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Israel reagiert mit Welle von Unterstützung für LGBT-Gemeinschaft auf Massaker in Orlando

In solidarity with the city of #Orlando (photo by @idanscohen)

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In Solidarität mit der Stadt #Orlando (Foto von @idanscohen)

In den frühen Morgenstunden des 12. Juni betrat Omar Mateen laut den US-Behörden einen dicht gefüllten, homosexuellen Nachtclub in Orlando, Florida, und eröffnete das Feuer in die Menge. 49 Menschen wurden getötet und geschätzt 53 weitere verletzt. Es ist damit das fatalste Attentat in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Israelis reagierten unmittelbar mit einer Welle von Liebe und Unterstützung. Ihre Solidarität kam nur wenige Tage nach einem Attentat durch zwei Schützen in Tel Avivs Sarona Market, bei dem 4 Menschen getötet und 18 weitere verletzt wurden.

Avi Blecherman postete Bilder von der Menschenmenge, die sich in Tel Aviv, Israels kulturellem Zentrum, zusammenfand. Sie trugen Schilder, auf denen stand “Nein zu LGBTQ-Phobie”, “Nein zu Islamophobie” und “LGBTQ lives matter” (zu Deutsch: LGBTQ-Leben sind wertvoll).

LGBTQ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer (zu Deutsch Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und queere Menschen).

Jetzt in Tel Aviv: LGBTQ Lives Matter. Wir alle sind #Orlando. Nein zu LGBTQ-Phobie. Nein zu Islamophobie. #Loveislove pic.twitter.com/DnGl0ZWC8T

Unzählige israelische Bürger und Anwohner posteten Fotos von Tel Avivs Rathaus, welches als Zeichen der Solidarität mit der LGBTQ-Gemeinschaft in drei verschiedenen Varianten erleuchtet wurde: den Stars and Stripes der Flagge der Vereinigten Staaten, der Regenbogenflagge der LGBTQ-Gemeinschaft sowie Israels blaun-weißes Davidsternmotiv.

Über den offiziellen Twitteraccount des Bürgermeisters von Tel Aviv tweetete Bürgermeister Ron Huldai:

In Solidarität mit #Orlando #TelAviv Rathaus erleuchtet mit der Flagge der #USA und der Flagge der #LGBTQ Gemeinschaft pic.twitter.com/ULKR0BeR7N

Neben 2.900 Likes wurde der Tweet rund 2.000 Mal bis zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels geretweetet. Aber auch Smartphone-Fotos anderer Menschen werden vielerorts gepostet und dezentralisieren das Bild somit über alle sozialen Netzwerke Israels.

Ein Video des erleuchteten Rathauses in Tel Aviv ist hier zu sehen:

Bürgermeister Huldai tweetete seit Eröffnung seines Accounts am 2. Juni 2016 insgesamt 11 Mal. Nach seinem Ankündigungstweet war der erste offizielle Beitrag der Feier der Tel Aviv Pride Parade gewidmt und mit dem Hashtag #LoveWins versehen:

Ich bin stolz, die #TelAvivPride Parade 2016 zu eröffnen #LoveWins pic.twitter.com/5gIjwQi0ne

Bekannt für Toleranz

Wichtig ist es, Tel Avivs Status als eine der “weltweit LGBT-freundlichsten Städte” zu beachten. Außerdem wird es betitelt als “Die LGBT-Hauptstadt dies Nahen Ostens” und “Die homosexuellste Stadt der Welt”. Auch findet mit in diesem Jahr Berichten zufolge mit rund 200.000 Teilnehmern eine der weltweit größten Pride-Paraden in Tel Aviv statt.

Das Gesetz in Israel verwehrt gleichgeschlechtlichen Paaren die Eheschließung, bestimmt durch die strenge Rechtssprechung des religiös beeinflussten Gerichtssystems. Die Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare, die im Ausland geheiratet haben, hingegen werden gesetzlich anerkannt. Andere Zeichen der Akzeptanz sind u.a. die Möglichkeit für nicht-heterosexuelle Paare Kinder zu adoptieren und für offen geoutete Soldaten in der Armee zu dienen.

Die LGBTQ-Gemeinschaft lebt ihre Kultur in urbanen Kulturzentren oft offen und frei aus. Außerhalb dieser Zentren, sowohl in Tel Aviv als auch einer Vielzahl an anderer Länder weltweit, gibt es jedoch wenig Akzeptanz für den Ausdruck von Sexualität seitens der Gesellschaft. Konservative religiöse und kulturelle Ansichten sowie der Mangel an Berührungspunkten sind noch immer Nährboden für Vorurteile gegenüber Angehörigen der LGBTQ-Gemeinschaft.

Trotz alledem ist die Offenheit der Öffentlichkeit gegenüber LGBTQ-Themen über den Verlauf des letzten Jahrzehnts gewachsen. Professor Uzi Even wurde 2002 zu Israels erstem geouteten homosexuellen Mitglied des Knesset (Parlament), gefolgt von Journalist Nitzan Horowitz, der 2009 Mitglied des Knesset wurde. Beide sind Mitglieder der linken Meretz-Partei. Horowitz kandidierte im Jahr 2008 für das Bürgermeisteramt von Tel Aviv, verlor aber gegen den oben zitierten Bürgermeister Huldai. Hätte er die Wahl für sich entschieden, wäre Horowitz der erste geoutete Bürgermeister im Nahen Osten.

Talleen Abu Hanna was crowned the first Miss Trans Israel in June 2016. (Official photo via contest's Facebook page.)

Talleen Abu Hanna wurde im Juni 2016 zur ersten Miss Trans Israel gekrönt. Foto von: Yariv Fein und Guy Kushi, offizielle Facebookseite.

Dana International, eine transgender Mann-zu-Frau Künstlerin, gewann 1994 den Titel “Sängerin des Jahres” und siegte 1998 beim Eurovision Song Contest mit ihrem Song “Diva”. Im Jahr 2016 wurde mit der arabischen Katholikin Talleen Abu Hanna, geboren und aufgewachsen in Nazareth, die erste Miss Trans Tel Aviv gekrönt. Ein Profil zu ihr ist hier zu sehen (Hebräisch mit englischsprachigen Untertiteln).

Die in den israelischen sozialen Netzwerken sehr präsente Menschenrechtsaktivistin und Global Voices Mitwirkende Elizabeth Tsurkov merkt an, dass Tel Avivs Kommunalverwaltung ungewöhnlich viele LGBTQ-Mitglieder hat:

Bildung der Kommunalverwaltung Tel Avivs heute Abend. Mehr als 10 % von TVLs Stadtverwaltung sind Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft

‘The Camel's Nose’ (etwa: die Nase des Kamels), die regelmäßig über Israel und den Nahen Osten berichten, wiesen die Ansicht zurück, dass der Rückhalt Tel Avivs “pinkwashing” (etwa: Pinkfärberei) sei. Der Begriff Pinkwashing wird von Kritikern verwendet, die der Meinung sind, Israel mache sich nur für die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft stark, um von anderen kontroversen Themen abzulenken.

Israels Reaktion auf das Attentat in Orlando sollte große Skepsis hinsichtlich der Stichhaltigkeit der “Pinkwashing”-Anschuldigungen hervorrufen.

‘Es ist immer die Angst vor denen, die anders sind’

Als bekannt wurde, dass Omar Mateen Moslem war, waren in den sozialen Medien viele Kommentare zu lesen, die auf die traditionellen islamischen Ansichten zur LGBTQ-Gemeinschaft verwiesen. Hen Mazzig, pädagogischer Leiter der pro-Israel Interessensgemeinschaft ‘Stand With Us’, zitierte beispielsweise eine Umfrage von Pew Research aus dem Jahr 2013, die ergab, dass es “weitverbreitete Ablehnung in überwiegend muslimischen Nationen in Afrika sowie in Teilen Asiens und Russlands” gibt.

In dieser Umfrage war Israel in Fragen der Akzeptanz führend im Nahen Osten. 40 % der Öffentlichkeit sagen, Homosexualität solle akzeptiert werden, während 47 % sich dagegen aussprachen. In Jordanien stimmten 97 %, in den Palästinensergebieten 93 %, im Libanon 80 % und in der Türker 78 % dafür, dass Homosexualität von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden sollte.

Zum Vergleich: Bei der Umfrage antworteten 60 % der US-Amerikaner mit Ja auf die Frage, ob Homosexualität akzeptiert werden sollte. 33 % sagten Nein.

Andere richteten den Fokus zurück auf die Religion. Dahlia Scheindlin, politische Beraterin mit Spezialisierung in strategischer Analyse der öffentlichen Meinung, merkte an:

An all die, die sich an der Verbindung zum Islam ergötzen: Wo ist eure Menschlichkeit für alle Amerikaner, die in Massenerschießungen jeden Tag ums Leben kommen? Wenn ihr keine habt, seid einfach ruhig.

In einem Artikel mit dem Titel “Straight Terrorism” (etwa: Hetero Terrorismus), veröffentlicht in der unabhängigen Zeitschrift +972 argumentieren Yael Marom und Ma'ayan Dak:

It doesn’t matter if the murderer in Orlando was Jewish, Christian or Muslim — the same hate crimes keep targeting us [the LGBTQ community], over and over again, across the world… We’re not going to address the ethnic origin of the murderer in Orlando, or the question of ISIS or whether he visited radical Islamist websites before he decided to go and massacre a club full of LGBTQ people. It doesn’t matter exactly which religion made him hate us to death. Sometimes it’s Christianity, sometimes it’s radical Jewish extremists, sometimes it’s Islam. It’s always the fear of those who are different, those who challenge the existing order.

Es macht keinen Unterschied, ob der Mörder in Orlando Jude, Christ oder Moslem war – es sind immer die gleichen Hassverbrechen, die uns [die LGBTQ-Gemeinschaft] treffen, immer und immer wieder, überall in der Welt… Wir werden die ethnische Herkunft des Mörders aus Orlando nicht thematisieren. Oder die Frage, ob ISIS involviert war. Oder, ob er radikal-islamistische Webseiten besuchte, bevor er sich entschloss, ein Massaker in einem Club voller LGBTQ-Leute anzurichten. Es macht keinen wirklichen Unterschied, welche Religion ihn uns bis auf den Tod hassen ließ. Manchmal ist es Christentum, manchmsl sind es radikal-jüdische Extremisten, manchmal ist es der Islam. Es ist immer die Angst vor denen, die anders sind. Die, die die vorherrschende Ordnung in Frage stellen.

Zusammenfassend sprach Rena Bunder Rossner die “Einflusskreise” an, in denen dieser umfassende und tragische Verlust nachhallen wird:

50 Menschen???? Jeder von ihnen hatte Familie, hatte Freunde und Kreise über Kreise mit Einfluss und mit Zukunft… Mein Herz ist gebrochen.

Die Liste mit den Namen der Opfer ist auf der Seite der Stadt Orlando zu finden und wird laufend mit Namen neu identifizierter Opfer aktualisiert.

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