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Souleymane Bachir Diagne, senegalesischer Philosoph über die Flüchtlingstragödie

Professeur Souleymane Bachir Diagne- photo de l'auteur avec sa permission

Professor Souleymane Bachir Diagne – Foto vom Autor, Verwendung mit freundlicher Genehmigung

Das nachfolgende Interview wurde von dem Blogger Amon Rémy Mallet aus Dakar geführt. Es erschien zuerst auf seinem Blog “Bienvenue dans le Ndakarou” und wird hier bei Global Voices mit seiner Genehmigung veröffentlicht.

Im vergangenen Jahr wurde der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne von der Zeitschrift Jeune Afrique als einer der 50 einflussreichsten Persönlichkeiten Afrikas bezeichnet. Wir haben ihn nach einer Konferenz am 16. Mai in Bonn, Deutschland getroffen, bei der er einen Vortrag zum Thema Übersetzung und Konzept des Begriffs “philosophische Grammatik” gehalten hat. Im Laufe des Interviews kam Diagne, Professor an der Columbia University in New York, immer wieder auf das Thema der illegalen Einwanderung sowie der Zukunft der Hochschulbildung im Senegal zu sprechen.

Amon Rémy Mallet ARM: Seit einiger Zeit nimmt die Zahl der Boote, auf denen sich afrikanische Migranten befinden und die vor den europäischen Küsten verunglücken, zu. Was sind Ihre Gedanken dazu?

Souleymane Bachir Diagne SBD: Cela fait très mal. On s’intéresse très souvent aux chiffres dans cette situation, c’est-à-dire au nombre de personnes qui périssent. Mais derrière ces chiffres, il y a des vies individuelles. Ce sont des personnes qui au moment de partir ont demandé la bénédiction de leurs mères. Et quand je l’aborde ainsi, je me dis que ceux sont des familles qui ont perdu des personnes en qui elles avaient placé leurs espoirs. Après avoir dit cela, il revient de regarder la situation dans toute sa complexité pour trouver des solutions. Il faudrait que nos jeunes se sentent dans un continent en chantier. Un continent dans lequel il y a tout à faire. Si la jeunesse de l’Afrique en vient à penser que son avenir est ailleurs, le problème devient insoluble. Aujourd’hui, on est en train de dire que l’Afrique décolle avec de forts taux de croissance. Mais ces taux de croissance malheureusement ne viennent pas chercher les pauvres. Donc, il y a de la pauvreté et du désespoir.

Souleymane Bachir Diagne SBD: Das schmerzt sehr. In dieser Situation interessieren wir uns oft für die Zahlen, also die Anzahl der Personen, die dabei ums Leben kommen. Aber hinter diesen Zahlen verbergen sich Einzelschicksale. Das sind Menschen, die bei ihrer Abreise um den Segen ihrer Mütter gebeten haben. Und wenn ich so darüber nachdenke, sage ich mir, dass das Familien sind, die Menschen verloren haben, in die sie ihre Hoffnungen gesetzt hatten. Im Übrigen muss man die Situation in ihrer ganzen Komplexität betrachten, um eine Lösung finden zu können. Unsere jungen Erwachsenen sollten das Gefühl haben, dass sie auf einem Kontinent leben, der sich im Aufbau befindet. Ein Kontinent, auf dem noch viel zu tun ist. Wenn die Jugend Afrikas zu dem Schluss kommt, dass ihre Zukunft anderswo liegt, wird das ein unlösbares Problem. Heute sagt man, dass Afrika mit seinen hohen Wachstumsraten wirtschaftlich floriert. Doch von diesen Wachstumsraten merken die Armen leider nichts. Also gibt es Armut und Verzweiflung.

An exhausted would-be immigrant rests beside sunbathing tourists on the beach near Tuineje, on Fuerteventura Island in the Spanish Canary Islands, via Noborder on Flickr CC-BY-20

Ein Migrant neben Touristen am Strand von Tuineje auf der Insel Fuerteventura, Kanarische Inseln via No border bei Flickr CC-BY-20

ARM: Viele derjenigen, die sich unter Lebensgefahr auf den Weg über das Meer machen, fliehen vor Konflikten und politischer Instabilität in ihren Heimatländern. Wie erklären Sie sich, dass die jungen Menschen trotz politischer Stabilität im Senegal weiterhin dieses Risiko auf sich nehmen?

SBD: C’est l’idée selon laquelle l’avenir serait ailleurs. Il faut donc, pour y remédier, que la question de l’emploi sur laquelle repose l’espoir de la jeunesse soit réglée. Il faut que le monde comprenne qu’il y a un investissement à faire sur un continent qui ne demande plus seulement la charité mais qui veut un véritable partenariat. Et cela a commencé. C’est dommage qu’au moment où les choses tournent dans une meilleure direction que les jeunes connaissent ces tragédies. Il y a donc des actions à mener. Il faut aussi régler la question des trafiquants. Ils doivent être mis hors d’état de nuire. Ce sont de véritables négriers modernes.

SBD: Das ist die Vorstellung, wonach sich die Zukunft anderswo, außerhalb des Landes befindet. Deshalb muss, um dem Abhilfe zu schaffen, die Beschäftigungsfrage, auf der die Hoffnung der Jugend ruht, geklärt werden. Die Welt muss begreifen, dass man auf einem Kontinent investieren muss, der nicht mehr nur um Almosen bittet, sondern eine echte Partnerschaft anstrebt. Und das hat begonnen. Es ist schade, dass in dem Moment, in dem sich die Dinge zum Besseren wenden, die jungen Menschen diese Tragödien erleben. Es besteht also Handlungsbedarf. Außerdem muss das Problem mit den Schleppern gelöst werden. Ihnen muss das Handwerk gelegt werden. Das sind die wahren modernen Sklavenhändler.

ARM: Der senegalesische Präsident Macky Sall hat beschlossen, Soldaten nach Saudi-Arabien zu schicken. Wie denken Sie darüber? 

SBD: Je n’ai pas suivi de manière significative le débat sur la question. Mais d’après ce que j’ai compris, c’est l’Arabie Saoudite qui a sollicité le Sénégal pour assurer ses arrières. C’est-à-dire, pendant que l’armée saoudienne est au combat avec les rebelles yéménites, les soldats sénégalais font la police autour des lieux saints. Je ne suis pas sûr de bien comprendre tous les tenants et les aboutissants. Mais il y a un point qui est réel, c’est la réputation de l’armée sénégalaise en la matière. Donc, que l’armée sénégalaise soit sollicitée dans une coalition internationale de ce type est tout à fait normal. Etant donné le rôle qui est le nôtre dans l’Organisation de la Conférence Islamique, j’imagine qu’il était très difficile pour un pays comme le Sénégal de se tenir totalement à l’écart.

SBD: Ich habe diese Debatte nicht sehr aufmerksam verfolgt. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat Saudi-Arabien den Senegal um Unterstützung gebeten, um dem saudischen Militär den Rücken frei zu halten. Das bedeutet, dass die senegalesischen Soldaten, während die saudische Armee gegen jemenitische Rebellen kämpft, rund um die Heiligen Stätten für Ordnung sorgen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die ganzen Details richtig verstanden habe. Was aber richtig ist, ist dass die senegalesische Armee auf diesem Gebiet einen guten Ruf hat. Also, dass die senegalesische Armee zur Mitwirkung an einer solchen internationalen Koalition aufgefordert wird, ist völlig normal. Aufgrund unserer Rolle in der Organisation der Islamischen Konferenz könnte ich mir vorstellen, dass es für ein Land wie den Senegal sehr schwierig war, sich gar nicht zu beteiligen.

ARM: Wir erinnern uns daran, dass Sie das Konzertierungsgremium zur Hochschulbildung im Senegal geleitet haben, das am Ende einige Empfehlungen ausgesprochen hat. Wie denken Sie heute darüber?

SBD: Pour ce qui est de la commission que j’avais dirigée, je suis content qu’aujourd’hui il y ait un consensus total sur la nécessité de réformer et aussi sur le fait que les propositions qui sont sortis de la concertation nationale sur l’avenir de l’enseignement supérieur aient été appropriées par tout le monde.[..] Je fonde beaucoup d’espoir sur les universités qui vont être créées, notamment la deuxième université de Dakar et l’université agricole qui s’installera à Kaolack. Je fonde aussi beaucoup d’espoir sur le développement des enseignements professionnels et sur l’université virtuelle. Les enseignements à distance sont l’avenir de l’enseignement. Je crois que l’université sénégalaise mais aussi celles africaines en général ont besoin de s’approprier ces technologies d’enseignement à distance de la même manière que les africains se sont appropriés la téléphonie pour résoudre leurs problèmes. Ils ont été très inventif sur les technologies de téléphonie donc il n’y a aucune raison que nous ne le soyons pas dans le domaine de l’enseignement à distance. Maintenant je suis plus inquiet pour les autres systèmes d’enseignement. Le Sénégal vient de sortir d’une très longue grève des enseignants du secondaire. Heureusement que la grève s’est terminée in extremis.

SBD: Was die Kommission betrifft, die ich geleitet habe, so bin ich heute zufrieden, dass uneingeschränkter Konsens über die Notwendigkeit für Reformen herrscht und auch, dass die Vorschläge, die vom nationalen Konzertierungsgremium zur Zukunft der Hochschulbildung abgegeben wurden, von allen angenommen wurden […]. Ich setze große Hoffnungen in die Universitäten, die aufgebaut werden, insbesondere die zweite Universität in Dakar und die Landwirtschaftsuniversität in Kaolack. Ich setze auch große Hoffnungen in den Ausbau der beruflichen Bildung und die virtuelle Universität. Fernunterricht ist die Zukunft der Bildung. Ich glaube, dass die senegalesische Universität aber auch afrikanische Universitäten allgemein die Technologien zum Fernstudium genauso nutzen müssen wie die Afrikaner das mit der Telefontechnik tun, die sie nutzen, um ihre Probleme zu lösen. Sie waren im Bereich der Telefontechnologie sehr erfinderisch, also gibt es keinen Grund, warum wir das im Bereich des Fernunterrichts nicht auch sein sollten. Derzeit mache ich mir mehr Sorgen um die anderen Bildungsbereiche. Im Senegal ist gerade ein sehr langer Streik der Lehrenden des Sekundarbereichs zu Ende gegangen. Glücklicherweise wurde der Streik in letzter Minute beendet.

ARM: Wie stellen Sie sich die Hochschulbildung im Senegal in 20 Jahren vor?

SBD: D’abord commençons par dire ce que nous risquons. Si le système d’enseignement supérieur continue d’aller à vau-l’eau avec les grèves à répétition, on va certainement voir des élites qui vont se retrouver ailleurs que dans le système d’enseignement public. Et le système d’enseignement public va être abandonné aux enfants des classes défavorisées. Ce qui aura pour conséquence d’augmenter les inégalités. Et pour rattacher cela à la question antérieure sur la migration, il faut bien se rendre compte que le décollage de l’Afrique risque de se faire au prix d’inégalités énormes. Mais c’est par un bon système d’éducation public qu’on fera en sorte que le fils d’ouvrier ne finisse pas fatalement ouvrier ou chômeur. C’est la raison pour laquelle il faut redresser le système d’enseignement supérieur. Je crois que le Sénégal a une tradition intellectuelle très importante et des ressources humaines de qualité quand il s’agit des enseignants. Donc si tout va bien et tout est mis en œuvre, ces ressources-là feront du Sénégal un pays plus prospère et émergent, il faut l’espérer. J’ai donc de l’espoir pour la génération qui vient et je crois que le pire est derrière nous.

SBD: Beginnen wir mit dem, was auf dem Spiel steht. Sollte es im Bereich des Hochschulwesens weiterhin wiederholt Streiks geben, werden wir sicherlich Eliten sehen, die sich außerhalb des öffentlichen Bildungssektors wiederfinden. Und das öffentliche Bildungswesen wird Kindern aus benachteiligten Schichten überlassen werden. Was letztendlich zu größeren Ungleichheiten führen wird. Und um das mit der vorherigen Frage zur Migration zu verknüpfen, muss man sich im Klaren darüber sein, dass der Aufschwung Afrikas gravierende Ungleichheiten mit sich zu bringen droht. Durch ein gutes öffentliches Bildungssystem können wir allerdings verhindern, dass die einzige Option von Kindern von Arbeitern darin besteht, ebenfalls Arbeiter zu werden oder in der Arbeitslosigkeit zu enden. Deswegen müssen wir das Hochschulwesen reformieren. Ich glaube, dass der Senegal eine sehr wichtige intellektuelle Tradition und gute Humanressourcen im Hinblick auf Lehrer hat. Also, wenn alles gut geht und umgesetzt wird, werden diese Ressourcen hoffentlich ein erfolgreicheres und aufstrebendes Land aus dem Senegal machen. Ich habe also Hoffnung für die junge Generation und ich glaube, dass das Schlimmste hinter uns liegt.

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