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Am Tiefpunkt in den Niederlanden

Im Inneren einer portugiesischen Synagoge in Amsterdam, von Emanuel de Witte. Gemeingut, via Wikimedia Commons.

Von Karen Kao

Als ich in die Niederlande zog, waren mein holländischer Mann und ich gerade erst frisch verheiratet. Ich versprach, für ein Jahr durchzuhalten. Er versprach, wenn ich Amsterdam bis dahin noch immer hassen würde, mit mir in die Staaten zurückzugehen.

Mein Mann hat alles getan, um mich auf das neue Leben vorzubereiten. Er gab mir Bücher, die ich vor dem Umzug lesen sollte – eine Liste, die alle Höhen und Tiefen der holländischen Geschichte enthielt. Das Goldene Zeitalter. Die Kolonie Batavia. Die deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkriegs. Das Amsterdam von heute.

Der holländische Schöpfungsmythos

Ich ahnte nicht, dass ich durch diese Bücher von dem holländischen Schöpfungsmythos, die Niederlande seien auf religiöser Toleranz gegründet worden, lernen würde.

Als 1648 die rauflustigen Holländer ihre Unabhängigkeit vom katholischen Spanien erlangten, kam die erste Flüchtlingswelle aus den Spanischen Niederlanden, in der Hoffnung dort ihren protestantischen Glauben frei ausüben zu können. Weitere Flüchtlingswellen folgten. Vertriebene Juden aus Portugal und protestantische Hugenotten aus Frankreich. Anne Frank, eine deutsche Jüdin, die vor den Nazis nach Amsterdam geflohen war, ist ein Nationalsymbol holländischer Toleranz.

In all den Jahren, in denen ich in den Niederlanden gelebt habe, habe ich Holländer selten über die Vergangenheit reden hören. Über die Tatsache, dass diese Flüchtlinge gebraucht wurden, um die wachsende Wirtschaft zu unterstützen. Über die Tatsache, dass die große Mehrheit dieser Juden, Anne Frank mit eingeschlossen, in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Es kann sein, dass die Holländer ihre Geschichte vergessen haben und stattdessen zufrieden in der Erinnerung an ihre historische Toleranz schwelgen.

Heutzutage jedoch ist die rechtsextreme, fremdenfeindliche Partei für die Freiheit (PVV) die zweitgrößte politische Partei in den Niederlanden. Ihr Parteiführer Geert Wilders hat es im Alleingang geschafft, das politische Spektrum ins Rechte zu lenken und den Ton der öffentlichen Debatte zu verschärfen. Man hört nun häufig holländische Politiker über die Schließung der niederländischen Grenzen sprechen.

„Allochtonen“

Die Holländer hatten für lange Zeit eine brüchige Beziehung zu ihren Zuwanderergemeinschaften, den sogenannten Allochtonen. Das holländische Zentrale Amt für Statistik (CBS) definiert das Wort „Immigrant“ als eine Person, von der mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde. Gemäß dieser Definition ist es irrelevant, ob die betreffende Person selbst in den Niederlanden zur Welt kam. Das Kind eines Allochthonen ist auch ein Allochthone.

Auf der Straße hat der Begriff Allochthone eine andere Bedeutung. Er bezeichnet fast ausschließlich Personen türkischer oder marokkanischer Herkunft. Er bezieht sich auf alle Generationen, egal ob im Ausland oder im Inland geboren. Es ist ein so abwertender Begriff, dass mir wiederholt geraten wurde, mich nicht als solche zu identifizieren. 2016 hat die holländische Regierung den Gebrauch des Begriffs Allochthone, sowie die entsprechende Bezeichnung für Einheimische, Autochthone, offiziell abgeschafft. Dennoch unterscheidet das CBS weiterhin zwischen westlichen Zuwanderern (aus den USA, Kanada, der EU, Indonesien, Ozeanien und Japan) gegenüber den restlichen. Die Ersteren sind in Ordnung, die Letzteren sind es nicht.

Selbst wenn man die Grenzen schließen würde, wären die Rechtsextremen immer noch nicht zufrieden. Geschätzte 800.000 Migranten türkischer oder marokkanischer Herkunft leben in den Niederlanden. Holländische Politiker der extremen Rechten und der Mitte sehen diese Bevölkerungsgruppe als problematisch an.

Forum voor democratie

Das Forum für Demokratie (FVD) ist eine neue politische Partei, die im Jahr 2017 während der nationalen Wahlen, die Bühne betrat. Ihr Parteiführer Thierry Baudet verkörpert einen Typ, den Amerikaner „frat boy“ (Junge aus einer Studentenverbindung) nennen würden. Er hat den Stammbaum und die Bildung, die gut bei der gehobenen Mittelklasse der Niederlande ankommen. Er ist einer von uns. Manche Analytiker bezeichnen die FVD als „PVV light“ (eine abgeschwächte Version der PVV). Fremdenfeindlichkeit versteckt unter einer dünnen Fassade von gesellschaftstauglicher Höflichkeit.

Baudets Masche ist es, an den nationalistischen Stolz zu appellieren. Er macht sich Sorgen, dass die Holländer in all ihrer Toleranz, den Bezug zu ihrem eigenen, großartigen kulturellen Erbe verloren haben. Baudet glaubt, dass es an der Zeit sei, diese Wurzeln zurückzuerobern, bevor Außenstehende diese komplett auslöschen. Hört auf, diesen Menschen entgegenzukommen. Sie sind eine Bedrohung für uns.

Sie sind die Türken und die Marokkaner. Sie sind alle vermeintlichen Moslems, praktizierend oder nicht. Man sieht sie auf den Straßen. Die Frauen tragen Kopftücher, oder noch schlimmer Burkas. Die Männer haben ungepflegte Bärte (nach Hipster-Standards) und tragen „Suppenkleider“, wie die Holländer sie nennen.

Toleranz

Neulich beim Abendessen hörte ich einem Freund zu, wie er über all diese Muslime schimpfte. Unser Freund war der Meinung, wir hätten ihnen genug Entgegenkommen gezeigt. Als Beweis holländischer Toleranz nannte er die Tatsache, dass Frauen mit Kopftüchern heutzutage sehr oft in Lebensmittelläden arbeiten. Aber unser Freund sagt: genug ist genug. Verbietet die Burka, weil man nie weiß, wer oder was sich dahinter verstecken könnte.

Die Holländer sind sicher nicht die Einzigen, über die eine neue Welle von Intoleranz schwappt. Frankreich, Österreich und Ungarn haben alle ihre eigene Art von fremdenfeindlichen Parteiführern. Von den Vereinigten Staaten ganz abgesehen. Ich will nicht sagen, dass die Holländer schlimmer als die Amerikaner sind. Nur sind sie auch nicht besser.

Und so bröckelt der Schöpfungsmythos einer Republik, die auf religiöser Toleranz gründet wurde. Es ist nun 29 Jahre her, dass mein Mann und ich unsere Abmachung schlossen. Offensichtlich mag ich es hier. 2013 wurde ich holländische Bürgerin, weil es sehr wahrscheinlich ist, dass wir für den Rest unseres Lebens hier bleiben werden. Und sollte es so sein, möchte ich die Möglichkeit haben, wählen zu gehen.

Aber ich bin auch auf eine schleichende Art holländisch geworden. Ich bin jetzt intolerant. Ich kann Islamfeindlichkeit getarnt als Kulturerhaltung nicht akzeptieren. Noch möchte oder kann ich den Schöpfungsmythos des weltoffenen, toleranten Holländers schlucken. Dieser Tage bin ich bereit, von einem Abendessen aufzubrechen oder eine Freundschaft aufzugeben, wenn es hart auf hart kommt. Ich bin an einem neuen Tiefpunkt angelangt, hier in den Niederlanden.

Karen Kao ist Dichterin, Romanautorin und Essayistin und lebt in Amsterdam. Dieser Essay wurde ursprünglich auf Englisch auf Inkstone Press veröffentlicht.

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