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In einem Moskauer Zentrum für psychische Gesundheit

Vera Schengelija. Foto: Anna Schmitko / Facebook

Vera Schengelija ist eine russische Journalistin und Aktivistin im Bereich psychische Gesundheit. Sie verwaltet die “Life Route”-Stiftung, die ihren Sitz in Moskau hat und Jugendliche und Erwachsene mit körperlichen und geistigen Behinderungen unterstützt. In einem Interview mit RuNet Echo erzählte Schengelija, dass sie in den letzten Jahren einen Jugendlichen mit Behinderung in besonderem Maße betreut hat. Seine Familie hatte ihn in ein neuropsychiatrisches Zentrum eingewiesen. Anfangs traf Schengelija ihn noch in einem Zentrum außerhalb von Moskau, aber vor kurzem wurde er in eine Klinik in die Stadt verlegt.

Anfang März besuchte sie den Mann in seinem neuen Zuhause. Die Lebensbedingungen der Bewohner dort trafen sie schwer. Am 16. des gleichen Monats schilderte sie ihre Eindrücke auf Facebook; der Text wurde (Stand 16.4.2017) 575 Mal geteilt und sammelte über 2100 verschiedene Reaktionen. Er ist, mit Erlaubnis von RuNet Echo, im Folgenden zu lesen:

сколько раз я была на всех этих дискуссиях, круглых столах про советского человека. его культурный код, ценности, вот это все.
сегодня за пять минут все поняла. приехала в интернат для взрослых. психоневрологический как они это называют. поднялась на второй этаж. а там этот запах. на ужин рыба с картошкой. и вот если у вас начинается паническая атака от этого запаха — вот ваш культурный советский код.
разодрала воротник, уйти я не могла, поднялась еще этажом выше. там пластиковая дверь на засове. в ней продолговатое окошко. и оттуда как животные из загона на меня смотрят живые люди. с десяток мужиков в одинаковой одежде. я даже кивнуть не смогла.
господи, это же я двумя часами раньше рассказывала студентам про концепт достоинства, про права человека, про столпы социальной журналистики, про разговор на равных, про то, что любой человек это всегда человек.
и сама от страха, от этой рыбы стала искать глазами кого-нибудь в халате, какого-нибудь надсмотрщика, кого-нибудь, кто бы меня защитил.
навещала мальчика. хорошего, домашнего мальчика — учился на политологии в мгу, чинит компьютеры, переписываемся иногда по английски.
его только перевели. совсем не узнала. черный. медленный. голос дрожит, как в этих страшных фильмах про гестапо. не смог сам открыть печенье даже.
и оттуда из раковины, из под этой ваты говорит мне — Вера, лучше бы меня в тюрьму посадили. я бы уже вышел.
говорит — я думаю, что чем-то я прогневал бога. чем же он прогневал? тем, что у него умерла мама? а остальные родственника вот так его быстро упихали.
курить водят два раза в день. строем. телефон отобрали. ужин в шесть. в шесть часов у взрослого мужика ужин. и потом все. это такое наказание? это такая тюрьма? это что?
на выходе встретила замдиректора, мы знакомы. говорю — отдайте телефон парню. он же только приехал, не знает никого, ему страшно.
всегда же можно попросить позвонить у старшей медсестры, говорит. от свободы, Вера, говорит, такие страшные вещи бывают. дедовщина, например.
привезла печенья. купила кофе в автомате. сходили покурить.
мне, говорит, так неудобно тебе это говорить, но я здесь совсем не могу в туалет ходить: здесь открытые кабинки, я стесняюсь.
я не боюсь людей с ментальными нарушениями, с инвалидностью. я боюсь фашизма, боюсь, когда людей держат как коров. боюсь вашей жареной рыбы, гребаные вы суки. ни конца этому говну, ни края.

Ich hab aufgehört zu zählen, wie viele Diskussionen und Versammlungen an Runden Tischen ich schon miterlebt habe, in denen über den “sowjetischen Menschen” diskutiert wurde, wo dessen kultureller Kodex, Werte und alles Mögliche auseinandergenommen wurden. Heute, nach gerade einmal fünf Minuten, ergibt alles endlich Sinn.

Ich besuchte ein Pflegezentrum für Erwachsene – oder “neuropsychologisches Zentrum”, wie sie es nennen.

Ich ging hinauf in den zweiten Stock, aus dem mir dieser Geruch entgegenkam. Es gab Fisch mit Kartoffeln. Durch den Geruch spürte ich, wie die Panik in mir aufstieg. Wer nach dem “sowjetischen kulturellen Kodex” sucht, wird hier fündig.

Ich lockerte meinen Kragen. Kehrt machen war keine Option mehr, also ging ich noch einen Stock weiter hoch. Dort begrüßte mich eine verriegelte Plastiktür. Sie hatte ein kleines, längliches Fenster, und die Menschen hinter diesem Fenster starrten mich an wie Tiere in einem Käfig. Ein Dutzend Männer, alle waren sie gleich angezogen. Ich konnte sie nicht einmal grüßen.

Um Himmels willen, dabei hatte ich doch erst vor zwei Stunden noch mit meinen Studenten über das Konzept der Würde gesprochen – über Menschenrechte, über die Säulen des Sozialjournalismus, darüber, dass man sich als gleichwertig anerkennen soll und dass ein Mensch immer ein Mensch bleibt. In diesem Moment befiel mich ein überwältigendes Gefühl von Angst, und dieser schreckliche Fischgestank brachte mich dazu, nach einer Person im Anzug Ausschau zu halten, nach einem Betreuer – einfach nach irgendjemandem, der mich beschützen konnte.

Ich kam um einen jungen Mann zu besuchen – ein guter, bodenständiger Junge, der Politikwissenschaften an der staatlichen Universität Moskau studiert und nebenbei Computer repariert. Manchmal schreiben wir uns auf Englisch.

Er wurde gerade erst hierher verlegt. Ich wäre nie darauf gekommen. Er sah erbärmlich aus. Bewegte sich nur langsam. Das Zittern in seiner Stimme erinnerte an diese fürchterlichen Filme über die Gestapo. Ich hatte Kekse mitgebracht – er konnte noch nicht einmal alleine die Box aufmachen.

Foto: InLiberty / Facebook

Und vom Rande der Verzweiflung, unter diesen dicken Stoffdecken hervor kam es: “Hätten sie mich doch nur in den Knast gesteckt, Vera. Ich wär schon längst wieder draußen”. Und weiter: “Aus irgendeinem Grund muss Gott wütend auf mich sein”.

Aber aus welchem? Weil seine Mutter gestorben ist? Weil die Familie, die ihm geblieben ist, ihn hier reingesteckt hat?

Zweimal am Tag werden sie zum Rauchen aus dem Gebäude geführt. In Reihen aufgestellt. Keine Handys. Abendessen gibt's um sechs. Ein erwachsener Mann isst um punkt sechs zu Abend und dann ist der Tag zu Ende.

Soll das hier irgendeine Art Strafe sein? Ein Gefängnis? Was soll das Ganze?

Auf dem Weg nach draußen traf ich auf den Leiter der Einrichtung. Wir kannten uns bereits.
Ich: Geben Sie dem Jungen sein Handy zurück, er ist gerade erst angekommen, er kennt niemanden hier, er hat Angst.
Der Leiter: Der Junge kann jederzeit die Krankenschwester darum bitten, einen Anruf für ihn zu tätigen. Und: “Vera, zu viel Freiheit kann zu schrecklichen Dingen führen”. Zum Beispiel zu Initiationsriten.

Ich ließ die Kekse stehen, nahm mir einen Kaffee aus dem Automaten und ging mit dem Jungen raus, eine rauchen. Er sagt mir dann: Mir ist es so unangenehm, darüber zu sprechen, aber ich kann hier nicht einmal auf Toilette. Die Kabinen haben keine Türen zum Abschließen und ich schäme mich zu sehr.

Es sind nicht Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die mir Angst machen. Was mir Angst macht, ist Faschismus – was mir Angst macht, ist, dass man fähig sein kann, Menschen wegzusperren wie Tiere. Was mir Angst macht, ist euer gegrillter Fisch, ihr verdammten Arschlöcher. Diese Scheiße kennt weder Grenzen noch ein Ende.

Dieser Text wurde von Vera Schengelija auf Russisch verfasst und auf Facebook veröffentlicht. Schengelija ist eine russische Journalistin und Aktivistin im Bereich psychische Gesundheit. Der Text ist in seiner ursprünglichen Form hier nachzulesen.

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