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Eine Million Knochen: Die Straße nach Srebrenica, Bosnien-Herzegowina

National Mall in Washington D.C. Photo credit: One Million Bones

Die National Mall in Washington D.C. Foto mit freundlicher Genehmigung von One Million Bones.

Leslie Woodward ist Mitbegründerin und Projektdirektorin des Post Conflict Research-Center in Sarajevo und berichtet in diesem Bericht, der ursprünglich auf Balkan Diskurs erschienen ist, über die geplanten Aktivitäten der Organisation im Hinblick auf das 20-jährige Jubiläum des Genozids in Srebrenica. Diese werden vom PostConflict Research-Center, Empfänger der 2014 Rising Voices-Förderung, veranstaltet. Hier wird der Bericht (laut Content Sharing-Vereinbarung) erneut veröffentlicht.

Am 11. Juli 2015 wird der 20. Jahrestag des Genozids in Srebrenica, der das Leben von mehr als 8.000 bosnischen Männern und Jungen forderte, begangen. Zu diesem Anlass versammeln sich die Familien der Opfer, um ihren Verlust zu betrauern und um jene zu beerdigen, die von Jahr zu Jahr in Massengräbern im ganzen Land gefunden werden. Es ist schwer, so eine gewaltige Tragödie jenen begreiflich zu machen, die sie nicht selbst miterlebt haben. Das Post Conflict Research-Center in Sarajevo ist auf ein Projekt gestoßen, welches helfen könnte, dieses Problem anzusprechen. Somit beschloss das PCRC dieses Projekt nach Srebrenica zu bringen, als Teil der Bestrebung der verlorenen Leben zu gedenken.

Am 8. Juni 2013 waren alle Augen auf tausende Freiwillige aus allen Teilen der USA gerichtet, die sich an der National Mall in Washington D.C. versammelten, um eine Million handgefertigte Knochen aufzulegen. Dieses symbolische Massengrab war Teil des Projektes One Million Bones und diente als gemeinschaftlicher Protest gegen noch immer stattfindende Genozide und Gräueltaten an Orten, wie der Demokratischen Republik Kongo, dem Sudan und Süd-Sudan, in Burma und Somalia. Bald wurde das PCRC auf dieses Projekt aufmerksam und das Team begann sich zu fragen: Was, wenn wir dieses Projekt auch nach Bosnien-Herzegowina bringen?

Zwischen dem 8. und 11. Juli wird das PCRC mehr als 100 Bosnier, darunter Jugendliche aus der Region und aus anderen Ländern, versammeln um eine Million handgefertigter Knochen dort aufzulegen, wo tausende bosnische Zivilisten gegen ihren Willen festgehalten, ausgehungert und misshandelt wurden. Diese Knochen werden genau an jenem Ort liegen, wo viele Familienmitglieder ihre Angehörigen 1995 das letzte Mal lebend sahen.

“Wir wollen nicht nur, dass das Niederlegen der Knochen als eine Art Bindeglied zwischen der Jugend und den Erfahrungen der Opfer und der Überlebenden dient, sondern es soll auch eine Plattform sein, die es den Überlebenden erlaubt, ihren Schmerz mit der Welt zu teilen,” erklärt Velma Šarić, Gründer und Geschäftsführer von PCRC. “Es wird eine schwierige und emotionale Veranstaltung werden, aber wir hoffen, dass es ein Ereignis sein wird, an das sich alle Beteiligten immer erinnern werden.”

Zusätzlich zu dieser gemeinschaftlichen Freiwilligenaktion hat das PCRC eine Reihe von Aktivitäten geplant, welche die Beteiligung der Jugend im Friedensprozess verstärken und die Beteiligten über Themen wie Moral, Tapferkeit, zwischenethnischer Kooperation und Genozidvorbeugung aufklären sollen. Die Jugendlichen werden danach zusammen am 11. Juli die 20. Gedenkfeier besuchen.

“Wir haben auch Langzeitpläne für die Knochen,” erklärt Velma. “PCRC wird mit der Gemeinde Srebrenica, dem Srebrenica Potočari-Gedenkcenter, dem Opferverband, mit lokalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen und Künstlern zusammenarbeiten, um Pläne für eine permanente Installation und eine Gedenkstätte zu entwickeln. Die handgearbeiteten Knochen werden auch in der Gestaltung vertreten sein.”

Velma fügt hinzu, “PCRC arbeitet ständig daran, junge Menschen nach Srebrenica zu bringen und es macht mich immer traurig, dass es nicht genug Inhalte gibt, um den Leuten die Schwere dessen gänzlich verständlich zu machen, was passiert ist. Dieses Projekt hat eine unbestreitbare visuelle und emotionale Wirkung auf den Besucher, daher kann unser Plan, dem Dauerdenkmal eine Bildungskomponente hinzuzufügen, dabei helfen Fragen zu beseitigen.”

Für das PCRC war es kein Leichtes, die Knochen nach Bosnien zu bringen. Vielen Spendern war das Projekt entweder zu sensibel oder zu riskant um es zu unterstützen. Die amerikanische Stiftung National Endowment for Democracy (NED), der Europarat, die Schweizer Botschaft Sarajevo und das Büro des Generalsekretärs waren unter den wenigen, die das Potential des Projektes erkannten und die eine Schlüsselrolle in seiner Umsetzung spielten. Das PCRC hat ebenfalls eine Onlinekampagne ins Leben gerufen und somit zusätzliche Mittel aufgetrieben, sodass die jugendlichen Beteiligten am Projekt teilnehmen können. Der bis dato größte Erfolg gelang dem PCRC jedoch, indem es sich die Unterstützung der größten Interessengruppe in Srebrenica, einschließlich des Bürgermeisters Čamil Duraković und der Bürgerrechtsgruppe Mothers of Srebrenica [Mütter von Srebrenica] sichern konnte.

Bürgermeister Duraković führt aus: “Über den Genozid Srebrenica gab es bereits viele Projekte, doch selten gibt es darunter Initiativen, die langanhaltende Auswirkungen und Pläne für die zukünftige Nachhaltigkeit haben. Es ist ein historisches Projekt, welches die Macht hat, die Konsequenzen von Genozid sichtbar darzustellen, nicht nur während der Gedenkfeier, sondern auch noch Jahre danach. Diese Veranstaltung markiert den Anfang eines Erinnerungsprojektes, das auch eines unserer ewigen Probleme löst: Wie kann man die Botschaft einer solchen Gräueltat angemessen an zukünftige Generationen weitervermitteln? Wir fühlen uns geehrt, dass eine lokale Organisation dieses Projekt zu uns bringt und dazu bereit ist, diese Knochen zu stiften und uns damit ein greifbares Resultat hinterlässt.”

Hatidža Mehmedović, die Gründerin der Initiative Mothers of Srebrenica, hat ihre beiden Söhne und ihren Mann im Genozid verloren. Sie erzählt dem PCRC, dass sie die Anregung, junge Menschen aus der Region und aus der ganzen Welt zu holen, um zusammen mit den Opfern der verlorenen Leben zu gedenken, vollkommen unterstützt. “Wenn wir Opfer nicht mehr sind, wollen wir, dass die jungen Menschen wissen, was hier passiert ist. Wir wollen, dass sich die Welt für immer an unsere Söhne, Väter, Ehemänner und Brüder, die wir mit dieser sinnlosen Gewalttat verloren haben, erinnert. Ich glaube, dass dieses Projekt dabei helfen wird, ihre Erinnerung am Leben zu erhalten.”

Hatidža Mehmedović. Image credit: Velija Hasanbegović

Hatidža Mehmedović. Foto mit freundlicher Genehmigung von Velija Hasanbegović

Die Kunst der Revolution

Hinter der Entwicklung des Projektes One Million Bones steht die amerikanische Organisation Art of Revolution (AofR – die Kunst der Revolution). Die Organisation hat ihren Sitz in Albuquerque, New Mexico und wurde 2011 von Susan McAllister und Naomi Natale gegründet. Die Organisation benutzt Kunst, mit deren Hilfe sie die öffentliche Meinung transformiert und hofft so, zu kreativen Aktionen für den sozialen Wandel zu inspirieren.

Naomi, die künstlerische Direktorin von AofR, spricht über die Idee hinter One Million Bones. Die Idee resultiere aus ihrer Arbeit mit dem Cradle Project, einer gemeinschaftlichen Künstlerplattform, die zur Veranschaulichung der Leiden von geschätzten 48 Millionen durch Krankheit und Armut verwaister Kinder im subsaharischen Afrika ins Leben gerufen wurde.

“Während meiner Arbeit dort erkannte ich das Potential, das in der Kombination von Bildung mit der physischen Handlung, ein Kunststück zu schaffen, steckt. Diese Herangehensweise konnte die Anschauungen der Menschen ändern und sie zum Handeln motivieren,” erklärt Naomi.

Kurz danach wurde One Million Bones geschaffen, zusammen mit einer Reihe an Aufmerksamkeits fördernden Kampagnen und Aktivitäten, zum Beispiel zwei Vorschauinstallationen von 50.000 Knochen in Albuquerque und New Orleans. Nach diesen Installationen begann AofR mit seiner Straßen nach Washington-Kampagne. Dafür wurden Freiwillige für die Herstellung der Knochen und für das Ausrichten von kleineren Installationen in den Hauptstädten in ganz Amerika angeworben. Schüler, Studenten, Künstler, Aktivisten und Bürger nahmen alle zusammen Teil an den praktischen Künstlerworkshops und schufen die 1 Million Knochen, die letztendlich auf der National Mall ausgestellt wurden.

Preview installation on Route 66 in Albuquerque, New Mexico. Photo credit: One Million Bones

Vorschauinstallation auf der Route 66 in Albuquerque, New Mexico. Foto von One Million Bones

“Wir sehen das One Million Bones-Projekt als eine Möglichkeit, ein Thema anzusprechen, welches fast unmöglich zu begreifen ist. Der überwältigende Charakter eines Genozids führt oft zu Hoffnungslosigkeit und der Meinung, dass ein Mensch alleine nichts verändern kann. Dieses Projekt zeigt, dass viele kleine Anstrengungen sich zu einem ergreifenden Statement addieren lassen. Diese Ansicht wurde zum Leitsatz unserer Arbeit,” so Naomi.
“Das PCRC hat uns Anfang 2014 kontaktiert und wir wussten gleich, dass Srebrenica der nächste Aufruf zum Handeln für die Knochen war. Wir sind der Meinung, dass die Welt zusammen mit den Bosniern trauern sollte und es ist unsere Überzeugung und Hoffnung, dass sich die Aufmerksamkeit der gesamten Welt durch die Anwesenheit dieser Künstlerinstallation mit den Knochen auf das Jubiläum richten wird,” meint Naomi.

[Film zum Projekt “One Million Bones”: http://www.onemillionbones.net/omb-film-page/]

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