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Argentinien und die Suche nach den verlorenen Enkelkindern der Militärdiktatur

Foto von Emergentes. Öffentlich auf Facebook geteilt und verwendet mit freundlicher Genehmigung.

Am 27. Dezember 2017 teilte die argentinische Nichtregierungsorganisation Abuelas de Plaza de Mayo (deutsch: Großmütter der Plaza de Mayo) mit, dass sie die vermisste Enkelin Nummer 127 gefunden hatten. Sie ist die Tochter von María del Carmen Moyano und Carlos Poblete, die in der argentinischen Stadtguerilla-Organisation Montoneros gekämpft hatten. Während der argentinischen Militärdiktatur (1976 – 1983) waren sie entführt worden und gelten seitdem als vermisst.

Auf dem Nachrichtenportal Cosecha Roja kann man eine Kurzfassung der Geschichte ihrer Eltern und der Umstände ihres Verschwindens nachlesen:

Con la llegada de la dictadura, los militares allanaron su casa y ella [María del Carmen Moyano] se mudó a San Juan, donde conoció a Carlos Poblete, un estudiante de Ingeniería 10 años mayor. “La pareja compartió militancia en la organizción Montoneros. Luego de seis meses decidieron vivir juntos”, contó Estela de Carlotto. Entre abril y mayo de 1977 Carlos y María del Carmen fueron secuestrados en Córdoba y trasladados al centro clandestino de detención La Perla. Ella ya estaba embarazada.

Zu Beginn der Diktatur durchsuchte das Militär ihr Haus und sie [María del Carmen Moyano] zog nach San Juan, wo sie Carlos Poblete kennenlernte. Er studierte Maschinenbau und war 10 Jahre älter als sie. „Das Paar war gemeinsam als Kämpfer in der Organisation Montoneros aktiv. Nach sechs Monaten entschlossen sie sich, zusammen zu ziehen“, erinnert sich Estela de Carlotto. Zwischen April und Mai 1977 wurden Carlos und María del Carmen in der Stadt Córdoba entführt und in das geheime Gefangenenlager La Perla gebracht. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits schwanger.

„Nieta 127“ (Enkelin Nummer 127) kam zwischen Mai und Juni 1977 auf der Entbindungsstation des Geheimgefängnisses der Escuela de Mecánica de la Armada (ESMA), der Mechanikerschule der Marine, zur Welt. Nach 40 Jahren können ihre zwei Onkel und sieben Tanten nun ein wichtiges Kapitel in der Familiengeschichte abschließen. Geschlossen ist die Wunde aber damit noch lange nicht, denn das Schicksal ihrer Eltern ist nach wie vor unklar.

Während der Militärdiktatur wurden etwa 30.000 Menschen Opfer von erzwungenem Verschwinden. Ihre Kinder wurden ihnen in einem Großteil der Fälle vom Staat durch illegale Adoptionen und geheime Geburten geraubt. Die genaue Anzahl der Opfer ist nach wie vor umstritten, aber Menschenrechtsorganisationen und die Organisation Abuelas de Plaza de Mayo  (Großmütter der Plaza de Mayo) — deren Ziel es ist, die Kinder der gewaltsam Verschwundenen aufzufinden – geben diese Zahl als zutreffend an.

Pressekonferenz der Abuelas (Großmütter) anlässlich des Auffindens der Enkelin Nummer 127. Öffentlich geteiltes Foto auf Facebook

Adriana, die Enkelin Nummer 126, die nur ein paar Tage zuvor aufgefunden worden war, nahm ebenfalls an der Pressekonferenz teil. Zwei Tanten von Enkelin Nummer 127 waren ebenfalls anwesend. Die Identität von Enkelin Nummer 127 ist noch unbekannt. Außerdem wurden keinerlei Angaben zu der Familie gemacht, die sie aufgezogen hat, um auch deren Privatsphäre zu schützen. Eine der Tanten erklärte in bewegenden Worten:

Vamos a decirle que se quede tranquila. Le vamos a dar todo el tiempo del mundo para que procese la situación. La buscamos por 40 años. La amamos intensamente.

Wir werden ihr sagen, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Wir werden ihr alle Zeit der Welt geben, die Situation zu verarbeiten. Wir haben 40 Jahre lang nach ihr gesucht. Wir lieben sie so sehr.

Die Freude aller war so groß, dass nicht einmal die Nachricht der kürzlichen Umwandlung der Haftstrafe von Miguel Etchecolaz in Hausarrest sie überschatten konnte. Miguel Etchecolaz gilt als Verantwortlicher für die später als Nacht der Bleistifte bekannt gewordene Aktion, in der eine Gruppe Schüler entführt, gefoltert und ermordet wurde.

Die Abuelas de Plaza de Mayo haben die Nachricht bestätigt. „Die Tanten der Enkelin, die vierzig Jahre lang auf dieses Treffen gewartet haben, waren auf der Pressekonferenz“, erklärten sie. Diese Nachricht übertraf sogar noch die Nachricht von der Umwandlung der Haftstrafe von Etchecolaz…

„Wir zählen weiter“

Unter dem Hashtag #Nieta127 ging auf Twitter eine Flut von Nachrichten ein, in denen Nutzer ihre Freude ausdrückten. Einige brachten aber auch Empörung und Unverständnis für die Strafen für die Verantwortlichen zum Ausdruck. Ein in vielen Tweets geteiltes Bild zeigt die Schrift an der Wand der Casa por la Identidad (das Haus der Identität, eine von den Abuelas de Plaza de Mayo geführte Einrichtung), wo die Geschichten des Verschwindenlassens während der Diktatur erzählt werden. Innerhalb des Textes aktualisieren sie per Hand die Anzahl der Enkelkinder, die wieder mit ihren Familien zusammengeführt werden konnten:

Im Haus der Identität der Abuelas de Plaza de Mayo im @espacio_memoria wurde die wiedergefundene Enkelin #Nieta127 bereits erfasst. Es kommen immer neue Erfolge und Hoffnungen hinzu! @abuelasdifusion

Die Enkelin #Nieta127 wurde im Geheimgefängnis der ESMA geboren. Der Militärarzt Jorge Luis Magnacco, der als Geburtshelfer der ESMA bei der Geburt dabei war, ist nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Haftstrafe wieder in Freiheit.

Sie kommt spät, aber hier kommt endlich die Belohnung. Willkommen #Nieta127.

Wir zählen von 1 bis 127 und wir zählen weiter. Danke, Abuelas, und wie Estela de Carlotta sagte: „Frohes neues Jahr und bis zum nächsten Enkelkind.“ #Nieta127 #Feliz2018

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