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‘Die Welt hat sich verändert': Kühne Statements iranischer Zeitungen in Reaktion zum Iran-Deal

Fast jede Titelseite der iranischen Tageszeitungen berichtete am 15. Juli vom Atomabkommen. Screenshot von www.jaaar.com.

Die iranische Medienlandschaft ist normalerweise ein Anzeiger für die Differenzen, die es zwischen den politischen Fraktionen im Land gibt. Trotzdem schienen sich die zahlreichen Publikationen des Landes am Mittwoch, dem 15. Juli, einig zu sein, da die Neuigkeit der historischen Nuklear-Verhandlung fast jedes Cover dominierte.

Unter vielen verschiedenen Interessensgruppen wurde die Neuigkeit der Übereinkunft zwischen dem Iran und den P5+1-Staaten (Vereinigtes Königreich, Deutschland, Frankreich, Russland und China) scheinbar wohl aufgenommen. Vom Deal wird erwartet, dass der den Weg zu wirtschaftlichem Fortschritt im Iran frei macht, wenn die internationalen Sanktionen im Austausch gegen die Eingrenzung des Atomprogramms aufgehoben werden.

Das kühnste Statement kam von Etemaad, einer reformistischen Publikation, die als Schlagzeile schreibt “Die Welt hat sich verändert”. Das persische Datum des 23. Tir 1394 (14. Juli 2015) wurde als Tag der “diplomatischen Revolutionen” beschrieben. Etemaads (perisch: ‘Vertrauen’) Chefredakteur ist Elias Hazrati, eine bekannte reformistische Persönlichkeit, die Mehdi Karroubi, einem der Anführer der Grünen Bewegung von 2009 und noch immer inhaftiert, nahesteht.

HHHH

Die reformistische Zeitung Etemaad erklärt: “Eine diplomatische Revolution am Tag des 23. Tir 1394. Die Welt hat sich verändert. Die Verhandlungsrunden erreichen nach 12 Jahren eine Einigung.”

Tatsächlich hatten reformistische Sentiments und Anspielungen auf die Grüne Bewegung 2009 viele der Straßenfeste zur Einigung am Dienstagabend dominiert. Auf Tanz und Jubelhupen folgten Gesänge, die zur Freilassung Mehdi Karroubis und Mir Hossein Mousavis, der weiterhin inhaftierten Oppositionsführer und Präsidentschaftskandidaten von 2009, aufriefen.

Leute rufen im Chor “Unsere Nachricht ist deutlich! Die Inhaftierung [Karroubis und Mosavis] muss beendet werden”

Die Mehrheit der iranischen Zeitungen erwähnte derartige Feiern nicht auf ihren Titelseiten, sondern setzte einen politischen Fokus. Selbst die bekannte, kompromisslose Zeitung Kayhan erschien mit einer neutralen Berichterstattung zum Abkommen. In den letzten Monaten hatte die Zeitung dem Verhandlungsstab und den Zugeständnissen, die dem Westen angeboten wurden, um den Deal zu erreichen, extrem kritisch gegenübergestanden.

Viele sehen Kayhan als das Mundstück der Information für das Büro des Obersten Führers und des streng konservativen Sentiments innerhalb des Iran. Der Chefredakteur des Blattes, Hossein Shariatmadari, wird direkt von Khamenei gestellt. Shariatmadari wird mit dem iranischen Sicherheitsdienst in Verbindung gebracht und ist ein ehemaliger Funktionär der Revolutionsgarde. Kayhan wird auch als Sicherheitsorganisation anerkannt, die dafür verantwortlich ist, Fälle gegen die Opposition und gegen Kritiker aus dem In- und Ausland zu erstellen.

Der Kayhan-Titel am Dienstag fragte mit Ausrufezeichen, ob dies nach 12 Jahren die finale Phase der Verhandlungen war, ganz gegenteilig zu ihren typisch bissigen Kritiken des Verhandlungsstabs und -prozesses. Es sollte zur Kenntnis genommen werden, dass Kayhan den Anfangspunkt der besagten 12-Jahres-Periode an den Beginn der Ahmadinejad-Präsidentschaft setzt, als der Iran damit anfing die internationale Gemeinschaft mit seinem Atomprogramm zu beschäftigen. 2006 hatte der UN-Sicherheitsrat die Diskussionen zu einem Ende gebracht, indem sie Sanktionen über den Iran verhängten, nachdem das Land sich geweigert hatte seine Pläne zur Uran-Anreicherung fallen zu lassen.

Das Titelblatt von Teherans Zeitung am Dienstag, 23. Tir, das den Abschluss des Atomabkommen voraussieht und unterstützt.

Dem Abschluss des Deals folgend, lief der Mittwochstitel unter der Überschrift: “180 Grad-Unterschiede aus zwei Geschichten in einem Deal” und erkannte damit die Errungenschaft des historischen Deals unter traditionellen Gegnern.

Kayhan

Kayhans Titelblatt am Mittwoch, 15. Juli, rief aus “180 Grad-Unterschiede aus zwei Geschichten in einem Deal”.

Andere Tageszeitungen nahmen eine nationalistischere Position gegenüber den Resultaten der Verhandlungen ein. Ebtekar ist eine reformistische Zeitung, die seit Beginn der Administration von Präsident Hassan Rouhani einige Schwierigkeiten erlebt hat, und im April 2014 mehrfach zum Einstellen gezwungen worden war. Es hatte eine aufmerksamkeitserregende Schlagzeile mit dem Vergleich von Javad Zarif, dem Außenminister am Ruder der Verhandlungen, mit dem berühmten nationalistischen, iranischen Premierminister Mohammad Mossadegh veröffentlicht. Mossadegh war dafür berühmt die Öl-Industrie des Irans aus den Händen der britischen Regierung zu verstaatlichen.

Das abgedruckte Bild vergleicht das, was Mossadegh für Irans Öl gemacht hat, mit dem was Zarif für das Atomprogramm des Landes gemacht hat, unter dem Titel: “Das Iranische Zeitalter.”

Ebtek

Ebtekars Titelblatt vergleicht, was Mossadegh für Irans Öl gemacht hat, mit dem was Zarif für das Atomprogramm des Landes gemacht hat.

Ob solche Proklamationen einer neuen Ära akkurat sind, bleibt abzuwarten. In den sozialen Medien haben viele bereits ‘vorsichtigen Optimismus’ darüber angemeldet, was dies für das alltägliche Leben der Iranier bedeuten wird. Einer der Rufe von Teherans Straßen fing diese Einstellung perfekt ein:

Ein netter Chor von gestern Abend “Dieser Deal ist abgeschlossen, der nächste Deal sind unsere Bürgerrechte.”

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