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Karneval in Deutschland: Traditionen, Politik und Selbstzensur

The Charlie Hebdo float as it was originally planned. Image courtesy Kölner Karneval's Facebook page.

Der Charlie-Hebdo-Wagen, wie er ursprünglich geplant war. via Facebookseite des Kölner Karneval.

Ob Karneval, Fastnacht, Fasching oder fünfte Jahreszeit: Die Karnevalstage sind alljährlich wieder die Tage, in denen sich die Nation spaltet. Während in manchen Regionen Deutschlands an den sechs Karnevalstagen der Ausnahmezustand herrscht, wird in anderen Regionen gar nicht gefeiert.

In der Karnevalshochburg Köln waren die Feierlichkeiten dieses Jahr besonders ereignisreich. Zunächst zogen die Veranstalter den Mottowagen zum Thema Meinungsfreiheit mit einem Charlie-Hebdo-Motiv zurück, da sie die “Freiheit und leichte Art des Karnevals” nicht einschränken wollten. Jedoch überraschten sie am Rosenmontag die Zuschauer mit einem Mottowagen mit Charlie-Hebdo-Motiv 

Anstelle eines Jecken, der einen Stift in den Pistolenlauf eines Terroristen steckt, zeigt der Mottowagen nun einen Clown der einen Stift gießt. Dieser wächst wie eine Pflanze aus dem Boden und zeigt den Schriftzug “Narrenfreiheit”. Zu Füßen des Clowns liegt der Kopf eines Terroristen. 

Im Januar begründete das Festkomitee des Kölner Karnevals seine Entscheidung wie folgt: 

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht. Aus diesem Grund haben wir heute entschieden, den Bau des geplanten Charlie-Hebdo-Wagens zu stoppen und den Wagen nicht im Kölner Rosenmontagszug mitfahren zu lassen.

Über den Entwurf wurde im Vorfeld auf Facebook abgestimmt, mit mehr als 2.400 Stimmen für das Gewinnermotiv. In den Medien wurde danach viel über die Sicherheitslage des Kölner Karnevals diskutiert, den jährlich Hunderttausende besuchen. Laut dem Festkomitee wurde trotz der unbedenklichen Sicherheitslage über Sondereinsatzkommandos und Scharfschützen am Zugweg spekuliert. Auf der Facebookseite des Kölner Karnevals kommentierten die Organisatoren des Zuges die Entscheidung:

Uns ist klar, dass nicht jeder mit dieser Erklärung einverstanden sein wird. Trotzdem hoffen wir, dass viele von euch unsere Beweggründe zumindest respektieren und den Rosenmontagszug dennoch genießen werden. Die Entwürfe, die wir euch heute vorab vorstellen, geben einen kleinen Ausblick darauf, dass wir auch in diesem Jahr politische und gesellschaftskritische Themen ansprechen. Dass wir uns dabei selbst von der Kritik nicht ausnehmen, zeigt euch hoffentlich der Wagenentwurf „Scheißjob” …

Kritische Reflexion des Festkomitees des Kölner Karnevals: Ihr Gegenentwurd "Scheißjob" zum ausgeschiedenen Charlie Hebdo Wagen. via Facebook Seite des Kölner Karnevas

Kritische Reflexion des Festkomitees des Kölner Karnevals: Ihr Gegenentwurf “Scheißjob” zum ausgeschiedenen Charlie-Hebdo-Wagen. via Facebookseite des Kölner Karnevals

Viele Menschen reagierten enttäuscht auf den Rückzug des Charlie-Hebdo-Wagens, sie hätten sich mehr Mut von den Organisatoren des Umzuges erwartet.
Twitter Nutzer Tom versucht die Enttäuschung der Kölner in diesem Bild auszudrücken:

Auch der Düsseldorfer Rosenmontagszug brachte einen Charlie-Hebdo-Wagen mit dem Titel “Satire kann man nicht töten”:

Die Karnevalstage sind traditionell Zeit für Satire

Die Fastnachtstage haben einen christlichen Ursprung und läuten traditionell den Beginn der sechswöchigen Fastenzeit ein. Ursprünglich wurde in ganz Deutschland gefeiert, jedoch schwächten die Feierlichkeiten in den protestantischen Regionen Deutschlands nach der Reformation stark ab. Heute werden die Feiertage vor allem in den katholischen Regionen Süddeutschlands und am Niederrhein begangen. Bekannte Karnevalshochburgen sind vor allem Köln, Düsseldorf, Mainz und Rottweil. In den traditionell protestantischen Städten Berlin und Hamburg bekommt man hingegen gar nichts von den Feierlichkeiten zu spüren. Das Satiremagazin “Der Postillon” spottet sogar, Karnevalsflüchtlingen aus den Hochburgen in Norddeutschland Asyl zu gewähren.

Der norddeutsche Radiosender N-JOY über Karneval im Norden Deutschlands:

Hingegen startet der Karneval in der Hochburg Köln:

Die wichtigsten Tage im deutschen Karneval sind Weiberfastnacht am Donnerstag und Rosenmontag am Montag vor Faschingsdienstag. Weiberfastnacht ist traditionell der Tag, an dem Karneval am meisten gefeiert wird: privat, in der Schule, auf der Arbeit, in öffentlichen Institutionen und auf den Straßen, Kneipen und Clubs. Am wichtigsten ist aber, dass der Alltag einmal komplett auf den Kopf gestellt wird. In den Hochburgen des Karnevals herrscht Kostümpflicht in jeder Altersgruppe. Rosenmontag ist der eigentliche Höhepunkt der Feierlichkeiten und der Tag, an dem die großen Karnevalsumzüge veranstaltet werden. 

Ein essenzieller Bestandteil des deutschen Karnevals ist die Satire, bei der politische und gesellschaftliche Ereignisse aufgearbeitet werden. Keiner wird dabei verschont, vor allem Politiker stehen im Mittelpunkt des bissigen Spottes der Mottowagen auf den Karnevalsumzügen. Ein paar der gelungensten Exemplare der letzten Jahre können Sie hier bewundern:

Putins Pressefreiheit. Wagen des Düsseldorfer Rosenmontagszuges 2009. Bild von Twitter Nutzer Paola Farrera. CC BY-NC-ND 2.0

Putins Pressefreifreiheit. Karnevalswagen beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf, 2009. Foto von der Twitternutzerin Paola Farrera. CC BY-NC-ND 2.0

Obama und Snowden, Düsseldorfer Karneval 2014:

Frankreichs und Deutschlands Wirtschaft, repräsentiert durch Präsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel, Düsseldorfer Karneval 2014:

Vladimir Putin 2014:

Trotz der bissigen Satire gilt für viele Deutsche der Karneval als verstaubt, autoritär und paternalistisch. Viele Karnevalsvereine sind von Männern dominiert, Frauen sind oft nicht vielmehr als Tänzerinnen mit kurzen Röcken und Dauergrinsen. Ein Beispiel einer Karnevalsveranstaltung, die die etablierten Traditionen herausfordert, ist die Kölner Stunksitzung. Stunksitzungen, sind kritisch-satirische, linksorientierte Comedysendungen, mit Sketchen und musikalischen Beiträgen. Die Kölner Stunksitzung will sich klar von dem traditionellen Karneval abgrenzen, der von Blasmusik, traditionellen Uniformen und Hierarchen geprägt ist. 

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