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Bis du dich änderst: „Enthomosexualisierung” auf ecuadorianische Art

A 2008 gay pride march in Machala, Ecuador (vesselthefilm / creative commons)

Ein Demonstrationszug für LGBT-Rechte in Machala (Ecuador) im Jahr 2008 (vesselthefilm / Creative Commons).

Dieser Artikel von Annie Wilkinson stammt von der Webseite des Nordamerikanischen Kongresses für Lateinamerika (NACLA). Alle im Artikel aufgeführten Links führen zu englischsprachigen Webseiten.

Während des Abendessens und nur wenige Schritte von der Pazifikküste Ecuadors entfernt, erzählte mir Jorge von den Torturen, die er in der unweit entfernt liegenden privaten Rehabilitationsklinik erlitten hatte: Am Nacken festgehalten wurde er gegen die Wand gedrückt und mehrfach ins Gesicht geschlagen. Er wurde gezwungen, reizvolle Damenkleidung zu tragen, täglich aus der Bibel vorzulesen und eine verfälschte Version des 12-Schritte-Programms für Anonyme Alkoholiker zu durchlaufen. Es war ihm verboten, seine Freundin zu sehen und mit ihr Kontakt aufzunehmen. Sie war einige Monate zuvor gegen ihren Willen in die gleiche Klinik eingewiesen worden, nachdem ihre Mutter sie mit Jorge erwischt hatte. Sie durfte die Klinik erst verlassen, nachdem sie „bekehrt” worden war.

Das ist zumindest das, was die „Therapeuten” Jorge erklärten – kurz bevor ich ihn traf – während seines Aufenthalts vor einigen Jahren in einer privaten Rehabilitationsklinik für Drogenabhängige und Alkoholiker. Jorge verbrachte dort sieben lange Monate, um ihn durch Zwangsmaßnahmen von seinen „falschen” Vorstellungen zu seinem Geschlecht und seiner sexuellen Orientierung „abzubringen”. Es war ihm nicht erlaubt, ein Mann zu sein und sich zu Frauen hingezogen zu fühlen. Die Klinik versprach Jorges Familie, dass die angewandte Verhaltenstherapie seine „Verhaltensstörung” beheben würde – eine Diagnose, die jeglicher medizinischer Grundlage entbehrt und häufig als Code für Homo- oder Transsexualität gilt.

Von der Drogenabhängigkeit zur „Enthomosexualisierung”

Lokale Aktivisten bezeichnen diese Praktiken der Klinik als „Enthomosexualisierung”, wodurch dieses System zielgerichteter, organisierter und geschlossener wirkt, als es eigentlich ist, obwohl diese Bezeichnung exakt die Absicht dieser Therapien trifft. Viele Eltern und Familien – so wie die Kliniken, die sie aufsuchen – sehen Homosexualität weiterhin als eine Art Sucht, eine Sexualstörung oder eine vorübergehende Rebellion. Durch ihre Ignoranz, Verzweiflung oder beidem, glauben sie, dass eine erzwungene Trennung von ihren Partnern oder Freundeskreisen und die Anwendung „harter Disziplin” zu einer „Heilung” führen kann.

Jedes Jahr stellen zahlreiche Vorwürfe der Misshandlung in den mehr als 200 lasch regulierten privaten Rehabilitationszentren für Ecuador ein gewaltiges Problem dar. Die ersten wenigen privaten Rehabilitationszentren im Land entstanden zu Beginn der 1970er Jahre, einige Jahrzehnte bevor eine Aufsichtsbehörde zur Überwachung dieser Zentren geschaffen wurde. Ihre Expansion schloss eine Lücke, die durch einen abwesenden Staat geschaffen worden war, der in den 1990er Jahren lieber Gelder für neoliberalistische Entwicklungen ausgab statt für das Gesundheitssystem. Dies geschah ausgerechnet in einer Zeit, in der das Drogenproblem im Land immer stärker wurde. Weitere Wohn- und Rehabilitationszentren wurden in den 1980ern und 90ern geschaffen. In den letzten 15 Jahren schossen ihre Zahlen in die Höhe, als in allen Provinzen des Landes weitere Kliniken entstanden.

Allgemein gesagt lassen sich diese Praktiken der Rehabilitationszentren Ecuadors als militaristisches Strafsystem mit der Leitdevise „Bis du dich änderst” beschreiben, das heißt, als ein Modell, das auf Zwangsmaßnahmen basiert. Die Methoden variieren, aber diese Therapien in den Zentren werden heutzutage umgangssprachlich als „garroterapia” bezeichnet, was sich grob als „Stocktherapie” übersetzen lässt. Die Zentren, die diese Praktiken anwenden, werden „Nazikliniken” genannt.

Die Kliniken arbeiten dezentralisiert, unabhängig voneinander, ohne festes gemeinsames Programm oder spezifische Pflegestandards und gehören keinen Berufsverbänden an. Die Mehrzahl dieser Zentren nutzt für ihre Zwecke hauptsächlich oder ausschließlich die Methoden, die bei anonymen Drogenabhängigen, beziehungsweise Alkoholikern, angewendet werden (Methoden, die nie für Wohnheime oder ein institutionelles System vorgesehen waren). Die Ausbildung und Auswahl von Mitarbeiten findet willkürlich statt und die meisten Zentren arbeiten fast komplett ohne qualifiziertes Personal.

Tatsächlich werden die meisten Einrichtungen von ehemaligen Suchtkranken selbst geleitet, die ihrerseits Aufenthalte in Rehabilitationszentren hinter sich haben und die die Zentren teilweise geheilt verließen, mit nur geringen bis keinen Aussichten auf Arbeit. Sie sahen in der Eröffnung eigener Zentren die Möglichkeit, an Arbeit zu kommen oder manchmal auch zur persönlichen Erfüllung. In ihren Zentren können sie all das anwenden, was sie während ihrer eigenen Genesung lernten, bei nahezu vollkommen fehlender Supervision und frei von jeglicher Rechenschaftspflicht.

Diese sogenannten „vivenciales” führen Gruppentherapien durch. Jedoch wurden die meisten erst vor kurzem selbst aus anderen Zentren entlassen, besitzen keinerlei fachliche Berufserfahrung oder Ausbildung und haben womöglich auch weiterhin mit ungelösten psychischen Problemen oder Drogenmissbrauch zu kämpfen. Dennoch bekommen sie enorme Macht über die heutigen Bewohner. Und nutzen sie auch die gleichen brutalen und strengen Behandlungsmethoden, die sie selbst erfuhren, als sie in eine Klinik eingewiesen wurden.

Gewalttätig, brutal und kaum reguliert

Bis vor einigen Jahren wurden bei den Patienten gewaltsame, brutale und illegale Praktiken angewendet, wobei die Übeltäter stets straffrei entkamen. Die extremsten Verfahren waren Fixierungen, Verabreichung von Beruhigungsmitteln, Schläge, Nahrungsentzug, Einzelhaft, eimerweise Überschüttung mit Wasser und andere Formen der Erniedrigung.

Ausführliche Regeln, an die sich diese Einrichtungen halten müssen, werden regelmäßig vom Gesundheitsministerium aktualisiert und in den Büros der Kliniken ausgehängt. Doch die Praxis zeigt, dass sie selten durchgesetzt werden. Die Kliniken sind so aufgebaut, dass normales Verhalten durch brutale Gewalt erzwungen wird. Damit fungieren die meisten dieser Einrichtungen eher als Netzwerk organisierter Verbrecher oder als außerrechtliches System der Inhaftierung und nicht als Rehabilitationszentren. Viele dieser Zentren arbeiten profitorientiert. In manchen Fällen bemühte sich das Gesundheitsministerium mehrfach vergeblich, die schwarzen Schafe unter den Kliniken auszuschalten. Denn die Kliniken nahmen ihren Betrieb problemlos einfach im selben oder einem in der Nähe liegenden Gebäude erneut auf.

Der Mangel an durchgesetzten Regeln und der finanzielle Gewinn für Opportunisten schuf bedauerlicherweise beste Voraussetzungen für ein System, das extrem von Missbrauch durchsetzt ist. Obwohl diese Situation bereits seit mehreren Jahrzehnten unverändert besteht, wurde der rasche Ausbau von illegalen Rehabilitationszentren in Ecuador größtenteils in der Öffentlichkeit nicht thematisiert. Bis vor ungefähr 10 bis 15 Jahren, als manche der Zentren Homo- und Transsexuelle internierten, um ihre nonkonforme sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität zu „behandeln”. Nachdem sie ein funktionierendes Geschäftsmodell geschaffen hatten, das auf ungeregelten und unüberwachten Misshandlungen von Drogenabhängigen in den 1990ern baute, waren sie zur Jahrhundertwende bereit zur Expansion, sowohl was die Anzahl als auch das Fachgebiet betrifft. Einige Mitarbeiter der Kliniken erwägten: Wenn sie schon Alkoholismus und Drogenabhängigkeit heilen können, warum dann nicht auch Homosexualität? Gegen eine Gebühr, versteht sich…

Endstation: Ecuadorianische „Naziklinik”

So enden Schwule, Lesben und Transsexuelle in diesen Rehabilitationszentren: Die meisten werden unter einem Vorwand interniert, unter Drogeneinfluss gesetzt oder gegen ihren Willen in die Kliniken gezwungen – und das von ihren eigenen Familienmitgliedern, in der Hoffnung, ihre Homosexualität oder Geschlechtsveränderungen zu „heilen” oder zu „mindern”. Viele Familien sind so verzweifelt, dass sie dazu bereit sind, monatlich mehr als 500 US-Dollar für die Behandlung zu bezahlen. Ein schwules, lesbisches oder transsexuelles Familienmitglied in eine Rehabilitationsklinik einzuweisen hat darüber hinaus noch den Vorteil, sie vom Rest der Familie abzuschotten und so eine Kontaktaufnahme zu verhindern.

Manche Kliniken bemerkten ebenso, dass weit verbreiteter Schwulenhass einen wirtschaftlichen Vorteil für sie bedeutet, das heißt eine gute Geschäftsmöglichkeit. Bei meinen Ermittlungen in dem Dutzend Zentren im gesamten Land fand ich heraus, dass 60 bis 100 Prozent der Bewohner gegen ihren Willen dort festgehalten wurden. Viele dieser Bewohner – und so gut wie alle der Homo- und Transsexuellen, deren Geschichten ich sammelte – wurden „entführt”, häufig gewaltsam von Familienmitgliedern oder Klinikmitarbeitern, um sie in die Kliniken zu bringen (eine weitere illegale Praktik, bei der die Übeltäter straffrei entkommen). Nach ihrer Ankunft in der Klinik sind die Homo- und Transsexuellen den gleichen Misshandlungen ausgesetzt wie ihre heterosexuellen Mitbewohner, die jedoch mehrheitlich wegen Drogenproblemen in der Klinik sind.

Obwohl erst seit den 1990ern dokumentierte Fälle von expliziter Behandlung sexueller Orientierungen existieren, stellt die „Enthomosexualisierung” nur den Höhepunkt einer langen Geschichte organisierter Misshandlungen dar. Entführt, zwangseingewiesen und misshandelt zu werden, um damit zu erreichen, dass eine Person gezwungenermaßen seine Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung ändert, ist ein grober Verstoß gegen die menschliche Würde – mit gravierenden psychologischen Konsequenzen.

Viele Fälle – mindestens 30 öffentlich dokumentierte Klagen – berichten von schwulen Männern, lesbischen Frauen und Transsexuellen, die zwangseingewiesen wurden und gegen ihren Willen mit „Maßnahmen zur Enthomosexualisierung” behandelt wurden. LGBT-Interessenvertreter [LGBT steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender] in Ecuador vermuten, dass es jährlich mehr als 30 neue Fälle gibt.

Wie kann das alles legal vonstattengehen, könnte man sich jetzt fragen. Es ist nicht legal, jedoch hat es der ecuadorianische Staat lange Zeit versäumt, existierende Gesetze durchzusetzen und versucht jetzt, an Einfluss in den – mittlerweile berüchtigten – Rehabilitationszentren zu gewinnen. Nachdem Aktivisten verstärkt das öffentliche Interesse auf die Einweisung von Homo- und Transsexuellen gerichtet haben, verkündete die ecuadorianische Regierung wiederholt, dass sie ihre Bemühungen im Kampf gegen diese Methoden intensivieren werde.

Nachdem im Jahr 2013 ein weiterer prominenter Fall einer von ihren Eltern internierten lesbischen Frau öffentlich diskutiert wurde, versprach das Gesundheitsministerium, die außer Kontrolle geratenen Rehabilitationszentren verstärkt zu kontrollieren und illegale Kliniken zu schließen. Jedoch hielten sich bislang staatliche Eingriffe in Grenzen, aufgrund nebulöser Verzögerungen und andauernder Unfähigkeit, in die Aktivitäten illegaler Kliniken einzugreifen. Währenddessen können aber in Dutzenden privaten und häufig abgelegenen Rehabilitationszentren Ecuadors weiterhin ungestraft Menschen dazu gezwungen werden, ihre sexuelle Orientierung zu ändern.

2011 entfachte das Thema einen Sturm in den Medien, als auf Change.org die Petition eingereicht wurde, solche Kliniken zu schließen. Zu diesem Zeitpunkt galten die rechtswidrigen Rehabilitationszentren in Ecuador weitestgehend fälschlicherweise als „Ex-Gay-Kliniken”, die in Verbindung mit oder unter Leitung bestimmter Organisationen der „Ex-Gay-Bewegung” standen: Ausführer und Verfechter der Änderung von sexuellen Orientierungen, die innerhalb des Landes sehr präsent sind.

Vertreter der Ex-Gay-Bewegung gegen Rehabilitationszentren

Im Gegensatz zu den Vertretern der Ex-Gay-Bewegung repräsentieren die Rehabilitationszentren keine zentral organisierte Vereinigung oder geschlossene ideologische Bewegung, sondern vielmehr ein loses Netzwerk opportunistischer Ausbeuter. Bei ihren Bekehrungstherapien arbeiten sie weniger zielbewusst als Ex-Gay-Vertreter: Sie wenden größtenteils einfach die gleichen Methoden bei „Homosexuellen” wie bei Drogenabhängigen an, wofür sie jedoch ebenfalls keine spezifische Ausbildung vorweisen können.

Das bedeutet jedoch nicht, dass diese zwei Gruppierungen nicht miteinander zusammenhingen: Sowohl die verbrecherischen Rehabilitationszentren als auch die Ex-Gay-Bewegung haben die gleiche Auffassung von Homosexualität. Beide sehen sie als ein Verhalten an, das verändert werden muss. Das ist die grundlegende Annahme aller Mitarbeiter und Leiter von Rehabilitationszentren, von Familienangehörigen der Patienten und teilweise auch der Patienten selbst. Es ist diese Haltung, die die vermehrte Anwendung der Praktiken zur „Behandlung” der sexuellen Orientierung und die Internierung von Homo- und Transsexuellen in Ecuador vorantreibt. Keine andere Institution wie die Ex-Gay-Bewegung ist so aktiv und erfolgreich in der Verbreitung der Botschaft, dass ein „Wandel möglich” sei.

Nun können Ex-Gay-Vertreter die gewaltsamen Zwangsmaßnahmen mancher ecuadorianischer Rehabilitationszentren verdammen und sich von diesen explizit distanzieren, doch besitzt die landesweite Ex-Gay-Bewegung noch immer eine wichtige Rolle in der Verbreitung der grundlegenden Voraussetzungen zur Durchführung dieser Methoden: Die Vorstellung, dass Homosexualität geheilt werden kann – und als Folge davon, sogar geheilt werden muss.

Wir müssen dieses Problem ansprechen

Das Problem der Zwangsmaßnahmen zur Umkehrung der sexuellen Orientierung in den Rehabilitationszentren ist, dass diese einen klaren Verstoß gegen die Menschenrechte in Ecuador darstellen. Ein Verstoß, der mit strengeren Regeln beantwortet werden sollte, deren Einhaltung auch tatsächlich durchgesetzt wird. In ihren Bemühungen zur Lösungsfindung gab das Gesundheitsministerium bekannt, dass es bisher mehr als 100 private Rehabilitationszentren, die den Standards nicht entsprachen oder gegen Regelungen verstoßen haben, schließen ließ. Das Ministerium verkündete Pläne zur Öffnung eigener öffentlicher Rehabilitationszentren in allen Provinzen des Landes bis zum Ende diesen Jahres. Viele, die sich mit diesem Thema seit Jahren beschäftigen, sehen diesen Schritt jedoch – obwohl er die Konditionen aller Patienten verbessert – nicht als geeignete Antwort auf das grundlegende Problem der in der Gesellschaft: Die weit verbreitete Homophobie.

Die bisherige Herangehensweise behandelt nur den Aspekt des Angebotes.

Das Problem der Nachfrage muss jedoch gleichermaßen behandelt werden. Die These, dass Homosexualität geheilt werden kann und muss, wird noch stets absichtlich verbreitet: Durch Vertreter der Ex-Gay-Bewegung und von religiösen Einrichtungen (auch aus den USA), die sie unterstützen. Dies verankert die vermeintliche Rechtmäßigkeit von Therapien zur Umkehrung sexueller Orientierungen in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit – ganz gleich, ob solche Therapien in Einrichtungen der Ex-Gay-Bewegung, in Kirchen, Praxen von Psychologen oder in Rehabilitationszentren durchgeführt werden.
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Aber es funktioniert nicht. Jorge fasst es vielleicht am besten zusammen: „Ich werde mich nie bekehren lassen.”


Die Feministin Annie Wilkinsion ergründet weltweit vor allem Genderfragen. Sie ist Autorin des BuchsSin sanidad, no hay santidad: las prácticas reparativas en Ecuador” [Keine Heiligkeit ohne Reinheit: Reparative Praktiken in Ecuador], veröffentlicht bei FLACSO-Ecuador (2013).

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