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Russlands Trollfabrik vor Gericht zerren

Images edited by Kevin Rothrock.

Fotobearbeitung: Kevin Rothrock.

Russische Journalisten schreiben seit fast zwei Jahren darüber. Reporter aus dem Westen nehmen seit letztem Sommer an der Party teil. Mittlerweile kennt sich fast jeder, selbst wenn er nur mit einem Auge auf das russische Internet schielt, mit dem Phänomen der russischen Trolle aus. Ganze Büroetagen voller bezahlter Mitarbeiter, die sich im Internet als normale Netzbürger ausgeben und versuchen, regierungskritische Stimmen zu übertönen, indem sie falsche Kommentare über das aktuelle Zeitgeschehen in Nachrichten und Blogbeiträgen verbreiten.

Vor zwei Wochen hat eine Frau namens Ludmilla Sawtschuk bekannt gegeben, dass sie Russlands bekannteste Trollfabrik verklagt, die Internet Research Agency in St. Petersburg. Sawtschuk bezeichnet sich als freiberuflich tätige investigative Journalistin und Bürgerrechtsaktivistin. Sie sagt, sie habe im ersten Quartal 2015 verdeckt in dieser Agentur gearbeitet.

Mithilfe der Rechtsanwaltskanzlei Team 29 will Sawtschuk, wie sie sagt, die Internet Research Agency wegen arbeitsrechtlicher Verstöße vor Gericht zerren. Es geht um illegales Anwerben, sowie um rechtswidrige Gehaltsvereinbarungen. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass sie den Rechtsstreit gewinnt, verspricht Sawtschuk den von ihr eingeklagten Schadenersatz für gemeinnützige Zwecke zu spenden. Der wahre Zweck ihrer Klage bestünde nämlich darin, die Agentur zu zwingen, in einem öffentlichen Gerichtsprozess zu erscheinen, wodurch wesentlich mehr Leute etwas über deren skandalöse Tätigkeit erfahren könnten, so hofft sie.

Am 1. Juni, als Sawtschuks Gerichtsverfahren beginnen sollte, ist jedoch kein Vertreter der Internet Research Agency erschienen. Daraufhin vertagte der Richter die Anhörung der Streitparteien auf den 23. Juni. (Bei dieser Gelegenheit stellte sich zudem heraus, dass Sawtschuks Ausweispapiere nicht in Ordnung sind).

Rechtsanwälte vom “Team 29″, Jewgeni Smirnow (links) und Daria Sukhikh (rechts) mit Ludmilla Sawtschuk (Mitte). 2. Juni 2015 in Moskau. Foto via Facebook.

Trotz dieses Rückschlags bei dem Versuch, die Leute hinter Russlands größter Trollfabrik an das Licht der Öffentlichkeit zu zerren, war Sawtschuks Mission nicht völlig erfolglos. Sie gab mehrere Interviews, die in liberalen Medien veröffentlicht worden sind: TV Rain, Echo Moskau, Novaja Gaseta und Snob. Sie sprach auch mit RuNet Echo und klagte, ihre Begegnungen mit der Auslandspresse seien nicht immer reibungslos über die Bühne gegangen:

И еще очень неприятно читать моих коллег-журналистов, которые извращают мои слова и приписывают мне слова, мысли и чувства, которых я не говорила и не имела. Так было с Франц Пресс и другими СМИ. У них своя информационная война и задача представить меня как зарвавшегося тролля. И они это делают. Поэтому общаться с журналистами мне трудно.

Es ist ziemlich unerfreulich, manche Beiträge meiner Journalisten-Kollegen zu lesen, wenn sie mir das Wort im Munde verdrehen und mir Gedanken oder Gefühle zuschreiben, die ich weder zum Ausdruck gebracht noch wirklich empfunden habe. So war es mit Agence France-Presse und anderen Medienvertretern. Dort kämpfen sie in ihren eigenen Informationskriegen und denken, es sei ihr Job, mich als Troll hinzustellen, dem alles über den Kopf gewachsen ist. Und genau das tun sie. Deshalb ist es für mich nicht immer leicht, mit anderen Journalisten zu reden.

Sawtschuk bezieht sich auf einen am 5. April 2015 von Agence France-Presse verbreiteten Artikel, der folgendermaßen beginnt: “Ludmilla Sawtschuk sagt, es sei das Geld gewesen, das sie in die Arme der Internetarmee des Kreml getrieben habe”. Sawtschuk sagte gegenüber RuNet Echo, das sei eine platte Lüge gewesen: “Ich habe in meinem Gespräch mit Marina Korenewa, Moskau-Korrespondentin für Agence France-Presse, klar und deutlich zum Ausdruck gebracht,  dass ich [in die Trollfabrik] gegangen bin, um zu recherchieren”. Sie fügte hinzu, sie habe den Job ursprünglich sogar ohne Gehaltsvereinbarung angetreten, einfach um mehr über dieses Projekt zu erfahren. “Aber statt dessen posaunten sie diese Unwahrheit in die ganze Welt hinaus”, sagte sie konsterniert.

Sawtschuk ist davon überzeugt, dass die Finanzierung der russischen Trolle aus Mitteln der Regierung erfolgt und das Ganze ziemlich gut mit der staatlichen Propaganda harmoniere:

Это действительно огромная трата денег в пустоту, вы правы. Нам неизвестно их происхождение, но, судя по всему, они из того же источника, что и деньги, питающие российское тв и кремлевские СМИ. Так как повестка одна и та же. Те же тезисы, подача, тематика. Так что есть все основания подозревать, что финансирование пропаганды в интернете идет из денег налогоплательщиков.

Es wird wirklich eine Menge Geld zum Fenster hinaus geworfen. Die Finanzierungsquellen kennen wir nicht, aber vermutlich sind sie dort zu suchen, wo auch das Geld für das russische Staatsfernsehen und für andere regierungsfreundliche Massenmedien herkommt. Die Tagesordnung ist überall die gleiche: Dieselben Ideen, dieselbe Ausführung und immer dieselben Themen. Es gibt also viele gute Gründe für die Vermutung, dass die Finanzierung der Internetpropaganda aus Steuergeldern erfolgt.

Sawtschuk vertritt darüber hinaus eine völlig andere Meinung als diejenigen, die sagen, diese Ausgaben seien nichts weiter als unnütz. In ihren Augen sind sie geradezu gemeingefährlich:

Я не думаю, что это только “безобидное” распиливание бюджета. Я всегда спорю с людьми, которые недооценивают серьезность проблемы. Это не только распил но и растление молодежи. И вообще разжигание национальной и любой другой розни. Боюсь, что скоро начнут люди бить друг друга на улицах потому что у них разные взгляды. Они насаждают какое-то странное раздвоение.

Für mich ist das nicht nur ein “harmloses” Abschöpfen von Haushaltsmitteln. Ständig streite ich mich mit Leuten, die die Ernsthaftigkeit dieses Problems unterschätzen. Dort wird nicht nur geschuftet; es geht auch darum, dass die Jugend korrumpiert wird. Ganz allgemein ausgedrückt: Wir reden hier über die Anstiftung zum Fremdenhass und über andere Verzerrungen. Ich fürchte, dass die Leute bald damit anfangen, sich in unseren Straßen gegenseitig zu bekämpfen, nur weil sie unterschiedliche politische Auffassungen haben. [Die Trolle] kultivieren eine absonderliche soziale Zweiteilung [in Patrioten und Vaterlandsverräter].

Ludmilla Sawtschuk. Foto: VKontakte.

Sawtschuk besteht darauf, dass man in den Straßen dieses Gefühl von Agitation bereits spürt. Das bedeutet, dieselbe Tonlage, wie sie im Internet verbreitet wird, hat ihren Weg in die Alltagsgespräche gefunden.

Im März, nachdem sie Berichte an Nowaja Gaseta und andere Zeitungen durchsickern ließ, entdeckten Sawtschuks Vorgesetzte in der Trollfabrik ihre Sabotage und warfen sie sofort hinaus. Kurz darauf gründete sie eine Online-Community namens Information Peace [Informationsfrieden], ein Wortspiel mit dem Begriff Informationskrieg. Diese Gruppe hat das Ziel, russische Trollfabriken zu untergraben und die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Phänomen der russischen Trolle zu lenken.

Obwohl die meisten Leute vermuten würden, dass Sawtschuks Aktionen knallhart gegen die Regierung gerichtet sind, sagt sie selbst, dass einige der Gruppenmitglieder Präsident Putins Politik durchaus unterstützten:

Я не оппозиционер в данном случае. В нашем движении есть и любители Путина. Нас возмущает информационная война в принципе, и моя известность причиняет мне больше беспокойств, чем радостей. Я журналист и гражданский активист уже давно.

In diesem Fall bin ich keine Oppositionelle. Unsere Bewegung hat auch Unterstützer der Regierungspolitik. Es ist der Informationskrieg, der uns grundsätzlich empört und das öffentliche Interesse an meiner Person macht mir mehr Angst als Freude. Ich bin Journalistin und Bürgerrechtsaktivistin, schon seit langem.

So weit, so gut. Die einzigen Medien, die über Sawtschuks Geschichte berichtet haben, sind aus dem Ausland und bleiben in Russland nahezu unbemerkt. Das Publikum der heimischen liberalen Presse ist mit dem Übel russischer Trollfabriken bereits bestens vertraut. Sawtschuk betrachtet sich nicht als Verräterin oder sogar als Liberale. “Wir neigen dazu, jeden als liberalen Oppositionellen zu beschuldigen, nur weil er Gerechtigkeit oder Achtung vor dem Gesetz fordert”, meint sie.

1 Kommentar

  • Masterblaster

    Wo ist nun endlich der Beweis für diese “Trollfabriken” ?
    Seit wann ist EINE Behauptung ein Beweis?
    Nur weil es einigen, besonders den Medien die keinen Widerspruch dulden, gerade in den Kram passt?

    Die ganze Story ist völlig unlogisch,völlig auf Emotion (“furchtbare Sachen schreiben” etc.) gebürstet und woher sollen die Russen die ganzen deutschen Muttersprachler haben? Und wieso ist von denen keiner aufgeflogen wenn es doch soviele gibt?

    Leute, genau DAS ist Propaganda in Reinform übelster Sorte.

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