Eine Transfrau spricht über die Verfolgungen in Tschetschenien und das Leben vor Kadyrow
OC Media Marcel StirnerBürgermedien
Es folgt die Übersetzung eines Artikels, der von unsrem Partner Aida Mirmaksumowa verfasst wurde und dessen Erstveröffentlichung auf der Webseite OC Media stattfand.
Homosexuelle und queere Menschen, die in der Kaukasusregion leben, sind einer großen Bandbreite von Gefahren ausgesetzt – u.a. Diskriminierung, körperlicher und sexueller Gewalt und Erpressung. Mit Schrecken haben Aktivisten die Berichterstattung der letzten Monate über die Verfolgung schwuler Männer in Tschetschenien miterlebt. Aber die Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über der dortigen LGBTQ-Gemeinde hängt, ist nicht erst über Nacht entstanden. OC Media hatte die Gelegenheit, mit einer transsexuellen Frau aus Grosny zu sprechen, die einige ihrer Erfahrungen mit uns geteilt und mit uns darüber geredet hat, was derzeit in der Republik passiert.
Die LGBTQ-Rechtslage in Tschetschenien hat vor mehreren Monaten die internationalen Schlagzeilen erobert, nachdem Berichte veröffentlicht wurden, die die Verschleppung, Folter und Tötung queerer Männer in der Republik thematisierten. Der erste Bericht wurde von der Journalistin Elena Milaschina in der Nowaja Gaseta [in russischer Sprache, unter dem Titel “Ehrenmord”] veröffentlicht; sie warf ein Licht auf die Methoden der tschetschenischen Behörden, die verdächtige queere Männer festnahmen und sie in geheime Gefängnisse in Argun steckten.
“Sie haben ein Monster zur Welt gebracht”
Sabrina [Name geändert], eine Transfrau, wurde in Grosny geboren und wuchs dort auf. Schon seit ihrer Kindheit spürte sie, dass sie in Wirklichkeit eine Frau war. Als sie erwachsen wurde, wurde ihr bewusst, dass Tschetschenien kein sicherer Ort für sie war, weshalb sie nach Moskau zog. Nachdem eine Gruppe Tschetschenen von der Geschlechtsangleichung ihrer Landsfrau erfahren hatten, wurde die Jagd auf Sabrina eröffnet. Aus Angst um ihr Leben zog sie letzten Endes in die USA.
Sabrina: Ich war als ehrenamtliche Helferin bei einer Menschenrechtsorganisation tätig. Eines Tages wurde mir gesagt, dass jemand meine Hilfe brauchte. Es handelte sich um eine Bekannte aus Dagestan, eine Transfrau, die in Schwierigkeiten steckte. Sie hatte kein Geld, also nahm ich sie ohne zu zögern auf. Während ich versuchte, ihr zu helfen, machte jemand, von dem ich dachte, er wäre ein Freund, eine Kopie von meinen Dokumenten und verbreitete sie überall im Internet, mit meiner Telefonnummer und einem Bild von mir. Er verschickte sie an seine tschetschenischen Freunde, mit folgender Nachricht: “Dann gibt es also keine Männer mehr in Tschetschenien, die diese Schande beseitigen können?” Danach machten die Fotos von meinen Dokumenten durch ganz WhatsApp die Runde.
Am 10. Oktober 2015 wurde ich angegriffen. Als ich gerade dabei war, ein paar Einkaufstüten vom Rücksitz meines Autos hervorzuholen, hörte ich eine Männerstimme sagen: “Hier ist ein Geschenk für dich von deinem Onkel.”
Als ich mich umdrehte, spürte ich etwas in meinem Körper, aber mir tat nichts weh. Dann hörte ich noch einen Satz, aber diesmal auf tschetschenisch: “Wie lange willst du die Familie noch entehren, du Schandfleck?” Ich kannte die Person nicht. Ich weiß nur noch, dass es ein junger Mann war, keine 30 Jahre alt. Dann verlor ich das Bewusstsein und wachte letzten Endes im Krankenhaus wieder auf. Anscheinend hatten einige Frauen alles mitbekommen und angefangen zu schreien. Der Mann war geflohen. Die Frauen hatten einen Krankenwagen gerufen.
Im Krankenhaus erfuhr ich, dass ich zwei Stichwunden in meinem rechten Lungenflügel hatte.
OC Media: In welchen Krankenflügel wurden Sie gelegt – in den der Männer oder den der Frauen?
Sabrina: Meine Dokumente sind veraltet, da steht noch mein männlicher Name drauf; aber der Arzt verstand und legte mich zu den Frauen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Als ich seinen Namen zum ersten Mal an seiner Bürotür las, bekam ich es mit der Angst zu tun; es war ein muslimischer, ein kaukasischer Name. Aber er stellte sich als guter Mensch heraus. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er respektvoll mit mir umgegangen ist.
Ich verbrachte mehr als einen Monat im Krankenhaus. Letzten Februar bekam ich Drohungen. Sie riefen mich an, schrieben mir – Verwandte, Fremde, einige vollkommen Unbekannte. Das war der Beginn eines Alptraums. Meine Familie wurde von Nachbarn und einigen entfernten Verwandten besucht. Die verlangten, mich nach Tschetschenien zurückzuschicken, um zu beweisen, dass das [die Geschlechtsangleichung] alles eine Lüge war. Sie stellten absurde Forderungen: Einige sagten mir, ich müsse es beweisen, indem ich oben ohne durch die Straßen laufe; andere wollten, dass ich im offiziellen Fernsehen in Grosny auftrete und sage, dass ich mein Geschlecht nicht geändert hatte, dass alles nur Schlechtrede war, und Photoshop. Ich habe Körbchengröße C – was hätte ich im Fernsehen sagen sollen?
OC Media: Wie hat Ihre Familie versucht, mit diesem Druck umzugehen?
Sabrina: Es ist immer noch schwer für sie. Einige ältere Menschen sprachen einmal meine Mutter auf der Straße an. Sie sagten zu ihr: “Sie haben ein Monster zur Welt gebracht, das nicht nur Ihre Familie, sondern die gesamte Republik beschämt hat. Wir können Sie nicht anrühren, weil Sie eine fromme Frau sind, aber Sie müssen von hier verschwinden.” Meiner Mutter wurde es zu viel und sie legte sich einen Strick um den Hals. Zum Glück kamen die Nachbarn und retteten sie.
Zu der Zeit musste ich mehrmals am Tag die Wohnung wechseln. Ich zog in eine Wohnung und schon wenige Stunden später stand unter dem Fenster ein Auto mit abgedunkelten Fensterscheiben und einem [tschetschenischen] Nummernschild mit einer 95 drauf. Nachdem es zum dritten Mal passiert war, wurde mir klar, dass da etwas faul war. Meine Menschenrechtler-Freunde überprüften die Nummernschilder – es stellte sich heraus, dass ich verfolgt wurde.
OC Media: Wie sind Sie geflohen?
Sabrina: Mit der Hilfe von Aktivisten. Aus Sicherheitsgründen will ich ihre Namen nicht preisgeben, aber ich will sagen, dass ich mich an sie alle erinnere; sie haben mir wirklich geholfen.
Mit ihrer Hilfe verließ ich das Land, aber dann passierte etwas Unglaubliches. Ich kann immer noch nicht begreifen, wie es sein konnte.
Kurz vor meiner Abreise aus Moskau kaufte ich mir eine neue SIM-Karte, um meine Mutter anzurufen, sobald ich angekommen war. Ich kaufte sie, ohne mich zu registrieren, ohne Ausweis, ohne alles. Ich zerbrach meine alte SIM-Karte und warf sie in den Müll. Kam an und checkte ins Hotel ein. Die Nummer war auf einen Fremden registriert.
Ich steckte die SIM-Karte in mein Handy. In dem Moment, als ich meine Mutter per WhatsApp anrufen wollte, bekam ich eine Nachricht: “Du glaubst doch nicht etwa, du wärst in Sicherheit, nur weil du das Land verlassen hast? Unsere Leute wissen schon, in welchem Hotel du steckst. Sie kennen sogar deine Zimmernummer. Nur um's dir zu beweisen: Es ist die Nummer 115.” Können Sie sich das vorstellen?! Das war tatsächlich meine Zimmernummer.
OC Media: Stehen Sie mit Ihrer Familie noch in Kontakt?
Sabrina: Nur mit meiner Mutter und meinen Schwestern. Über die Geschlechtsangleichung reden wir allerdings nicht, das ist ein Tabuthema. Einige traditionell kaukasische Elemente trage ich immer noch in mir. So sehr ich mir es auch wünsche, diese seelische Barriere kann ich nicht überwinden. Ich sage immer, dass, solange meine Mutter am Leben ist, ich mein Bestes tun werde, um sie nicht zu verletzen. Wenn wir mit Kamera chatten, gebe ich mir tatsächlich Mühe, wie die Person auszusehen, an die sie sich aus ihrer Vergangenheit erinnert – also an meine männliche Gestalt. Aber das ist sehr schwer.
OC Media: Wissen Sie etwas über die derzeitige Lage in Tschetschenien? Was tun Ihre Freunde, diejenigen, die dortgeblieben sind?
Sabrina: Ich habe letzte Woche einen Bericht in Washington eingereicht. Für den brauchte ich aktuelle Informationen über die Situation in Tschetschenien. Ich redete mit jemandem, der eineinhalb Monate in Argun eingesessen hat. Er erzählte, dass während des Ramadan keine Menschen festgenommen und gefoltert wurden, aber auch, dass alle das Ende des Ramadan kaum abwarten konnten, und er schloss eine neue Welle [der Verfolgung] nicht aus. Höchstwahrscheinlich werden sie sich jetzt auf Familie und Verwandte konzentrieren. Damit meine ich, sie laden wahrscheinlich die Verwandten [von Menschen, die im Verdacht stehen, queer zu sein] vor, diese kümmern sich um das Problem mit der betroffenen Person und am Ende verlangen [die Behörden] einen Beweis dafür, dass die sogenannte “Ehre” durch Blut Genugtuung erfahren hat.
OC Media: Werden auch jetzt noch schwule Männer in diesen Geheimgefängnissen festgehalten?
Sabrina: Ein Bekannter von mir sagt, es gebe gerade nicht sehr viele. Wenn, dann vor allem solche, die keine reichen Verwandten haben oder die von ihren Verwandten fallengelassen wurden, um sich Kadyrows Gericht zu stellen. Soweit ich weiß, werden sie dort festgehalten, damit man sie später als Terroristen präsentieren kann. Sprich: Sollten sie umgebracht werden, wird man ihre Körper im Fernsehen zeigen und behaupten, sie hätten irgendein Dorf oder einen militärischen Stützpunkt angegriffen. Verstehen Sie? Als wären diese Menschen nicht einfach verschwunden, sondern gezielt untergetaucht, um sich zu radikalisieren.
OC Media: Ist das jetzt nur eine Vermutung oder haben Sie eine Quelle für diese Informationen?
Sabrina: Ich zitiere gerade jemanden, der eineinhalb Monate in Argun inhaftiert war. Er sagt, dass viele Leute in diesem Gefängnis verschwunden seien, nachdem ihr Bart gewachsen war. Es gab seitdem nichts Neues von ihnen. Sie haben sie einfach mitgenommen. Und dieser sogenannte Lord [Magomed Daudow, Sprecher des tschetschenischen Parlaments und enger Verbündeter Ramsan Kadyrows], diese Person war selbst dabei, als diese Menschen mitgenommen wurden. Bis jetzt wurden sie allerdings nicht als Banditen vorgestellt, darüber gab es bisher noch keine Berichte. Wir vermuten aber, dass solche Aktionen durchaus möglich sind. Warum sonst hätte man es diesen Menschen nicht erlaubt, sich zu rasieren?
Wissen Sie, ob diese Verfolgungen und Entführungen von Menschen, die einer sogenannten “nichttraditionellen” Orientierung angehören, bereits in der Vergangenheit stattfanden?
Sabrina: Ich trug mein Haar schon immer lang. In Tschetschenien hatte ich einen Bob. Ich glaube, schon vor 2003 [dem Jahr, in dem sich Kadyrows Regime etablierte] war ich schon in ganz Grosny bekannt, als ich noch dort lebte – und ich hatte nie Probleme. Im Ernst! Selbst von 1998 bis 1999, als die Scharia galt, hatte ich nie Probleme. Im Gegenteil, damals war es viel sicherer als jetzt. Russland wollte uns ursprünglich an die “Zivilisierung” heranführen, hat uns letztendlich aber in die Steinzeit zurückgeworfen.
OC Media: Wie ist das unter dem Scharia-Gesetz möglich?
Sabrina: Meine Augenbrauen waren gezupft; ich hatte gefärbte Wimpern, trug Röhrenjeans und kurze Tops. Das Sicherheitsministerium der Scharia hat mir niemals auch nur ein Haar gekrümmt. Vor dem russischen Theater in Grosny gab es einen Platz, wo sich jeden Abend, vor allem an Wochenenden, eine ganze Gruppe von Menschen wie mir traf. Es war ein kleiner Platz, wo mehrere Bänke standen, und die ganze Stadt wusste davon; sie wussten, warum sich Männer, junge Menschen, dort trafen. Wir wurden nie beleidigt. In der tschetschenischen Sprache gibt es eine Redewendung: Kharda ma Kharda. Das heißt: “Spotte nicht über das Unglück eines anderen.” Man sagt es oft zu Kindern, wenn die sich über Kranke lustig machen.
OC Media: Also haben sie einfach ihre Augen vor Ihnen verschlossen, weil sie glaubten, Sie seien krank?
Sabrina: Ja. Sie haben mich nie beleidigt, nie gejagt und nie geschlagen.
OC Media: Wie lang hielt diese Gnadenszeit an?
Sabrina: So lange, bis [Ramsan] Kadyrow auf den Plan trat. Als er 2005 zum Premierminister [Tschetscheniens] ernannt wurde, fing er an, im Fernsehen über Moral zu sprechen. Er sprach nicht über uns per se, sondern vorrangig über das Verhalten von Frauen. Trotzdem – man konnte spüren, wie die Menschen in der Stadt anfingen, sich zu verändern. Wer vorher gelächelt und gelacht hatte, betrachtete dich auf einmal mit Argwohn. In der Zeit verließ ich Tschetschenien. Aber jedes Mal, wenn ich zurück nach Hause kam, konnte ich spüren, wie sich die Situation in der Republik stetig verschlimmerte.
OC Media: Welcher Tätigkeit gehen Sie jetzt nach?
Sabrina: Ich arbeite als Kellnerin. Ich verdiene nicht viel – 700 bis 800 Dollar [etwa 635-725,50 Euro] pro Monat sind in den USA nicht viel. Davon abgesehen bin ich immer noch als Aktivistin tätig. Derzeit bin ich für 15 muslimische Frauen verantwortlich. Ich kommuniziere mit ihnen als eine Art Psychologin. Wir organisieren Teetreffs, Zusammenkünfte, ich begleite sie zum Krankenhaus und helfe ihnen dabei, Essenskarten zu bekommen. Ich verlange keinen Cent dafür. Ich habe diese Menschen selbst entdeckt, als ich Zufluchtsorte abklapperte. Ich bin Muslima und möchte denjenigen helfen, die Hilfe brauchen.
OC Media: Tragen Sie einen Hidschab?
Sabrina: Ja.
OC Media: Viele sagen, dass Schwule, Lesben oder Transgender den muslimischen Glauben nicht ausleben können…
Sabrina: This is silly. This is nature — religion has nothing to do with it. It’s the same thing as Chechens foaming at the mouth to prove that they do not have any gays. Daghestanis have them, Kabardians have them, and Russians have them too, the entire planet has them, but ‘Chechens — they don’t’. I came from there, it is unpleasant for me to hear this.
I meet so many men from the Caucasus here. Many of them — Muslim worshipers, who visit the mosque and fast during Ramadan — live with men.
You know, many people mix transgenderism with men who like men, and they think that people change sex so that they have more intimate opportunities, but this is wrong. This is a different thing, different psychology in fact, different attitudes to things. For me it is important that now I feel in my own shoes and I am not ashamed of my body. It is not important if you have a partner or not. I am sorry for the details, but it’s been more than a year since I had intimate relations with anyone. And I'm absolutely not upset about this — I just know that now I am myself.
Sabrina: Das ist albern. Das hat rein gar nichts mit Religion zu tun, so ist die Natur eben. Das ist genau das Gleiche wie Tschetschenen, die dir mit Schaum vor dem Mund weismachen wollen, dass es bei ihnen keine Schwulen gibt. Die Dagestaner haben welche, die Kabardiner haben welche, die Russen haben auch welche; auf dem ganzen Planeten gibt es sie – aber “nicht in Tschetschenien”. Ich komme von dort, deshalb ist es mir unangenehm, so was zu hören.
Ich treffe hier so viele Männer aus dem Kaukasus. Viele von ihnen – praktizierende Muslime, die in die Moschee gehen und während des Ramadan fasten – leben mit Männern zusammen.
Wissen Sie, viele denken bei Transidentität an Männer, die Männer lieben, und sie glauben, dass man sein Geschlecht wechselt, um mehr intime Erfahrungen zu machen. Aber das ist ein Trugschluss. Das sind zwei unterschiedliche Dinge – zwei unterschiedliche Arten des Empfindens, um genau zu sein, unterschiedliche Lebenseinstellungen. Für mich ist es das Wichtigste, mich in meiner eigenen Haut zu fühlen und mich nicht für meinen Körper zu schämen. Nicht, ob ich einen Partner habe oder nicht. Tut mir leid, dass ich hier so persönlich werde, aber meine letzte intime Beziehung ist jetzt schon länger als ein Jahr her. Und ich bin überhaupt nicht traurig deswegen – ich weiß einfach, dass ich jetzt ich selbst bin.