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Edom Kassaye: Äthiopische Journalistin war wegen ihrer Aufrichtigkeit eingesperrt

Edom Kassay. Photo courtesy of Endalk Chala.

Edom Kassaye, im Juli 2013 bei einem Forschungsaufenthalt in Harar, Äthiopien. Foto: Endalk Chala.

Im April 2014 sind in Äthiopien neun Blogger und Journalisten verhaftet worden. Einige von ihnen hatten für Zone9 gearbeitet, einem Bloggerkollektiv, das soziale und politische Themen Äthiopiens bearbeitet und darüber hinaus für Menschenrechte und eine Rechenschaftspflicht der Regierung eingetreten ist. Vier von ihnen waren Global Voices-Autoren. Im Juli 2014 wurden sie auf Grundlage der Antiterrorismus-Gesetzgebung angeklagt

Dies ist ein Beitrag unserer Serie – Sie haben Namen – mit der wir auf die einzelnen Blogger aufmerksam machen möchten, die sich zur Zeit in Haft befinden. Wir möchten sie als Menschen wahrnehmen, nicht als bloße Zahlen, und wir möchten ihre jeweils eigene Geschichte erzählen. Endalk Chala schreibt über die Journalistin Edom Kassaye. Endalk ist Gründungsmitglied des Bloggerkollektivs der Zone9. In Äthiopien wurde er wegen seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten, wo er ein Doktoranden-Studium in Medienwissenschaften absolviert, zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Von Edom Kassaye habe ich das erste Mal durch Befeqadu erfahren, dem großen Kommunikator des Bloggerkollektivs der Zone9. Wir trafen uns 2012, als sie gerade von einem einjährigen Forschungsaufenthalt in Kenia zurückkehrte. Sie versah mich mit vielen wunderbaren Geschichten, die sie während ihrer Reise aufgegriffen hatte. Ihre Erzählungen und die relative Freiheit, die sie als Journalistin in Kenia erlebte, ließen unsere Gespräche über die unglückliche Situation der Meinungsfreiheit in Äthiopien immer tiefgründiger werden. Von diesem Zeitpunkt an, bis ich das Land 2013 verließ, trafen Edom und ich uns regelmäßig zu einer Tasse Kaffee. Daraus ist eine gute Freundschaft geworden.

Wenn ich an die gemeinsamen Zeiten mit Edom zurückdenke, wird mir klar: Kein Wunder, dass sie zusammen mit sechs Mitgliedern des Zone9-Kollektivs verhaftet worden ist. Die Leute fragen mich nach dem Warum. Edom ist eingesperrt und des Terrorismus angeklagt worden, obwohl sie gar nicht zu dieser Gruppe gehört. Ich glaube, es war Edoms unbedingter Wille zu sanften Veränderungen der politischen Landschaft Äthiopiens, die sehr stark polarisiert ist. Dadurch entwickelte sich eine gewisse Affinität zwischen ihr und dem Bloggerkollektiv der Zone9. Wir haben vieles gemeinsam und teilen unsere Grundüberzeugungen.

Edom hat bei jeder einzelnen Online-Kampagne der Zone9-Blogger mitgemacht. Es scheint so, dass ihre Teilnahme an diesen Aktionen bei den staatlichen Behörden Aufmerksamkeit erregte, die für die Überwachung sozialer Medien zuständig sind. In den Tagen und Wochen vor ihrer Inhaftierung widerstand Edom dem staatlichen Druck, regelmäßig Informationen über ihre Freunde des Kollektivs preiszugeben. Stattdessen hat sie sich dafür entschieden, gemeinsam mit ihren Freunden ins Gefängnis zu gehen. Ihre Aufrichtigkeit und ihre Überzeugungen zeigen ihre ganz besondere Charaktereigenschaft, nämlich die starke innere Verpflichtung, bürgerschaftliches Engagement genau dort zu leben, wo die Bevölkerung weitgehend zersplittert ist und immer wieder auf's Neue einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Jomanex, ein im Exil lebender Blogger, Kollege und Freund nannte Edom häufig Fräulein Aufrecht.

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Edom (links) und Mahlet werden zum Gerichtsgebäude gebracht, das sich auf dem Gelände des Obersten Gerichts in Addis Abeba befindet. Foto: Trial Tracker Blog, mit Genehmigung veröffentlicht.

Edom gehört zu den wenigen mir bekannten äthiopischen Journalistinnen, die ihren Beruf auf unterschiedlichen Plattformen ausüben. Ihr Lebenslauf liest sich wie der eines sich schnell entwickelnden Multimedia-Journalisten mit einem besonderen Interesse für Umwelt, öffentliches Gesundheitswesen und soziale Gerechtigkeit. Für Außenstehende sieht Edom wie jede junge und ambitionierte Journalistin aus, deren Arbeiten überall erscheinen können. In den staatlichen Tageszeitungen oder in den unabhängigen Radiostationen von Addis Abeba. Aber einige Details machen sie unverwechselbar.

Edom begann ihre journalistische Karriere bei einer staatlichen Tageszeitung. Als Reporterin versuchte sie, Anlass zu Optimismus zu geben, ohne den eine hochqualitative journalistische Arbeit nicht möglich ist. In den äthiopischen Staatsmedien ist diese Qualität nur schwach ausgeprägt. Aber ihr Hang zu unbequemen Fragen vertrug sich nicht mit der kriecherischen Kultur des staatlich gelenkten Journalismus. Folgerichtig entschied sie sich für einen anderen Berufsweg. Im Jahre 2011 gewann sie ihr Stipendium für einen Forschungsaufenthalt in Kenia, wo sie sich auf die Berichterstattung über Umweltthemen konzentrierte. Nach ihrer Rückkehr wollte sie nicht weiter für staatliche Medien arbeiten. Stattdessen wählte sie eine freiberufliche Zusammenarbeit mit verschiedenen Publikationen. Als wir 2012 mit Global Voices auf Amharisch begannen, unterstützte sie uns als ehrenamtliche Übersetzerin. 2013 arbeiteten Edom, Befeqadu, Zelalem und ich für eine Reportage über die Meinungsfreiheit in Äthiopien zusammen. Später ist unsere Arbeit bei den Vereinten Nationen eingereicht und von der UN-Menschenrechtskommission in ihrer Universal Periodic Review veröffentlicht worden.

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Edom Kassaye. Zeichnung von Melody Sundberg.

Im Jahre 2011 ließ die Regierung unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung mehr als 12 Journalisten verhaften und anklagen. Seit 2005 haben derartige Aktionen Routine erlangt. Edom war stolz darauf, ihre Solidarität mit diesen Journalisten zu zeigen. Sehr routiniert reiste sie von Gefängnis zu Gefängnis, um preisgekrönte Journalisten zu besuchen, wie Reeyot Alemu und Eskinder Nega, die nach wie vor ihre langjährigen Haftstrafen verbüßen. Dadurch bekam Edom einen Eindruck davon, wie das Leben dieser Journalisten hinter Gittern aussieht. Als Geste ihrer Solidarität für die Journalisten twitterte sie regelmäßig die Anzahl der Tage, die die Journalisten bereits im Gefängnis verbringen mussten. Es würde mich wundern, wenn sie jemals daran gedacht hätte, eines Tages deren Schicksal teilen zu müssen.

Ich habe sie einmal gefragt, wie sie auf den Einfall kam, den Kurznachrichtendienst Twitter als Zeitmesser zu benutzen, um die entsetzliche Lage der Journalisten zu dokumentieren. Sie erzählte mir, dass im Gefängnis von Kality, wo Eskinder Nega inhaftiert ist, allmorgendlich die Gefangenen von den Wachen durch Pfeifen abgezählt werden; außerdem rufen sie laut: Kotera፣ Kotera፣ Kotera [Zählen Zählen Zählen]. Das bedeutet, die Gefangenen sollen sich für die Strichliste bereit machen. Dieses Ritual ist in allen Gefängnissen Äthiopiens üblich. Es hat einen doppelten Zweck: Zum einen sollen die Gefangenen früh aufstehen. Zum anderen sollen sie sich für den Zählappell fertig machen. Auf ergreifende Weise hat Edom dieses Zählritual in ihren Tweets benutzt. Damit machte sie Tag für Tag darauf aufmerksam, wie lange die Journalisten bereits hinter Gittern zubringen mussten. Ihre Aktion führte sie fort, bis sie selber eine von ihnen geworden ist.

Seit dem 25. April 2014 ist Edom das Recht, aus Solidarität zu twittern, versagt. In ihrem Gefängnistagebuch erzählt sie von ihrer Verhaftung:

ወዲያው ልሂድ ብሎ ወጣ ጣፋጭ በር ላይ ተሰነባበትን ፡፡ ወዲያው አስፓልቱን ስሻገር አንድ መኪና መንገድ ዘጋብኝና ሁለት ተራ ወንበዴዎች የመሰሉ ሰዎች አንድገባ አዘዙኝ፡፡ አልገባም አልኩኝ ፡፡አንደኛው እጄን ጠምዝዞ አስገድዶ ወደመኪናው መራኝ ያኔ መከራከሩ እንደማያወጣ ገባኝ፡፡ ከኋላ አስገብተውኝ ግራና ቀኝ ተቀመጡ፡፡ መኪናዋን ይኸው የትምህርት ቤት ወዳጄ ይዟት እንዳየሁ አስታወስኩ፡። ቆሻሻና ዳሽ ቦርድ የሌላት መኪና ናት፡። ከነሹፌሩ የቀን ስራ ሲሰሩ ውለው ያላባቸው የሚመስሉ ሶስት ወጣቶች አሉ፡፡ ጋቢና ያለው ወጣት “ኤዲ አንዴት ነሽ ?” አለኝ ጸጥ አልኩኝ፡፡ ፓሊስ ጣቢያ ለጉዳይ አንደፈለጉኝ እና ቶሎ አንደምለቀቅ ተናግሮ ሊያረጋጋኝ ሞከረ፡፡ ሹፌሩ ያለምንም ማቅማማት ጥቁር አንበሳ እና ባንኮዲሮማ ህንጻ ጋር ያሉትን መብራቶች እየጣሰ ጉዞ ወደፒያሳ ሆነ፣ ምን እነዳጣደፈው እንጃ ።። ቤተሰቦቼ ጋር አንድደውል ይፈቀድልኝ ብልም ስልኬን ወስደው ፍቃደኛ ሳይሆኑ ቀሩ ፡፡ ማአከላዊ ስንደርስ 12.50 አካባቢ ሆኗል፡፡ መደበኛ ምዝገባ ተደርጎልኝ ንብረቶቼን አስረከብኩ ፣ እርቃኔን ከሆንኩ በኋላ ቁጭ ብድግ እያልኩ ሰውነቴ ሁሉ ተፈትሿል፡፡ ከታሰሩ ሴቶች ጋር ስቀላቀል እራትና የሌሊት ልብስ ሰጡኝ፡። ከጥቂት ሰአታት በኋላ የእግር ኮቴ ስንሰማ ተሽቀዳድመን በቀዳዳ ስናይ ማህሌትን ወደ ሌላ ክፍል ሲያስገቧት አየሁ ፡፡ ያኔ ለመጀመሪያ ጊዜ አለቀስኩ ፡፡ ቤተሰቦቼ ልጃችን ምን ዋጣት ብለው አንዴት አንደሚነጋላቸው እየተጨነኩ ነጋ፡፡

Als ich die Straße überquerte, näherte sich ein Fahrzeug und versperrte mir den Gehweg. Sofort sprangen ein paar Männer, die wie Hooligans aussahen, aus dem Auto, umzingelten mich und verlangten, dass ich zu ihnen ins Auto steige. Da ich mich weigerte ins Auto zu steigen, verdrehte mir einer der Männer das Handgelenk; erst in diesem Moment war mir klar: Mein Widerstand gegen die Verhaftung ist zwecklos. Trotzig ging ich zum Auto und wurde auf den Rücksitz gedrückt, zwischen zwei Männern. Als ich im Auto saß und für einen Moment alle still waren, bat ich sie, meine Familie anrufen zu dürfen. Sie lehnten meine Bitte ab und nahmen mir mein Mobiltelefon mit Gewalt weg … Bei Sonnenuntergang erreichten wir das berüchtigte Lager Maekelawi, eine Untersuchungshaftanstalt der Bundespolizei. Ich musste mich auf entmenschlichende Art und Weise durchsuchen lassen, bevor sie mich in eine dunkle Haftzelle brachten, in der sich bereits andere Häftlinge befanden …. Nach geraumer Zeit hörte ich Schritte. Wir rannten zur Tür, um durch das Guckloch sehen zu können, was auf dem Flur vor sich geht … plötzlich sah ich Mahlet, sie wurde in eine andere Zelle eskortiert …. in diesem Moment überkam mich schlagartig ein Gefühl des Horrors. Ich musste an meine Familie denken, sie würden extrem beunruhigt sein und sich fragen, wo ich bin. Ich fühlte, wie Tränen über meine Wangen liefen.

Edom hat ihren Journalismus mit einer bewundernswert eleganten Zurückhaltung betrieben. Sie hat ihre ganz eigene höfliche Art, eine Sache auf den Punkt zu bringen, ohne einzuschüchtern oder zu manipulieren. Zwei Monate vor meiner Abreise in die USA, wo ich mein Postgraduierten-Studium aufgenommen habe, reiste Edom nach Tunesien und bei ihrer Rückreise brachte sie mir einen handgefertigten Schlüsselanhänger mit, von dem man sagt, er diene als Schutz vor dem Teufel. Es schmerzt mich, dass ich Edom nicht vor der Bosheit der Regierung in Sicherheit bringen konnte. Ich schätze jede Minute, die ich mit Edom verbracht habe. Einer Frau, die tapfer ist und ihren Überzeugungen treu bleibt.

Anmerkung des Übersetzers: Am Nachmittag des 8. Juli kam die erlösende Nachricht, dass alle Anklagepunkte gegen Edom, Mahlet, Asmamaw, Tesfalem und Zelalem (Zola) zurückgezogen wurden. Asmamaw, Tesfalem und Zola kamen sofort frei. Edom und Mahlet am Morgen des 9. Juli. Auch Reeyot Alemu ist wieder in Freiheit. Wie die Situation bei Abel, Atnaf, Befekadu und Natnael ist, bleibt unklar.

Wir haben ein eigenes Dossier, in dem weitere Informationen und Berichte zu den Zone9-Bloggern zu finden sind.

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