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Als Schwarze in der von Weißen dominierten Hilfsindustrie

Helfer des haitianischen Innenministeriums verteilen zusammen mit US Marines Hilfsgüter in der Nähe von Cotes de Fer, Haiti 2010. (Foto: Offizielles Foto des Marine Corps von Staff Sgt. Wayne Campbell. Lizenzfrei.)

Ich bin eine überzeugte Anhängerin des Reisens; davon, sich weit aus seiner Wohlfühlzone hinaus zu begeben, um zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Diese Überzeugung gilt sowohl für den räumlichen als auch den intellektuellen Bereich. Als sich also die Gelegenheit für eine befristete Anstellung bei einer bedeutenden internationalen Nicht-Regierungs-Organisation (englisch NGO) bot, packte ich meine Koffer und machte mich auf den Weg nach Europa.

Mir ging es nicht um das große Geld, von dem uns immer gesagt wurde, dort würde es uns erwarten, obwohl das Gehalt anständig war. Der Umstand, auf den einen niemand vorbereitet, und über den selten eingehend berichtet wird, ist, was es bedeutet Schwarzafrikanerin in einer Institution zu sein, die von einer weißen Mehrheit geführt wird.

Aufgewachsen in Uganda und hauptsächlich in der afrikanischen Region der Großen Seen tätig gewesen, hatte ich keine richtige Vorstellung davon, was das bedeuten würde. Obwohl ich mit dem Kräftespiel im Entwicklungshilfesektor in Afrika vertraut war, wie es auch Arnold Aganze, ein Filmemacher aus der Demokratischen Republik Kongo satirisch in seinem Film „N.G.O – Nothing Going On” zeigt, hatte ich die Erfahrung, eine Minderheit zu sein, noch nicht gemacht.

Seit den Enthüllungen des Oxfam Sexskandals in Haiti, in dem internationale NGO Mitarbeiter einheimische Frauen für Sex bezahlten, gab es in den letzten Monaten einige Umbesetzungen auf internationaler Ebene. Im Anschluss an den damit verbundenen Aufruhr und an einige andere Missbrauchsfälle im internationalen Hilfssektor, die große Beachtung in den Medien fanden, hat Angela Bruce-Raeburn, die frühere hauptverantwortliche Strategieberaterin für die humanitäre Hilfe in Haiti bei Oxfam America eine der prägnantesten und am leichtesten zuzuordnenden Antworten gegeben.

Ihr Artikel „But wait until they see your black face” („Aber warte, bis sie Dein schwarzes Gesicht sehen”), in dem sie Einbeziehung und Rassismus im Hilfssektor untersucht, hinterließ einen tiefen Eindruck und hallte lange bei mir nach. Auch die Kommentare anderer schwarzer Frauen aus dem Sektor über die Gedankenakrobatik und die soziale Ausgrenzung, auf die man sich einlassen muss, um zu überleben, waren allzu vertraut.

Ich hatte internationale Organisationen zu verschiedenen Zeitpunkten beraten und kannte den Bedarf der lokalen Bevölkerung, in diesen Organisationen vertreten zu sein, genau. Ich hatte mich bereits sehr freimütig über die Karikaturen von bedürftigen Menschen, wie sie die Medien zeichnen, geäußert. Diese neue Gelegenheit bot mir zusätzlich die Chance mich in eine der größten Herausforderungen für Staaten in aller Welt zu vertiefen unfreiwillige Migration. Aber weder meine Ausbildung in geschlechtsspezifischen Fragen und Medienarbeit noch meine Erfahrungen während kurzer Auslandsaufenthalte und einem Auslandsjahr hatten mich auf dieses Szenario vorbereiten können.

Später erfuhr ich, dass ich zu einer Zeit kam, in der Vielfalt verlangt wurde (statt Einbeziehung). Mein Vorgesetzter prahlte bei dem Management mit mir und suchte Anerkennung dafür, eine qualifizierte afrikanische Frau in das Team geholt zu haben. Einige Monate später kamen zwei hervorragende Mitarbeiter aus Kenia und dem Südsudan in die Presseabteilung, in der bis dahin ausschließlich Weiße gearbeitet hatten. Eines Tages hielt unser Vorgesetzter den einzigen afrikanischen Topmanager im Korridor an, und rief uns drei zu sich um seine drei afrikanischen Mitarbeitern vorzuzeigen. Vielleicht war das die normale Art, mit der Angestellte in dieser Organisation Punkte sammeln konnten. Es war jedenfalls das erste Anzeichen, dass Dinge nicht reibungslos laufen würden. Wir tauschten ein verlegenes Lächeln mit dem Manager und kehrten zu unserer Arbeit zurück. Das war das erste Mal, dass ich an einem Arbeitsplatz allein aufgrund meiner Hautfarbe ausgesondert wurde.

Als eine der afrikanischen neuen Kolleginnen ein Strategiepapier nicht kurzfristig fertigstellen konnte eine völlig übertriebene Forderung, wenn man in Betracht zieht, dass die Person noch nicht einmal die Einarbeitungszeit hinter sich hatte kam der Vorgesetzte in mein Büro und verlangte, dass ich der Kollegin mitteilen solle, dass sie, „wenn sie die Strategie nicht bis Dienstschluss fertig hat, sie am nächsten Tag im Flugzeug auf dem Rückweg in ihr Land ist.” Bis zu diesem Tag hatte mich keine der Schikanen des Vorgesetzten zusammenbrechen lassen. Aber dieses Beispiel von offensichtlichem Rassismus und Dickfelligkeit ließen mich meine Bürotür schließen und weinen.

Ich weinte, weil diese afrikanische Frau dem Krieg entkommen und dabei ihre geistige Gesundheit und ihren klaren Verstand behalten hatte. Sie war mit einem Masterabschluss gekommen, um ihre Kompetenzen anzubieten, und all das nur, um auf einen Mann wie diesen zu treffen. Ich weinte, weil ich es nicht über mich brachte, meiner afrikanischen Kollegin diese Nachricht zu überbringen, und überzeugt war, es sei meine Pflicht, sie vor einer solchen Widerwärtigkeit zu schützen.

Der betreffende Vorgesetzte war ein weißer Europäer, der niemals in Afrika oder der arabischen Welt gewesen war, aber den man für „sehr geeignet” hielt, um über die Erfahrungen von Migranten zu berichten und man weiß, welche Gruppe einen Großteil der Migranten ausmacht: „arme Afrikaner”, wie ich bei verschiedenen Gelegenheiten hörte. Für diesen Mann waren wir schlichtweg afrikanische Auskunftgeber, keine Menschen mit Fähigkeiten, die ihren Job zu Recht verdient hatten.

Um das Ganze zu verschlimmern, gab es die undurchsichtige Situation mit der einzigen weißen Frau im Team. Undurchsichtig weil alles, was diese Frau bei Meetings vorbrachte, ernst zu nehmen war. Einmal schlug diese Frau vor, dass ich an einem bestimmten Treffen teilnehmen solle, von dem ich nicht fand, dass es Vorrang habe, da an diesem Tag eine Menge Arbeit auf meinem Schreibtisch lag. Innerhalb der nächsten 30 Minuten stand der Vorgesetzte in meiner Tür und verlangte, dass ich zu dem Treffen gehe, und machte deutlich, dass ich dieser Frau nicht zu widersprechen hätte. Ich befand mich umgeben von Privilegien der Weißen. Die Rolle, die diese weiße Frau in dem rassistischen und sexistischen Umfeld spielte, war nur zu deutlich. Sie war diejenige, die entschied, ob ein Vertrag verlängert wurde, wie mein Kollege aus Kenia auf die harte Tour erfuhr. Ich kann nicht zählen, wie oft ich nach Arbeitsschluss noch Anrufe erhielt und ein wahrer Hagel an Beschimpfungen auf mich prasselte, weil eine einzige Sache an dem betreffenden Tag nicht zu Ende gebracht worden war. Und wehe, wenn jemand aus einer anderen Abteilung meine Anstrengungen lobte.

Belegschaftsversammlungen wurden berechenbar. Der Vorgesetzte drückte unentwegt seine Feindseligkeit weiblichen Managern gegenüber aus die alle weiß waren und schreckte auch nicht vor sexistischen Bemerkungen über diese Frauen zurück. Obwohl die meisten Kollegen des mittleren Managements von den Schmähungen wussten, die dieser Mann austeilte, gab es nie Gelegenheit, das Thema anzusprechen. Während die Arbeit selbst interessant war und ich vieles lernte, hatte ich einen Preis dafür zu zahlen. Ich musste mit Ignoranz, Sexismus und Rassismus fertig werden.

Nach sechs Monaten bekam ich einen Vertrag bei einer anderen Abteilung, aber mein Vorgesetzter verlangte, dass ich ihm weiterhin unterstellt blieb. Die Tatsache, dass ich einen Vertrag ohne seine Billigung bekommen hatte, trieb ihn zu seinem schlimmsten Benehmen. Ich teilte ein Büro mit einem anderen weißen Kommunikationsfachmann, der all seine Anrufe bei eingeschaltetem Lautsprecher entgegennahm. Der Vorgesetzte fing an anzurufen, sich über mich zu äußern und mich mit allen möglichen Schimpfworten zu bezeichnen. Ich erfuhr von anderen, dass es den Plan gab, mich zur Kündigung zu treiben, was ich natürlich auch selbst schon gemerkt hatte.

Ich hatte aber ein digitales System aus dem Nichts aufgebaut. Ich hatte es geschafft, mit Angestellten in Feldbüros Beziehungen aufzubauen, obwohl sie normalerweise bei der Erwähnung des Hauptsitzes zu zittern anfingen. Aber all das galt nichts, solange ich mich dem Vorgesetzten gegenüber nicht dankbar und unterwürfig zeigte. Die offensichtlichen Schikanen und Schmähungen führten dazu, dass zwei Kollegen ihren Job verließen; einer wechselte in eine andere Abteilung und dem anderen wurde eine Vertragsverlängerung verwehrt, weil er sich der weißen Chefin der Abteilung widersetzte.

Wir versuchten vergeblich, diesen Rassismus und Sexismus zu melden. Wohlmeinende hochrangige Kollegen sagten uns, dass es unmöglich wäre, etwas zu unternehmen, weil „er gute Verbindungen zu den Big Boys in der Führungsetage hat. Auch den Ombudsman zu konsultieren war sinnlos. Selbst ein kürzlich eingestellter Kollege aus der Personalabteilung versicherte mir, dass es als Consultant sinnlos wäre, die Vorkommnisse zu melden, weil ich eine schlechte Beurteilung riskieren würde.

In Anbetracht all dieser Hindernisse und Einschränkungen beschloss ich nach einem Jahr, die Organisation zu verlassen, statt mich um angemessene Sorgfalt und Gerechtigkeit zu bemühen. Aber verdammt, war ich deprimiert. Frauen stellen weniger als 30 Prozent aller Arbeitskräfte in einem Sektor, in dem Frauen die Hauptgruppe der Betroffenen sind. Ich hoffe sehr, dass die Diskussionen über #AidToo dazu beitragen, das Ausmaß von Rassismus und Missbrauch in der Entwicklungshilfe zu zeigen. Die Verantwortlichen müssen Lösungen für die Einbeziehung finden nicht nur in dem Sinne, mehr Angehörige von Minderheiten und Frauen in Führungspositionen zu bringen, sondern sicherzustellen, dass es echte Richtlinien, bewährte Praktiken und Möglichkeiten gibt, solchen Machtmissbrauch zu unterbinden.

Eine frühere Version dieses Artikels wurde auf dem Blog Afrikanischer Feminismus (African Feminism blog) veröffentlicht.

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