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Ein von der EU gefördertes Rap-Video versucht junge Guineer von der Migration abzuhalten

Dies ist eine Übersetzung aus dem Englischen des Artikels von Ida Sophie Skriver Olsen für Globalnyt, einer in Dänemark ansässigen internationalen Nachrichtenagentur. Bearbeitet und veröffentlicht mit Erlaubnis der Autorin.

„Geh’ nicht, alles wird gut.“ Dies ist die Botschaft eines kürzlich erschienenen und von der Europäischen Union geförderten Musikvideos, das junge Guineer davon abhalten soll, sich als irreguläre Migranten ohne Ausweispapiere auf den Weg nach Europa zu machen.

In dem Video, das eine Zeit lang unter den Trends auf YouTube gelistet war, wendet sich die bekannte guineische Rapband Degg J Force 3 an junge Leute mit der wiederholten Botschaft: „Geh’ nicht, alles wird gut.“ Der Song mit dem Titel „Falé“ – was „Brücke“ in Susu, einer lokalen guineischen Sprache bedeutet – möchte Jugendliche davon abbringen, die lebensgefährliche Reise als irreguläre Migranten durch die nordafrikanische Wüste und über das Mittelmeer anzutreten.

In den vergangenen vier Jahren hat ein wachsender Zustrom von Menschen auf der Flucht vor Konflikten und wirtschaftlicher Unsicherheit Europa über das Meer erreicht. Etwa 16.000 Menschen sind laut der Vereinten Nationen bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, umgekommen oder werden vermisst. Seit Januar 2017 ist Guinea, nach Syrien und Nigeria, das dritthäufigste Ursprungsland der Migranten.

Guinea sieht sich gegenwärtig vielen politischen und sozialen Herausforderungen gegenüber, die es dem Land schwer machen, seine Jugendlichen zu halten. Die urbane Infrastruktur in vielen Städten bröckelt unter dem Druck einer wachsenden Bevölkerung und des Klimawandels. Die Bedrohung durch Epidemien wie Ebola ist in der Region nie wirklich verschwunden und auch das Gesundheitssystem ist immer noch zerbrechlich.

Das Video zu „Falé“ zeigt zwei junge Männer, die ihr Zuhause verlassen und sich auf den Weg nach Europa machen, in der Hoffnung dort zu Wohlstand zu gelangen und für ihre Familien sorgen zu können. Die jungen Männer treffen sich in der Wüste und es entsteht eine Diskussion darüber, ob sie wirklich gehen sollen.

Einer der beiden beschließt zu bleiben und in seine Heimatstadt zurückzukehren, wo er bei seiner Ankunft auf die Knie sinkt und den Boden küsst. Der Andere entschließt sich, weiterzumachen, und die letzte Aufnahme des Videos zeigt seine Jacke, an irgendeinem Strand am Mittelmeer an Land gespült.

„Geh’ nicht. Das Meer bringt Dich um, der Tod erwartet Dich“, fleht das Lied und schreckt potenzielle Migranten davon ab, die Reise nordwärts anzutreten. Dieser sehr emotionale Ansatz ist mit einem Appell an staatsbürgerliche Pflichten kombiniert: „Unternimm’ etwas und habe zu Hause Erfolg.“

Das Video ist von der EU finanziert und wird von dem lokalen Büro der Internationalen Organisation für Migration der UN, kurz IOM, verteilt. Die Veröffentlichung des Videos am 16. Februar war ebenfalls der Auftakt der Konzerttour von Degg J Force 3 in Guinea. Die Tour findet in Zusammenarbeit mit IOM statt und hat das Ziel, junge Guineer über die Gefahren ohne Visa nach Europa zu wandern aufzuklären.

„Wir brauchen einen Wechsel in der Mentalität der Jugend. Wir müssen betonen, dass sie alles in ihrer Heimat tun und erfolgreich sein können“, erklärt Ablaye Mbaye, einer der Sänger der Rapgruppe, in einer IOM-Presseerklärung zu der Konzerttour.

Zweifel an der Effektivität des Videos

Die folgenden Fragen stellen sich natürlich: Wird das Video Auswirkungen haben? Wird es dazu führen, dass weniger junge Leute Guinea verlassen? Zwei dänische Forscherinnen sagen, dass die Antwort auf diese Fragen ‚wahrscheinlich nicht‘ lautet.

„Ich finde es schwierig zu verstehen, wie dieses Video eine tief greifende Wirkung haben soll“, sagt Line Richter, eine Doktorandin in Anthropologie an der Universität Kopenhagen, die die Migration junger malischer Einwohner nach Europa erforscht.

Ihre Behauptung wird von Nauja Kleist, einer leitenden Forscherin im Bereich Migration am Dänischen Institut für Internationale Studien (Danish Institute for International Studies – DIIS), unterstützt: „Das Video wird sehr leicht Aufmerksamkeit erregen, aber ich glaube nicht, dass es irgendjemanden davon abhält, das Land zu verlassen.“

Den beiden Forscherinnen zufolge gibt es mehrere Gründe, weshalb das Video keine tief greifenden Auswirkungen auf die Entscheidungen junger Guineer haben wird.

Musik über Migration ist nichts Neues

Falls die Köpfe hinter dem Video dachten, dass ein Rapsong über Migration und die tödliche Reise nach Europa etwas Neues sei, lagen sie falsch. „Das sind Themen, die bereits eine große Rolle in der westafrikanischen, gängigen Kultur spielen“, sagt Richter.

Junge Leute nutzen die Musik, um Dinge zu diskutieren, die sie betreffen, und da Migration Teil ihres Alltagslebens ist, ist das Thema bereits in der gängigen Kultur vertreten.

Ein Beispiel dafür ist das Lied „Tounka“ der malischen Gruppe Van Baxy, das bereits 2011 erschien:

„Tounka“ ist Bambara für einen fremden oder unbekannten Ort. Bambara ist die am weitesten verbreitete Sprache in Mali. Das Video zeigt drei junge Männer, die ihre Familie, unter anderem ihre weinende Mutter, verlassen, um in unbekannte Orte aufzubrechen.

Der Videoclip wurde mehr als 250.000 Mal auf YouTube angesehen, und junge Leute kommentieren ihn nach wie vor mit ihren eigenen Erfahrungen. Eine junge Frau schrieb vor einem Jahr: „Das erinnert mich an die Hölle, die ich in Libyen erlebt habe.“ Ein junger Mann antwortete darauf: „Bedank dich Gott, dass Du endlich Europäerin bist.“

In nur drei Wochen wurde die Version von „Falé“, die von der Degg-J-Gruppe auf YouTube gestellt wurde, mehr als 190.000 Mal angeklickt. Die Version, die IOM und die EU eingestellt hatten, wurde in dem gleichen Zeitraum lediglich 234 Mal angesehen. Es ist daher fraglich, ob die jungen Zuschauer überhaupt wissen, dass IOM und die EU in die Produktion des Videos involviert sind.

Die Kommentare zu dem Video zeigen ebenfalls, wie junge Leute Musik verwenden, um ihre Erfahrungen zu teilen und sie zu verarbeiten. Ein junger Mann schrieb: „Ihr Typen seid die Besten. Ich habe geweint, als ich den Clip gesehen habe und ich habe mich an das Grauen erinnert, das ich in Libyen erlebt habe. 22 Menschen starben. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen. Jetzt bin ich in Italien.“

„Jeder ist sich über die Gefahren der Reise bewusst“

Ein zweiter Grund, weshalb das Video höchstwahrscheinlich nur einen begrenzten Einfluss haben wird, ist, dass die gezeigten Bilder von Leichen in der Wüste und einer am Strand angeschwemmten Jacke, für junge Westafrikaner nichts Neues sind.

Durch die Nutzung des Internets und der sozialen Medien haben junge Leute schon echtes Filmmaterial darüber gesehen, was anderen Migranten, die diese Reise angetreten haben, zugestoßen ist. Wie Richter feststellt, wird „die echte Welt […] mit Smartphones gefilmt und sie ist nicht hübsch. Man kann dokumentarische Clips von der Wüste finden, in der sterbende Menschen liegen.“

Im Gegensatz dazu ist „Falé“ sehr gut produziert und hochglanzpoliert, schon fast im Hollywoodstil. Es beinhaltet dramatisches Schauspiel und ästhetische Bilder. „Es zeigt schon fast die Ästhetik des Leidens“, sagt Richter.

Die jungen Leute, die sich zu der Migration entschließen, sind zum Großteil gut über die Bedingungen ihrer künftigen Reise informiert. „Jeder ist sich über die Gefahren der Reise bewusst“, stellt Richter fest und fährt fort:

People are not naïve. They keep themselves updated through different kinds of media and social platforms and they navigate according to their information. This is reflected in the declining number of people migrating through Libya because of the circumstances (migrants sold as slaves). Young people will not think, “Oh, I learned something new,” when they see the video. They already know.

Die Leute sind nicht naiv. Sie halten sich über verschiedene Arten von Medien und sozialen Plattformen auf dem Laufenden und navigieren entsprechend ihrer Informationen. Das zeigt sich in der nachlassenden Anzahl von Leuten, die wegen der Lage (Migranten, die als Sklaven verkauft werden) durch Libyen reisen. Die jungen Leute denken sich nicht, „Oh, ich habe etwas Neues gelernt“, wenn sie das Video ansehen. Sie wissen all das bereits.

Kampagnen ändern die Risikobewertung junger Leute nicht

Ein dritter Grund, weshalb das Video überflüssig sein könnte, ist, dass diese Art von Kampagnen als nicht glaubwürdig genug angesehen werden, um die Gefahrentoleranz junger Leute zu ändern.

Die Kampagnen der EU gegen irreguläre Immigration in Europa konzentrieren sich häufig darauf, der Zielgruppe die Gefahren dieser Art der Migration vor Augen zu führen. Laut des DIIS-Berichts „Warnkampagnen zum Migrationsrisiko basieren auf falschen Annahmen“ aus dem Jahr 2015 zeigen Studien hingegen, dass diese Kampagnen weder die Risikobewertung noch die Gefahrentoleranz der Migranten ändern.

Der Grund dafür ist, unter anderem, die fehlende Glaubwürdigkeit, die den Kampagnen zugeschrieben wird.

„Die Frage ist nicht, ob Migranten Zugang zu Informationen haben, sondern eher, ob sie den Informationen vertrauen“, stellt der Bericht fest. „Zu dem Grad, zu dem Informationskampagnen als Teil eines größeren Plans wahrgenommen werden, der Migranten daran hindern soll, Europa zu erreichen, kann ihre Glaubwürdigkeit begrenzt sein.“

Diese Ansicht sollte im Verhältnis zu dem hohen Risiko bedacht werden, dass das Zuhausebleiben birgt.

„Wenn die örtlichen Lebensbedingungen hoffnungslos und unsicher sind, können Informationen über das Risiko als unwichtig empfunden werden. […] Mit wenigen offenen Kanälen für reguläre Migration, erscheinen Informationskampagnen, die sich ausschließlich auf das Risiko konzentrieren, wenig glaubhaft, wenn die Zielgruppe sich bereits in ihrem Heimatland als benachteiligt und gefährdet sieht“, folgert der Bericht.

Diese Tendenzen zeigen sich auch in den Forschungen von Richter in Mali, sodass sie nicht glaubt, dass „Falé“ Auswirkungen haben wird, und stellt fest:

You have to take into account why people leave in the first place. It’s about poverty, the lack of opportunities for the youth and the lack of trust for change where they are within the measurable future. Most of the young people have informal jobs. This means that even though they might have a job today, they can never be sure that this is also the case tomorrow. That is why young people find it more risky to stay at home. They say: “I would rather die on the sea than stay here. If there are 100 people on a boat that sinks in the Mediterranean Sea, and one person survives, why would that not be me?’

Man muss die Gründe in Betracht ziehen, aus denen die Menschen in erster Linie ihr Land verlassen. Es handelt sich um Armut, um fehlende Zukunftsperspektiven für die Jugendlichen und das fehlende Vertrauen auf eine Änderung in absehbarer Zukunft. Die meisten der jungen Leute haben informelle Jobs. Das bedeutet, dass sie, selbst wenn sie heute Arbeit haben, nie sicher sein können, dass dies auch morgen noch so sein wird. Deshalb finden junge Menschen es riskanter, zu Hause zu bleiben. Sie sagen sich: „Ich würde lieber auf dem Meer sterben, als hierzubleiben. Wenn 100 Menschen in einem Boot sind, das auf dem Mittelmeer sinkt und eine Person überlebt, warum sollte das nicht ich sein?“

Jobmöglichkeiten liegen fernab von Zuhause

Der letzte Grund dafür, dass das Video keinen größeren Einfluss haben könnte, ist, dass Migration – trotz der damit verbundenen Gefahren – eine etablierte Überlebensstrategie ist. In anderen Worten, ein emotionales Rapvideo reicht nicht aus, um eine bewährte Strategie zu ändern, die das Überleben einer Familie sichert.

Die vorherrschende Meinung zu Migration in Europa ist oft, dass junge Westafrikaner entschlossen sind, speziell nach Europa zu gelangen. Aus der Sicht der jungen Westafrikaner selbst sieht es nicht so aus. An verschiedenen Orten, besonders in Westafrika, hat sich Migration als „Existenzstrategie“, wie Kleist es nennt, etabliert.

Von vielen wird Migration als normale Strategie betrachtet, um Arbeit zu finden. Dabei ist es egal, „ob es Migration innerhalb des Landes ist oder Migration in benachbarte Länder – die häufigste Art der Migration, besonders in Westafrika – oder ob man in noch größere Entfernung reist“, erläutert Kleist.

Europa ist daher nicht immer das Ziel der Migration. Kleist schreibt:

Often these travels don’t have a specific place as the end goal. You might get partway and then stay there for some time to work and save some money. Then you continue and maybe stay at another place for some time. Or maybe you get deported from the country you arrive in. It is more of a movement back and forth than the clear lines towards Europe that we often see depicted.

Diese Reisen haben oft keinen bestimmten Ort als Ziel. Man kann auf der halben Strecke eine Zeit lang an einem Ort bleiben, um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Danach reist man weiter und bleibt vielleicht an einem weiteren Ort für einige Zeit. Oder man wird aus dem Land, in dem man ankommt, deportiert. Das Ganze ist mehr eine Vor- und Zurückbewegung als der geradlinige Weg nach Europa, als der er so oft dargestellt wird.

Ohne Arbeit und Einkommensmöglichkeiten in ihren Heimatgemeinden, wird es als die verantwortungsvollste Entscheidung betrachtet, das Zuhause zu verlassen und nach besseren Aussichten zu suchen. Gerade als junger Mensch ist die Entscheidung zu gehen, auch eine Entscheidung der Würde. „Sie hoffen, das tun zu können, was eine erwachsene, verantwortungsvolle Person tut: für sich und für ihre Familie zu sorgen. Von jungen Menschen wird oft erwartet, dass sie für ihre Eltern und weitere Familienmitglieder aufkommen“, führt Kleist aus.

Richter stimmt zu: „Es geht darum, die Situation zu Hause zu verbessern. Unter den Jugendlichen in Mali gibt es die Narrative, etwas für sein Land zu tun. Es herrscht ein grundlegendes Misstrauen, dass das politische System der Jugend helfen wird.“

Damit die jungen Menschen das erfüllen können, was von ihnen erwartet wird und sie ihre Verantwortungen als Erwachsene übernehmen können, suchen sie Hoffnung außerhalb ihres Landes. Solange sich die Situation in ihrer Heimat nicht ändert, werden sich die jungen Leute auf den Weg zu anderen Orten machen, nach „tounka“.

„Es wird okay“ – sagt wer?

Mit den Worten „Es wird okay“ ermutigt „Falé“ die jungen Guineer, in ihrem Land zu bleiben. Aber wer kann, angesichts des Obenerwähnten, garantieren, dass die derzeitige Situation okay werden wird?

Wie viele andere Kampagnen der EU setzt das Video den Akzent ausschließlich auf die mit Migration verbundenen Gefahren und erwähnt Möglichkeiten, die den jungen Menschen in ihrer Heimat offenstehen, nicht ausdrücklich. Kleist ist der Ansicht: „Wenn sie die Botschaft zu Hause zu bleiben in den Vordergrund stellen wollen, hätten sie einige der Möglichkeiten zeigen sollen, die es dort gibt.“

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