Reaktionen von 270.833 Profilen, die 1.011.560 Retweets generierten, illustrierte Malini in der folgenden Grafik:

Das Netzwerk zeigt 270.833 Profile, die 1.011.560 Retweets generierten. Eine Explosion der Influencer, die ein vielseitiges, buntes und weltweites Netzwerk geschaffen hat. Braunes Netzwerk: Profile gegen die Bewegung (9%).

Am nächsten Tag, dem 30. September, fanden mehrere Demonstrationen für Bolsonaro statt. In einem Interview versprach Bolsonaro, der nach einem Messerangriff bei einem Wahlkampfauftritt Anfang September noch immer im Krankenhaus liegt, er werde „die Wahlergebnisse nur akzeptieren, wenn er gewinne“.

Bolsonaros Äußerungen gegen die Gleichberechtigung  

Bolsonaro spricht sich offen gegen die Gleichstellung von Männern und Frauen sowie gegen Frauenrechte aus. 2014 sagte Bolsonaro, er würde die Politikerin Maria do Rosario niemals vergewaltigen, „weil sie zu hässlich wäre“ und „das gar nicht verdient hätte“. Im selben Jahr stellte er sich in einem Zeitungsinterview auf die Seite der Arbeitgeber und sagte, man sollte sie nicht zwingen, Männern und Frauen gleiche Löhne zu zahlen. 2016 stimmte Bolsonaro für die Amtsenthebung von Dilma Rousseff, die damals die erste weibliche Präsidentin von Brasilien war.

Bolsonaro äußerte sich auch mehrfach gegen Homosexuelle und sagte beispielsweise: „Ich könnte keinen schwulen Sohn lieben“.

Im Wahlkampf 2018 versuchte er, sein Image aufzupolieren und veröffentlichte ein Video, das ihn mit seiner Tochter zeigt. Darin erklärt er, sie habe „sein Leben verändert“. Die Brasilianer erinnern sich aber noch gut daran, dass er ihre Geburt einst als einen „schwachen Moment“ bezeichnet hatte. So hielten Demonstranten Schilder mit der Aufschrift: „Wieviel Schwäche braucht man für eine Revolution?“

Dieses Schild hat große Bedeutung. Ich bekam eine Gänsehaut.

„Seine Ansichten sind für die meisten Menschen schlecht“

Die #NotHim Bewegung erhält von vielen verschiedenen Gruppen Zuspruch. Brasilianische Fußballfans veröffentlichten eine Reihe von Erklärungen, darunter auch eine des Vereins Corinthians Gaviões da Fiel, einem der größten und ältesten Vereine, die als erste Stellung bezogen:

Hoje, com mais de 112 mil associados, entendemos existirem diferentes formas de pensar e posicionar-se numa sociedade democrática. Respeitamos essa pluralidade de ideias, pois ela é a essência da democracia pelo qual nossos fundadores lutaram. Não podemos, portanto, concordar jamais com quem se posiciona justamente contrário aos valores básicos do Estado Democrático de Direito.

Wir und unsere mehr als 112.000 Mitglieder erkennen an, dass es in einer demokratischen Gesellschaft verschiedene Denkweisen und Ansichten gibt. Wir respektieren die Meinungsvielfalt als den wichtigsten Bestandteil einer Demokratie, für die unsere Gründer gekämpft haben. Wir können jedoch keinesfalls jemandem zustimmen, der sich gegen die Grundwerte eines demokratischen Rechtsstaats ausspricht.

Die Bewegung erhält auch internationale Untersützung von Prominenten wie Madonna und Cher, die auf der offiziellen Seite der Initiative Time’s Up schrieben:

An unsere Schwestern in Brasilien: Wir stehen zusammen. Wir sehen und wir hören euch. Wir sind bei euch.

Unter den tausenden Demonstranten am Samstag in Rio de Janeiro war auch die Brasilianerin Maria Soares, die ihre Teilnahme so erklärte:

Maria Soares, eine Kämpferin, die uns zeigt, dass Widerstand keine Frage des Alters ist!



As ideias dele são ruins para a maioria das pessoas. Só podem votar para o Bolsonaro as pessoas egoístas, as pessoas homofóbicas, as pessoas racistas, as pessoas desumanas. A minha preocupação não é só com Bolsonaro, mas com essas pessoas que vão votar nele. Não sei o que essas pessoas querem do mundo.

Seine Ansichten sind für die meisten Menschen schlecht. Die einzigen, die für Bolsonaro stimmen können, sind selbstsüchtige, homophobe und unmenschliche Leute. Meine größte Sorge ist nicht Bolsonaro selbst, sondern die, die für ihn stimmen. Ich weiß nicht, was sie für die Welt erreichen wollen.

Die Anthropologin Rosana Pinheiro-Machado und die Autorin Joanna Burigo untersuchten, warum #EleNão zu mehr als nur einem Hashtag wurde:

Se nada disso se converter em ganho eleitoral, ainda assim não há motivos para pensar diferente ou manifestar nossa indignação de outra forma. Esta luta – que conta com hashtags e memes, mas não só, pois a estamos carregando com nossos corpos – não é sobre percentuais apenas. É sobre como nós, mulheres, estamos ocupando e reinventando a política.

Auch wenn sich nichts davon auf das Wahlergebnis auswirkt, so gibt es doch keinen Grund, warum wir anders denken oder einen anderen Weg suchen sollten, unsere Empörung zum Ausdruck zu bringen. Bei diesem Kampf – der mit Hashtags, Memes, aber auch mit unseren Körpern geführt wird – geht es nicht nur um Prozente. Es geht auch darum, wie wir als Frauen uns mit Politik beschäftigen und sie neu erfinden.

Für den 6. Oktober, den Tag vor den Wahlen, wurde bereits zu weiteren Protesten gegen Bolsonaro aufgerufen.

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