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In Armenien bringt eine gute Taube großen Respekt

Ashot Metsoyan, ein 65-jähriger Ghushbas aus Gjumri füttert seine Tauben. (Foto von Armine Avetisyan)

Der folgende von Armine Avetisyan geschriebene Artikel wurde hier in Partnerschaft und mit Genehmigung von EurasiaNet.org erneut als Übersetzung veröffentlicht.

In seiner Geschichte „Doves“, Turteltauben, beschrieb der Schriftsteller Vahan Totovents (1889-1938) die niedrige gesellschaftliche Stellung der Taubenzüchter in Armenien. „Die Leute zeigten mit dem Finger auf die Taubenzüchter, als seien sie Diebe oder Kriminelle“, schrieb Totovents. „Niemand würde seine Tochter dem Sohn eines Taubenzüchters überlassen und niemand würde der Tochter eines Taubenzüchters einen Antrag machen. Sie gingen sogar noch weiter und stellten Untersuchungen an, um sicherzugehen, dass es in der gesamten Verwandtschaft des Fräuleins oder des jungen Herren keine Taubenzüchter gab.“

Wenn er an diese berühmten Zeilen denkt, muss David Shirvanyan lachen. „Heute ist die Sichtweise anders, niemand kritisiert uns mehr. Wir werden von der Gesellschaft akzeptiert“, sagt der 38-jährige Taubenzüchter aus Jerewan. „Trotzdem gebe ich meinen Kindern keine Tauben als Haustier. Es ist wie eine Krankheit und ich möchte nicht, dass sie so leben wie ich – alles dreht sich nur um diese Vögel.“ Seit er fünf Jahre alt war und seinen ersten Vogel als Geschenk von einem Verwandten bekam, besitzt Shirvanyan Tauben – um genauer zu sein, Turteltauben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Heute hat er 300.

Er betreibt sein Geschäft am Wochenende auf dem Vogelmarkt von Jerewan, wo er die Tiere sowohl zum Essen als auch als Haustiere zum Verkauf anbietet. Der Einstiegspreis für Tauben liegt bei 5.000 Drams (rund 8,40 Euro). Der beste Preis den Shirvanyan bislang für eine Taube ergattern konnte betrug 5.000 US-Dollar (rund 4.000 Euro). Aber es gibt auch Tauben, die für ihn unbezahlbar sind. Kürzlich, so erzählt er, wurde ihm von einem Käufer ein Tausch angeboten: ein nagelneuer Opel Astra für seine liebste Turteltaube. Doch er lehnte das Angebot ab. „Selbst wenn man mir einen Betrag im Wert einer Luxus-Wohnung auf der [zu Jerewans Elite gehörenden] Northern Avenue anböte, würde ich sie nicht verkaufen. Selbst wenn man mir eine Pistole an den Kopf hielte, würde ich sie nicht verkaufen. Die Leute glauben es nicht, aber wenn man erstmal eine Beziehung zu einer Turteltaube entwickelt hat, wird sie wie zu einem deiner eigenen Kinder“, so Shirvanyan.

Shirvanyan und die anderen Taubenzüchter – in Armenien als Ghushbas bekannt – bereiten sich auf den Frühling vor. Da beginnt die Wettbewerbssaison für Turteltauben in Armenien, wo Ghushbas ihre besten Vögel gegeneinander antreten lassen, um zu sehen, welche von ihnen am längsten fliegen kann.

Die Wettkämpfe ziehen sich über Wochen hinweg, denn jeden Tag fliegt nur eine einzige Taube. Das Preisgeld ergibt sich aus der Summe der Teilnehmergebühren: 80 Euro pro Vogel. Doch es gibt noch einen größeren Anreiz, sagt Shirvanyan: „Das Geld ist nicht so bedeutend wie die Frage der Ehre: Wenn du eine gute Taube hast, wird dir großer Respekt gezollt.“ Der Rekord liegt in Jerewan bei 11 Stunden Flugzeit. Wenn eine Taube es jedoch nicht einmal schafft, eine Stunde am Himmel zu bleiben, wird dies als Schande erachtet und die Taube vom Besitzer abgegeben.

Gjumri, die zweitgrößte Stadt Armeniens, hat ebenfalls Tauben-Wettkämpfe, allerdings mit anderen Regeln: Die Anteile und das Risiko sind geringer bei einer Teilnahmegebühr von umgerechnet 8 bis 16 Euro pro Vogel. Außerdem werden die Tauben nicht nach ihrer Ausdauer, sondern nach ihrer Geschicklichkeit bei Flugkunststücken bewertet. „Unsere Stadt ist der kulturelle Mittelpunkt Armeniens. Wir schätzen Schönheit, in diesem Fall die Schönheit der fliegenden Tauben“, sagt Ashot Metsoyan, ein 65-jähriger Ghushbas aus Gjumri. „Im Eiskunstlaufen gibt es verschiedenen Sprünge und unsere Tauben sollten ebenfalls solche Art von Sprüngen vorführen.“

Doch nicht nur für Wettbewerbe werden die Tauben eingesetzt. Bis heute gibt es einen heidnischen Brauch in Gjumri, bei dem die als „rein“ erachteten Vögel als Opfergabe verwendet werden, und zwar wenn ein Kind geboren wird oder ein Familienmitglied einen Unfall überlebt hat. Dafür schneidet man den Tauben die Kehle durch, säubert sie und isst sie dann. Auch für Hochzeiten werden Tauben in ganz Armenien gekauft. Um ein glückliches und friedvolles Leben miteinander sicherzustellen, lassen frisch verheiratete Ehepaare traditionell ein Paar Tauben fliegen.

Metsoyans Großvater war ein Taubenhalter, und sein Sohn und Bruder nahmen den Beruf ebenfalls auf. Metsoyan hingegen hatte absolut gar nichts mit den Vögeln am Hut – das heißt, bis zu dem zerstörerischen Erdbeben von 1988 in Spitak, in der Nähe von Gjumri. „Mein Vater, mein Sohn, mein Bruder und dessen schwangere Frau, alle starben sie“, erzählt Metsoyan. „Ich war dabei durchzudrehen. Ich wollte Selbstmord begehen. Kümmerte mich um nichts mehr.“ Doch eines Tages ging er aus dem Haus und sah ein Nest, in dem Taubenküken scheinbar am Verhungern waren. „Es brach mir das Herz“, erinnert er sich. „Ich entschloss mich, sie zu füttern und von da an veränderte sich mein Leben.“

Metsoyan schätzt, dass er von den 36.000 Drams (rund 60 Euro) im Monat, die er durch seine Rente erhält, 20.000 (34 Euro) für das Füttern von Tauben ausgibt: „Ich kann hungrig und durstig sein, aber sie sollten etwas zu essen haben.“ Ganz wie für andere Ghushbas, ist Metsoyan seine Liebe zu diesen Vögeln wichtiger als das Geschäft oder Geld. Er erinnert sich daran, wie er eine Taube verkaufte und der Käufer sie mit nach Tiflis nahm. Ein paar Tage später kam die Taube zurück nach Gjumri. „Ich rief den Käufer an und sagte, er solle zurückkommen und sein Geld holen, da meine Taube nicht bei ihm bleiben möchte“, so Metsoyan. Und er zeigt auf eine gelbe Taube, die er als seinen Liebling bezeichnet. „Man hat mir bereits ein Haus, ein Auto und eine große Summe Geld angeboten, aber ich werde sie niemals verkaufen.“

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